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Wir sind anders, als ihr meint
Iran gilt aus westlicher Sicht als Hochburg der Rückständigkeit. Aber eine junge Teheranerin sagt: Eure Freiheit wollen wir nicht.
Von Jinoos Taghizadeh
Vor ein paar Jahren fuhr ich mit Freunden ans Kaspische Meer. Es war ein heisser Sommertag, und seit fünf Stunden schon sassen wir eingepfercht in der stickigen Hitze des Busses. Die Frauen unter uns träumten bereits von einem erfrischenden Sprung ins kühle Wasser. Wir hatten eine Villa am See gemietet. Da sie keinen Privatstrand hatte, mussten wir Frauen in einem bestimmten sichtgeschützten Bereich baden. Doch selbst hier, abgeschirmt von den Blicken der Männer, erwartete man von uns, bekleidet zu baden, mindestens bedeckt von einem Tuch, einem Hemd und einer Hose.
Wir wollten unbedingt schwimmen und dachten nicht an die Folgen. Unsere Kleidung wurde bleischwer im Wasser, und als wir am Strand lagen, klebte überall der Sand. Wir fluchten und verwünschten all jene, die uns davon abhielten, den Strand und die Sonne zu geniessen – so wie es die Männer durften. In was für einem System lebten wir eigentlich, dass uns die einfachsten Freuden verweigert wurden? Neidisch betrachteten wir die Männer, die im Wasser herumalberten und ihre Körper in der Sonne bräunten.
Ein paar Wochen später trafen wir uns im Elternhaus einer Freundin, wo es einen privaten Pool gab. Und dort geschah Erstaunliches: Niemand von uns wollte im Badeanzug vor die Männer treten, die uns begleiteten! Es ist nicht so, wie Sie jetzt denken, wir sind nicht das, was Sie Traditionalisten nennen. Wir hassen die Verbote und werden nicht müde, uns darüber zu beschweren. Trotzdem verhielten wir uns privat genau so, wie man es von uns in der Öffentlichkeit verlangt hatte: Unter lächerlichen Vorwänden mieden wir den Swimmingpool. Es endete schliesslich damit, dass wir ärmellose Hemden über unseren Badeanzügen trugen – eine Verkleidung, die sich nicht sonderlich von jener unterschied, die wir auch am Kaspischen Meer getragen hatten.
Warum erzähle ich diese Anekdote? Weil sie das komplexe Verhältnis zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen in Iran veranschaulicht. Dies einem Nicht-Iraner oder Nicht-Muslim zu erklären, ist eine schwierige Aufgabe. Für euch im Westen ist Iran eine Hochburg der Rückständigkeit, besonders wenn es um die Rolle der Frau geht. Doch so einfach ist die Sache nicht. Ihr begeht den Fehler, dass ihr glaubt, eine Gesellschaft danach bewerten zu können, wie sie sich im öffentlichen Raum präsentiert. Wenn ihr traditionelle Gesellschaften wie Iran mit postindustriellen wie euren eigenen vergleicht, habt ihr klare Kategorien. Ihre Grundlage sind die heiligen Gesetze der Säkularisierung.
Die Tatsache, dass ihr seit Jahrhunderten versucht, menschliches Verhalten zu messen, zu entschlüsseln, zu bewerten und als universal gültig zu klassifizieren, ist wohl der Grund dafür, dass ihr dem Rest der Welt gross, stolz und überlegen gegenübertretet. Der öffentliche Raum ist für euch der Ort, wo gesetzestreue Bürger ihre Freiheiten ausleben – uneingeschränkt von Ideologie oder Religion.
Für uns ist jedoch vor allem das Private wichtig. Der private Raum ist für uns nicht nur ein Domizil, sondern auch ein Refugium vor den Zumutungen der Aussenwelt. Draussen sind wir gezwungen, uns auf bestimmte Weise zu benehmen, uns Gesetzen zu beugen, die nicht die unseren sind, und die Existenz anderer zu akzeptieren, deren Träume und Wünsche mit den unseren kollidieren. Drinnen haben wir unseren Zufluchtsort vor einer Welt voller Ungerechtigkeit, Laster, Täuschung und Unglück.
Vor diesem Hintergrund ist auch unsere Sehnsucht nach Migration zu verstehen – die Sehnsucht, sozialen und materiellen Zwängen zu entfliehen. Ihr im Westen schürt sie, indem ihr behauptet, die Freiheit, die wir im Privaten erleben, sei bei euch auch im Öffentlichen gewährleistet. Vermutlich ist dies der Hauptgrund, warum wir die westliche Welt idealisieren. Doch eure äussere Freiheit ist eine andere als unsere innere.
