«RODNEY, WÜRDEN SIE UND HITCHCOCK bitte den Brustkorb zumachen», wies Christiaan Barnard die beiden Gehilfen an, «ich könnte eine Tasse Tee gebrauchen.» Der 45jährige Chirurg mit den arthritischen Gelenken hatte soeben in einer vierstündigen Operation im Groote-Schuur-Hospital in Kapstadt dem Gemüsehändler Washkansky das kranke Herz herausgeschnitten und in das dunkle Loch ein frisches hineingenäht, das Herz der jungen hirntoten Denise Durvall, Opfer eines Verkehrsunfalls. Dann liess er die künstliche Herzpumpe abstellen. Und siehe da: Die Wellen auf dem Elektrokardiographen hüpften fröhlich. Washkanskys neues Herz pulsierte in perfektem Sinus-Rhythmus. Es war der 3. Dezember 1967. 48 Stunden später kannte die ganze Welt Barnards Namen. Die Herztransplantation war eine Sensation wie später die Mondlandung. Noch nie zuvor war ein Menschenherz in eine andere Brust eingepflanzt worden.
Seit Jahren hatten Chirurgen Organe verpflanzt, ohne dass das die Gemüter gross aufgewühlt hätte. Doch man liebte schliesslich nicht mit der Niere, und man hasste nicht mit der Leber, und man sagte von niemandem, seine Lunge sei unschuldig wie die eines Kindes. Der Sitz der Seele war im Herzen, und die Vorstellung, dieses mythenreiche Stück auszuwechseln, weckte in den Chirurgen Hemmungen, zum Messer zu greifen. Im Südafrika der Apartheid waren die rechtlichen und moralischen Barrieren offenbar niedriger als anderswo, und so brach der Bure Barnard das Tabu und schnitt als erster los.
Die Operation als solche galt als voller Erfolg, obwohl Washkansky 18 Tage später an einer Lungenentzündung starb. Am 2. Januar 1968, nahm sich Barnard den nächsten Patienten vor, Philip Blaiberg, einen frühpensionierten jüdischen Zahnarzt. Vor dem Groote-Schuur-Hospital campierte eine Armee von Journalisten aus allen Erdteilen. Das Spenderherz, dies war irgendwie durchgesickert, stammte von einem Schwarzen, dem 35jährigen Spinnereiarbeiter Clive Haupt. Im damaligen Südafrika mussten dunkelhäutige Medizinstudenten den Hörsaal verlassen, wenn ein weisser Patient vorgeführt wurde. Die rassistische Regierung machte gute Miene zum bösen Spiel der Verpflanzung eines Negerherzens in eine weisse Brust. Das Land war politisch weltweit geächtet, Christiaan Barnard jedoch war sehr populär.
Der Zahnarzt überstand die Operation trotz zeitweiligem Stromunterbruch im gesamten Spital und wurde für die verbleibenden 20 Monate seines Lebens Barnards Paradepatient. Mit gutem Instinkt für Publicity fütterte der Doktor regelmässig die Presse: Blaibergs erste eigenhändige Nassrasur, Blaibergs erster postoperativer ehelicher Koitus, Blaiberg, lachend und entspannt mit einer Plasticschüssel in der Hand, in der gut sichtbar sein ausgemustertes Herz schwamm. Arrangiert hatte die Bilder Barnards Freund, der Modefotograf Don Mackenzie.
Der Triumph des südafrikanischen Chirurgen hatte alle medizinischen Skrupel und Bedenken zerstreut. Genau drei Tage nach dem Washkansky-Coup nähte der New Yorker Kantorowitz einem weiblichen Säugling ein neues Herz ein. Einen Monat darauf zelebrierte Barnards Erzrivale Norman L. Shumway aus Palo Alto, der sich seit Jahren auf Herztransplantationen vorbereitet hatte, seinen ersten Auftritt. Barnard kannte ihn von seinen Studienaufenthalten in den USA und hatte von ihm grundlegende operative Techniken übernommen. Shumway wechselte zwischen Januar und Oktober 1968 sechs Herzen aus, eine Kadenz, die nur noch vom Texaner Cooley überboten wurde. Dieser brachte es in acht Monaten auf siebzehn verpflanzte Herzen, keines von einem Neger, wie er in den Operationsberichten ausdrücklich festhielt, dafür eines von einem Schaf. Wie alle Versuche mit Tierherzen endete auch dieser in einem Fiasko. 66 Herztransplantationen meldeten die Agenturen 1968 aus aller Welt. Vier Fünftel der Patienten starben vor Ablauf eines Jahres.
