NZZ Folio 07/93 - Thema: Woodstock   Inhaltsverzeichnis

Ein Freiheitsschimmer

Die Spuren der politischen Utopie in Amerika.

Von Alexander Cockburn

ICH LEBE IN EINER ziemlich abgelegenen Gegend Nordkaliforniens, die als «Lost Coast» bekannt und deren Zentrum das kleine, acht Kilometer landeinwärts von Cape Mendocino gelegene Dorf Petrolia ist. Dieses Kap ist auf der Landkarte der Teil der Küste, der am weitesten in nordwestlicher Richtung in den Pazifik ragt. San Francisco liegt rund vierhundert Kilometer und mindestens fünf Autostunden weiter südlich.

In dieser Gegend begannen sich in den späten sechziger und den frühen siebziger Jahren Hippies und andere Vertreter der Gegenkultur im Zuge der «Zurück aufs Land»- Bewegung anzusiedeln. Einer meiner Nachbarn ist ein ehemaliges Mitglied der San Francisco Mime Troupe. Er hatte auch zu den «Diggers» gehört, einer anarchistischen Gruppierung, die Privateigentum verachtete und die Armen mit kostenloser Nahrung versorgte.

Als die ersten dieser Umsiedler eintrafen, die oft langhaarig waren und, gemessen an den damaligen Normen, ausgesprochen abwegig aussahen, wurden sie von den ansässigen Ranchern mit Misstrauen, ja mit Feindseligkeit betrachtet. Es gab kaum Gemeinsamkeiten. Die Hippies fanden, die Rancher hätten nichts als Vorurteile, einen engen Horizont und eine letztlich ausbeuterische Einstellung gegenüber dem Land und seinen begrenzten Ressourcen. Für die Rancher waren die Hippies schmutzig, verschwenderisch und verkommen vor lauter Marihuana und Sex.

Mittlerweile sind die Hippies ein Vierteljahrhundert älter geworden, und manche von ihnen sehen aus wie Rancher. Umgekehrt sehen manche Söhne der alten Rancher aus den Siebzigern heute wie Hippies aus. Es gibt im Ort einen Bürgerrat, bestehend aus Vertretern beider Seiten, in dem Dinge von gemeinsamem Interesse, auch wenn man sich alles andere als einig ist, auf relativ zivilisierte Weise diskutiert werden. Diskutiert wird etwa die Erschöpfung der Ressourcen: Wie infolge der früheren Abholzpraxis die Berghänge erodiert sind, der eine Fluss der Gegend, der Mattole, verschlammt und die schützende Ufervegetation, die für Fische so wichtig ist, zerstört worden ist, weshalb der Königslachs heute praktisch ausgestorben ist. Sie sprechen über Ökosysteme und «Bioregionalismus», mit anderen Worten: sie sprechen über Politik im grundlegendsten Sinne.

Ich möchte bei der Beschreibung dieser Verhandlungen nicht zu rosig oder sentimental werden. Ich will nur sagen, dass man bei allen Differenzen in machen Dingen einer Meinung ist: dass die Ressourcen sich nicht endlos von selbst erneuern, dass angesichts der Eigentumsrechte einzelner gemeinsame Interessen nicht einfach bedeutungslos werden.

Ohne die Geschichte zu strapazieren oder leichtfertig mit einem Begriff zu hantieren, lässt sich sagen, dass das, was in den späten sechziger Jahren in dieses abgelegene Mattole-Tal in Nordkalifornien drang und die emotionale, gesellschaftliche und «natürliche» Landschaft veränderte, die Woodstock-Kultur war. Und solche weitgehend wohltuende Invasionen gab es zu Hunderten in den ganzen USA.

