NZZ Folio 09/93 - Thema: Arbeit   Inhaltsverzeichnis

Gegensätze -- Währung weich und hart.

Von Andreas Uhlig

EINE HARTE WÄHRUNG? Welches Land hätte nicht gerne eine? Doch viele müssen sich mit einer weichen begnügen. Eine harte Währung verlangt stete Aufmerksamkeit. Ein Absturz in eine weiche Währung ist rasch geschehen, sozusagen in einem Moment der Unachtsamkeit. Zwar ist eine Rückkehr zur harten Währung nicht unmöglich, doch verlangt das ein hohes Mass an Disziplin, Verzicht und Ausdauer - wie schon viele Regierungen zu ihrem Leidwesen festgestellt haben.

Als hart wird eine Währung bezeichnet, wenn sie im Laufe der Zeit ihren Wert behält. Weich ist eine Währung dagegen, wenn sie an Wert verliert. Beispiele harter Valuten sind der Schweizerfranken, die D-Mark und der Yen, typisch weiche Währungen das Pfund Sterling oder die Lira. Was es heisst, langfristig eine harte oder eine weiche Währung zu haben, macht das Beispiel von Mark und Pfund deutlich. Musste ein Deutscher in den fünfziger und sechziger Jahren noch mehr als 11 DM ausgeben, um 1 £ zu erhalten, kann er sich heute auf rund DM 2.50 beschränken. Umgekehrt hat ein Engländer mehr als die vierfache Menge seiner (weichen) Sterlingwährung für eine gegebene Zahl von D-Mark aufzuwenden als vor drei Jahrzehnten. Hart und weich sind allerdings nicht völlig absolut zu verstehen. Diese Begriffe umschreiben vielmehr relative Zustände. Ein und dieselbe Währung kann gleichzeitig hart und weich sein - je nachdem, an welcher anderen Währung sie gemessen wird. Zum Beispiel verdoppelte die deutsche Währung zwischen Anfang 1981 und Ende 1986 ihren «Pfundwert» nahezu. Doch zeitlich nur leicht verschoben, zwischen 1980 und 1985, verlor sie ungefähr die Hälfte ihres Dollarwertes in einem ausgeprägten Schwächeanfall. Über einen langen Zeitraum gesehen ist die Mark aber auch gegenüber der US-Valuta eine harte Währung: Während Anfang 1970 ein Dollar noch DM 3.70 entsprach, muss heute für einen «Greenback» nicht einmal mehr ein halb so grosser Markbetrag aufgewendet werden. Nicht alle Länder können eine harte Währung haben - das liegt in der relativen Natur der Sache. Härte definiert sich an Weichheit und umgekehrt. Und nur dann lässt sich von harten und weichen Währungen reden, wenn die Wechselkurse flexibel sind, also entweder völlig frei schwanken (im «Floating») oder zumindest einen gewissen Schwankungsbereich aufweisen (wie im europäischen Währungsverbund). Sind Wechselkurse dagegen vollständig fixiert, fällt die Unterscheidung von hart und weich dahin, zumindest in bezug auf den Aussenwert der einzelnen Valuten. Hart wird häufig mit stark, weich mit schwach gleichgesetzt. Eine harte Währung lässt dann auf eine starke Wirtschaft, auf einen starken Staat schliessen und ist folglich wünschenswert. Umgekehrt wird eine schwache Währung mit einem schwachen Staat in Verbindung gebracht. Diese grandiose Vereinfachung hat schon manchen Politiker zu Eiertänzen veranlasst. Besonders berühmt geworden ist der britische Premierminister Harold Wilson, der bei der Abwertung des Pfund Sterling von $ 2.80 auf $ 2.40 im November 1967, die zugleich das endgültige Ende der Sterling-Ära bedeutete, das Volk mit der verbalen Akrobatik zu beruhigen versuchte, dass «das Pfund in der Tasche» seinen Wert ja nicht verringert habe. Und in der europäischen Währungskrise des vergangenen Spätsommers haben europäische Politiker ohne Rücksicht auf die wirtschaftlichen Kosten in einem «monetären Masochismus» versucht, der Schmach einer Abwertung zu entgehen - allerdings zumeist erfolglos. Dabei ist eine schwache Währung nicht notwendigerweise das Ende der Welt. Sie bringt sogar Vorteile. Denn sie reduziert im Ausland die Preise der eigenen Exporte, erhöht gleichzeitig die Preise von Importgütern und verbessert damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Wirtschaft. Ganz folgerichtig reagierten in der europäischen Währungskrise Politiker aus Hartwährungsländern unwillig auf die «kompetitiven Abwertungen» namentlich der Lira, der Peseta und des Pfund Sterling, deren Konkurrenzfähigkeit damit wuchs. In der Tat scheinen Länder wie Grossbritannien einen beträchtlichen Wettbewerbsvorteil errungen zu haben, der in der Frage, ob das Land in der Rezession verharrt oder sich konjunkturell erholt, den Ausschlag geben kann. Allerdings ist eine schwache Valuta mit Kosten verbunden, denn in ihr widerspiegelt sich ein innerer Wertzerfall. Und dieser Wertzerfall - Inflation - ist keine harmlose Angelegenheit. Vor allem trifft die in den sechziger Jahren beliebte Annahme nicht zu, «ein bisschen mehr» Inflation trage zu rascherem Wirtschaftswachstum und höherer Beschäftigung bei. Kurzfristig gesehen sind zwar Wohlstandsgewinne zu erkennen - was Politiker für stimulierende Konjunkturmassnahmen so anfällig macht -, doch auf längere Sicht wird die Verbesserung durch die höhere Inflation zunichte gemacht. Heute wird Inflation deshalb als ein gesellschaftliches Übel ersten Ranges angesehen, und sie zu vermeiden ist ein wirtschaftspolitisches Thema von zentraler Bedeutung. Als Übel gilt Inflation vor allem, weil sie langfristig eine Hürde für kontinuierliches und ungestörtes Wirtschaftswachstum ist und Arbeitsplätze gefährdet. Sie führt zu einer unkontrollierten Umverteilung von Einkommen und Vermögen zwischen Besitzern von Geldwerten und Eignern von Sachwerten, zwischen Gläubigern und Schuldnern, zwischen den Generationen. Und sie wirkt als eine indirekte Steuer, die dem Staat - für die betroffenen Bürger fast unbemerkt - zusätzliche finanzielle Mittel verschafft. Als Grundsatz gilt: Je höher die Inflation, desto weicher die Währung. Umgekehrt ergibt sich: Je stabiler die Preise, desto härter die Währung. Inflation ist kein neues, vielmehr ein ewiges Phänomen. Aber die Phase mit der längsten und verbreitetsten Inflation in Friedenszeiten liegt erstaunlicherweise noch gar nicht weit zurück: Die «Grosse Inflation» zwischen den sechziger und den achtziger Jahren stellt nach Allan Meltzer, Professor der Carnegie-Mellon University, frühere Inflationsphasen, die im Durchschnitt nicht nur weniger heftig, sondern auch kürzer und regional beschränkter waren, in den Schatten. Einzelne Länder haben allerdings noch schlimmere Erfahrungen gemacht. So hatte Deutschland in den zwanziger Jahren mit einer galoppierenden Inflation und unermesslich hohen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Kosten zu kämpfen. In den Achtzigern waren lateinamerikanische Länder mit Hyperinflation konfrontiert. Und heute ist es vor allem Russland, in dem die Preise so rasch steigen, dass sich die Berechnung einer Inflationsrate schon fast erübrigt. Zur Inflationsvermeidung gilt das Rezept: strikte Kontrolle der Menge des Geldes, das in Umlauf ist. Für Geld gilt der gleiche Grundsatz wie für jedes andere Gut - wenn es zuviel davon gibt, verliert es an Wert. Doch die Geldmenge in Übereinstimmung mit der Wirtschaftsentwicklung angemessen zu steuern, ist einfacher gesagt als getan. Da tritt vor allem das Problem der Einmischung durch Politiker auf, die andere Ziele als Geldwertstabilität verfolgen und bereit sind, wirtschaftspolitische Grundsätze über den Haufen zu werfen, wenn sie glauben, dass sie damit die Wählergunst mehren. In einer Reihe von Ländern, namentlich in der Schweiz und in Deutschland, können die Geldhüter ihren Geschäften weitgehend unbeeinflusst von direkter politischer Einmischung nachgehen, was sich recht vorteilhaft auf die Preisentwicklung auswirkt. In anderen Staaten, beispielsweise in Grossbritannien, sind die Notenbanken dagegen mehr oder weniger weisungsgebunden und - nahezu zwangsläufig - weniger erfolgreich in der Inflationsbekämpfung. Für eine erfolgreiche Geldpolitik gibt es kein allgemeingültiges Rezept. Geldpolitik ist vielmehr eine hohe Kunst, die in jedem Land, je nach wirtschaftlichen und politischen Strukturen, anders ausgeübt werden muss. Die Preisentwicklung unterliegt aber noch weiteren Einflüssen. Wenn die öffentlichen Haushalte aus den Fugen geraten, fallen stabilitätspolitische Anstrengungen der Notenbank - wie das Beispiel Deutschland nach der Wiedervereinigung zeigt - auf keinen fruchtbaren Boden. Und wenn die Güter- und Finanzmärkte starr sind und deshalb ihrer Funktion, Angebot und Nachfrage auszugleichen, nur ungenügend nachkommen können (und zwar bei Gütern, Dienstleistungen, Kapital und Arbeit), dann ist die Folge ebenfalls zusätzliche Inflation; Gründe für starre Güter- und Finanzmärkte können Monopole, Kartelle und staatliche Beschränkungen sein.

