NZZ Folio 06/98 - Thema: Das Mittelmeer   Inhaltsverzeichnis

E-Mail -- Wie ein Maulwurf darin herumwühlen

Von Franz Zauner

DATEN SIND DIE GOLDTALER des Informationszeitalters. Wäre Dagobert Duck nicht Fantastilliardär, sondern Informatiker, er würde sie ausdrucken, wie ein Maulwurf darin herumwühlen, sich wie auf einer Luftmatratze darauf treiben lassen, sie in die Luft werfen, dass sie ihm nur so auf den Kopf prasseln. Längst hätte er seinen Geld- zugunsten eines Datenspeichers aufgegeben. Denn erstens sind Daten fast so gut wie Geld, und zweitens sind sie leichter zu beschaffen.

Da brauchen wir gar nicht erst an die Datenspur zu denken, die wir hinterlassen, sobald wir die Kreditkarte zücken oder den Browser einschalten. Wir füttern die Datenbanken am liebsten freiwillig und mit einer Hingabe, als wären sie eine chronisch unterernährte Tierart, die unser Mitleid verdient. Jede bessere Garantiekarte enthält heute Dutzende Kästchen zum Ankreuzen, und die Formulare im Internet sind in der Regel länger als jenes Stückchen Code, dass man sich als Lohn für die Mühe des Ausfüllens herunterladen darf. Seit sich jede Antwort vollautomatisch auswerten lässt, gibt es praktisch keine blöden Fragen mehr, denn jede Lebensäusserung ist irgendwie interessant. Schuld daran ist ein gewisser Dr. E. F. Codd, der im Jahr 1970 einen bahnbrechenden Artikel schrieb: «A Relational Model of Data for Large Shared Data Banks.» Darin formulierte Codd Regeln für die digitale Form eines Gedächtniskünstlers, die relationale Datenbank. Sie merkt sich einfach alles: Es gibt Datenbanken für Finanz- und Rechnungswesen, für Bibliographien zur Literatur des Mittelalters, für Klassifizierungsmerkmale zur Analyse von Genstrukturen; es gibt aber auch Datenbanken für Bandnamen, gebrauchte Videos und Blondinenwitze.

Doch mit Daten wird nur reich, wer sie verarbeitet. Data-Mining - herumwühlen in den Daten wie ein Maulwurf - wirkt Wunder. Es macht Betriebsblinde sehend. Ein Manager, der sich fragt, wieso seine Kartoffelchips einmal besser, einmal schlechter gehen, sieht im mehrdimensionalen Datenmodell am Bildschirm sofort, woran es liegt: Sie schmecken offensichtlich besser, wenn sie mit Bier serviert werden. Sogleich verschwinden im Supermarkt die Damenstrümpfe aus der Nachbarschaft der Bierkisten, im freigewordenen Regal landen die Kartoffelchips, und aus einem kleinen Schritt für die Menschheit wird ein grosser Sprung in der Bilanz.


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