Anekdote aus dem Jahr 1991: Die Mitglieder der föderativen Regierung der Tschechoslowakei stellten sich, festlich gekleidet, vollzählig zu einem feierlichen Staatsakt in einem der historischen Gebäude ein, an denen das goldene Prag so reich ist. An ihren Ehrenplätzen angelangt, liess einer der Minister seinen Blick kritisch den hohen Wänden entlanggleiten, und dann flüsterte er dem neben ihm sitzenden Ministerkollegen ins Ohr: «Du, zu unserer Zeit waren die Fenster aber in einem besseren Zustand.»
Die beiden Minister hatten - Klischeekarriere, sagt man dazu in Prag heute - unter dem gestürzten kommunistischen Regime als Fensterputzer ihr Brot verdient. Die Zahl hochstehender Intellektueller, die in den Jahren nach der Erdrosselung des Prager Frühlings 1968 ihre Stellen verloren hatten und sich gezwungen sahen, Arbeiten höchst anspruchsloser Art zu verrichten, ist Legion. Der heutige Rektor der Karls-Universität, Professor Radim Palou?, ein Philosoph, schlug sich vor 1989 als Heizer durch, ebenso wie der gegenwärtig als Aussenminister amtierende Jirí Dienstbier; dessen Weg hatte vom linientreuen Radiokorrespondenten in Amerika über den Ausschluss aus der Kommunistischen Partei (1969) zum Dissidententum geführt, zur Opposition, die ihm 1979 bis 1982 Gefängnis wegen «subversiver Tätigkeit» eintrug. Bei seiner Berufung in die neue Regierung nach der «samtenen Revolution» liess Dienstbier ausrichten, er nehme den Posten an, man möge sich aber einige Tage gedulden; solange keine Ablösung eintreffe, müsse er seinen Dienst als Heizer weiter versehen; die Bewohner des von ihm betreuten Prager Hauses dürften nicht frieren.
Aufzählen unter den vielen liesse sich die Symbolfigur des Prager Frühlings selbst, Alexander Dubcek - ihn schoben die von Moskaus Gnaden regierenden Machthaber 1969 für eine Weile als Botschafter in die Türkei ab, dann verlor er vollends Rang und Würden und ging zuletzt als Forstwirtschaftsangestellter in der Slowakei in Pension; den Rentner holte die Revolution wieder nach Prag, wo er jetzt das Amt des Präsidenten im föderativen Parlament innehat. Sein nächster Berufskollege, der Vorsitzende der Kammer des tschechischen Landesteils, Rudolf Battek, hat als einstiger Oppositioneller sieben Jahre Gefängnis und - auch er - die Laufbahn eines Schaufensterputzers hinter sich. Dass der Präsident der Republik selber, der Schriftsteller Václav Havel, als Gegner des Husák-Regimes und Mitbegründer der Charta 77 mehrmals zu Gefängnisstrafen verurteilt wurde, ist wohlbekannt; überraschender wirkt die Mitteilung über Havels Leben, wonach das heutige Staatsoberhaupt Mitte der siebziger Jahre als Arbeiter in einer Brauerei sein Auskommen fand.
Und dann wären unter den Seltsamkeiten von Prager Lebensläufen Hinzu- oder eher Zurückgekommene zu nennen: der in Österreich aufgewachsene und als Unternehmer tätige Karl von Schwarzenberg, aus altem Adel und dem Titel nach ein Fürst, der sich dem neugewählten Präsidenten Havel gleich zur Verfügung stellte und Anfang 1990 die Leitung von dessen Kanzlei übernahm. Oder ein Fall von andrer Art: die Laufbahn Pavel Tigrids, der zurzeit als politischer Berater des Präsidenten tätig ist. Tigrid flüchtete im Frühjahr 1939 vor den Nazis aus Prag, diente in der britischen Armee und arbeitete für die tschechischen Sendungen der BBC. Bei Kriegsende kehrte er in seine Heimat zurück, 1948 verliess er das Land erneut.
In Paris leitete er lange Zeit die für das freie tschechische Geistesleben wichtige Exilzeitschrift «Svedectví». Den verfolgten Václav Havel beschwor er wiederholt, statt ins Gefängnis zu gehen das Ausreiseangebot der kommunistischen Behörden anzunehmen und bei «Svedectví» sein Nachfolger zu werden. Havel lehnte ab. Nach Paris kam er erst viel später, da allerdings schon als Staatsoberhaupt und Gast Präsident Mitterrands. Nun war die Reihe an ihm: Jetzt redete er Tigrid zu, nach Prag zu ziehen; das Alter spiele keine Rolle, dies seien nicht Zeiten, in denen man sich zur Ruhe setze, das Land brauche ihn. Und Tigrid nahm an.
