Palermo im Juni, eine Woche vor den Regionalwahlen 1991. Die Stadt lebt ihren trägen und zugleich hektischen Alltag. Die Kontraste haben sich in den letzten Jahren verschärft, und doch können sie leicht übersehen werden, so getrennt führen die einzelnen Teile der Stadt ihr Eigenleben. Im Geschäftsviertel um die Via Ruggero Settimo wird opulenter Reichtum zur Schau gestellt; hier unterscheidet sich Palermo kaum von irgendeiner europäischen Stadt. In den Strassencafés tummeln sich bis spät nachts zumeist ganz junge Leute. Dagegen wirkt in der Altstadt ein malerisches Speiselokal im Innenhof eines Palazzo nachts wie eine heitere Oase in gespenstisch leerer Dunkelheit: Ringsum sind die Gassen verlassen, das Quartier scheint ausgestorben. Wer sich tagsüber durch die engen Strassen des Marktquartiers Vucciria zwängt, zwischen laut und bunt bevölkerten Gemüse- und Fischständen, braucht nur in eine Nebenstrasse zu treten, um Ruinen zu begegnen: Auf dem winzigen Platz der Santa Sofia stehen gegenüber einem renovierten bewohnten Haus drei Geisterhäuser; wo früher einmal die Fenster waren, gähnen Löcher, und aus dem vermoderten Stein schiessen Pflanzen hoch.
Risanamento del centro storico: Die geplante Sanierung der Altstadt steht seit Jahrzehnten auf dem Programm. Die Gesetze und das nötige Geld dazu sind vorhanden. Aber die Durchführung wird immer weiter verzögert. Das gehortete Geld wirft Zinsen ab: In Sizilien wandern nach übereinstimmenden Aussagen aller Gesprächspartner rund 30 Prozent der für Bauvorhaben bestimmten staatlichen Mittel in die Taschen von Politikern und mafiosen Mittelsmännern. Dagegen ist kaum anzukommen. In der Amtszeit des früheren christdemokratischen Bürgermeisters Leoluca Orlando war ein genereller und detaillierter Wirtschaftsplan erarbeitet worden, den seine Nachfolger jedoch in der Schublade verschwinden liessen. Während der zehn Monate, in denen die Kommunistische Partei (heute abgelöst durch den Partito democratico di sinistra - PDS) an der Stadtregierung direkt beteiligt war, wurden in Palermo zwölf Kinderkrippen eröffnet. Vorher hatte es nur eine städtische Krippe gegeben. Die anderen waren zwar eingerichtet, doch blieben sie geschlossen. An diesem Beispiel zeigt sich, worin sich eine Stadt in Sizilien wie Palermo von einer Stadt in sogenannt unterentwickelten Ländern unterscheidet: Das öffentliche Geld steht zur Verfügung, aber es wird zurückbehalten. Die Auswirkungen sind verheerend: Ganze Quartiere an der Peripherie der Stadt, wie das berüchtigte ZEN (Zona Estensione Nord), bestehen einzig aus Wohnsilos, jegliche soziale Infrastruktur, die ein zivilisiertes Zusammenleben ermöglichen würde, fehlt. Diese Quartiere sind heute die Reservoirs der Jugendkriminalität. Hier lernen bereits fünfjährige Kinder zu stehlen und mit Drogen zu handeln.
