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NZZ Folio 06/08 - Thema: Perlen aus dem Internet   Inhaltsverzeichnis

Jeder ein Chefredaktor

© Anna-Lina Balke, Zürich
Das Blog des Autors: blog.ronniegrob.com. Linktext
Die einfachste Art, im Internet zu Wort zu kommen, sind Blogs. Die Internettagebücher werden manchmal von Tausenden gelesen und kommentiert.

Von Ronnie Grob

Als ich im Sommer 2002 erstmals in einem Blog las, wusste ich nicht, was ein Blog ist. Das Ergebnis einer Suchanfrage hatte mich zu einem Schüler aus Bayern geführt, der fast täglich neue Texte, Bilder und Links ins Internet stellte. Anders als bei einer normalen Website ändert sich der Inhalt eines Blogs ständig. Wie bei einem Tagebuch verfasst ein Blogger laufend Beiträge, die seine Leser in der Regel kommentieren können. (Blog steht für Weblog, Internet-Logbuch.) Blogs können von jedem und jeder betrieben werden, ob Tramper oder Hobbyköchin, Politikerin oder Starjournalist. Sie sind meist sehr persönlich gehalten und leben von der Originalität ihrer Betreiber. Zu dem Schüler aus Bayern kehrte ich oft zurück, weil ich bei ihm Links zu Websites fand, auf die ich sonst nie gestossen wäre.

Kurz darauf entdeckte ich dann einen Ameisenhaufen: Antville.org hiess die Website, auf deren Unterseiten Hunderte von Leuten ihre Blogs führten. Weil es so einfach und gratis war, eröffnete auch ich ein Blog. Nun war ich der Boss. Chefredaktor und Herausgeber meines eigenen Mediums. Kosten? Keine. Einnahmen? Keine. Publizistisches Konzept? Keines. Unerwünschte Kommentare meiner Leser? Jederzeit löschbar. Ich schrieb anonym und war weder Kunden noch Investoren verpflichtet. Ich veröffentlichte dann, wann ich wollte, und schrieb über das, was ich wollte. Vor mir lag nur ein Eingabefeld, das eine unbeschränkte Anzahl Buchstaben aufnahm, so wie ein grosses, noch unbeschriebenes Buch.

Ich schrieb zum Beispiel über Fussball, Literatur oder Politik oder verarbeitete Erlebtes. Viele Einträge waren aber nicht viel mehr als Links, Wegweiser zu besonderen Orten im Internet, etwa zur Website der Person, die 1000 leere Tagebücher aussetzte und sie sich gestaltet zurückwünschte (1000journals.com). Oder zum Fotoprojekt, das jeweils zwölf ähnliche Menschen von der Strasse zu einem Bild versammelte (exactitudes.com).

Damals arbeitete ich für einen internationalen Konzern im Büro, aber obwohl es nahelag, bloggte ich nie während der Arbeitszeit. Schon am zweiten Tag, in meinem dritten Beitrag, schrieb ich: «so ein weblog zu führen, mag ja vielen zielen dienen, doch vor allem einem: der befriedigung der eigenen eitelkeit. man möchte, dass andere menschen zuhören, lesen, anteil nehmen, mit einem lächeln nicken, sich über einen link tierisch freuen, kurzum, den schreiber cool finden.» Die Leser kamen plötzlich, überraschend. Sie kommentierten meine Beiträge und verwiesen in anderen Blogs auf mein Blog. Ich war ein Schreiber, aber mehr noch war ich ein Leser. Ich fand mich in den Gedankenströmen von Leuten, mit denen ich sonst nie und nimmer in Kontakt gekommen wäre. Las Texte, die niemand abgedruckt hätte. Neue Interessengebiete öffneten sich. Design, Architektur, Fotografie, Kunst.

