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NZZ Folio 12/08 - Thema: Geschwister Inhaltsverzeichnis
Elisabeth, Jodok, Katharina, Anton, Roman, Hans Ulrich, Christian, Maria, Matthias, Josef und ich.
© Georg Sutterlüty
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| Roman, Georg, Jodok, Elisabeth, Katharina, Anton (v.l.h.R.), Hans Ulrich, Josef, Mutter Christine, Maria, Vater Anton, Matthias, Christian. |
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Der Viertälteste erzählt vom Leben in einer österreichischen Grossfamilie.
Von Georg Sutterlüty
Ich habe zehn Geschwister im Verhältnis von sieben zu drei, das heisst sieben Brüder und drei Schwestern. Und alle haben denselben Vater und dieselbe Mutter. Zumindest hat es darüber bis jetzt nie Zweifel gegeben. Es sind keine Zwillinge unter meinen Geschwistern. Meine Mutter war also elfmal schwanger – das erste Mal war sie 26, das letzte Mal 44. Das macht in der Summe genau 18 Jahre Altersunterschied zwischen dem ersten und dem letzten Kind, sprich eine Generation. In Nettozeit gerechnet war meine Mutter achteinviertel Jahre in Erwartung, bis wir alle da waren: Elisabeth, Jodok, Katharina, Georg, Anton, Roman, Hans Ulrich, Christian, Maria, Matthias und Josef.
Meine Eltern betrachteten diesen Kinderreigen als ein Geschenk der Natur. Für sie wäre es ein Frevel gewesen, diese in ihrer höchsten Entfaltung einzuschränken. Dahinter steckten vor allem religiöse Gründe, mein Vater glaubte penibel an die Lehren der katholischen Kirche. Er selbst hatte neun Geschwister. Seinen Vater, den ich nur aus Erzählungen kenne, stelle ich mir vor wie meinen heute: grauhaarig, mit einem breiten, rundlichen Gesicht und kleinen, ruhenden Augen – einen Patriarchen, der sorgvoll über seine Schäfchen blickt. Meine Mutter hat aus dem Kinderkriegen ihren Lebenssinn gemacht. Nicht die Hausarbeit gefiel ihr, die hätte sie lieber abgegeben, sondern das Glücksgefühl jedes Mal, nachdem sie einem so winzigen Knopf zum ersten Atem verholfen hatte. Dieser würde nun heranwachsen, sich an sie schmiegen, ihr am Rock zupfen, ihr schliesslich Hunderte von Sorgen machen.
Eigentlich passte sie so gar nicht in den Ort, in den mein Vater sie geführt hatte. Sie kam aus dem flachen, weiten Niederösterreich in unser 3000-Seelen-Dorf in den Vorarlberger Voralpen, wo sich jeder kennt, wo sich die Nachbarn auf die Zehen treten. Das Anderssein konnte sie nicht abschütteln. Noch heute färbt ihr ursprünglicher Dialekt unüberhörbar ihre Sprache.
Ich kann nicht behaupten, dass das Aufwachsen in einer Grossfamilie ein Leichtes sei. Die ständige Furcht, eins auf den Kopf zu kriegen, und dann auf der anderen Seite das eigene Sendungsbewusstsein, den jüngeren Geschwistern den richtigen Weg zu weisen. Das System funktionierte nach einem ganz einfachen Prinzip. Meine ältesten Geschwister übten eine Art Elternfunktion aus, gaben also die Marschroute vor, regierten von oben nach unten. Mein älterer Bruder Jodok war für mich die härteste Nuss. Er wusste um meine Reizbarkeit, machte mich ständig an. «Gerade Bogen» nannte er mich, weil ich so mies die Geige spielte und meinen Bogen in alle Richtungen führte, was wiederum meinen Geigenlehrer zur Weissglut brachte, der mir dann ein «gerade Bogen!» zuschleuderte. Meine beiden älteren Schwestern Elisabeth und Katharina waren nicht grob, dafür sehr belehrend. Ich musste alles so ausführen, wie sie es für passend hielten. Setzte ich beim Zeichnen einen Strich zu holprig, wurde der sofort korrigiert. Einmal zogen sie mir in ihrer Bestimmtheit Mädchenkleider an, was ich als den schlimmsten aller Albträume empfand.
