ES IST EIN NACHMITTAG wie jeder andere im Zürcher Krankenheim Bombach. Frau M. und Frau H. sitzen schweigend im Korridor ihrer Abteilung im fünften Stock. Ihre Rollstühle sind Seite an Seite in entgegengesetzter Richtung aufgestellt. Die Blicke der beiden alten Frauen gehen ins Leere. An beiden Enden des Korridors flimmert es bläulich aus den kleinen Fernsehzimmern. Stimmen dringen aus dem grossen Aufenthaltsraum, wo an mehreren Tischen alte Menschen sitzen, versunken in ihrer Vereinzelung. Die Stimmen kommen aus dem Radio.
Unbemerkt streicht eine langhaarige braun-beige getigerte Katze an Frau M. und Frau H. vorbei den Korridorwänden und Zimmertüren entlang. «Mögen Sie die beiden Katzen, die auf Ihrer Abteilung leben?» Eine flüchtige Regung erfasst die Gesichtszüge von Frau M.: «Nein.» «Warum nicht?» Nur schwer lässt sich die Frau in ein Gespräch verwickeln. «Sie klettern in unsere Schränke, springen auf die Tische, gehen an die Pflanzen.» Doch dann fügt sie unvermittelt hinzu: «Manchmal muss ich lachen, wenn sie an die Türfalle hochspringen und die Türe aufkriegen.»
180 schwer pflegebedürftige, meist alte Menschen wohnen im Krankenheim Bombach. Der achtstöckige Bau aus den sechziger Jahren liegt in einer idyllischen Parkanlage auf einer Aussichtsterrasse in Zürich Höngg. Die meisten Patienten verbringen hier die letzten Jahre, Monate, Wochen ihres Lebens. Im fünften Stock sind vor sechs Jahren Sissi und Miggi eingezogen, zwei Katzenbabies, die man eigens für das Krankenheim ausgesucht hatte: ruhige, menschenfreundliche Weibchen, die nicht allzu viele Haare lassen.
Die zartgliedrigen, langhaarigen Geschwister haben ihr ungewöhnliches Revier längst erobert. Sie stolzieren von Zimmer zu Zimmer, machen sich auf ihren Lieblingsbetten breit, haben ihr Sonnenplätzchen im speziell gepolsterten Rollstuhl, balgen sich auf dem Spital-Servierboy. Miauend freut sich die getigerte Sissi über jeden menschlichen Annäherungsversuch. Sie ist eine wahre Katzenprinzessin und geniesst ihre allgemeine Beliebtheit, während sich die etwas scheue, dreifarbig gescheckte Miggi im Hintergrund hält.
«Katzen ersetzen Pillen, Hunde ersetzen Spritzen», zitiert der Krankenheimleiter Andreas Götz ein geflügeltes Wort. Wieviel und welche therapeutische Wirkung die Katzengesellschaft auf die Patienten im fünften Stock hat, ist aber bisher nicht untersucht worden. 1991 lockerte Andreas Götz die Haustiervorschriften im Krankenheim und schlug dem Pflegepersonal vor, Katzen oder andere geeignete Kleintiere auf den Abteilungen zu halten. Drei Jahre zuvor hatte der Stadtärztliche Dienst von Zürich bereits dazu aufgerufen, «den Aufenthalt von Haustieren im Krankenheim zu fördern», und allfällige Bedenken hinsichtlich der Hygiene relativiert.
«Für die vielen Langzeitpatienten wird das Krankenheim Bombach zum neuen Zuhause. Haustiere können ihnen helfen, sich hier heimisch zu fühlen», meint der Heimleiter. Das Personal war damals angetan von der Idee. Man stellte sich vor, dass bald im ganzen Haus Katzen herumspazieren, im Park vielleicht Ziegen herumspringen würden. Doch schliesslich hielt sich der Enthusiasmus des stark belasteten Pflegepersonals in Grenzen - trotz vielen positiven Erfahrungen. Bis vor kurzem lebten in dem grossen Raum, wo die Patienten täglich an einer Aktivierungstherapie teilnehmen können, zwei Vögel, früher gab es auch Meerschweinchen und Hasen. «Neuankömmlinge, die ihren ersten Heimrundgang machten, strahlten oft beim Anblick der Vögel», erzählt die Aktivierungstherapeutin Rosemarie Jucker, «die Tiere regten die Leute zu Gesprächen an.» Dennoch beschloss das Team angesichts der Personalknappheit, nach dem Tod des letzten Vogels keinen mehr anzuschaffen.
