NZZ Folio 09/99 - Thema: Das Telefon   Inhaltsverzeichnis

"Hallo Al, hier spricht dein toter Chef!"

In Afrika funktioniert das Telefon oft anders als erwartet.

Von Al Imfeld

Wenn mehrere Haushalte sich eine einzige Telefonleitung teilen, ist der Wahnsinn programmiert. In der Pionierzeit des Telefons gab es das auch in der Schweiz, aber in Afrika habe ich es nach dem Zweiten Weltkrieg noch erlebt, in einem Land, das damals noch Südrhodesien hiess.

Die Leitung war nicht für die Schwarzen gelegt worden, sondern für die Missionare und Farmer aus Europa. Zwölf Haushalte hingen an dieser Strippe, die von Fort Victoria über hundert Kilometer bis nach Chiredzi hinunterreichte. Wenn jemand anrief, läutete es immer bei allen.

Die Anlage war so eingerichtet worden, dass man an der Anzahl Klingelzeichen merkte, wer verlangt wurde: Wenn es nur einmal klingelte, war der Anruf für die Familie Bauer, bei zweimal Klingeln für die Zanettis, bei dreimal für die Mission und so weiter. Mr. Strikler, der am Ende der Leitung sass, musste jedesmal mitzählen, aber nur wenn er bis zwölf kam, durfte er den Hörer abnehmen.

Tagsüber klingelte es Gott sei Dank nur selten. Aber nach acht Uhr abends ging es los. Wer einen Anruf erwartete, fieberte mit: «Eins. Zwei. Drei. Vier. Hoffentlich kommt es bis zu mir auf zehn. Fünf. Sechs. - Aha, wieder für die Ilorins.»

Abends waren die weissen Zuckerbauern meist in der Bar. Und je später es wurde, desto schwerer fiel ihnen das Mitzählen. «Hat es jetzt sieben- oder achtmal geklingelt?» «Ich habe nicht gezählt.» «Verdammt, du musst mitzählen.» Dann wurde wieder Bier getrunken.

Für Betrunkene war dieses System unberechenbar, für Verliebte nicht auszuhalten und für alle mit der Zeit zum Verrücktwerden. Immer wieder einmal packte jemanden die Wut. Dann warf er bei sich den Hörer zu Boden und blockierte so die ganze Leitung.

Wie aber war es mit dem Abhören an diesem Draht? Ehrlich gesagt, ich weiss es bis heute nicht. Meine Generation hatte viel zuviel Respekt vor all den neuen Medien. Nie hätte ich einen Mithörversuch auch nur gewagt. Als Mr. Strikler einmal in der Bar bluffte, er bekomme alles mit, was durch die Leitung fliesse, entfesselte er natürlich eine Kontroverse. Aber am nächsten Tag war alles wieder vergessen, und das Telefon wurde benutzt wie zuvor.

Damals wurde auch die Frage diskutiert, ob man Neger an diese Leitung lassen solle oder nicht. Die meisten fanden, das gehöre sich einfach nicht. Nur Mr. Brinkman hatte einen guten Grund für seine ablehnende Haltung: «Ein Neger vermischt immer alles mit den Stimmen seiner Ahnen, und die richten in unserer Leitung dann ein heilloses Chaos an.»

Das war zu einer Zeit, als auch noch behauptet wurde, der Neger und der Europäer gehörten einem verschiedenen Wellenbereich an, wie Radio BBC und Schweiz International. «Die Wellen der Neger», so Brinkman, «bringen das Telefon durcheinander. Dann kommt es zu einem Kurzschluss, und am Schluss brennt alles nieder.»

Heute telefonieren in Afrika auch die Schwarzen, ohne dass ihre Ahnen das Netz in ein Chaos stürzen würden, im Gegenteil: Sie haben sich beim Erhalt der Leitungen auch schon als nützlich erwiesen.

