NZZ Folio 07/00 - Thema: Mann und Frau   Inhaltsverzeichnis

Zahlen bitte -- Die verflixte Quadratur des Kreises

Von Herbert Cerutti

IM JAHR 1775 hatte die Königliche Akademie der Wissenschaften zu Paris genug und beschloss, keine Lösungen des Problems der Quadratur des Kreises mehr zu überprüfen. Denn die Menschenfreundlichkeit gebiete es, dem für viele Familien verhängnisvoll gewordenen Wahnsinn der Kreisquadrierer ein Ende zu setzen.

Was der Akademie zu schaffen machte, waren Scheinlösungen für eine jahrtausendalte Knacknuss: Auf einem Papyrus aus 1650 vor unserer Zeitrechnung zeigt ein ägyptischer Geometer, wie man zu einem Kreis ein Quadrat mit fast der gleichen Fläche finden könne, indem man die Strecke des Kreisdurchmessers um einen Neuntel verkürzt und darüber ein Quadrat errichtet. Die Lösung ist gut, aber nicht genau, denn das Quadrat ist ein bisschen zu gross.

So packte das Problem der Quadratur des Kreises im alten Griechenland die Elite der mathematischen Tüftler. Alle suchten nach Wegen, allein mit Zirkel und Lineal einen Kreis in ein gleich grosses Quadrat zu überführen. Aber so ausgefallen die Konstruktionsvorschläge auch waren - es blieb bei Annäherungen. Irgendwie entzog sich den Geometern das genaue Verhältnis von Kreis- und Quadratfläche, das wir mit der Zahl Pi ausdrücken: Das Quadrat über dem Kreisradius mal Pi entspricht der Kreisfläche.

Archimedes konstruierte aussen und innen am Kreis Vielecke, die mit steigender Eckenzahl immer kreisähnlicher werden. So kam er zum erstaunlich guten Resultat, dass Pi zwischen 3,1408 und 3,1429 liegen müsse. 1914 trieb der Inder Ramanujan die konstruktive Annäherung an Pi auf die Spitze und näherte sich der Zahl bis auf die neunte Stelle hinter dem Komma - was bei der Quadratur eines Kreises mit einem Durchmesser von 10 000 Kilometern bei der Quadratseite noch eine Ungenauigkeit von einem Zentimeter verursacht.

Während die Gescheiten aller Epochen wussten, dass ihre Quadrierungen immer nur Annäherungen blieben, grassierte im 18. Jahrhundert unter Amateuren eine krankhafte Suche nach der perfekten Lösung. Doch der morbus cyclometricus brachte nichts als eine Unmenge falscher Beweise hervor. 1882 war der Spuk vorbei: Ferdinand von Lindemann lieferte den Beweis, dass Pi in der Tat geometrisch unfassbar ist. Pi gehört zu den so genannten transzendenten Zahlen, die sich prinzipiell nicht als Lösung einer algebraischen Gleichung mit ganzzahligen Koeffizienten und damit niemals mit Zirkel und Lineal darstellen lassen.


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