Der fünfte Stock ist die einzige Abteilung, auf der heute Tiere leben. Isabel Müller, die stellvertretende Stationsschwester, hält den Mehraufwand für gering. Unverkennbar eine Katzenliebhaberin, trägt sie Sissi auf der Schulter durch den Korridor, bringt sie einer Patientin zum Streicheln, organisiert im nächsten Zimmer Liveunterhaltung. Auf einem leeren Bett animiert sie Sissi und Miggi zum Spielen, wirft eine Fellmaus. Das Personal des fünften Stocks hat Katzen- und andere Tierbilder gesammelt und an die Türen gehängt. Sissi und Miggi vermitteln allen ein Stück Zuhause. «Wenn morgens die Katze zur Tür hereinspaziert, weiss ich, dass jetzt gleich die Schwester kommt, um mich zu waschen», sagt Frau P. in burschikos-zärtlichem Ton.
Viele Patienten vom fünften Stock freuen sich über die Katzen, auch wenn die meisten sich ihre Namen nicht merken können und die Tiere vergessen, sobald sie aus ihrem Blickfeld verschwinden. Einige lieben sie überschwenglich, halten Trockenfutter im Schrank bereit. Manche mögen sie nicht, jemand soll ihnen sogar gehässig nachspucken. Entscheidend ist, dass Sissi und Miggi immer da sind. Für Frau J., die sich eine innige Beziehung zu Miggi erfindet: Auf Schritt und Tritt folge ihr die Katze; ein Pfiff, und schon eile sie ihr aus jedem versteckten Winkel entgegen. Und selbst für Frau O., die verärgert auf ihre Rollstuhllehne klopft, wenn sich Sissi genüsslich auf der von ihrer Enkelin gehäkelten Bettdecke räkelt.
Die blosse Präsenz der Tiere füllt zumindest zeitweise etwas von der Leere aus, die sich der Krankenheimbewohner bemächtigt hat. Herr Z. erinnert sich nur an Bruchstücke seines Lebens vor dem Krankenheim. Irgendwann in seinen jungen Jahren habe er beim Abfuhrwesen gearbeitet, aber was nur war danach? Auf die Katzen angesprochen, erhellt ein Lächeln seine matten Augen: «Wenn sie im Korridor vor meinem Rollstuhl rumspringen, rufe ich: Platz da! Aber natürlich gehorchen sie nie.»
Sissi und Miggi sind keine aufsehenerregenden Heimbewohnerinnen. Doch unmerklich haben sie im fünften Stock ein Beziehungsnetz geflochten zwischen dem Personal, den Patienten und deren Besuchern. Eine Verbindung, die bis in andere Abteilungen reicht: Die Katzenetage ist ein beliebtes «Ausflugsziel» im Krankenheim Bombach. Obwohl die Katzen nicht gezielt therapeutisch eingesetzt werden, wird hier erahnbar, wie Tiere auf Menschen wirken können. Zum Beispiel auf Frau K., die sich in ihrem Bett stundenlang an zwei abgegriffene Stofftiere klammert und dabei vor sich hin wimmert. Bringt man der eingefallenen Frau eine der Katzen, hält sie inne, ruft das «Büsi» zu sich, streichelt es. Auf einmal spricht sie in normalem Tonfall, beantwortet Fragen - findet für einige Momente ihre innere Ruhe wieder.