1997 verstummte in einer der besseren Vorstädte Harares - der Hauptstadt eben jenes Landes, das heute Simbabwe heisst - eines Tages die Telefonleitung. Es stellte sich heraus, dass in einem kleinen Wäldchen zwischen Zentrum und Vorstadt auf etwas mehr als zwölf Metern die Kabel fehlten. Jemand hatte sie in der Nacht ausgegraben und mitgenommen. Ähnliche Vorfälle ereignen sich in vielen Ländern Afrikas immer wieder. Die Telefongesellschaft Simbabwes war ratlos. Woher innert nützlicher Zeit Ersatz auftreiben? Ein Aufruf der Polizei erbrachte nichts. Niemand wollte etwas beobachtet haben.

Da bot ein Nganga seine Hilfe an. Der traditionelle Zauberer trat abends in der «Tagesschau» auf und flehte die Zuschauer an: «Hört mir zu, es ist wichtig. Unsere Ahnen können nicht mehr kommunizieren, weil die Telefonleitung unterbrochen ist. Bitte, legt die Kabel zurück. Die Diebe konnten nicht wissen, dass die Ahnen heutzutage über die Telefondrähte Kontakt zu den Menschen aufnehmen. Die Verbindung muss aber bald wiederhergestellt werden, oder etwas Böses wird geschehen.»

Zwei Tage später lagen die gestohlenen Kabel wieder in der Nähe des Tatorts, fein säuberlich aufgerollt. Die Spuren bewiesen, dass sie von drei Lastwagen herangekarrt worden waren. Noch einmal trat der Nganga in der «Tagesschau» auf. Er berichtete den Zuschauern vom glücklichen Ausgang und warnte künftige Täter: «Diesmal gibt es keine Strafuntersuchung. Die Ahnen haben es so angeordnet. Das nächstemal aber, so sagen sie, werden die Täter sterben.»

Drahtlose Kommunikation kennt solche Sorgen nicht. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich im Norden Nigerias, in Maiduguri, gewissermassen das erste Funktelefon meines Lebens sah. Hier in Europa hätten wir diesem Objekt damals noch Installation gesagt.

Es hing in einem alten, verdorrten Baum, dessen knorrige Äste weit in den Himmel ragten. Am obersten war eine TV-Schüssel angebracht. Fünf verschiedenfarbige Drähte liefen von ihr hinunter bis zu einer Box am Stamm. Von dort führte ein Kabel, das sich wie eine Schlange mehrmals um den Stamm wand, hinunter zum eigentlichen Telefon. Es war ein Modell aus den fünfziger Jahren, mit getrennter Sprech- und Hörmuschel.

Die Funkanlage gehörte einem alten, respektierten Mann, der jeweils abends hier vorbeikam, um mit den Ahnen im Weltall Kontakt aufzunehmen. Er bot seine Dienste auch anderen Leuten an, die dann schweigend daneben standen, während er sich mit ihren toten Verwandten und Bekannten unterhielt. Anschliessend bekamen sie von ihm zu hören, was diese ihnen zu berichten hatten.

Ich war fasziniert von diesem Telefon und mehr noch vom Alten, dem ich natürlich kein Wort glaubte. Meine kritischen Fragen konnten ihn aber weder beunruhigen noch beleidigen. Grosszügig bot er mir an, sein Telefon doch einmal selbst zu benutzen. Wir trafen uns, nachdem seine Kunden sich verzogen hatten und schlafen gegangen waren. Er fragte mich: «Wen willst du am Draht?» Einen Moment lang war ich überrumpelt; schliesslich hatte auch ich einen gewissen Respekt vor den Toten. Meinen verstorbenen Vater herbeizuwünschen wagte ich nicht. So sagte ich ihm, er solle meinen früheren Chef anrufen. Und tatsächlich hörte ich plötzlich die Stimme des toten Stutz, der auf deutsch zu mir sagte: «Al, du wirst immer verwegener. Lass die Toten ruhen.»