Die Liebe des Publikums gehörte einem einzigen: dem Sieger aus Kapstadt, dem jugendlich wirkenden, gutaussehenden Christiaan Barnard mit der Collegefrisur. Er erhielt die Einladungen zu Talkshows, Fototerminen, Galadiners, Vorträgen, Empfängen. Auf welchen Flughäfen der Welt er in den nächsten Jahren auch landete, immer wartete eine entrückte Menschenmenge auf ihn. Sie war hauptsächlich weiblich. Mütter hielten ihm ihre Babies hin, damit er sie küsse, Frauen wollten ihn berühren, versuchten ihn zu umarmen, steckten ihm Zettel mit ihrer Telefonnummer zu, entblössten ihre Brust, damit er sein Autogramm auf ihr Herz schreibe. Er bekam täglich 200 Verehrerinnenbriefe - laut Guinness-Buch der Rekorde ein Topresultat -, mit dem Angebot, ihm das Herz zu schenken oder es mindestens zu spenden.
Der aus kleinen Verhältnissen stammende Chirurg genoss die Huldigungen des Volkes, noch mehr aber die Schmeicheleien der Mächtigen und Reichen. Alle rissen sich um den Doktor aus Kapstadt. Der amerikanische Präsident Johnson lud ihn auf seine Ranch ein, mit den Marcos spielte er Tennis, der saudische Prinz führte ihm seine Jagdfalken vor. Er bräunte sich auf Kashoggis Jacht, erzählte dem italienischen Staatspräsidenten Politikerwitze, plauderte mit dem Apartheid-Premier John Vorster und gab auf Diktatorenbanketts Chirurgenstories zum besten. Nebenbei sammelte er Ehrendoktorate und Verdienstkreuze. Gott meinte es gut mit ihm, das wurde dem Calvinisten klar, als Papst Paul VI. ihn zur Privataudienz lud.
Und noch klarer wurde es ihm, als ihm beim anschliessenden Besuch in «Harry's Bar» an der Via Veneto eine «hinreissende Blondine namens Cathy» vorgestellt wurde, wie er in seiner zweiten, reichlich grossspurigen Autobiographie «Das zweite Leben» schrieb. Es war ihm nicht entgangen, dass in der Geld- und Glitzerwelt die «phantastischen Formen» und «schwellenden Rundungen» gehäuft auftraten. Schönheitsköniginnen, Models, Filmstars flattierten ihn und lächelten ihm zu. Seit er sein erstes Herz verpflanzt hatte, ging von ihm eine magische Wirkung aus, er spürte, dass er sie alle haben konnte, theoretisch wenigstens, und sich nicht wie früher mit den Krankenschwestern des Spitals begnügen musste. Er fühlte sich, schrieb er, wie der «Hengst im Gehege, der die Stuten auf der Wiese riecht», und beschloss, «jede Sekunde des flotten Lebens zu geniessen».
Barnards erste Ehefrau, die ehemalige Krankenschwester Louwtjie, sagte nach der Scheidung, ihr Mann habe sich durch den Ruhm bis zur Unkenntlichkeit verändert. Als hätte er sein Herz dem Teufel verkauft. Anfänglich begleitete sie ihn auf seinen Jubeltourneen, fühlte sich aber fehl am Platz, wenn er mit den Stewardessen poussierte und um die Berühmtheiten herumscharwenzelte. Sie warf ihm vor, sein Lächeln gleiche zusehends dem Grinsen einer Hyäne. Sie sah den Ehemann nun vor allem in den Zeitungen, abgebildet beim Tanz oder im Nachtklub mit einem Filmsternchen oder irgendeiner anderen Schönheit. Der Mann, der früher immer einfach gekleidet war und nur auf ihr Insistieren hin Unterhosen getragen hatte, zeigte jetzt eine Vorliebe für italienische Massanzüge. Als sie eines Tages in seinem Arztköfferchen ein billet doux der Filmdiva Gina Lollobrigida an ihren Chris fand, voller Anspielung auf eine gemeinsam verbrachte Nacht, wusste sie, dass die Ehe nicht mehr zu retten war.