DIE SOGENANNTE PET-THERAPIE wird in Amerika schon seit zwei Jahrzehnten angewendet. Es gibt universitäre Lehrgänge, wissenschaftliche Studien und fast jede erdenkliche Variante der Haustiertherapie: Sogar mit Lamas, Hängebauchschweinchen oder Schlangen versucht man, Menschen gutzutun. In der Schweiz ist das Interesse für tiergestützte Therapie erst in den letzten Jahren gewachsen. Besonders seit dem letzten Weltkongress des IAHAIO, des internationalen Dachverbands aller Organisationen, die sich mit der Erforschung der Beziehung zwischen Mensch und Tier befassen. Er fand 1995 in Genf statt und war dem Thema «Tiere, Gesundheit und Lebensqualität» gewidmet. Der Zoologe und Verhaltensforscher Dennis C. Turner, Präsident des IAHAIO und in der Schweiz ein Pionier der Tiertherapie, wurde lange Zeit von Ärzten und anderen Gesundheitsspezialisten belächelt. «Heute haben viele realisiert», sagt er, «dass wir ihnen mit der Pet-Therapie keine dubiose Alternative zu bewährten Therapieformen aufschwatzen wollen, sondern darin eine unterstützende, in geeigneten Fällen äusserst hilfreiche Massnahme sehen.»
Die Psychologin und Psychotherapeutin Elisabeth Frick Tanner und ihr Mann, ein Psychiater, arbeiten seit sieben Jahren mit Tieren. Die gemeinsame Praxis, in der sie vor allem Kinder und Jugendliche behandeln, liegt in einem St. Galler Wohnquartier und beherbergt einen regelrechten Kleintierzoo: mit einem Labrador, einer Siamkatze, zwei Hasen, einem Meerschweinchen, vier Wellensittichen, rund zwanzig Zebrafinken und mehreren Fischen in einem Teich.
«Die Präsenz von Tieren schafft eine entspannte Atmosphäre und erleichtert es dem Kind, eine Beziehung zur Therapeutin aufzubauen», erklärt Elisabeth Frick, die tierliebend, aber keineswegs eine ausgesprochene Tiernärrin ist. Ihre Sitzungen beginnen meist mit einem Rundgang: Die Kinder streicheln oder füttern die Tiere, kommen mit der Therapeutin ins Gespräch. Danach wird klassisch nach der Jungschen Methode gearbeitet, hauptsächlich mit Figuren, die die Patienten im Sandkasten zu einem Bild zusammenstellen. Oft ist der Hund, ist die Katze einfach dabei. Manchmal gezwungenermassen, wie bei dem Buben, der nur über seine Probleme spricht, wenn er mit dem Hund engumschlungen am Boden liegt.
Oft setzt die Psychotherapeutin ihre Tiere auch gezielt ein. Mit einem kleinen Mädchen, das ausserhalb seiner familiären Umgebung die Sprache verweigerte, beobachtete sie die stummen Fische im Teich. Nach einem halben Jahr fing das Kind zu sprechen an und formulierte, wie gut ihm die Fische getan hätten, weil es sich ihnen so nahe fühlte.
Der Umgang der Kinder mit den Tieren verrät Elisabeth Frick viel über ihre Verhaltensmuster. Eine Fünfzehnjährige mit ausgeprägtem Geltungsdrang trägt ständig die Katze mit sich herum, ohne sich um deren Bedürfnisse zu kümmern. Kinder, die misshandelt wurden, geben erlebte Gewalt oder Kränkungen oft an die Tiere weiter. In der Behandlung von Patienten mit Beziehungsproblemen leisten die Tiere viel. Indem die Kinder eine Beziehung zum Tier aufbauen, werden sie auch für Menschen zugänglicher. Manchen helfen die Tiere, Trennungsängste leichter zu überwinden, etwa jenem Mädchen, das es nicht erträgt, auch nur für kurze Zeit die Mutter entbehren zu müssen. Es hat nie mit Stofftieren gespielt, die für kleine Kinder wichtige Übergangsobjekte auf ihrem Weg zur Selbständigkeit darstellen. In der Therapie lernt es, sich mit Hilfe der lebendigen Tiere eine eigene Geborgenheit zu schaffen, und so die Trennung von der Mutter nicht mehr als absoluten Verlust zu empfinden.