Die Dichte sonderbarer Laufbahnen in der Tschechoslowakei von heute hat zwei Ursachen: die in diesem Land bis zuletzt bestehende besondere Sturheit der kommunistischen Diktatur sowie den vorab von Intellektuellen mit friedlichen Mitteln getragenen Widerstand. Dass das Regime, das vorgab, im Namen der Arbeiterklasse die Macht auszuüben, seine Herausforderer mit Vorliebe bestrafte, indem es ihnen das Los einfacher Arbeiter aufzwang, war einer der grotesken Widersprüche, an denen hinter dem Eisernen Vorhang nie Mangel herrschte.
Frauen hatten an der Opposition ihren Anteil. Sie stellten Sprecherinnen der Charta 77, standen vor Gericht, wurden eingekerkert, und nicht zuletzt brachten sie die Familien oft jahrelang allein durch, wenn die Macht den Kampf ihrer Männer um Bürgerrechte mit Freiheitsentzug beantwortet hatte. Eine von ihnen, die Schriftstellerin Eva Kanturková, hat in einem Buch - «Verbotene Bürger. Die Frauen der Charta 77» - ihr Schicksal festgehalten. Dass sie dereinst im Ringen gegen den Einparteienstaat in vorderster Reihe stehen würde, war ihr, dem Kind einer Familie mit starken kommunistischen Sympathien, nicht an der Wiege gesungen worden. Frau Kanturek gehört einer Generation von Tschechen an, in der sich unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg viele vorbehaltlos mit den kommunistischen Idealen identifizierten; und die in den folgenden Jahrzehnten zwischen Ernüchterung und dem Glauben an die Reformierbarkeit des Systems schwankten, bis dann der Einmarsch der Warschaupakttruppen 1968 und die «Normalisierung» genannte Eiszeit alle ihre Hoffnungen begruben. Eva Kanturková gehört ausserdem zu jenen - nicht überaus zahlreichen - ehemaligen Kommunisten, die sich wegen ihres Mitläufertums schuldig fühlen und die eigene Vergangenheit nicht mit dem simplen Spruch abtun, sie hätten damals von den Verbrechen Stalins nicht gewusst, die wahre Natur ihrer Partei nicht gekannt.
Beim Gespräch in ihrem Prager Heim wirft sie tatsächlich gleich zu Beginn schon die Schuldfrage auf, obwohl wir erst dabei sind, die einzelnen Stationen ihrer merkwürdigen Karriere festzuhalten: KP-Mitglied 1946 mit 16 Jahren, verspätete Matur, da der Krieg die Schulzeit unterbrochen hatte; Geschichtsstudium, daneben Journalistin bei «Mladá fronta» und von 1956 an während zweier Jahre vollamtliche Sekretärin des Jugendverbands der KP. Die Enthüllungen über Stalin, die Aufstände in Posen und Budapest bringen für sie die erste schwere Krise, zu der die Partei durch ihren falschen Puritanismus beiträgt: eine Ehescheidung (die sie bereits hinter sich hat) passe nicht zu einer Funktionärin. Dass ihr zweiter Mann auch aus einer gescheiterten Ehe kommt, macht die Sache noch schlimmer. Er, Jirí Kanturek, zuvor ebenfalls Funktionär des kommunistischen Jugendverbands, wird für zwei Jahre Arbeiter in einer Pneufabrik, bevor er in der Partei erneut aufsteigt: Mitte der sechziger Jahre ist er Berater Antonín Kapeks, eines Ersatzmitglieds des Präsidiums der KPC, später wird er Fernsehkommentator. Eva Kanturková, eine Zeitlang im Verlagswesen tätig - dort, so erzählt sie, habe sie die Zensurmethoden kennengelernt -, arbeitet vor 1968 als Publizistin und freie Schriftstellerin.
Den grossen Einschnitt für die Kantureks, wie für so viele ihrer Landsleute, bringt die Vernichtung des Prager Reformexperiments. Macht, Einfluss, Wirkung sind dahin, die Partei, mit der sie sich nicht mehr identifizieren können, schliesst sie 1969 aus. Die Bücher der Schriftstellerin verschwinden aus den öffentlichen Regalen, ein fertiggestellter Film, der das Schicksal der Bauern in den fünfziger Jahren behandelt, kommt unter Verschluss und wird bei Besuchen nur sowjetischen Genossen als Beweis der «Konterrevolution» vorgeführt. Sie schreibt fortan für die Schublade und später für den Dissidentenverlag «Hinter Schloss und Riegel», der die Bücher als Maschinenschriften verbreitet. Ihr Mann findet in einem Amt der Stadtplanung Beschäftigung. Im Gegensatz zu seiner Frau unterzeichnet er die Charta 77 nicht, denn einer, so sagt sie, habe für die Familie Geld verdienen müssen. Ein höchst zweifelhafter Zug wird von Frau Kanturek nicht verschwiegen: Der frühere Protektor Kapek, jetzt in der höchsten Parteispitze und ein eifriger Förderer der von Moskau angeordneten politischen «Normalisierung», hält seine schützende Hand über den früheren Mitarbeiter, selbst dann noch, als sich Eva Kanturková für die Charta - während eines Jahrs auch als deren Sprecherin - voll engagiert.