Welche Hoffnungen setzen die Palermitaner da noch in ihre Politiker und Parteien? Der Reformpolitiker Leoluca Orlando und seine Bewegung rete schnitten als Oppositionsgruppierung bei den sizilianischen Regionalwahlen wider Erwarten gut ab, obwohl die an der Macht stehenden Parteien ihren Einfluss konsolidieren konnten. Der PDS verlor Stimmen, und die Fraktionen der Antimafia-Bewegung sind so zersplittert und gespalten wie noch selten. Giuseppina La Torre, die Witwe des 1981 von der Mafia ermordeten KPI-Politikers Pio La Torre, wurde als Kandidatin des PDS ins Regionalparlament gewählt. Pio La Torre hatte seinerzeit das Gesetz angeregt, auf Grund dessen Bankeinlagen ab 20 Millionen Lire auf ihre Herkunft hin überprüft werden können. Ihm lag an der Aufdeckung der Beziehungen zwischen der Mafia, dem Grosskapital ungewisser Herkunft und der illegalen Freimaurerloge P2. Der Bankier Michele Sindona soll bei seiner vorgetäuschten Entführung den Logenchef Licio Gelli in Sizilien getroffen haben. Dies war denn auch die Spur, auf die Giuseppina La Torre und ihre Rechtsanwälte die Untersuchungsrichter des inzwischen aufgelösten Antimafia-Pools zur Untersuchung dieses politischen Mordes hingewiesen hatten. Heute erhebt Giuseppina La Torre den Vorwurf, dass die Mafiaverstrickung in Sizilien nicht bis auf die politische Ebene untersucht worden sei. «Nicht bei der cupola, dem Führungsgremium der Mafiabosse, hätte angesetzt werden sollen, sondern bei den Lobbies von Politik und Wirtschaft. So wurde die Stellung der Untersuchungsrichter immer schwächer, sowohl gegenüber der öffentlichen Meinung, die sehr grosse Erwartungen gehegt hatte, als auch uns gegenüber, den Angehörigen der Opfer. Daher die Enttäuschung.»
Anfang der achtziger Jahre erhielt das Engagement der Frauen im Comitato delle donne contro la mafia durch die Trauer und den Zorn von Witwen und Müttern ermordeter Richter, Polizisten und Politiker einen starken Auftrieb. Die Enttäuschung nach dem Maxiprozess - die meisten Verurteilten sind heute wieder auf freiem Fuss - habe diese Bewegung ebenso gelähmt wie die der Jugendlichen gegen die Mafia, meint Giuseppa La Torre. Heute sieht sie allerdings neue Signale dafür, dass sich weite Teile der sizilianischen Gesellschaft die Plünderung ihrer Insel und die Entwürdigung, die das mafios-politische System bewirkt, nicht mehr gefallen lassen wollen.
Palermo im Sommer, Sichtbar ist eine Stadt der Widersprüche. Wenn man den Menschen zuhört, gibt es viele verbitterte Stimmen. «Ich bin Realist, als Pessimist», erklärt ein Journalist. Ein junger Architekt erzählt, dass er zwanzig Prozent seines Lohnes dem padrino abgeben müsse, wenn er dessen Vermittlung für einen städtischen Auftrag akzeptiert. Es gibt auch die optimistischen Realisten. Rechtsanwalt Giuseppe Viola, Präsident des Verbandes der sizilianischen Industriellen, sieht heute vielversprechende Ansätze, kleine und mittlere Unternehmen an der Mafia vorbei zu fördern; darunter Unternehmen mit hohem technologischem und professionellem Niveau, die von den Universitäten und Forschungszentren unterstützt werden. Allerdings geht er mit dem Leiter der Handelskammer von Palermo, Salvatore Camillo, einig, dass viele Probleme noch ungelöst sind: die hohen Kosten beim Transport der Waren - nur 10 Prozent des sizilianischen Konsums werden aus lokaler Produktion gedeckt; das schlecht ausgebaute Eisenbahnnetz; die mangelnde Ausschöpfung der regionalen Ressourcen; die Jugendarbeitslosigkeit, die bei über 20 Prozent liegt; dazu gibt es eine neue Gruppe von Emigranten, die der cervelli, der hochqualifizierten Studienabgänger.
Schliesslich die Menschen, deren Analyse hart und kritisch ausfällt und die kein anders Mittel als die Auflehnung sehen. Sie sind es, die heute neue Formen des Kampfes gegen die Mafia erfinden. Libero Grassi, der Besitzer einer Fabrik für Herrenwäsche mit etwa hundert Angestellten, drückt es so aus: «Wer sich einschüchtern lässt, gibt sein geheimes Einverständnis.» Er hat eine höchst ungewöhnliche und neue Art des Protestes gewählt. Er hat sich nicht nur geweigert, den pizzo zu bezahlen, sondern hat gleichzeitig bei den Carabinieri Anzeige gegen den Erpresser erhoben und dies mit einem Brief an eine Zeitung publik gemacht. «Ich habe diesen Weg gewählt, um die omertà, das Gesetz des Schweigens, zu brechen, das zum Ehrenkodex der Mafia gehört.» Heute ist Libero Grassis Fabrik ständig von Polizisten beschützt. Oft genug werden Attentate gegen jene verübt, die zahlungsunwillig sind. Er selbst habe jedoch keinen besonderen Schutz. Und nicht der Verband der Industriellen, dessen Mitglied er ist, habe ihn unterstützt, sondern die Confcommercio, der gewerkschaftsnahe Verband des Verkaufs und Handels.