Als lebendige therapeutische «Hilfsmittel» können Tiere je nach Situation Verschiedenes bewirken. «Sie bringen mich während meiner Arbeit laufend auf Ideen, auf Ansatzpunkte für die jeweilige Therapie», sagt Elisabeth Frick. Fachleuten wie ihr blieb bisher nichts anderes übrig als «learning by doing». Laut Dennis C. Turner wird die Schweiz aber bald die europaweit erste berufsbegleitende Weiterbildung in tiergestützter Therapie für Ärzte, Psychiater, Psychotherapeuten, Sozialarbeiter und andere Gesundheitsspezialisten anbieten können.
FÜR HUNDE UND IHRE BESITZER gibt es in der Schweiz schon seit Anfang 1992 die Möglichkeit, sich therapeutisch auszubilden. Allerdings richtet sich das Angebot in erster Linie an Laien - auch wenn ein beträchtlicher Teil der Kursabsolventen aus dem Gesundheitswesen kommt. Der Verein «Therapiehunde Schweiz» trainiert geeignete Hunde und ihre Halter, die dann als Therapieteams auf freiwilliger, unentgeltlicher Basis regelmässig Menschen in sozialen Einrichtungen - Spitälern, Heimen, Schulen - besuchen.
Die Gründerin und Präsidentin des Vereins, die sechzigjährige Ursula Sissener, hatte ihr Schlüsselerlebnis in den USA, wo ihre Schwester schon länger kranke Menschen mit ihrem Therapiehund besuchte. Eine Frau streichelte gerade den Kopf des Tieres, als sie in einem Krampf erstarrte und ihre Finger sich im Ohr des Tieres verkrallten. Der Hund blieb regungslos liegen und gab keinen Ton von sich; er schloss nur schmerzerfüllt seine Augen. Die Frau musste mit einer Spritze aus ihrer Verkrampfung erlöst werden. Kaum befreit, legte das Tier seinen Kopf auf die Hand der Patientin, deren Pein es schmerzvoll am eigenen Leib erfahren hatte.
Bei «Therapiehunde Schweiz» muss jedes Team einen Eintrittstest und vor allem die anspruchsvolle Schlussprüfung bestehen. Im Zweifelsfall wird gegen den Prüfling entschieden. Alle zwei Jahre wird die Einsatzfähigkeit der Teams überprüft. Bereits hundert Teams sind heute aktiv, Zwischenfälle gab es noch keine. Ein gutes Dutzend Frauen und ein einziger Mann stehen derzeit mit ihren Hunden auf dem Zuger Messegelände in der Ausbildung. In einem Stall werden wöchentlich alle möglichen Situationen eingeübt: Die Hunde gehen auf einen fremden Menschen zu, der ihnen an Krücken entgegenkommt; sie laufen neben einem Rollstuhl her, lassen sich von einer ausgelassenen Gruppe bedrängen, ertragen es, wenn jemand unvermittelt losschreit, oder bleiben längere Zeit neben einem Unbekannten liegen. Als Belohnung winkt jedesmal ein Biskuit. Am intensivsten trainiert wird aber die Verständigung zwischen dem Tier und seinem Besitzer, die auch in ungewohnten Situationen perfekt funktionieren muss.
Was bewegt die Frauen zu dieser Ausbildung? Die meisten sind passionierte Hündelerinnen, die, angefangen mit der Welpenspielgruppe, einen Erziehungskurs nach dem andern absolviert haben. Unverkennbar geniessen sie ihr mit jedem Erfolg des Lieblings steigendes Selbstwertgefühl. Therapieren sich hier nicht die Hundebesitzer? Werden die Tiere nicht vom Ehrgeiz ihrer Frauchen überfordert? «Natürlich profitieren wir selbst von unserer Tätigkeit, gewinnen die Aufmerksamkeit und Sympathie der Leute», bestätigt die energiegeladene Vereinspräsidentin, «aber wer ohne Rücksicht auf das Tier seinen Selbstverwirklichungsdrang befriedigen will, ist fehl am Platz bei uns.»
