NZZ Folio 05/00 - Thema: Fit   Inhaltsverzeichnis

No Sports!

Warum Churchill tausendmal recht hatte.

Von Manfred Papst

Orandum est ut sit mens sana in corpore sano», schrieb Juvenal zuhanden der Turnhalleneinweiher. Dem frommen Spruch vom gesunden Geist im gesunden Körper ist es nicht anders gegangen als anderen geflügelten Worten auch: Er wurde zitiert und zitiert, bis man ihn nicht einmal mehr in der Verballhornung «mens sana in Campari Soda» hören mochte. Zu seinem Niedergang trug freilich bei, dass er schon bald keiner sozialen Realität mehr entsprach. Heute muss man sich entscheiden. Die moderne Welt zerfällt in zwei Kulturen, aber nicht, wie die Lateinlehrer meinen, wenn der Mixer streikt, in eine humanistische und eine technische, sondern in eine der körperlichen Ertüchtigung und eine des geistigen Vergnügens.

Dass die beiden geschieden sind wie Kiplings Ost und West («and never the twain shall meet»), beweisen schon die Stätten ihrer Ausübung. So wenig, wie man im Museum einen Kraftraum findet, ist der Turnhalle ein Literaturhaus angegliedert. Eine Bibliothek oder ein Bistro, die den Namen verdienten, findet man in keinem der vielen und allesamt potthässlichen Tempel der Körperkultur. Vorbei sind die Zeiten, in denen ein Pindar die Athleten der Saison mit anspielungsreichen Versen unsterblich machte. Kann man sich eine Szene vorstellen, in der Durs Grünbein in die Harfe greift, wenn Paul Accola auf dem Podest steht? In der Proust Eishockey spielt (wo er schon im Militärmantel so unglücklich aussah) oder Martina Hingis die Goldberg-Variationen intoniert? Eben.

Der Faust rezitierende Triathlet ist ein Konstrukt wie die eierlegende Wollmilchsau. Im wirklichen Leben betrachten die Enkel Goethes jene des Turnvaters Jahn mit Argwohn. Nicht ohne Grund. Gewisse Dinge, sollte man meinen, muss man einem halbwegs kultivierten Menschen nicht erklären: dass man in der Kirche nicht raucht, sein Wasser nicht im Tram abschlägt, sich im Opernhaus nicht die Nägel schneidet - zumindest nicht die Zehennägel -, und dass man nicht im Turnzeug auf die Strasse geht, auch wenn es Sportdress heisst. Letztere Benimmregel wird in der Postmoderne immer weniger beachtet. Zeitgenossen in neonbunten Wursthäuten bevölkern das Stadtbild, schieben sich durch Cafés, Dome und Galerien. Sie führen sich auf, als befänden sie sich in den Schuh-, Fast-food-, Möbel-, Erotik- oder eben Sportparadiesen der Agglomeration, deren Architektur die Fortsetzung der Nylonsporttasche mit anderen Mitteln ist. Die Fortbewegungsart dieser Spezies ist das Rennen und Rempeln, die Redeweise das duzende Anpflaumen, die Ruheposition das breitbeinige Lümmeln. Wenn sie sich nicht gerade mit einer ihrer scheinhaften Aktivitäten abrackern und finster an der Welt vorbeistarren, sind sie von einer Munterkeit, die jede dezentere Regung plattwalzt. Hurra, da sind wir! Sie erscheinen im Trainingsanzug zum Gartenfest, zum Elternabend, zur Chorprobe und finden gar nichts dabei. Man kann es ihnen nicht erklären.