Der einzige, nach eigener Aussage unabhängige Sozialist im Kongress der Vereinigten Staaten ist Bernie Sanders aus Vermont, einem nordöstlichen Staat, dessen Bevölkerung grossenteils ländlich war, als in den späten Sechzigern die «Zurück aufs Land»-Bewegung von Hippies und Kommunarden ihren Anfang nahm. Die Neuankömmlinge veränderten allmählich die dünn besiedelte politische Landschaft Vermonts; in der grössten Stadt, Burlington, formierte sich eine progressive Allianz, die schliesslich der Vormachtstellung der beiden traditionellen Parteien ein Ende und Sanders, einen aus New York stammenden Sozialisten, zum Bürgermeister machte.

Vom Bürgermeister von Burlington brachte es Sanders dann zu Vermonts einzigem Kongressabgeordneten im Repräsentantenhaus. Wahrscheinlich wird er dereinst als Gouverneur nach Vermont zurückkehren und dort ein staatliches Krankenversicherungssystem einführen, das sich dann im Lauf des frühen 21. Jahrhunderts landesweit so durchsetzen wird, wie damals in den dreissiger Jahren die Sozialversicherung es tat.

Auch dieser Bogenschlag politischer Entwicklung in Vermont lässt sich als Ausfluss der Woodstock-Kultur begreifen.

Die rund 450 000 jungen Leute, die am 15. August 1969 nach Whitelake, Town of Bethel, im nördlichen Teil des Staates New York strömten und sich auf dem Land des Farmers Max Yasgur versammelten, waren nicht etwa lauter «Zurück aufs Land»-Leute, Bioregionalisten oder zukünftige Bürgermeister. Die meisten waren in den vierziger Jahren geboren worden; da gab es Studenten, Aussteiger: manche waren bei den Bürgerrechtskämpfen im Süden dabeigewesen, andere waren bereits Veteranen der Antikriegsbewegung; und viele - wahrscheinlich die meisten - waren völlig apolitisch.

Woodstock ereignete sich gegen Ende des politisch kreativsten Jahrzehnts der amerikanischen Nachkriegsgeschichte. Die Zusammenbrüche und die Paranoia der frühen siebziger Jahre waren zwar nicht mehr weit. Doch Woodstock war der Moment der Utopie. Das war Woodstocks wirkliche Bedeutung. Woodstock erweiterte die Vorstellungen der Leute von dem, was möglich war. Wer dort dabei war, spricht von dem wundervollen Gefühl, sich als einer bestimmten Generation zugehörig zu erleben, die hier zu sich selber fand, vom Gefühl eines kollektiven Bewusstseins, eines Wissens, das man mit anderen teilte.

Das Gelddenken blieb auf der Autobahn zurück. Sexuelle Einschränkungen gab es sowenig wie Sanktionen gegen Drogenkonsum. Insofern war Woodstock eine wichtige Metapher für den Angriff der Sechziger auf die Zivilisation und die herrschende Unzufriedenheit. Es war, wenn man so will, ein einmaliger postfreudianischer, utopischer, paradiesischer Moment. Wie es damals in Joni Mitchells Song «Woodstock» hiess: «We are stardust / We are golden / And we've got to get ourselves back to the garden.» (Wir sind Sternenstaub / Wir sind golden / Und wir müssen in den Garten zurückfinden.)

Weniger freundlich ausgedrückt: Die Kids in Woodstock, in der Mehrzahl weisse Vorstadtkinder aus der unteren Mittelschicht, hatten bereits festgestellt, dass das Reich und die sicheren Jobs, die sie einmal erben sollten, mit einer Menge Zwänge verbunden waren. Während der drei Festivaltage schauten sie in eine Welt, die wesentlich anders war als jene, in der zu leben verdammt sie sich fühlten.

Utopia hielt nicht lange vor. Knapp vier Monate nach Woodstock war das Rolling-Stones-Konzert auf der Rennbahn von Altamont, achtzig Kilometer von San Francisco, bei dem die als Ordnungshüter angestellten Hell's Angels einen durchgedrehten, mit Drogen verladenen Konzertbesucher umbrachten. Zehn Jahre nach Woodstock fanden sich viele dieser Leute dann in der Kokserszene, waren gescheitert oder hatten ihre Ideale verraten. Viele von ihnen waren oder sind noch «auf dem Weg der Besserung», wie die langwierige psychische Rekonvaleszenz umschrieben wird.