Wer eine harte Währung wünscht, muss also auf stabile Preise achten, eine strikte Geldpolitik durchführen, den öffentlichen Haushalt in Ordnung halten und die Funktionsfähigkeit der Märkte fördern. Wer dazu aus eigener Kraft nicht fähig ist, kann versuchen, sich an ein erfolgreicheres Partnerland anzulehnen. Doch auf Dauer scheitert diese Ersatzpolitik, wie die Krise des Europäischen Währungssystems in Erinnerung gerufen hat, als jene Länder, die zwar so taten, als hätten sie eine harte Währung, aber nicht die wirtschaftlichen Voraussetzungen aufwiesen, zu Abwertungen gezwungen wurden. Falls es eines Tages wirklich zu einer gemeinsamen europäischen Währung kommen sollte - als Ecu oder Monnet oder gar als Mark -, fällt der Gegensatz zwischen harten und weichen Währungen auf europäischer Ebene dahin. Den internationalen Vergleich wird sich die europäische Währung aber gefallen lassen müssen. Dann wird sich das Holz zeigen, aus dem die europäische Zentralbank geschnitzt ist. Es ist zu vermuten, dass es angesichts der enormen Unterschiede in den nationalen und regionalen Wirtschaftsstrukturen sowie den Inflationserfahrungen noch schwerer als heute fallen wird, eine Politik der stabilen Preise - und damit einer international harten Währung - durchzuführen.


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