Zur Ausstrahlung des Sportsmanns kommt und passt seine Ausdünstung. Es ist schon feinsinnig bemerkt worden, dass jede Sportart ihren eigenen Geruch habe; jene der Skilangläufer etwa wurde als eine Mischung aus Wachs, Wärmesalbe, Voltaren und Angstschweiss beschrieben. Schweiss ist fast immer dabei; auch der süsslich-stechende Geruch schmorender Polyestersocken kommt häufig vor. Es gibt wohl keine einzige Sportart, die gut riecht. Selbst die Schwimmer schmieren sich mit Dul-X ein und erinnern dann an Oma, wenn sie Angina hatte. Das Schlimmste aber sind die Umkleidekabinen. Man muss kein Rainer Maria Rilke sein, um sie als Orte des Grauens zu erleben; wir sparen uns die Details. Zum Ambiente passen die Männergespräche. Wenn dies das Forum Romanum des körperbewussten modernen Menschen ist - dann gute Nacht.

Dass sich der Sport trotz seiner sämtliche Sinne beleidigenden Wesensart grosser Beliebtheit erfreut, rührt vom Vorurteil her, er sei gesund. Es lässt sich überaus leicht widerlegen. Man muss sich nur die käsigen Leiber, die hochroten Köpfe, die verbissenen Gesichter beim «Turnen für jedermann» ansehen, nur das Ächzen, Keuchen und Röcheln anhören: dann weiss man genug. Ausserdem sind die Hobbysportler (nicht anders als ihre professionellen Idole) dauernd verletzt. Wann immer man sie trifft, sind sie unterwegs zur Physiotherapie. Meist haben sie sich irgendwelche Bänder gezerrt oder gerissen, von deren Existenz ein gesitteter Mensch gar nichts weiss. Er besitzt sie zwar auch: aber er behelligt sie nicht. Damit beweist er ein aristokratisches Verhältnis zu seinem Körper: Man erinnert sich an Lampedusas Bemerkung im «Gattopardo», nach der es mit einem Anwesen, dessen Zimmerfluchten der Hausherr schon alle durchmessen hat, nicht weit her sein kann.

Selbstverständlich rächen sich die vergessenen Bänder, Muskeln, Sehnen u. dgl. eines nahen oder fernen Tages, indem sie zu schmerzen beginnen; doch bis dahin wird man eine lange Reihe von glücklichen Jahren ohne ihre Wichtigtuereien und mit erfreulicheren Dingen als Leibesübungen zugebracht haben. Trainiert man sie dagegen täglich, verlängert man sein Leben allenfalls um die Zeit, die das Training selbst kostet, kann von den öden Exerzitien aber nicht mehr lassen. Man sieht das bei den Velofahrern: Wer ein paar Jahre lang gestrampelt hat wie ein Blöder, muss immer weiterstrampeln, weil sonst die Pumpe (ein Organ, das beim Sportler dort sitzt, wo andere Menschen das Herz haben) nicht mehr mitmacht.

Man müsste aber mindestens wissen, wozu man sich kasteit. Das «fit» verlangt ein «for». Ohne Objekt ist es ein Unding. Genau das aber passiert im Sport. Wer sich auf der Finnenbahn halb zu Tode rennt, um sich danach «Gute Zeiten, schlechte Zeiten» reinzuziehen, ist ein doppelter Dummkopf. Winston Churchill, der sich in anderen Belangen bisweilen geirrt haben mag, hatte völlig recht mit dem Verdikt «No Sports». Er wusste, dass in seinem Leben Lesen, Schreiben, Malen, Roastbeef, Plumpudding, Whisky und Zigarren einen körperlich-seelischen Zustand herbeiführten, der mit Bodenturnen einfach nicht zu erreichen war; und immerhin brachte er es mit dieser Einstellung auf 91 Jahre, in die Royal Academy und zum Literatur-Nobelpreis.

