NZZ Folio 03/98 - Thema: Die Geburt   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Gedichte, die keine sind

Von Wolf Schneider

ES IST JA WAHR: Auf Mensch lässt sich so wenig ein Reim finden wie auf Apfel, und umgekehrt: Was sich so glatt reimt wie Herz auf Schmerz, das findet Beifall nur bei kindlichen Gemütern. Reim muss nicht sein, die antike Lyrik kannte ihn nicht, der junge Goethe verschmähte ihn, und überwiegend reimlos sind die schwungvollen Verse der Schillerschen Dramen. Zum Vers aber gehörte bis in unser Jahrhundert unangefochten das Metrum, das rhythmische Mass, wie in der «Jungfrau von Orleans»:

Lass mich! Es ist der Freude Drang, der mich

Zu deinen Füssen niederwirft, ich muss

Mein überwallend Herz vor Gott ergiessen.

Doch das ist lange her. Gereimt wird heute meist nur noch für Familienfeiern («Dank allen Gratulanten, dem Onkel und den Tanten»), und das Versmass ist seit Bert Brecht aus der Mode gekommen. «Auf der Flucht vor meinen Landsleuten bin ich nun nach Finnland gelangt», berichtet Brecht. «Freunde, die ich gestern nicht kannte, stellten ein paar Betten ins saubere Zimmer.» Das ist Prosa, ungebundene Rede, weder dem Reim noch dem Rhythmus verpflichtet. Aber Brecht hat den Text «Gedicht» genannt und ihn so geschrieben:

Auf der Flucht vor meinen Landsleuten

Bin ich nun nach Finnland gelangt.

Freunde,

Die ich gestern nicht kannte, stellten ein paar Betten

Ins saubere Zimmer.

Warum dieser erkünstelte Zeilenfall? Er ändert ja nichts am Prosacharakter. Er verlangsamt freilich die Lektüre und legt dem Leser nahe, nach Hintersinn zu grübeln. Das scheint dem Autor zu gefallen. Ohne all den Aufwand an Zeit, Phantasie und Sprachgefühl, den das Versmass und erst recht der Reim erfordern würde, heimst er einen Teil jenes Respektes ein, der aus dem optischen Eindruck, hier sei ein Gedicht entstanden, folgt.

Die Mode, die Prosa mit graphischen Mitteln zur Lyrik aufzuputzen, ist indessen etlichen zeitgenössischen Poeten nicht mehr modern genug. Statt ihren Text nur zu zerstückeln, spielen sie auch noch innerhalb der Zeilen mit künstlichen Zäsuren wie Sepp Mall (kürzlich in der NZZ):

Wer weiss / wer

diesen Ort so

genannt hat / Heimat

: Das gelbe Gras / zwischen

Gleis und Autobahn

! Ein Doppelpunkt am Anfang der Zeile - die Interpunktion vor dem Text! Ulla Hahn, oft gedruckt in der «Frankfurter Allgemeinen», hält es umgekehrt mit der Tilgung aller Satzzeichen (ein Komma ausgenommen, das den Pol der Sinnlosigkeit markiert):

Gott und alle Engel sollten ihn schützen

Wen Den der da liegt Wo liegt Wo

Gras wächst liegt er wie man so

auf, Wiesen liegt die Beine ein wenig

gespreizt entspannt die Sprache

eines Körpers der schläft

Treffe mich, Tiefsinn, lasse mich jauchzen! Deutscher Grammatik angenähert, läse sich der Text vermutlich so: «Gott und alle Engel sollten ihn schützen! Wen? Der da liegt. Wo liegt? Wo Gras wächst, liegt er, wie man so auf Wiesen liegt - die Beine ein wenig gespreizt, entspannt, die Sprache eines Körpers, der schläft.»

In vollen Zeilen geschrieben und mit jenen schönen Lesehilfen versehen, die man Interpunktion nennt, bleibt der Text poetisch und schwierig genug; nun könnte man ihn als Prosagedicht würdigen, einer Gattung zugehörig, die in Frankreich mit Baudelaire und Rimbaud berühmt geworden ist. Wie er statt dessen gedruckt wurde, ins kaum noch Lesbare verfremdet, nährt er den prosaischen Verdacht, hier werde mit Hilfe des Zerhackers eine Aura von Tiefsinn produziert.

Versmass hin oder her - der Reim hat natürlich auch Nachteile. In Kinderversen, Volksliedern, Bauernregeln ist er dermassen populär, dass ein Geist, der zu Höherem strebt, sich eben dadurch abgestossen fühlen könnte. Die Sprache zwingt er in ein Korsett, das zuweilen zwar grossartige Gedankensprünge provoziert, häufig aber krampfhaftes Bemühen, bei dem auch Grossmeistern Verse unterlaufen wie: «Ich bin die Ruhe zwischen zweien Tönen, / die sich nur schlecht aneinander gewöhnen» (Rilke), und elende Reime wie widow auf forbid too (Byron) oder Zweige auf Gesträuche (Goethe, vermutlich durch seine Frankfurter Mundart begünstigt, in der es ja annähernd Zwoiche heisst).

Daneben aber: welche Meisterschaft, welches Vergnügen! Die äusserste Verdichtung: «For what is left the poet here? / For Greeks a blush - for Greece a tear» (Byron über seine traurigen Erfahrungen in Griechenland). Der volksliedhafte Ton, in dem Heine Meister war:

Melodisch kann ich wieder klagen

Von grossem Lieben, grössrem Leiden,

Von Herzen, die sich schlecht vertragen

Und dennoch brechen, wenn sie scheiden.

Eben in der Fülle des Gelungenen aber liegt womöglich eine Entmutigung für die Lyriker von heute. Alles ist schon dagewesen, und wer nicht besser sein kann, der versucht, anders zu sein um fast jeden Preis - weg vom «göttlichen Hopsasa», wie Nietzsche es nannte, hin zu der Forderung von Ossip Mandelstam: «Aus guten Gedichten kann man heraushören, wie die Schädelnähte gesteppt werden.» Bravo! Wenn wir doch dabei nur um Punkt und Komma bitten dürften und vielleicht um den Verzicht auf Zeilentänze.




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