Wegen des erwähnten Buches über die Frauen im Umfeld der Charta (es war in Deutschland gedruckt worden) kommt Frau Kanturek 1981 in Untersuchungshaft und wird zehn Monate lang ohne Anklage festgehalten. Ihr Buch über das im Frauengefängnis Erlebte ist in französischer Übersetzung («Les amies de la maison triste») vor kurzem in Lausanne herausgekommen. Die achtziger Jahre stehen für sie im Zeichen ständiger aufreibender Auseinandersetzungen mit der Polizei, die sie beschattet, ihr selbst aufs Land, wo die Familie ein Sommerhäuschen besitzt, stets mit mehreren Autos folgt. (Dieser amtlichen Begleitung verdankt sie ihre Popularität bei der Lokalbevölkerung; hier wird sie 1990 als Abgeordnete ins tschechische Parlament gewählt.) Zum letztenmal verbringt sie einen Tag im Gefängnis am 18. November 1989, nach dem Ausbruch der «samtenen Revolution» in Prag; zuvor geschah es immer wieder, dass die Polizei sie für 48 Stunden einsperrte, dann freiliess und gleich im Gefängnishof wieder festnahm: Den gesetzlichen Vorschriften über Präventivhaft war auf diese Weise Genüge getan.
Über das Bürgerforum, das Kind der Revolution, kehren die Kantureks in die Politik zurück: sie als Abgeordnete, die heute zu Jirí Dienstbiers liberaldemokratischer Bürgerbewegung gehört, er zuerst als leitender Redaktor und dann als Direktor des tschechoslowakischen Fernsehens. Die zwei Söhne haben Anteil an der Karriere: einer hält ein Mandat im föderativen Parlament, der andere ist stellvertretender Minister in der Regierung des tschechischen Landesteils. Etwas zuviel für eine Familie. Frau Kanturek, die ihren Standort heute ohne Zögern mit «rechts von der Mitte» angibt, verheimlicht denn auch nicht, dass die Beliebtheit mancher Dissidenten nicht von langer Dauer war. Jene, die eine kommunistische Vergangenheit aufweisen und heute wieder Schlüsselpositionen innehaben - der Fernsehdirektor Jirí Kanturek ist ein Paradebeispiel -, stehen unter starkem Druck der Öffentlichkeit. «Ich selber», schliesst Eva Kanturková, «fühle mich durch Angriffe solcher Art weniger betroffen, denn ich will künftig nur noch eines sein: Schriftstellerin.»
Begegnung mit einer anderen Frau in einer anderen Stadt: Magdalena Vásáryová, Botschafterin der Tschechoslowakei in Österreich, empfängt im Wiener Botschaftsgebäude. Mit Eva Kanturková gemein hat sie die seltsame Laufbahn, mag sie auch im übrigen völlig anders geartet sein. Die seit gut anderthalb Jahren amtierende Leiterin der Gesandtschaft ist eine ehemalige Schauspielerin. Frau Vásáryová, eine Slowakin, stammt aus Banskastiavnica und war bis vor kurzem ein gefeiertes Mitglied des Slowakischen Nationaltheaters in Bratislava (Pressburg). Alles Berufliche in ihrem Leben habe sich gegen ihren eigenen Wunsch abgespielt, erzählt sie und belegt die Aussage mit dem tatsächlich ungewöhnlichen Geständnis, sie sei weder als Schauspielerin noch als Diplomatin je fachgerecht ausgebildet worden. Die Begabung der Schülerin, die bereits mit 16 Jahren ihre erste Hauptrolle in einem Film spielte, wurde zwar früh entdeckt; doch studieren wollte sie selber nach ihrer Matur 1966 Mathematik. Zuletzt entschied sie sich indessen für Soziologie, eine zuvor als antimarxistisch verschriene Disziplin, die erst im Zeichen der Liberalisierung vor dem Prager Frühling wieder zugelassen worden war. Als sie 1971 ihr Diplom erhielt, wehten jedoch erneut eisige Winde im Land, un Frau Vá?áryová, die während ihrer Studienjahre immer wieder Filme gedreht hatte, blieb Schauspielerin.
