NZZ Folio 12/95 - Thema: Die Gabe   Inhaltsverzeichnis

Der Herr hat's gegeben

Das Geben von Trinkgeld ist eine Kunst.

Von Viktor Niedermayer

DER ÜBERSEEDAMPFER gehörte zu den nobelsten seiner Gattung, die Kreuzfahrt war meine erste. Noch immer geblendet vom Glanz des Messings und der Lüster, noch immer beeindruckt vom Schimmern des Mahagonis, die mich an Bord empfingen, nahm ich meinen besten Anzug aus dem Überseekoffer. Und schon schlitterte die erste Nachricht unter der Tür in die Kabine. Ein persönlicher Willkommensgruss des Reeders? Gar eine Einladung an die Tafel des Kapitäns? Nein. Eine nüchterne Auflistung aller Mindestsummen, die ich ab sofort einem Dutzend Stewards täglich schuldig war.

Solch schnörkellose Direktheit liess mich Marlene Dietrichs Trinkgeldtaktik plötzlich in einem milderen Lichte sehen. Auf ihren Atlantiküberquerungen pflegte ihr Mann am ersten Abend derart grosszügige Gaben zu verteilen, dass die Stewards gewissermassen vor ihren Kabinen campierten, um jederzeit zur Stelle zu sein, wenn die Herrschaften ein Wunsch ankam. Und natürlich fieberten sie dem letzten Tag entgegen, wenn Herr Sieber das Trinkgeld des ersten Abends gewiss verdoppeln, wenn nicht gar verdreifachen würde. Statt dessen rauschten Marlene und ihre Entourage ohne weitere Overtips von Bord und geradewegs hinein ins Blitzlichtgewitter der wartenden Reporter.

Marlenes Trick gehört mittlerweile zum Repertoire aller Vielreisenden, die sich mit einem Minimum an Ausgaben ein Maximum an Service sichern wollen.

Nun weiss jeder dienstbare Geist: Je reicher der Gast, desto karger das Trinkgeld. Vornehme Damen, die sich in der Hotelboutique für Tausende von Franken mit Schmuck eingedeckt haben, zermartern sich auf der Fahrt zum Flughafen den Kopf, ob sie die fünf Rand zurückwechseln oder dem schwarzen Reiseleiter überlassen sollen.

Ja, so mancher Millionär sieht das ganze Leben als einzige Trinkgeldfalle, in die es keinesfalls hineinzutappen gilt. An ebenso vernünftigen wie edlen Begründungen für seine Enthaltsamkeit fehlt es ihm nicht. Im Stammlokal seiner Heimatstadt pflegt er zu argumentieren: «Wer arbeitet, hat einen Lohn verdient und kein Trinkgeld.» Auf Reisen in Drittweltländern rügt er: «Trinkgelder verderben die Moral und die Sitten.»

So kommt es, dass sich mancher gute Geist gezwungen sieht, zu radikalen Mitteln zu greifen, um das soziale Gewissen renitenter Kunden zu wecken. Besonders auf Flughäfen gibt es immer häufiger Toilettenfrauen, die nicht davor zurückschrecken, widerspenstige Gäste, die nach dem Händewaschen gleich zur Türe streben, mit dem rasselnden Trinkgeldteller zu verfolgen.

Ebenfalls um Könner in dieser Disziplin handelt es sich bei den Bademeistern auf der Liegewiese von Madeiras berühmtestem Hotel. Hierher kommt, wer sehen und gesehen werden will. Unwissende Neulinge finden stets alle Liegestühle besetzt; ihr flehendes In-die-Runde-Schauen zeitigt keinerlei Wirkung. Ganz im Unterschied zum Blick des nächsten Gasts, aus dessen Faust spielerisch ein paar Noten ragen. Sofort löst sich die weisse Gestalt des Bademeisters aus dem Schatten der Palmen, und aus dem Nichts zaubert er Liegestuhl samt Matratze und dazugehörigen Tüchern.

