NZZ Folio 01/97 - Thema: In der Krise   Inhaltsverzeichnis

Küchengeographie -- Küsschen aus dem Backofen - die Meringue

Von René Simmen

GEGEN SEELENSCHMERZ gibt es einige Mittel. Keines dürfte jedoch nach einem Song des Berner Popstars Polo Hofer so «guet für di u für mi (sii)» wie «ä Meränggä». Und zwar eine aus Meiringen im Berner Oberland, denn nur «diä faaren ii». Das hat auch seinen Grund, gehören doch die Meringuen von Meiringen weitherum zu den besten. Schliesslich sind sie auch da erfunden worden, was vom Verkehrsverein und von den Konditoreien in und um Meiringen jedenfalls behauptet wird. Damals habe der süsse Seelentröster noch «Meiringe» oder «Meirinke» geheissen.

Heute ist sie weltweit unter dem Namen Meringue bekannt. In Deutschland und Österreich als Baiser, was Küsschen heisst und gut zu dem wunderbar leichten, nur aus steifgeschlagenem Eiweiss (150 g), Puderzucker (100 g) und einer Prise Salz zubereiteten Gebäck passt, das jedoch eigentlich keines ist, da es im Ofen mit zirka 80 Grad eher getrocknet als gebacken wird. Was dann, brötchen- oder schalenförmig geformt, aus dem Ofen kommt, lässt sich mit Cremen, kandierten Früchten, Speiseeis, Schokolade und so weiter schmackhaft kombinieren. Hierzulande wird eine Meringue meistens mit einem Berg von steifgeschlagenem Rahm gekrönt. Das entspricht der Meringue chantilly in Frankreich. Und dort spielt sich auch der Grossteil der Geschichte der Meringue ab.

Eigentlich sind es mehrere Geschichten. In zwei Punkten jedoch sind sich sowohl Fachwerke als auch ältere Ausgaben von Lexiken wie Bertelsmann, Brockhaus, Encyclopaedia Britannica oder Larousse gastronomique einig: Erstens war der Kreateur des Werks aus Schaum und Süsse ein Schweizer Konditor namens Gasparini. Und zweitens ist das Werk entweder um 1600 oder um 1720 entstanden.

Um 1600: Dagegen spricht der Zucker, den sich, ausschliesslich Rohrzucker, nur ganz Reiche leisten konnten. Billigen Rübenzucker gab es erst ab Beginn des 19. Jahrhunderts. Und mit Honig, dem damals üblichen Süssmittel, lässt sich keine Meringue zubereiten.

Um 1720: Da war der Zucker günstiger als 1600. Doch nicht so günstig, dass sich das Gebäck im damals kleinen, bäurischen und nicht gerade reichen Meiringen hätte verkaufen lassen. Dazu brauchte es ein luxuriöses und fürstliches Umfeld. So scheinen die Angaben glaubwürdig, nach denen der Pâtissier suisse Gasparini um 1720 aus dem ostdeutschen Ort namens Mehrinyghen (oder ähnlich) an den Hof des ehemaligen, nunmehr nach Frankreich emigrierten polnischen Königs Stanislaus Leszczynsky gekommen war und dort zur Freude des Königs, eines bekannten Gourmets, die Meringue kreiert habe.

Es heisst auch, Gasparini sei nicht des Königs, sondern dessen Tochter Maria wegen nach Nancy gekommen, um ihr seine «manière de faire» der hohen Zuckerbäckerkunst beizubringen. Prinzessin Maria Leszczynska habe sich als gelehrige Schülerin gezeigt und später als Gattin König Ludwigs XV. die Meringue in Versailles bekannt gemacht. In Meiringen erzählt man sich auch, die Prinzessin habe Gasparini anlässlich ihrer Ferien in Meiringen kennengelernt. Das hört sich allerdings etwas zu sehr nach Touristikwerbung an. Das Berner Oberland war damals noch kein Ferienparadies, und eine solche Reise wäre zweifellos in einer der vielen Biographien über die Prinzessin und Königin vermerkt worden.

Vielleicht hat sich alles so abgespielt, wie der Nahezu-Meiringer Polo Hofer (er machte in Meiringen eine Lehre als Lithograph) es sieht: Ein französischer oder italienischer Konditor habe sich in ein Meiringer Mädchen verliebt und ihr zuliebe die Köstlichkeit nach ihrer Herkunft Me- oder Meiringue genannt. Und das am Hofe von König Stanislaus und seiner Tochter! Es ist vielleicht gut, dass wir nicht wissen, wie die Geschichte ausgegangen ist.


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