Ich selbst konnte sehr jähzornig sein, und das bekamen dann meine jüngeren Geschwister zu spüren. Meinen nachfolgenden Bruder Anton habe ich eher verschont, ihn empfand ich als meinen Verbündeten. Wir spielten zusammen Fussball, gingen gemeinsam ins Sommerlager, hatten grundsätzlich viel miteinander zu tun. Zu meinem nächsten Bruder Roman war ich strenger, doch am strengsten war ich – wie alle anderen auch – zu Hans Ulrich. Keiner brach so oft die Hausregeln wie er. Wenn wieder einmal eine Schokolade fehlte, fiel sogleich der Verdacht auf ihn, und dafür musste er hart büssen. Er war eine Art Projektionsfläche für die Schwächen, die man selber hatte und nicht los wurde. Ebenso hatte es meine jüngste Schwester Maria, die – als neunte unserer Gruppe eingekeilt zwischen so vielen Brüdern – ihre Mädchenrolle nicht richtig ausleben konnte. Als mein jüngster Bruder Josef zur Welt kam, vergoss sie bittere Tränen, weil sich ihr Wunsch, eine verbündete Schwester zu kriegen, nicht erfüllt hatte.
Lange Zeit quälte mich die Tatsache, einer Grossfamilie anzugehören. Ich tat mich schwer, mich mit ihr zu identifizieren. Ich schämte mich. Nirgendwo gab es in meinem Umfeld eine Familie mit so vielen Köpfen, ausgerechnet ich musste einer solchen angehören. Und dann die unsäglichen Hänseleien! Ob meine Eltern noch nie etwas von Verhütungsmitteln gehört hätten? Oder: Ob mein Vater auch noch einem anderen Beruf nachginge? Dazu die unzähligen Vorstellungen, die nicht böse gemeint waren, mich aber nervten: Meine Mutter müsse aber mit grossen Töpfen kochen! Wie lange meine Mutter wohl brauche, die gesamte Wäsche zu erledigen? Zwei Jahrzehnte lang fast jedes Jahr schwanger und wirklich keine Zwillinge dabei!?
Als Heranwachsender kam man sich da wie ein Aussenseiter vor, der für etwas Rechenschaft ablegen musste, für das er nicht das Geringste konnte. Und ich glaube, vielen meiner Geschwister ging es ähnlich. Das hatte leider auch zur Folge, dass ich mich für meine jüngeren Geschwister schämte. Statt für sie den grossen, starken Bruder zu spielen, ging ich ihnen in der Öffentlichkeit lieber aus dem Weg. Unvergesslich für mich, als mir in der Schule mein Bruder Anton zu Hilfe eilen wollte, als ein Mitschüler gegen mich die Fäuste ballte. Mein Gegner warf sich dann auf ihn, und ich blickte nur weg, als wäre Anton nie mein Bruder gewesen.
Heute sehe ich unsere Familiengeschichte entspannter. Schliesslich waren wir eine äusserst coole Truppe, die viel miteinander unternahm. Unser Vater zeigte uns einen Berg nach dem anderen. Um fünf Uhr morgens sind wir aufgestanden, es war noch dunkel, als wir losgingen. Dann wanderten wir um die Wette, wer zuerst den Gipfel erreichen würde. Als letztes stapfte der Vater daher. Wir jodelten, lauschten auf das Echo, badeten unsere Füsse in eiskalten Gebirgsbächen und fielen abends todmüde ins Bett. Und die Reisen zu unserer Oma nach Niederösterreich! Als wir alt genug waren, durften wir die Fahrt quer durch Österreich allein antreten: acht Stunden mit dem Zug nach Wien, dort dann mit der U-Bahn durch die Stadt zum nächsten Bahnhof, wo wir in einen Regionalzug stiegen. So was konnten nur richtige Städter unternehmen, keine Landeier, wie meine Mitschüler es waren, die bleich wurden, wenn ich ihnen wieder von dieser unglaublichen Weltstadt erzählte.