Die Confcommercio hat 1991 ein Weissbuch über das System und den Umfang des Rackets, der Schutzgelderpressung, herausgegeben. Sie hat zugleich in Palermo eine Telefonnummer unter dem Namen SOS Commercio eingerichtet, das Anti-Racket-Telefon. «Das Telefon unserer Rechte», wie es der junge Constantino Garraffa nennt, der Verantwortliche dieser Selbsthilfeorganisation in der Provinz Palermo, wo sie rund 5000 Mitglieder zählt. Das SOS-Telefon bietet Gelegenheit, Erpressungen aller Art anonym anzuzeigen - was nicht die Arbeit der Ordnungskräfte ersetzen soll, sondern öffentliche Anklage und Protest ist. Garraffa beschreibt das heutige Racket als modernes System, das Abhängigkeit schafft, weil es auch qualifizierte Dienstleistungen bietet - wie Beratung bei Ein- und Verkauf -, nicht nur parasitär abschöpft. Die Grenze zwischen Legalität und Illegalität ist verschwommen. Die über 200 Anrufe Betroffener und die grosse Demonstration im Mai, bei der die meisten Läden in der Altstadt geschlossen blieben, dürfen als Signal eines Aufbruchs gelten: Möglicherweise sind sich heute mehr Leute bewusst, dass sich jeder einzelne wehren muss.
Vor zwanzig Jahren hat Elvira Sellerio mit Hilfe von Leonardo Sciascia ihre verlegerische Tätigkeit aufgenommen, die heute in ganz Italien grosses Renommé geniesst; sie erinnert an die Anfangsschwierigkeiten: «In Palermo ist es für kleinere Unternehmer fast unmöglich, ohne Vermögen etwas aufzubauen. Bankkredite sind nicht vorgesehen, und auch auf politischer und administrativer Ebene gibt es kaum Unterstützung. Diese strukturellen Mängel fördern mafiose Abhängigkeiten.» Darüber berichten die Medien ihrer Meinung nach viel zu wenig. Selbst ungeheure Greuel erscheinen als Normalität, weil es eine Gewöhnung an die Berichte über Tote gibt. Wenn Elvira Sellerio über Sizilien spricht, braucht sie das Wort paese, einen Begriff, der zugleich Land und Dorf bedeutet. Im Land, im Dorf, in der sizilianischen Identität und Mentalität müssten die Veränderungen ansetzen. «Jeder muss sich klar werden, dass das Wohl der andern sein eigenes bedeuten kann. Die alte Angst vor der Bedrohung hat zum Motto geführt: -Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten.? Die Menschen sind sich nicht bewusst, dass die Arbeit jedes einzelnen wichtig ist, um den Teufelskreis zu durchbrechen, in dem Sizilien und die Mafia gefangen sind. Der Sinn für die Stadt und für den Staat fehlt. Der Gemeinschaftssinn hört beim eigenen Haus auf.»
Doch die sicilianità hat auch ihre für Fremde faszinierende Seiten. Der Sinn für das «Haus» und die «Familie» schliesst unvergleichliche Gastfreundschaft und Grosszügigkeit all jenen gegenüber ein, die mit dieser kleinen Zelle der Gemeinschaft in Berührung kommen. Hier ist man einander gegenüber loyal, hier ist man geborgen. Die Familie als Verwandtschaft und als Freundeskreis bietet die Sicherheit, die man von der Gesellschaft nicht erwartet. Für sie wird kein Aufwand gescheut, Geld spielt keine Rolle. Spagnolismo wird das auch genannt, eine Hinterlassenschaft der Spanier, die Sizilien jahrhundertelang dominierten; ein Verhalten, das vor allem in seiner sozialpolitischen Variante die unauflösliche Verbindung mit dem Clan meint - eine Eigenschaft, die Sizilianer quer durch alle Klassen und Gesellschaftsschichten verbindet.
Katharina Bürgi lebt als Journalistin und Übersetzerin in Zürich und Palermo.