PEGGY HUG UND TAMBO sind ein gestandenes Therapieteam. Seit Anfang Jahr besuchen sie jede Woche mehrere Patienten im Kinderspital Affoltern am Albis - trotz einer Hundeverbotstafel am Haupteingang. Im Rehabilitationszentrum werden Kinder mit zerebralen Schäden behandelt, die fast alle von Unfällen stammen. Der leitende Arzt, Beat Knecht, hat dem Experiment zugestimmt: «Die Freude, das psychische Wohlbefinden der Kinder trägt enorm zu ihrer Genesung bei.» Mit der Frage, inwiefern Tambo seine Patienten in den rund halbstündigen Sitzungen tatsächlich mit therapiert und ob der Einsatz von Therapiehunden generell sinnvoll wäre, haben sich die Spezialisten auch hier bisher nicht beschäftigt.
Der grosse Hund liegt still vor der fünfjährigen Rahel, die, gestützt von einer Schwester, auf einer Matratze am Boden sitzt. Die zarte Gestalt scheint teilnahmslos vor sich hin zu dämmern. Als Zweijährige erlitt Rahel bei einem Unfall eine schwere Hirnverletzung. Noch heute öffnet sie kaum ihre Augen. Mit allen Mitteln versucht man sie dazu zu bewegen, die Umwelt überhaupt wahrzunehmen. Peggy Hug führt Rahels Hand über das weiche Fell des Hundes; sie gibt Tambo ein Zeichen, mit dem Schwanz zu wedeln. Dem Kind erklärt sie mit ruhiger Stimme, was seine Hand gerade fühlt, was das Tier macht. Konzentriert koordiniert sie die Bewegungen des Hundes mit denjenigen des Mädchens. Tambo folgt Rahels Oberkörper, verschiebt sich zu ihr hin. Als Rahels Kopf sich auf den warmen Tierkörper legt, öffnet das Kind einen Moment lang ein Auge; seine Augenbrauen ziehen sich hoch. Zwischendurch droht Rahel immer wieder in sich zu versinken, doch zeitweise steigert sich ihre Aufmerksamkeit sichtbar: Sie führt eigenständig Bewegungen aus, gibt laute Töne von sich, schnalzt beim Streicheln des Hundes mit der Zunge.
Für Ralph spielt Tambo den Zirkuskünstler. Der Junge, der vor wenigen Monaten nach Affoltern kam, hat in den zwei Monaten, seit Peggy Hug ihn besucht, die Sprache wiedergefunden. Bei der ersten, stummen Begegnung vermochte Ralph noch keinen Ball zu werfen, heute dirigiert er eine regelrechte Vorführung. Tambo soll einen Schlüsselbund, den Ralph zwischen seine Lieblingsstofftiere wirft, apportieren: «Schlüssel, Tambo, Schlüssel», ruft der Junge mit etwas zaghafter Stimme, und strahlend nimmt er den Bund entgegen. Jedes Wort, jede Bewegung ist eine Leistung für den noch zerbrechlich wirkenden Ralph, der alles neu erlernen musste.
Unter der Anleitung des Knaben dreht Tambo Pirouetten, kugelt sich am Boden und gibt die Pfote. Geschickt bringt Peggy Hug den Jungen dazu, seine motorisch noch schlechtere Linke möglichst oft zu gebrauchen. Nicht aus Mitleid, sondern aus einem unermüdlichen Engagement heraus arbeitet die Frau mit den Kindern. Aus ihrem Rucksack zaubert sie Etuis, Bälle, Bürste und Kamm, Trillerpfeifen, die manche Kinder ebenso faszinieren wie der Hund. Für Peggy Hug sind diese Accessoires einfache Hilfsmittel, mit denen sie Motorik, Wahrnehmung und Sprache der Patienten schulen kann.