Nun wollen wir nicht so tun, als gäbe es im Leben nicht auch Situationen, in denen einem die körperliche Ertüchtigung zupass kommen kann. Bei der ärztlichen Reihenuntersuchung (freilich nur dann) möchte man vielleicht lieber Brad Pitt sein als Charles Laughton. Ein weiteres Beispiel liefern Autounfälle, bei denen das Fahrzeug sich überschlägt und auf dem Dach liegenbleibt. Man hängt kopfunter da; der Sicherheitsgurt klemmt die Gedärme ein. In dieser Situation sind Personen, denen vom Reckturnen nicht nur eine dumpfe Erinnerung an brüllende Turnlehrer und gequetschte Hoden geblieben ist, eindeutig im Vorteil. Auch bei Betriebsausflügen kann Fitness etwas bringen. Wer nicht von seinen Todesängsten in Beschlag genommen wird, während er sich über eine Seilbrücke hangelt oder im Schlauchboot über eine Stromschnelle schiesst, kann nebenbei und für alle sichtbar allerhand Nützliches zur Mittelfristplanung in sein Notebook tippen.

Ein dritter Vorteil für die Sportlichen ergibt sich bei Wirbelstürmen und Grossbränden. Eine Grätsche, Hechtrolle oder gar ein aus den Swinging Sixties erinnerlicher Fosbury Flop bringen sie locker übers klemmende Gartentor, während man selbst sich ängstlich und verkrampft über die Staketen quält, mit der Jacke hängenbleibt, sich den Fuss verknackst, die Schulter verrenkt und schliesslich hilflos warten muss, bis entschlossene, gütige Hände einem hinüberhelfen. Man macht keine gute Figur da oben, man erinnert eher an einen gepfählten Tapir als an ein Bildwerk der klassischen Antike, und die munteren Sprüche auf beiden Seiten machen alles nur noch schlimmer.

Doch auch hier geht es letztlich um eine Güterabwägung: Würde man diesen Moment der Lächerlichkeit vermeiden wollen um den Preis, dass man soundso viele Stunden mit Hanteln und Expandern statt mit Giorgione und Cannonball Adderley zugebracht hätte? Ausserdem ist es ja nicht so, dass sportliche Betätigung einen vor Lächerlichkeit feite. Im Gegenteil. Ist es nicht auch lächerlich, mit einem Stirnband um die Halbglatze und «Run For Your Life» im Walkman durch den Wald zu hecheln, so dass Fuchs und Hase sich vielsagende Blicke zuwerfen, oder auf dem Home-Trainer drei Pyrenäenpässe zu erledigen, während man ein Funk-Kolleg über Zen-Buddhismus hört?

Wer im Walde so für sich hin geht, bemerkt Vögel und Käfer, Pilze und Farne, bewegt sich durch tausenderlei Grün. Wer mit Schrittzähler und Pulsmesser durch den Wald rennt, nimmt nichts wahr als sich selbst. Die ewige Sich-Besiegerei, das Freistilringen mit dem inneren Schweinehund, das so gern als Existentialismus des kleinen Mannes gehandelt wird, ist eine höchst egomane Angelegenheit. Jogger und Biker sind Besessene. Brechts Tagebuchnotiz «Die schwarze Sucht des Hirns: siegen» beschreibt exakt ihr Mandala.

Keineswegs soll hier in Zweifel gezogen werden, dass es im Sport auch Momente des Glücks gibt, Augenblicke des Verschmelzens von Geist und Materie in einer alle Anstrengung hinter sich lassenden Bewegung, ein befreites Gleiten, ein Aufblitzen mystischer Erleuchtung, von dem die Erleuchteten in der Regel mit den Worten «huere geil» Zeugnis ablegen. Die Frage ist nur, ob es dafür den ganzen Murks, der mit der körperlichen Ertüchtigung und oft schon mit ihrer Vorbereitung verbunden ist, denn wirklich braucht. Schliesslich ist dem Menschen die Vorstellungskraft gegeben (in der Sprache der obigen Mystiker: die «Hirnwichserei»); der Traum vom Fliegen etwa wird von keiner praktischen Umsetzung, von keinem Deltasegler und auch von keinem anderen Fluggerät eingeholt. Will sagen: Für den Betrachter der omnipräsenten und ubiquitären Herumturnerei gilt in bezug auf den Sport das gleiche wie das, was ein kluger Kopf einmal über den Sex gesagt hat: «It's alright, but it's not as good as the real thing.»

Manfred Papst ist Programmleiter des NZZ-Buchverlags.


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