Zwölf Jahre sind vergangen, seit Shiseido seine Pariser Salons in den Jardins du Palais-Royal eröffnete. Es war vom ersten Tag an klar, dass der Chefdesigner Serge Lutens das Zepter führte. Flacons, Verpackung, Dekoration, Beleuchtung, Kleidung des Personals – jedes Detail trug zum dunklen Zauber des Ortes bei.
1992 versprach Lutens zwei neue Krea tionen pro Jahr. Achtundzwanzig Parfums später stehen wir vor dem kohärentesten modernen Œuvre seit Ernest Daltroffs glorreicher Zeit bei Caron ( 1904 bis 1941). Daltroff war selbst Parfumeur, Lutens ist keiner; er ist auf jemanden angewiesen, der seine Visionen übersetzt. Der Mann heisst Chris Sheldrake von Quest International und dürfte, was den Umgang mit Naturessenzen betrifft, der begnadetste Parfumeur unserer Zeit sein.
Die beiden haben einen neuen Stil geschaffen. Begreift man Parfums als Musik, sind sie melodisch (der Koloratursopran von Diorissima), harmonisch (der Engelschor von Beyond Paradise), oder sie liegen dazwischen (die meisten anderen). Lutens-Sheldrake jedoch erkunden Klangfarben. Öffnet man das Flacon, ist einem, als blase man in ein fremdartiges Instrument: heraus kommt ein lauter, gleichförmiger Klang. Die Anhänger der Saint-Saëns-Schule der Parfumerie halten diese Düfte für unvollendet und nennen sie verächtlich Basen, Duftbausteine. Aber sie verkennen die zugrunde liegende Idee. Basen müssen gemischt werden, Lutens will jede Idee (oder Substanz) bis zu dem Punkt treiben, an dem sie keine Begleitung mehr nötig hat, sondern ihre Seele von ganz allein offenbart.
Das Prinzip funktioniert nicht immer. Die Blumendüfte wie Un Lys, Sa Majesté la Rose und Fleurs d’Oranger zum Beispiel finde ich ein wenig belanglos, wie weisse Spitzen. Aber hat man schon je an einer so schamlos animalischen Kreation gerochen wie Muscs Koublaï Khan? Hat es je eine sonnigere Hommage an die weh mütige Üppigkeit von Heu gegeben als Chergui? Eine präzisere Übersetzung der kautschukartigen Herznote der Tuberose als Tubéreuse Criminelle?
Die beiden neusten Düfte (von 2004) fallen indes aus der Reihe: Sie sind abstrakt und offenbar ein Ergebnis von Lutens’ Wunsch, einen Schritt vom wundervollen Orientalismus der meisten seiner Kreationen zurückzutreten. Chêne ist eine belebende, beinahe bittere Tinktur aus jenen moosumrankten Eichen, die einst die Urwälder Europas zierten. Daim Blond (helles Wildleder) ist eine überarbeitete Version des ledri gen Chypre: man hat es all jener Substanzen entkleidet, die in Chêne benutzt wurden …
Fast scheint es, als hätten die beiden Zauberer zur Axt gegriffen und Robert Piquets Bandit mitten entzweigehauen, damit jede der beiden Hälften allein davonstolpern und ein Eigenleben führen kann. Und da sie nicht gestorben sind, geht das Märchen immer weiter.