Und doch war Woodstock nicht einfach ein Strohfeuer. Spuren von Woodstock - tiefe historische Einschnitte - sind in unserer Zeit überall zu finden. Auch bei Präsident Bill Clinton ist der Geist von Woodstock spürbar: Auch er war ein Kriegsgegner, rauchte Hasch (freilich ohne zu inhalieren), toleriert vielfältige Spielarten der Sexualität und achtet auf die Gleichberechtigung der Geschlechter. Betrachtet man Clinton und das Gros der Amerikanern um die fünfzig, kann man erkennen, dass Woodstock Symbol und Inkarnation einer Umwälzung, eines grundlegenden Wandels gesellschaftlicher Werte war, die eine ganze Generation geprägt haben.

Die Hippies in Woodstock mit ihren Hermann-Hesse-Büchern und ihrer Hinwendung zur buddhistischen Spiritualität waren die Speerspitze eines Angriffs auf die Prämissen jenes jüdisch-christlichen Gottes, der Adam befohlen hatte, sich die Erde untertan zu machen und ihre Ressourcen auszubeuten. Die «Zurück aufs Land»-Leute, die nach Woodstock Kommunen bildeten und um die Fragen von Dominanz und um Spielarten der Sexualität harte Kämpfe ausfochten, sehen heute, wie ihre einstigen Bemühungen in kommerziellen Fernseh-Unterhaltungsserien der Erheiterung des Publikums dienen: Zu den Hauptfiguren der beliebtesten Soap-opera gehört gar eine Lesbe.

Vor dem Hintergrund von Woodstock muss auch der kurz nach seinem Amtsantritt erfolgte (und gescheiterte) Versuch von Präsident Clinton gesehen werden, die Homosexualität innerhalb der US-Streitkräfte zu legalisieren; und dass es ihm gelang, die lesbische Stadträtin aus San Francisco, Roberta Achtenberg, als Bundesbeamtin ins Departement of Housing and Urban Development, das für Wohnungs- und Städtebau zuständige Ministerium, zu bringen.

Natürlich hat die Woodstock-Generation nicht allem, was sie auf den Tisch gebracht hat, zu einem erfolgreichen Ende verholfen: So gab es keine echten politischen Reformen, die den kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen entsprochen hätten. Bernie Sanders ist der einzige Sozialist im Kongress der Vereinigten Staaten geblieben. Und Clinton hat schon in der ersten Phase seiner Präsidentschaft so viele Fehler gemacht, dass sein Programm alle linksliberalen Züge verloren hat. Aber Woodstock war ja auch eher eine Ahnung von Freiheit, als dass es der Auftakt eines politischen Programms zur Machtübernahme gewesen wäre.

Um ein letztes Mal auf das Mattole-Tal in Humboldt County zurückzukommen, wo ich wohne: Vor kurzem veranstalteten die Zugewanderten der späten sechziger Jahre und ihre Kinder im Gemeindezentrum einen der regelmässigen Variété-Abende. Eine Familie spielte recht schön eine Szene aus Molières «Précieuses ridicules». Eine Frau sang ihre Version des durch Janis Joplin berühmt gewordenen Liedes «Me and Bobby McGee» mit den bitteren Zeilen: «Freedom's just another word for nothing left to lose / Nothin' ain't worth nothin', but it's free.» (Freiheit ist nur ein anderes Wort für «Nichts mehr zu verlieren haben» / Nichts ist nichts wert, doch es kostet auch nichts.)

Das zeigt, was Woodstock wirklich war: ein Schimmer von Freiheit, ein Lichtblick. Doch die Kehrseite davon ist ein Narzissmus, der die sechziger Jahre überdauert und die Jahrzehnte der Reaktion, die auf jene Zeit der Hoffnung folgten, nachhaltig geprägt hat.

Alexander Cockburn, geboren 1941, schreibt für amerikanische Zeitungen und Zeitschriften und ist unter anderem Kolumnist von «The Nation».


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