NJ9842 ist ein Punkt auf der Landkarte. Ein Punkt, an dem eine Linie endet, die je nach Vorliebe des Kartographen gestrichelt oder ausgezogen, mal dick, mal dünn gezeichnet wird, nie jedoch so, als wäre sie eine international gültige Grenze. In NJ9842 bricht die quer durch Kaschmir führende «Line of Control» abrupt ab, nachdem sie über 800 Kilometer ein historisch und kulturell verbundenes Gebiet des südlichen Karakorum fein säuberlich in einen pakistanischen und einen indischen Teil geschnitten hat, ohne die Bevölkerung scharf nach Religionszugehörigkeit, Sprache und Ethnie trennen zu können. Nordöstlich des Kartenpunktes wurde auf eine Regelung des Grenzverlaufs verzichtet. Schien doch in der Eiswüste des Siachen-Gletschers kein menschliches Leben möglich.
Weit gefehlt: Seit 1984 tragen auf über 5000 Meter Höhe indische und pakistanische Einheiten täglich Artillerieduelle aus. Der Gletscher, mit 78 Kilometern Länge die grösste nichtpolare Eismasse der Erde, ist zum Grab für Hunderte von Soldaten geworden. Die allermeisten starben nicht im Stellungskrieg, sondern in Eis- und Felsabbrüchen, unter einer Lawine, an Kälte und Höhenkoller. Allein Indien gibt für diese arktische Materialschlacht über zwei Millionen Dollar aus - pro Tag. Sie ist zu einem Sinnbild für die Unversöhnlichkeit der zwei Staaten geworden. Jeder Soldat kämpft im Namen seines Vaterlandes in dieser unwirtlichen Eiswüste, trotz Frostbeulen, ungenügender Ausrüstung und magerem Sold. Die heimkehrenden Gletschersöhne werden als Helden gefeiert und - verlassen sie die einsame Bergwelt in grobgezimmerten Holzsärgen - als Märtyrer verehrt.
Der historische Hintergrund des Kaschmirkonfliktes ist kompliziert, darin unterscheidet er sich nicht von anderen Territorialdisputen, wo ethnische und nationale Interessen sich überschneiden. Nach der Logik der britischen Kolonialverwaltung unter Admiral Mountbatten of Burma wäre 1947 bei der Teilung des Subkontinents in das muslimische West- und Ostpakistan (das heutige Bangladesh) und das hinduistische Indien das Fürstentum Kaschmir Pakistan zuzuschlagen gewesen. Denn es hatte eine muslimische Bevölkerungsmehrheit. Allerdings glich das Herrschaftsgebiet des aus der hinduistischen Dogra-Dynastie stammenden Maharadscha Hari Singh einem Flickenteppich: Das dichtbevölkerte Kaschmirbecken mit der Sommerhauptstadt Srinagar und die umliegenden Gebirgsregionen wiesen eine klare muslimische Mehrheit auf; in Jammu jedoch, dem Zentrum der die Macht der Dogra stützenden Hindus und Sikhs, bestand fast Parität, und der dünnbesiedelte Nordosten, das heutige Ladakh, war überwiegend buddhistisch.
In der Hast des Rückzugs aus Britisch-Indien liess man den Fürstentümern bei der Wahl ihres zukünftigen Staates freie Hand. Der Maharadscha pokerte hoch - und verlor. Unschlüssig bat er am Unabhängigkeitstag vom 15. August 1947 die zwei neuen Staaten um ein Stillhalteabkommen. Nach indischer Darstellung drangen daraufhin pakistanische Stammeskrieger, Pathanen, ins Kaschmirtal ein, um Singh mit Gewalt eine Entscheidung aufzuzwingen. Dieser sah sich genötigt, Delhi um Hilfe zu bitten. Sie wurde ihm gewährt, allerdings erst, nachdem er am 26. Oktober 1947 den Beitritt zu Indien erklärt und damit seine Entmündigung unterzeichnet hatte. Pakistanische Historiker berichten dagegen von kaschmirischen Angriffen auf Muslime in Jammu und angrenzenden pakistanischen Dörfern, von Massakern und Fluchtbewegungen. Erst diese hätten eine Intervention pathanischer Freischärler «unausweichlich» gemacht. Die wiederum habe die Inder auf den Plan gerufen.
Wie immer die historische Abfolge der Ereignisse ausgesehen hat, im Herbst 1947 befanden sich die zwei Nationen im Krieg, beide mit Truppenteilen, die noch immer von britischen Offizieren kommandiert wurden. Ein vom Uno-Sicherheitsrat vermittelter Waffenstillstand führte 1948 zum Rückzug der Armeen hinter die Demarkationslinie. Nach zwei weiteren Kriegen wurde diese 1972 im Abkommen von Simla formal als «Line of Control» festgeschrieben. Kaschmir, das «Herz», war zersplittert; ein Stück im Westen hiess nun Azad Kaschmir, der nördliche Teil wurde Pakistans Northern Areas zugeschlagen, der Süden wurde zum indischen Unionsstaat Jammu und Kaschmir, und in den nordöstlichen Rand hatte sich China festgebissen. Das in zwei Uno-Resolutionen den Kaschmiri zugesicherte Selbstbestimmungsrecht wurde zu Makulatur.