Unsere Familie war über das Dorf hinaus bekannt, nicht nur weil mein Vater Bürgermeister war und schon deshalb die Blicke auf uns ruhten, sondern weil jedes Kind irgendetwas gut konnte. Elisabeth spielte begnadet Klavier, Jodok gehörte zu den Computerfreaks, Anton konnte jedes kaputte Elektrogerät reparieren, und ich war der Fussballstar im Dorf. Ich war sicher auch stolz auf unsere grosse Gemeinschaft. Jeder von uns spielte ein Instrument, die meisten übten zwar nicht gerade fleissig, aber die Musik einte uns. An Geburtstagen, von denen es fast jeden Monat einen gab, sangen wir Lieder, spielten zusammen Karten oder vollführten sonstige Spasswettkämpfe. Unser Haus muss ständig gebebt haben. Wir sägten Möbel an, bemalten Vorhänge, und einmal legte einer meiner Brüder im Haus ein Feuer, das aber rechtzeitig gelöscht werden konnte.
Mittlerweile sind wir alle erwachsen. Meine beiden jüngsten Brüder haben vor einem Jahr das Elternhaus verlassen. Es ist ruhig geworden in unserem Haus. Die Gelegenheiten, an denen wir alle gemeinsam an einem Tisch sitzen, werden immer seltener. Meist zu Weihnachten. Wie früher singen wir dann Weihnachtslieder, nur nicht mehr mit der gleichen Inbrunst. Meinen Vater schmerzt das sehr. Es hat sich viel verändert. Es ist erstaunlich, dass aus uns Menschen mit so unterschiedlichen Charakteren geworden sind, obwohl wir über Jahre so vieles geteilt haben.
Meine älteren Geschwister sind bodenständig geblieben. Sie sind verheiratet, haben Kinder und wohnen fast alle im Dorf. Elisabeths Familie hat neben unserem Elternhaus gebaut. Ihre Söhne spielen Instrumente. Wie wir treten sie bei feierlichen Anlässen auf. Katharina ist bereits anders. Sie hat einen Bauern geheiratet, hat sich in der neuen Familie freien Raum geschaffen. Ich bin richtig ausgeschert, habe praktisch gegen alles rebelliert. Ich würde meinem Vater, wenn er noch für ein politisches Amt kandidieren würde, die Stimme nicht geben, aus rein ideologischen Gründen. Ich bin auch aus der Kirche ausgetreten, vielleicht mehr aus Protest als aus Überzeugung. Anton ist mir ähnlich, nur tritt er wesentlich diplomatischer auf als ich. Auch er kehrte der Kirche den Rücken, sucht seinen eigenen Weg. Roman hingegen hält an den familiären Wurzeln fest. Er wohnt und arbeitet im Dorf, ist verheiratet, engagiert sich in Vereinen. Hans Ulrich ist der einzige Handwerker unter uns. Er macht sich wenig Gedanken über alles. Er arbeitet und lebt. Christian und Maria wissen nicht so recht, wohin sie gehören. Es drängt sie in die Welt, doch sie kommen nicht vom Fleck. Und schliesslich meine beiden jüngsten Brüder, sie verkörpern das Klischee des Nachzüglers. Sie sind anders geraten als ihre älteren Geschwister, als würden die Normen und Ideale, mit denen wir aufgewachsen sind, für sie nicht gelten. Beide sind in eine Stadt gezogen, leben ihre Freiheit.
So verschieden wir sein mögen, trotz alldem habe ich den Verdacht, dass es ganz im Tiefen ein gemeinsames familiäres Fundament gibt, auf dem alles gewachsen ist. Ist es die elterliche Liebe, die uns geformt hat? Oder der süssliche Duft des Weihrauchs, wenn zu Ostern die Zimmer gesegnet wurden? Ich weiss es nicht. Auch wenn wir alle unterschiedlich denken und handeln mögen, scheint unser Tun von derselben Quelle gespeist zu sein. Nur äussert sich dies bei jedem auf seine eigene Weise, und das verbindet uns wahrscheinlich ein Leben lang.
Georg Sutterlüty ist Volontär im Auslandressort der NZZ.
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