BERUFE, die der Zensor nicht kennt, werden zu Recht verboten: Frei nach Karl Kraus ignoriert die Zensur-Software Cyber Patrol die «Rüstungsexperten». «Access Restricted», sagt das Programm, wenn man im Internet nach Waffenkundigen sucht. Das Werk eines radikalpazifistischen Programmierers, der unter dem Deckmantel des Jugendschutzes Propaganda für den Weltfrieden betreibt? Nein, hier wurde bloss Schlimmeres verhütet. Denn zwischen dem «g?» und dem «p» trägt der «Rüstungsexperte» eine Bombe von einem Wort mit sich, mit der minderjährige Surfer nicht leichtfertig spielen sollen. Dafür kaufen Eltern ja Zensursoftware.
Wenn sich die Sprösslinge allerdings als Bibelforscher ausgeben und treuherzig nach «Sodom & Gomorrha» fragen, kommen sie hinter dem Rücken ihrer Erziehungsberechtigten doch noch zu explosivem Material. Unter dem Deckmantel des alttestamentarischen Wortpaars erscheint ein sündiges Journal auf dem Bildschirm, mit dessen Existenz die Schöpfer des digitalen Anstandsprüfers in ihrem Gottvertrauen nicht gerechnet haben.
Beschwerden über Zensursoftware gibt es viele. Lässt man aber den Willen für das Werk stehen, fällt es nicht schwer, in den Zensurprogrammen trotzdem einen Meilenstein zu sehen: Als elektronische Dienstleistung kann man sie in Anspruch nehmen oder auch nicht. Wenn der Staat auf den Plan tritt, gibt es keine Wahl: Das Gute, Wahre und Schöne wird gesamthaft und folgenschwer verordnet, und wo für den einen der Schund beginnt, endet für den anderen die Informationsfreiheit.
Der Gedanke, dieses Dilemma zu privatisieren, erscheint mittlerweile auch der Clinton-Administration verlockend. Mit PICS (Platform for Internet Content Selection) gibt es überdies eine Gebrauchsanweisung für einen freien Zensurmarkt. PICS setzt die technischen Regeln fest, nach denen unerwünschtes Material im Internet gefiltert wird; die Regeln, wohlgemerkt, nicht die Inhalte. Sie sollen dem Spiel von Angebot und Nachfrage unterliegen. So könnte das Wiesenthal-Center eine PICS-Liste herausgeben, welche die Sites der Neonazis blockiert - und das Pornomagazin «Hustler» mit derselben Technik gleichzeitig die Web-Angebote mit den frivolsten Bildern empfehlen.
Man nennt so etwas einen offenen Standard. Zensur ist in dieser Sicht nichts anderes als ein Maschendraht zur Begrenzung des virtuellen Freiraums, der beliebig geknüpft werden kann. Theoretisch sogar so dicht, dass man trotz weltweiter Verbundenheit mit seinen Vorlieben garantiert alleine bleibt.