Ein diskretes Paket habe ich erwartet, aber nun weiss es der Briefträger, und es weiss es die Nachbarin: ich besitze jetzt die Brau-Utensilien für den Heimbrauer. Im durchsichtigen Plasticsack standen sie vor der Haustür. Und dabei dachte ich doch, als ich mich zum Brauen entschloss, auch an die heimlichen Schnapsbrenner im Seeland: Im düsteren Raum, wo sie jahraus, jahrein Kartoffeln für die Säue kochten, haben sie hin und wieder nach sorgfältiger Vorbereitung Kartoffeln zu Hochprozentigem verarbeitet. Verboten war's, und damit der Dorfpolizist mit einigermassen gutem Gewissen behaupten konnte, er habe keinen Härdöpfeler-Duft in der Luft festgestellt, wurden nebenher noch Leder, Horn und alte Decken verbrannt.
Nun denn, öffnen wir den indiskreten Sack: Gärfass, Trichter, Schlauch und Thermometer - doch wo bleibt die Software? 900 Gramm Malzextrakt in zwei Konservengläsern, Hopfen und Hefe, zündholzbriefchengross eingeschweisst, das ist alles. Und daraus soll Bier werden?
Einen ganzen Samstagmorgen hatte ich mir fürs Brauen reserviert, vorerst wollte ich nur die Brauanleitung lesen, um die Vorfreude etwas zu kitzeln. Aber wo ist diese Anleitung? Sollten die zehn Punkte auf der Verpackung schon alles sein? Offensichtlich, denn da ist nur noch ein Zettel mit Tips, Tricks und Hinweisen für Fortgeschrittene. Bierbrauen ist ein Kinderspiel, und weil's kaum anderthalb Stunden braucht, fangen wir gleich an, die Kinder können helfen, so sehen sie, woher die Nahrung kommt.
Vorsicht, Feinde! Wie der Schnapsbrenner den Dorfpolizisten, so fürchtet der Heimbrauer die Bakterien. Unsichtbar sind sie, die wilden Bakterien, unsichtbar und dort, wo man sie zuletzt erwartet. Allüberall müssen sie deshalb radikal bekämpft werden, vom Dosenöffner über den Thermometer bis zum Zapfhahn ist alles zu desinfizieren, zu sterilisieren, radikal. Wie in einer Spitalapotheke riecht es in der Küche und in der halben Wohnung, und der Tochter kommt in den Sinn, dass sie noch Hausaufgaben hat.
Es kann losgehen. Stop. Erste Schikane: Sind noch 350 Gramm Zucker im Haus? Ja, knapp. In zwei Liter Wasser werden sie aufgekocht, der Malzextrakt und die Hälfte der Hopfenkrümel, die an Meerschweinchenfutter erinnern, kommen hinzu, leicht kochen muss die Brühe, eine halbe Stunde lang. Der Dampfabzug ist überfordert, und in der Küchentür erscheint die Tochter: «Muss das so riechen?» Wie soll das der Erstbrauer wissen? Zugegeben, an Bier erinnert der Duft nicht im entferntesten, aber wenn früher Härdöpfeler gebrannt wurde, roch es auch anders im Dorf.
Es ist so einfach: Die kochende Brühe nach einer halben Stunde vom Feuer nehmen und die restlichen sie- ben Gramm Hopfen hineinkrümeln, zugedeckt zwanzig Minuten ziehen lassen, ins Gärfass umschütten, neun Liter Wasser hinzufügen, kräftig umrühren und, sobald alles auf rund 20 Grad abgekühlt ist, die Trockenhefe einrühren. Gärfass zu, Schluss. Alles ist nun den Hefebakterien überlassen, während fünf bis zehn Tagen brauchen sie möglichst konstant 20 Grad. «Soll das in der Wohnung bleiben?» So lautet die erste Frage, und die zweite: «Zwei Wochen lang dieser Geruch?»
Ein ausgesprochen patenter Hausgenosse ist das Gärfass: Braucht nichts, steht still in der Küchenecke, rülpserartig entfährt der Gärglocke ab und zu etwas Kohlensäure, fast geräuschlos und absolut geruchlos. Aber, ist das richtig so? Es gärt der Zweifel: Ist da nicht eine Horde wilder Bakterien am Werk, lauter Nachfahren der einen, die das Desinfizieren überstand? Sollte ich nicht die Heizung einschalten, damit zwanzig Grad konstant garantiert sind? Wie konnte ich nur Leitungswasser nehmen, wo ich doch weiss, dass Wasser mehr als das halbe Bier ist! Beinhartes Leitungswasser, das für jeden Goldfisch Gift ist, mutete ich den zarten Bierhefebakterien zu, verständlich, wenn sie jetzt mit Verdauungsbeschwerden darniederliegen und nur ab und zu ein Windlein fahren lassen.
In den Tagen des Zweifels flackert eine kleine Hoffnung auf: Falls alles misslingen sollte, war es dann wenigstens verboten wie das Schnapsbrennen? Oberzolldirektion, Hauptabteilung Recht und Abgaben, Sektion Tabak- und Bierbesteuerung, Sektionschef Luminati Nicola: «Brauen für den Eigenbedarf problemlos, Abgabe an Dritte steuerpflichtig.» Und Abgabe an der Gartenparty? «Theoretisch steuerpflichtig, aber wir sind nicht kleinlich.» Abgabe als Weihnachtsgeschenk? «Steuerpflichtig, aber wir können nicht jedem einzelnen über die Schulter schauen.»
Meine Geschenksorgen bin ich damit für alle Zeiten los. Zwar wissen nun Freunde und Bekannte, was im Advent auf sie zukommt, zwar kennen nun die Oberzöllner eine Schulter, über die sie schauen können. Aber die Vorfreude hat ihren unbestrittenen Reiz, auch die Vorfreude aufs Erwischtwerden. Der Voranschlag für das originelle selbergemachte Geschenk sieht vielversprechend aus: 100 Rappen für die 5dl-Bügelflasche, 100 Rappen für den Inhalt, 18,145 Rappen für den Staat.
Woher nach all den Zweifeln die Zuversicht kommt? Nein, kein Schluck meines Bieres ging bis jetzt eine Kehle runter. In Flaschen lagert es geduldig der Trinkreife entgegen. Aber es ist auf besten Wegen, denn während des Abfüllens hat die Tochter kurz reingeschaut und sofort festgestellt: «Es stinkt nach Bier.»
Ruedi Helfer, Redaktor bei Radio DRS, lebt in Bremgarten bei Bern.