Auch Drops, ein braunhaariger Collie-Appenzeller-Mischling mit einem roten Foulard um den Hals, ist ein geprüfter Therapiehund. Zum fünftenmal besucht er Michael zu Hause. Michael ist ein autistisches Kind. Schritt für Schritt muss er die Beziehung zum Tier lernen. Seine engsten Bezugspersonen, die junge Heilpädagogin Ursula und seine Mutter, unterstützen ihn bei seinen Begegnungen mit dem Hund. Drops wird begleitet von der Seminaristin Franziska, die eine Diplomarbeit über ihre Erfahrungen mit tiergestützter Therapie verfasst hat. Michael spricht nur einzelne Wörter, doch der sichtlich willensstarke Junge drückt unmissverständlich seine Furcht vor dem Hund aus, der geduldig auf dem Teppich liegt und jeder Anweisung seiner zierlichen Halterin aufs Wort folgt. Drops ein Biskuit zu geben kostet Michael gewaltige Überwindung. Ursula spricht ruhig, aber bestimmt auf den Jungen ein. Sie muss seine Hand festhalten, die sich immer wieder zurückziehen will. Die Schnauze des Hundes nähert sich sachte dem Leckerbissen, steht lange Zeit dicht vor der offenen Hand still. «Langsam», mahnt Franziskas leise Stimme Drops zur Zurückhaltung. Mit gespannter Geduld wartet der Hund auf seine Belohnung, bis das Kind bereit ist. Danach möchte sich Michael neben Drops auf den Boden legen. Die Mutter und die Heilpädagogin halten ihn, auch als sich der starke Knabe lauthals und mit aller Kraft gegen jede Annäherung wehrt. Warum dem Kind diese Annäherung aufzwingen? Nicht nur, weil sich Michael kurz aus seiner Verkrampfung löst, wenn er es schafft, den Hund zu berühren, sondern auch, weil er sich diese Nähe sehnlichst wünscht.
Ursula nimmt zwischendurch eine Buchstabentafel zur Hand und stützt Michaels Hand, deren Finger flink die schwarzen Zeichen antippen. Vor zwei Jahren hat sie gemerkt, dass Michael schreiben kann. Seither drückt sich der heute Siebenjährige mit Ursulas physisch-psychischer Unterstützung selbständig auf der Buchstabentafel und am Computer aus. Mit eindrücklichem Scharfsinn fasst der hochsensible Junge mit dem robusten Körper, dessen Lautsprache für Aussenstehende kindlich undifferenziert wirkt, seine Gedanken, Ängste und Wünsche in schriftliche Worte: «Ich habe ganz fest Angst gehabt. Ich bin sehr laut gewesen und habe geschrien. Ich bin gut gehalten worden von Ursula. Drops ist ganz lieb. Er ist auf dem Teppich gelegen. Ich habe ihn gestreichelt und gekrault. Das nächste Mal will ich es selber wieder machen.»
Und wie fühlen sich Drops und Tambo, Sissi und Miggi in ihrer Rolle als Co-Therapeuten? «Tiere können nicht lügen», sagt Turner, «wenn ihnen etwas oder jemand nicht passt, zeigen sie es.» Allerdings müssen die menschlichen Begleiter die Zeichen des Unwohlseins wahr- und ernst nehmen können, ein ebenso feines Gespür wie ihre Vierbeiner entwickeln. Tiere, sagen die Spezialisten, sind nicht voreingenommen. Sie lernen schnell, Defizite zu kompensieren und den richtigen Zugang zum jeweiligen menschlichen Partner zu finden. Wie die Katze, die in einem Wiener Altersheim freiwillig Sterbende begleitet, indem sie sich ihnen auf die Brust legt. Michael wird Drops eines Tages so unverkrampft wie Ralph mit einer Handbewegung zu einer Pirouette anhalten. Vielleicht wird er sogar den Befehl dazu aussprechen. Wie auch immer: Das Kind und der Hund sind auf dem Weg zu einer gemeinsamen Sprache.
Andrea Schafroth ist freie Journalistin in Zürich.