Fasziniert verfolgte ich, wie ein Blogger den ersten Besuch mit seiner Frau in einem Swingerclub dokumentierte; wartete auf die neuen Bilder des Hobbyfotografen, die so gut waren, dass ich jederzeit eine Ausstellung von ihm besucht hätte; fühlte mich ein in präzis beschriebene gesundheitliche Probleme; lachte über Blogger, die wegen Nichtigkeiten aneinandergerieten; beteiligte mich an Debatten. Ich las und lernte. Nach einiger Zeit verfolgte ich so viele Blogs, wie ich selbst Leser hatte, etwa fünfzig. Ich studierte oder überflog Einträge von Journalisten, Ärzten, Studenten, Informatikern, Schriftstellern, Hausfrauen, die alle eines verband: die Freude am Erstellen und Teilen von Inhalten. Wobei niemand so genau wusste, wer wen kannte – schliesslich las jeder anonym mit; nur wer kommentierte, zeigte sich. Und doch kannte ich bald Namen, Gesichter, Städte. Es überraschte mich, wie mir fremde Leute aus anderen Ländern zu so etwas wie guten Freunden wurden.

Wenn ich mir fortan Bücher, Zeitschriften, elektronische Geräte oder Schuhe kaufte, wenn ich ins Kino ging oder Fernsehsendungen anschaute, verliess ich mich auf die Empfehlungen von Bloggern. Ich wusste, dass sie Stil und Geschmack hatten (ich verfolgte ja ihre Äusserungen schon seit Monaten Tag für Tag). Im Gegensatz zur Werbung und zu Empfehlungen in der Zeitung machten mir diese meist anonymen Hinweise einen persönlicheren Eindruck. Leibhaftig lernte ich Blogger erst viel später an Bloggertreffen kennen. Sie waren meist so, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Die geliebten Blogs wurden von mir sympathischen Menschen verfasst, die ungeliebten von solchen, die ich nicht mochte. Blogger, die online nur da und dort einen schüchternen Kommentar abgaben, taten das auch in der geselligen Runde so. Während der Redefluss von Bloggern, die zu allem ihren Senf dazugaben, kaum zu stoppen war.

Ich fühlte mich meinen Mitbloggern verbunden. Schon nach einem Jahr schrieb ich: «jemanden von der linkliste zu entfernen, ist eine entscheidung wie die, jemandem keine weihnachtskarte mehr zu schreiben.» Mit der Linkliste, auch Blogroll genannt, legen Blogger ihren Lesern andere Blogs ans Herz. Natürlich wollte ich auch mehr über die Besucher meines Blogs wissen. Im Internet ist das einfach: Ich kann mir anzeigen lassen, woher jeder meiner Leser kommt und wann er mein Blog besucht hat. So fand ich heraus, welche Einträge besonders gut ankamen und zu welcher Uhrzeit ich am meisten Leser hatte. Mal löste eine flüchtig hingeworfene Zeile rege Diskussionen aus, mal fand ein Beitrag, von dem ich mir viel erwartete, kein Echo. Abends im Bett fragte ich mich, wer das bloss war, der fast täglich in Spanien mein Weblog aufsuchte.

Inzwischen ist Bloggen meine Arbeit. Im Juli 2006 stiess ich zum neugegründeten Onlineverlag Blogwerk, der sein Geld mit Anzeigen auf den Blogs und mit der Betreuung von Firmenblogs verdient. Wir Schreiber werden pro Beitrag bezahlt, davon kann man leben, jedenfalls in Berlin. Ich schreibe mit an einem medienkritischen Blog – noch immer, wie es mir gefällt, und in der Regel werden meine Texte nicht oder nur minimal redigiert. Aber ich schreibe sorgfältiger als früher. Ich teile mir meine Zeit selbst ein, arbeite auch mal an einem regnerischen Sonntag. Viele Blogger sind nur offline, wenn sie schlafen.

Anders als die Fernsehmacher, die jeden Morgen den Einschaltquoten entgegenfiebern, muss ein Blogger nie auf Zahlen warten. Sie sind jederzeit verfügbar. Und es kann aufregend sein, zu verfolgen, wie sich die Besucherzahlen plötzlich verzehnfachen, nur weil ein vielgelesenes Blog einen Link auf meines gesetzt hat, was neue Leser anspült. Diese Messbarkeit beherrscht die Onlinewelt: Werbeeinnahmen sind abhängig von Klickzahlen.