Nicht minder meisterlich gehen die Ober gewisser österreichischer Renommierlokale vor. Mit sicherem Gespür erkennen sie einen eingeschüchterten Gast, und schon beginnt ihr grausames Spiel. Erst übersehen sie ihn lange, dann fragen sie mit arroganter Ungeduld nach den Wünschen, bis der Gast nicht nur das Teuerste bestellt, sondern am Schluss auch noch versucht, mit einem gewaltigen Trinkgeld vielleicht doch noch ihr Wohlwollen zu erkaufen . . . Vergeblich. Kein Lächeln ist ihren steinernen Gesichtern zu entlocken, keine unwillkürliche Anerkennung blinkt in ihren Augenwinkeln. Und statt eines Abschiedsgrusses eilen sie beflissen auf einen neuen Gast zu, den sie überschwänglich mit «Herr Geheimrat» begrüssen.

Das Geben von Trinkgeld ist eine Kunst, die in keinem Kurs gelernt werden kann. Der Könner lässt die Note in einer einzigen fliessenden, eleganten Bewegung unauffällig in die andere Hand gleiten - selbstverständlich ohne begleitende Kommentare wie: «Das ist für Sie, mein schönes Kind», verbunden mit dem gönnerhaften Lächeln eines Wohltäters. Am besten beherrschen den Vorgang die Italiener, während Deutschsprachige zu einer gewissen zögernden Umständlichkeit neigen.

Auch über die richtige Höhe des Betrags ist nirgendwo Gewissheit zu erlangen. Zwar liefert jeder Reiseführer genaue Angaben: In Singapur verboten, in China unerwünscht. In Japan und Südkorea nie, in Australien selten, auf den Bahamas und Mauritius, in Südafrika, Israel, Mexiko, Thailand zehn Prozent und in Nordamerika fünfzehn bis zwanzig Prozent.

Soweit die Theorie. In der Praxis erfordert jede Transaktion eine Anpassung an Mensch und Situation. So gelangte ich in China, wo Trinkgelder nicht mit der Menschenwürde in Einklang gebracht werden können, mit meiner Gruppe nur dank etlichen Stangen Zigaretten in den angeblich geschlossenen Pandabären-Park. Und in Island, wo laut Reiseführer Trinkgelder als Beleidigung aufgefasst werden, konnte ich erst mit einem kräftigen Overtip die herbe Wikingertochter zum Herausrücken weiterer Biere bewegen.

Einst stand auf einem der obersten Plätze in der Hitparade der Spendierfreudigen James Joyce. Seine Trinkgelder waren ebenso legendär wie seine Geldsorgen. Heute tummeln sich Leute anderen Kalibers an der Spitze der Rangliste. Die arabischen Scheiche beispielsweise entlöhnten im «Bayrischen Hof» in München das gesamte Personal bis hinunter zum Küchenburschen und Pagen mit je tausend Mark. Und neuerdings streuen die russischen Bisnesmeny ihre Noten um sich wie Konfetti - ob in St. Moritz oder an der Côte d'Azur.

Leider kreuzt der Durchschnittsangestellte höchst selten die Wege eines Scheichs oder Mafioso. Doch auch wenn gewöhnliche Menschen in Ausnahmesituationen geraten, sprudeln die Trinkgelder stets reichlich. Wer im Restaurant frisch Verliebte bedient, darf als Trinkgeldempfänger an ihrem Glück teilhaben. Zügelmänner bekommen die Erleichterung der Wohnungswechsler und ihre Hoffnung auf einen Neubeginn auch finanziell auf überraschend grosszügige Weise zu spüren. Und längst gelten Leichenmahle im Gastgewerbe als Geheimtip: Nie ist sich der Mensch der Sinnlosigkeit allen irdischen Hortens bewusster.

Viktor Niedermayer, Journalist, lebt in Donegal (Irland).


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