Louwtjie schmiss die kostbaren Perserteppiche, die ihr Mann vom Schah geschenkt bekommen hatte, in die Mülltonne. Barnard diagnostizierte das definitive Aus und wandte sich neuen Zielen zu. Der Strand von Kapstadt war voll von «herrlichen Bikinimädchen», wie er in seiner Autobiographie schreibt. Der 47jährige wählte sich das herrlichste aus, die 18jährige Barbara Zoellner, Tochter eines reichen Industriellen, heiratete sie und hatte zwei Kinder mit ihr.
Barnard wusste, wovon er sprach, als er unter seinem Namen zwei Arztromane schreiben liess, «Die Erbsünde» und «Arche der Hoffnung», war seine Karriere doch wie im schönsten Arztroman verlaufen. Sein Vater war noch Heilsarmeemissionar gewesen und hatte nur vor Schwarzen predigen dürfen, in der untersten Gospelliga sozusagen. Die Helden im Roman waren die Kopie, Barnard selbst das Original. Auch sie operierten als Ärzte virtuos, waren umschwärmt und griffen ab und zu einer Krankenschwester an den Po. Nur waren sie ihren langbeinigen Gattinnen treuer als er und überzeugender, was das Engagement gegen die Apartheid betraf.
In jener Zeit diktierte der Rivale Shumway einem Journalisten die Bemerkung ins Notizbuch, er habe den Eindruck, Kollega Barnards Interessen hätten sich wohl eher aufs Gesellschaftliche verlagert. Das war ungerecht. Denn wann immer Barnard zwischen den Parties, Kreuzfahrten, VIP-Dinners und Miss-Topless-Wahlen Zeit fand, riss er sich von seiner galanten Entourage los, um in der Heimat seine Arztpflichten zu erfüllen. Er verpflanzte weiterhin Herzen, nähte löchrige zu, verleibte einem italienischen Jungen ein Gorillaherz ein und reklamierte für sich die Weltneuheit der Huckepackoperation, ein Verfahren, bei dem ein frisches Herz dem schadhaften alten angeschlossen wurde.
Barnards berühmtes Barnard-Lächeln wirkte für eine Weile etwas gezwungen, nachdem ihm Barbara nach zwölf Ehejahren eröffnet hatte, sie wolle die Scheidung. Während eines seiner chronischen Auslandbesuche hatte sich «ein junger, braungebrannter Kerl», ein portugiesischer Nachtklubbesitzer, in ihr Bett und Herz geschlichen. Der Sechzigjährige drohte erst mit Selbstmord, besann sich dann aber doch eines besseren. «Selbstmord», schreibt er in seinem Lebensbericht, «so eine Scheissidee. Was ich brauche, ist ein guter Fick.» Die achtzehnjährige Karin Setzkorn, die Aushilfskellnerin in seinem neueröffneten Restaurant La Vita war und «dazu geboren, Bikinis zu tragen», tröstete ihn über die Kränkung hinweg. Drei Jahre später gab sie, die mittlerweile als Model arbeitete, ihm das Jawort. «Mein eigentliches Problem war», schreibt er im Rückblick auf seine Ehen und Affären, «dass ich nicht so recht wusste, was man unter <Liebe> zwischen zwei Individuen versteht, die nicht miteinander verwandt sind.» Und das ist, wie er freimütig ergänzt, sein Problem auch geblieben.
Seit er sich mit 61 vom Groote-Schuur-Spital zurückzog, fordert anderes seinen Einsatz: eine Restaurantkette, eine Hummerfarm, das Gesundheitszentrum auf der griechischen Insel Kos, das er präsidiert, die Privatklinik «La Prairie» im waadtländischen Clarens, in der er seine Arthritis behandeln liess und wo er wissenschaftlicher Berater wurde, die Schönheitscrème Glycel, die mit seinem Namen auf der Verpackung vermarktet wurde und ihm, weil man die Hersteller falscher und windiger Versprechen bezüglich des Verschwindens von Altersfalten bezichtigte, den Ausschluss aus dem American College of Surgeons eintrug. Und anderes mehr.
Noch immer tingelt der einstige Herzensbrecher durch die Lande. Erst kürzlich war er, mittlerweile 74, auf Promotionstour in der Schweiz. Die Regenbogenzeitschrift «Glückspost» stellte sein neuestes, erstaunliches Produkt vor: «Good Night», ein Naturölkonzentrat gegen Schnarchen.
Eugen Sorg ist freier Journalist in Zürich.