NZZ Folio 07/92 - Thema: Sport und Geld   Inhaltsverzeichnis

Wer und wer? -- Schwergewichte

Von Werner Morlang

Diesen Dialog führen zwei Figuren aus verschiedenen literarischen Werken. Wer sind sie?

Auf einer Bank im Freien räkelt sich mit seufzendem Gähnen A, ein etwa 32jähriger Mann von träumerischem, ja weichlichem Aussehen; wie ein Schlafrock hängt ihm sein zerknitterter Frack an. Drinnen, im unweit der russischen Hauptstadt gelegenen Landhaus, nimmt eine Soirée ihren üblichen Leerlauf, dem B eben entweicht. An Gemeinsamkeiten fehlt es den Herren «beileibe» nicht, zumal auch B über eine staatliche Körperfülle verfügt, beide adliger Herkunft sein mögen und nur um ein Jahr getrennt in die Öffentlichkeit traten, wobei B fast doppelt so alt ist wie A. Ist nun A mit seiner Korpulenz zur sanftmütigen Trägheit entschlossen, die ihm einen sprichwörtlichen Ruf eintragen sollte, verstehen sich Bs napoleonische Gesichtszüge auf eine infame Mischung aus Tücke und Jovialität. Aus unerfindlichen Gründen hat es B aus dem viktorianischen England hieher verschlagen. Ungeachtet seiner finsteren Anlagen darf er als ein Original bezeichnet werden, das seinem Schöpfer wohl anstand, der nicht umsonst mit einem für skurrile Menschendarstellung weltberühmten Kollegen gut befreundet war.

 A:(murmelt versonnen) Die Welt, die Gesellschaft? Das alles sind tote, schlafende Menschen, die noch schlimmer sind als ich. Was leitet sie durchs Leben? Sie bleiben nicht liegen und rennen den ganzen Tag wie Fliegen hin und her, und was kommt dabei heraus?  

B:(tritt hinterrücks grusslos heran und lässt in volltönendem Bass verlauten) Es ist wirklich wundersam, wie leicht die menschliche Gesellschaft es versteht, sich auch über die schlimmsten ihrer Unzulänglichkeiten mit ein paar Gemeinplätzchen hinwegzutrösten. Sie hat, zum Beispiel, für die Aufdeckung von Verbrechen eine Maschinerie eingerichtet, die aufs jämmerlichste unzulänglich ist ?  

A:(fährt erschreckt zusammen und proponiert dann in aller Treuherzigkeit) Wenn sie zusammenkommen, betrinken sie sich und raufen wie Wilde miteinander. Sind denn das lebendige, empfängliche Menschen? Die reinste Parforcejagd!  

B: (verärgert über die unliebsame Unterbrechung) Worum geht es letztlich? Um einen Geschicklichkeitswettbewerb zwischen der Polizei auf der einen und dem Individuum auf der andern Seite. Wenn der Verbrecher ein brutaler Tölpel ist, wird die Polizei gewinnen. Ist er dagegen ein entschlossener, gebildeter, hochintelligenter Mann, verliert in 9 von 10 Fällen die Polizei.  

A:(mit schaudernder Abwehr) Wie stolz Sie räsonieren, wie kalt Sie alles anblicken! ? Niemand hat einen ruhigen, klaren Blick, alle stecken sich gegenseitig mit irgendeiner quälenden Sorge, mit Traurigkeit an und suchen krankhaft nach etwas. Und wenn es noch das Wahre und Gute für sich und andere wäre . . .  

B:(ruppig) Mein teurer Herr, das sind bewundernswerte Sprüche, und ich erinnere mich, dass ich sie schon in Schönschreibheften als Vorlage gesehen habe. (Aus seiner Westentasche reckt sich ein weisses Schnäuzchen, das mit einem sanften Nasenstüber zurechtgewiesen wird.) Ach ja, ich bin ein schlechter Mensch. Ich spreche aus, was andere Leute höchstens denken.

Beide Herren trennen sich kopfschüttelnd voneinander. A begibt sich bald einmal für immer aufs Land und dämmert in phlegmatischer Behaglichkeit einem Herzschlag entgegen. Bs weitere Lebensspuren verlieren sich im dunkeln, bis er eines Tages, angeblich von einer italienischen Bruderschaft ermordet, in Paris aus der Seine gezogen wird.

Auflösung Rätsel Folio Nr. 7: A ist die Titelfigur aus Ivan Alexandrowitsch Gontscharows Roman «Oblomov» (1859); B ist der Conte Fosco aus Wilkie Collins' viktorianischem Kriminalroman «Die Frau in Weiss» (1860).


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