NZZ Folio 11/01 - Thema: Indien   Inhaltsverzeichnis

Raucherfreuden -- Beedies - die exotische Alternative

Von Thomas Brunnschweiler

SIE SIND DÜNNER als Zigaretten, hellbraun, von Hand zusammengerollt und mit einem Faden zusammengebunden. Seit Generationen werden sie in Indien hergestellt und geraucht: Bidis oder Beedies. Auf dem Subkontinent sind sie die Arme-Leute-Zigarette, bei uns werden sie von Jugendlichen und Altachtundsechzigern geraucht und haben etwas vom esoterischen Charakter eines Räucherstäbchens.

Der Tabak erreichte Indien im Jahre 1605. Heute produziert das Land mehr Tabak als die Vereinigten Staaten, das Zentrum der internationalen Tabakwirtschaft. Es erstaunt deshalb, dass das Deckblatt der Bidis nicht Tabak ist, sondern ein Tendu- bzw. Schwarzholzblatt. Das Schwarzholz oder der Diospyros melanoxylon ist ein Baum, dessen Holz zu den Ebenhölzern gerechnet wird. Es werden auch Blätter von anderen Gehölzen benutzt mit wohlklingenden Namen: Diospyros exsculpta, Bauhinia racemosa, Holarrhena pubescens oder Artocarpus heterophyllus.

Die Blätter dieser Bäume werden in den Monaten April und Mai gepflückt und an der Sonne getrocknet, bevor sie zu rechteckigen Stücken geschnitten und vor dem Rollen nochmals befeuchtet werden. In das Blatt wird eine Mixtur von meist nicht hochwertigen Tabaken eingerollt, die oft auch aromatisiert sind. Anschliessend werden die Bidis in speziell geheizten Räumen eine gewisse Zeit getrocknet und in Papierbündchen zu 25 Stück abgepackt. Die wichtigsten Marken sind Sher Bidi, Kailas Bidi und Mangalore Ganesh Beedies. Letztere, auf deren Packung der glücksbringende Elefantengott prangt, sind bis heute die treuen Begleiter europäischer Bidi-Raucher.

Die Hersteller in Indien, aber auch die Vertreiber in aller Welt preisen die Stäbchen als coole, natürliche und gesunde Alternative zur Zigarette an. Zwar wird für die Bidis kein Papier verwendet, aber die gesundheitliche Bilanz sieht trotzdem nicht besonders gut aus. Der Nikotingehalt der Bidis ist dreimal, der Teeranteil sogar fünfmal höher als bei normalen Zigaretten, weil Rohtabak verwendet wird. Und da Bidis ein starres, dickes Deckblatt besitzen, müssen viel mehr Züge gemacht werden, damit der Glimmstengel nicht ausgeht, was beim Inhalieren zu einer Mehreinnahme an Schadstoffen führt.

In Indien arbeiten laut einem Bericht des «Boston Globe» über 325 000 Kinder 10 bis 14 Stunden täglich in der Bidi-Produktion, wobei jedes Kind am Tag bis 2000 Stück rollt. Wer Bidis raucht, wiegt sich nicht nur in falscher Sicherheit, was die Gesundheit betrifft, sondern konsumiert unter Umständen auch ein Produkt aus Kinderarbeit. Der Produzent von Mangalore Ganesh Beedies weist daher im Internet ausdrücklich darauf hin, dass er keine Kinder beschäftigt. Der zunehmende Konsum der Bidis, vor allem in den Vereinigten Staaten, hat die Gesundheitsbehörden und die WHO auf den Plan gerufen. Ob ihre Warnungen die Bidi-Raucher beeindrucken werden, steht allerdings auf einem andern Blatt.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.