Viele Blogger kümmern Besucherzahlen aber überhaupt nicht. Sie schreiben, um Freunde und Verwandte über ihre Asienreise auf dem Laufenden zu halten; weil sie die Freude an einem Hobby mit anderen teilen möchten; oder schlicht, weil sie etwas zu sagen haben. Charles Bukowski schrieb: «Ich brauchte das Schreiben als Ventil, als Unterhaltung, als Befreiung. Als Sicherheit. Ich brauchte sogar die verdammte Arbeit, die es mir machte.»

Ronnie Grob schreibt für das medienkritische Weblog medienlese.com; er lebt in Berlin. Sein privates Blog: blog.ronniegrob.com.


Zusatzinformation: Wie Blogs zum einflussreichen Medium wurden

Vor einigen Blogs fürchten sich Politiker mittlerweile mehr als vor Zeitungen.

Von Ronnie Grob

Goethe riet seiner Schwester: «Schreibe nur, wie du reden würdest, und so wirst du einen guten Brief schreiben.» So ­machen es viele, die im Internet die Möglichkeit entdeckt haben, ein Weblog zu führen. Blogs entstanden als Onlinetagebücher, in denen Privatpersonen ihre Erlebnisse in kurzen Einträgen chronologisch festhielten und im Web zugänglich machten. Der Informatiker Jorn Barger brauchte den Begriff erstmals 1997, als er begann, auf seiner Website «Robot Wisdom» kurze Kommentare und Links einzufügen. Blogs zu betreiben, kostet nichts – dadurch wurde die Möglichkeit, zu publizieren, radikal demokratisiert.

Eines der ältesten existierenden Blogs ist «Scripting News» von Dave Winer, das 1997 startete; Winer schreibt vor allem über Politik und Technik – er war massgeblich an der Entwicklung von RSS beteiligt, einem Service, der einem ähnlich wie ein Nachrichtenticker automatisch aufdatierte Meldungen zum Beispiel von einer Zeitungswebsite oder einem Blog liefert. «Scripting News» wurde im vergangenen halben Jahr von etwa 2300 anderen Websites verlinkt und gehört darum in die Gruppe der 500 einflussreichsten Blogs. Rund zehnmal so viele Links zählt der Linkzähldienst Technorati für die «Huffington Post», ein 2005 gegründetes politisches Gemeinschaftsblog, das zurzeit die Liste anführt und zu einem wichtigen Meinungsmacher in den USA geworden ist. Insgesamt gibt es über 100 Millionen Blogs – wie viele es genau sind, ist umstritten. Blogcensus zählte 2007 210?000 deutschsprachige Blogs, deren neuster Eintrag noch kein halbes Jahr alt war.

Die meisten Blogs werden noch ­immer zum Privatvergnügen betrieben. Blogs lassen sich aber auch leicht zu Verleumdung oder Propaganda missbrauchen. Einiger Beliebtheit erfreute sich das Blog «Wal-Marting Across America» von Jim und Laura, die mit ihrem Wohnwagen auf Parkplätzen von Wal-Mart übernachteten und darüber schrieben. Doch dann enthüllte ein Blogger, dass die beiden im Auftrag einer PR-Agentur unterwegs waren, was sie schlagartig alle Sympathien kostete.

Viele Blogs wurden gross, weil sie Nischen besetzten, die herkömmliche Medien vernachlässigen. Auch politische Blogs erweiterten bald die Medienlandschaft. Populär wurden etwa Blogs aus Krisengebieten: Im Irakkrieg bot das Blog des Irakers Salam Pax eine unzensurierte Alternative zur Berichterstattung der eingebetteten Journalisten. 2004 musste der Fernsehmoderator Dan Rather zurücktreten, weil Blogger ihm nachgewiesen hatten, dass er in einer Sendung gefälschte Dokumente präsentiert hatte. Inzwischen haben die Zeitungen das Potential von Blogs erkannt und bieten auf ihren Websites eigene Blogs an.

Viele Blogger verdienen sich mit zum Inhalt passender Werbung (Google Ads) ein Zubrot, leben davon können nur wenige. Robert Basic, der meistverlinkte deutschsprachige Blogger, verdient nach eigenen Angaben mit Werbung bis 3500 Euro im Monat. Der PR-Wert eines guten Blogs ist allerdings kaum zu beziffern.

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