Inzwischen hat sich auch in Afrika die gewöhnliche drahtlose Kommunikation - diejenige vom Diesseits ins Diesseits - etabliert. Bloss funktioniert sie noch nicht so gut wie das Ahnentelefon, weil es fast überall an Strom zum Aufladen der Handys fehlt.

Vor allem in Südafrika, Nigeria und Senegal sind die Leute ganz verrückt nach den Dingern, aber auch in Simbabwe, Kenya und den frankophonen Sahelländern breiten sie sich aus. Wer ein Handy hat, ist augenblicklich ein anderer Mensch. Dass es die meiste Zeit schläft, wie man hier von einem ungeladenen sagt, ist nebensächlich. Denn das Handy ist ein modernes Totem.

Es verschafft Respekt und Sicherheit. Wer eines hat, wird von allen geachtet. Auch böse Menschen lassen diejenigen passieren, die eines haben. Es schützt vor Einsamkeit. Nichts ist für afrikanische Menschen nämlich schlimmer als das Gefühl, von der Welt nicht wahrgenommen zu werden. Es ersetzt die Trommel. Mit ihm kann man unbemerkt und gefahrlos Menschen zusammenrufen. Und es macht aus jeder Mitteilung eine Verkündung Allahs.

In Maiduguri fiel mir nämlich vor kurzem ein Mann auf, der immer in einem weissen Mercedes vor meinem Hotel sass und am Handy hing. Das sei ein reicher und mächtiger Kaufmann, der den Freitagsmarkt kontrolliere, verriet mir der Portier. Ich fragte ihn, warum der Mann denn den lieben langen Tag nur in seinem Auto sitze und telefoniere.

«Seit es Handys gibt, wickelt er alle Geschäfte so ab», antwortete er.

«Das kann doch niemals funktionieren», wandte ich ein, «die Marktfahrer können sich doch kein Handy leisten.»

«Darum hat der reiche Kaufmann all seinen Geschäftskunden ein Handy geschenkt.»

Warum sollte er so etwas tun? Am nächsten Tag ging ich auf den weissen Mercedes zu und fragte den Mann gleich selbst. «Eine Anweisung, die man durchs Handy erhält, ist viel wichtiger und wird viel eher befolgt als eine mündliche. Seit ich meine Geschäfte so betreibe, werde ich viel weniger betrogen», erklärte er und ergänzte lächelnd, «wahrscheinlich klingen meine Worte durch das Handy eher wie diejenigen Allahs als wie meine eigenen.»

Der Handyboom in Afrika hat aber nicht nur religiöse Gründe. Viele Menschen haben die Hoffnung auf traditionelle Telefonleitungen aufgegeben. Sie glauben nicht mehr daran, dass all die geplanten Festnetze in den unendlichen Weiten des Kontinents jemals zustande kommen werden. Viel zuviel Material verschwindet irgendwo, unzählige Projekte bleiben beim gesprochenen Kredit stecken.

Was die Zukunft betrifft, setzen die Afrikaner daher auf die drahtlose Telefonie, deren Infrastruktur weniger kostet und viel leichter zu realisieren ist. Man träumt auch schon davon, dass der ganze Kontinent zwei, drei Entwicklungsschritte überspringen könnte. Dank Mobiltelefonie soll so innert weniger Jahre der kommunikationstechnologische Anschluss an die Erste Welt geschafft werden.

Und woher wird man den Strom nehmen? Auch dieses Netz fehlt, aber es gibt ja Alternativen wie Solarstrom und vor allem die Langzeitbatterie. Und das Geld? Ist das alles nicht viel zu teuer? Ein Funktionär des senegalesischen Kommunikationsministeriums bringt es auf den Punkt: «Alles ist eine Frage der Prioritäten. Für Waffen, Rüstung und Militär haben wir immer zuviel ausgegeben. Vielleicht kommt einmal eine Regierung, die sagt: zuerst das Telefon, danach die Waffen.»

Al Imfeld ist Journalist und Schriftsteller. Er verbringt jedes Jahr mehrere Monate in Afrika.


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