Das heisst nicht, dass wir in Iran weniger Kontakt mit der Aussenwelt haben wollen als ihr. Im Gegenteil, die Dualität von Innen und Aussen ermöglicht erst die Kommunikation zwischen beiden Welten. Es heisst mitunter, die islamischen Kleidervorschriften sexualisierten die Frauen; sie verschleierten oder unterwanderten nicht sexuelles Begehren, sondern weckten und betonten es im Gegenteil.
In einer Stadt wie Teheran gibt es einen viel regeren Austausch unter den Bewohnern als in jeder europäischen Grossstadt. Man besucht Freunde und Verwandte, oft ohne vorherige Ankündigung, um an ihrem Leben teilzuhaben. Die Mobilfunknetze brechen ständig zusammen, weil so masslos viel telefoniert wird. Man kann jeden Abend ausgehen, die Parties kennen keine Wochentage. Die öffentlichen Feste dagegen sind fast alle religiös, von den Trauerfeiern zum Martyrium des dritten schiitischen Imams bis zu den Feiern zum Geburtstag des Propheten. Es ist allerdings wahr, dass in den letzten Jahren auch die Jubelfeiern nach einem Sieg unserer Fussball-Nationalmannschaft die Stadt lahmgelegt haben.
Paradox ist freilich: Auch unser Zuhause, unsere Zuflucht vor der Welt, ist bestimmt von den draussen herrschenden Machtverhältnissen – es ist patriarchalisch, hierarchisch und diskriminierend. Wir wollten im Privaten Strukturen schaffen, in der unsere in der Öffentlichkeit erlittenen Verletzungen würden heilen können. Tatsächlich aber reproduzieren wir die Strukturen, die uns verletzen – wie die Geschichte vom Swimmingpool verdeutlicht –, im Privaten und letztlich in uns selbst.
Unser politischer Apparat befindet sich in einem dauernden Missstand, ständig kurz vor dem Zusammenbruch, fast schon anarchisch, immer chaotisch. Keiner von der Regierung verordneten Regel trauen wir voll und ganz. Ordnung ist uns suspekt, und jedem Versuch, sie dem Volk aufzuzwingen – im Namen des Islam oder von irgendetwas anderem –, begegnen wir mit Misstrauen.
Das prekäre Verhältnis zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten ist ein wichtiger Bestandteil unserer kulturellen Maserung. Sogar in einer Metropole wie Teheran mit all ihren modernen Verkleidungen findet man Spuren davon: Wenn Menschen ihre Schuhe ausziehen, bevor sie Häuser betreten, aber ihre Autos auf dem Trottoir parkieren; wenn sie gegen Verkehrsregeln verstossen und Regierungsbeamte verunglimpfen, aber auf Ältere und Verwandte Rücksicht nehmen; wenn sie Mahlzeiten teilen, aber heimlich Blumen im Park pflücken und rücksichtslos Müll auf der Strasse entsorgen.
Ihr im Westen habt das Ideal, dass das Private nahtlos ins Öffentliche übergeht: der Bürger soll ehrlich im Dienste eines Systems funktionieren, das die Rechte und die Freiheiten des Individuums garantiert. Aber die Welt kann auch anders strukturiert sein. Für Teheraner gibt es die öffentlichen Regeln und die privaten Freiheiten. Es gibt die materielle Welt der Vielen, und es gibt die spirituelle Welt des Einzelnen. In dieser für euch so schwer verständlichen Dualität lebt Teheran.
Jinoos Taghizadeh ist Künstlerin; sie lebt in Teheran.
Übersetzung: Sohrab Mahdavi und Mikael Krogerus.
Leserbriefe:
Zu Wir sind anders, als ihr meint - NZZ-Folio Teheran (02/07)
Ich wuerde Jinoos Taghizadeh antworten: 1. Die Laender, die mit "Westen" umschrieben sind, sind so unglaublich unterschiedlich, dass man kaum vom "Westen" sprechen kann. 2. Uns, die Menschen( le peuple), darf man nicht mit den Medien gleichsetzen. 3. Sie schreiben :"Man besucht Freunde und Verwandte, oft ohne vorherige Ankuendigung, um an ihrem Leben teilzuhaben." Das freut mich sehr fuer Sie! An diese "Teilnahme" bin ich nicht gewoehnt, Besuch nimmt selten nur teil: Er fordert oder kontrolliert oft, das ist laestig. Da beneide ich Ihre Gesellschaft. Davon koennen wir lernen. Ulrich Bruhn, Starnberg D
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