Nach all den Kriegen ist Delhi der Ansicht, die Situation in Jammu und Kaschmir sei eine «interne Angelegenheit». Für Pakistan jedoch ist die «historische Ungerechtigkeit» unverdaut - wohl unverdaubar, weil das Land seit der Entkolonialisierung Demütigungen wie den von Indien geförderten Verlust Ostpakistans erleiden musste. Sein Stolz ist gekränkt: Wirtschaftlich ist Pakistan ohne ausländische Hilfe kaum überlebensfähig; die Demokratie ist Stückwerk geblieben, etwa die Hälfte der Zeit sassen Generäle am Steuer, in der anderen sprungbereit auf dem Rücksitz. Militärisch ist man Indien konventionell weit unterlegen, nur im nuklearen Bereich hat man nach den Atomtests von 1998 Parität erlangt. Unterhalb des nuklearen Schlagabtausches kann Pakistan Indien Nadelstiche versetzen, mehr nicht.
Aber diesen Nadelstichen und ihrer Abwehr sind in den letzten zehn Jahren in Kaschmir über 30 000 Menschen zum Opfer gefallen. Nach einem Volksaufstand versuchen seit 1989 mehrere Untergrundorganisationen, mit Hilfe des pakistanischen Geheimdienstes die indische Herrschaft in die Knie zu zwingen. Delhi hat noch keine überzeugende Antwort formuliert: Jammu und Kaschmir ist am Gängelband der Zentralregierung, seine Bevölkerung wurde politisch entmündigt. Tausende von Polizisten, Soldaten, Geheimdienstmitarbeitern «schützen» das Gebiet gegen den «Terror». Die Opfer sind mehrheitlich Zivilisten.
Einige Guerillagruppen sind dem Separatismus verpflichtet, andere kämpfen den Jihad, den «heiligen Krieg», mit Anhängern aus Pakistan, vermutlich aber auch aus Afghanistan und anderen arabischen Ländern. Islamabad bezeichnet den Kampf als Befreiung und Widerstand, Indien nennt ihn Terror. Beiden Seiten dient er zur Rechtfertigung einer - angesichts der enormen sozialen Missstände - grotesken Aufrüstung. Aus dem Konflikt lässt sich innenpolitisch Kapital schlagen, und er dient als Ventil: Kaschmir ist das Flussbett für islamistische Strömungen, die in Pakistan, wenn sie einen anderen Lauf nehmen, die Herrschaft der Generäle gefährden könnten. In Indien beruhigt das sture Festhalten am Status quo Hindu-Nationalisten, die in ihrem Kulturchauvinismus zur «Rettung» Kaschmirs am liebsten sofort in den Krieg ziehen würden.
Es ist nicht auszuschliessen, dass sich nach dem 11. September 2001 auch festgefahrene Positionen im Kaschmirkonflikt aufweichen. Pakistan ist über Nacht zum Frontstaat gegen den Terrorismus geworden, hat sich auf die Seite Washingtons geschlagen, erhält plötzlich wieder Geld und diplomatischen Zuspruch, muss dafür aber im eigenen Land Islamisten an die Kette legen. Indien wiederum sieht in der Bildung einer weltumspannenden Anti-Terror-Koalition eine Stärkung seiner Politik, es pocht darauf, Anschläge in Srinagar oder Jammu gleich zu behandeln wie solche in New York. Will Delhi aber Solidarität bei der Terrorbekämpfung auch in Kaschmir, wird der Konflikt internationalisiert. Genau dies fordert von jeher Pakistan.
Dies allein jedoch löst das Problem nicht. Ob das Gebiet einen Autonomiestatus erhält, aufgeteilt wird auf der Basis eines bezirksweise durchgeführten Plebiszits oder ob der Status quo völkerrechtlich verankert wird - Dreh- und Angelpunkt einer Verständigung sind Delhi und Pakistan, nicht Untergrundarmeen, nicht die Kaschmiri, schon gar nicht Drittstaaten. Beide Staaten müssten innenpolitisch unpopuläre Konzessionen machen. Und solange der Wille dazu fehlt, werden nordöstlich von NJ9842 Soldaten mit klammen Fingern Artilleriegeschütze nachladen - und sei es nur, um eine Eiswüste zu zerbomben, die man sein eigen nennen will.
Markus Spillmann ist NZZ-Auslandredaktor.