Die Bühnenlaufbahn führte über zwei Kammertheater in Bratislava zuletzt ins Nationaltheater. Magdalena Vá?áryová spielte eine Reihe klassischer Rollen wie die Sophokleische Elektra, Shakespeare-Figuren und sämtliche Mädchengestalten in Tschechows Stücken. Engagements bei Film und Fernsehen kamen dazu. Eine drei Jahre dauernde Pause im Berufsleben folgte nach ihrer Heirat und der Geburt ihrer beiden Kinder, die heute mit ihr in Wien leben. Nicht so der Vater, Schriftsteller und Begründer eines Theaters, dem vor 1989 lange Publikationsverbot auferlegt war und der es heute geniesst, in Bratislava erneut seine Bühne leiten zu können. An der Seite der Botschafterin in Wien den «Prinzgemahl» zu spielen, dazu hat er keine Lust. Zum Glück aber liegt die slowakische Hauptstadt in Wiens Nachbarschaft. «Ich erwarte ihn heute abend, morgen muss er zu einer Aufführung wieder zurück», sagt Magdalena Vá?áryová. Sie selber fuhr im Frühjahr 1991 gelegentlich noch nach Bratislava zu Aufführungen zurück, weil ihre Verpflichtungen am Theater sich nicht von einem Tag auf den anderen lösen liessen. Sie trat auf - die Botschafterin. Wie war sie denn zur Diplomatin geworden? Sie beantwortet die Frage mit einem Bericht über die Schauspieler, die in den späten achtziger Jahren unter den slowakischen Intellektuellen den Widerstand in der ersten Reihe mitgetragen haben. Wegen der Einkerkerung Ján Carnogurskýs, des heutigen slowakischen Ministerpräsidenten, richteten sie einen offenen Protestbrief an Parteichef Husák. «Offen» hiess in diesem Falle, dass der Text in München von Radio Freies Europa gesendet wurde. Als dann die revolutionäre Woge im November die Tschechoslowakei ergriff, galt es, die Bevölkerung der Dörfer und der Kleinstädte zu gewinnen, sie zu informieren: «Ich bin damals Tag für Tag 300 bis 400 Kilometer kreuz und quer durch das Land gereist und habe an politischen Versammlungen gesprochen.» Die Anfrage des neuen Aussenministers, ob sie einen Botschafterposten akzeptieren würde, erreichte sie im Dezember 1989. Die Wahl sei auf sie gefallen wegen ihrer Fremdsprachenkenntnisse und auch aus dem Bedürfnis, zu den 36 neuen Botschaftern, die ernannt werden sollten, den Namen zumindest einer Frau hinzuzufügen. Bestärkt durch ihren Mann, der sie ermutigte, sich der neuen Aufgabe zu stellen, sagte sie schliesslich nach einer Bedenkfrist zu. In Prag erhielt sie in drei Monaten eine Grundausbildung und trat ihren Posten in Wien im Frühjahr 1990 an.
Nein, erwidert sie, der Bühne trauere sie nicht nach, sie habe die Abwechslung gesucht. Und am neuen Ort, als Leiterin einer grossen Botschaft und Vorgesetzte von zwölf Diplomaten, fühle sie sich wohl: Sie glaube, dass sie Kollegialität wahre; der Unterschied bestehe einzig darin, dass sie als Botschafterin für alles die Verantwortung zu tragen habe. «Im übrigen, sehen Sie», meint Magdalena Vá?áryová mit einem Lächeln, «kommt mir in meinem neuen Beruf vom alten so manches zugute: Ich weiss mich anzuziehen, aufzutreten, habe ein im Theater geschultes gutes Gedächtnis und verstehe es, meine Gefühle zu beherrschen.» Will sie bei diesem Metier bleiben, fühlt sie sich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere? Sie möchte sich nicht festlegen, gibt die Botschafterin zur Antwort. «Solange mein Land mich braucht, werde ich ihm dienen.» Doch stünden, so fügt sie gleich hinzu, in der Tschechoslowakei Wahlen bevor, und man wisse nicht, was sie brächten. Und dann habe sie eine Familie, deren Wort über die Gestaltung der Zukunft ins Gewicht falle. Auch sei ihr heutiger Beruf anspruchsvoll, anstrengend: Das, was normalerweise der Frau des Botschafters obliege, nämlich für ein gastfreundliches und repräsentatives Haus zu sorgen, müsse sie noch zusätzlich selber bewältigen. «Was mir fehlt, ist eine Frau», sagt sie zwinkernd, bevor sie sich vor dem Abschied noch einmal professionell gibt und sich nach der politischen Entwicklung in der Schweiz erkundigt.
Andreas Oplatka ist Auslandredaktor der NZZ.