«SEHR GEEHRTE DAMEN UND HERREN, es wurde mir gesagt, dass Sie vor einiger Zeit einen Artikel veröffentlicht haben über indische Menschen, die über das Wasser schreiten.» Die Postkarte aus dem Kapuzinerkloster enthielt alle Zutaten für ein Wunder. Der Glaube, der imaginäre Raum des Hörens und Sagens, die geographische Entrückung des Ereignisses: sie alle vereinen sich im Text und benützen dessen Fähigkeit, einer anderen Wirklichkeit einen Wohnort zu geben. Wunder gehören in das Reich der Sprache: Man hört davon, man spricht darüber, man liest einen Artikel. Jeder kann sich seinen eigenen Reim darauf machen, die Fiktion geniessen oder ob dem Tatsachenbericht erschauern.
Aber wie reagiert man, wenn das Wunder plötzlich vor der Haustür steht? Wenn man sich nicht mehr aus dem Text verabschieden kann, weil die Fernsehbilder live sind und die Kameras in der Nachbarschaft filmen? Die unaufhörlichen Telefonanrufe sind Aufforderungen, auszurücken, nachzusehen, sozusagen die eigene Hand in die blutenden Wundmale zu legen: Gott Ganesh trinkt Milch, überzeug' dich selbst.
Wie reagiert man darauf, nach einem langen Tag mit Gerüchten und Berichten, Bildern von Menschenmengen vor den Tempeln der Stadt? Man holt sich instruktionsgemäss Löffel und Becher aus der Küche, geht auf dem Weg zum Tempel beim Markt vorbei und ergattert eine Halbliterpackung Milch, was schon beinahe ein Wunder ist und entsprechend teuer. Dann reiht man sich in die Schlange von Menschen ein, die sich vor dem kleinen Tempelchen neben der Transformerstation des städtischen Elektrizitätswerks von Delhi hinzieht. Miracle, get real.
Die Götterstatuen stehen in einer Vertiefung, die im Boden in der Mitte des Raums eingelassen ist. Um den Lingam, das phallische Symbol Shivas, ist die Heilige Familie versammelt: die Gemahlin Parvati, der Reitstier Nandi, der Sohn Ganesh, der Elefantenköpfige. Der Boden ist nass - ob es wohl die Milch ist, die durch die Körperfalten des korpulenten Gottes auf den Boden sickert? Aber ständig wird auch Milch verschüttet, etwa wenn ein Mädchen im Gedränge die Milch auf den Löffel giesst. Doch sobald sie ihn dem freundlich lächelnden Gott unter den Rüssel hält, wird sie abgeschirmt von den Nächsten und kann ihr kleines Ritual absolvieren. Das Unerklärliche passiert: der Löffel leert sich, als ob jemand mit einem Strohhalm die Flüssigkeit langsam aufsaugen würde. Niemand bricht in Rufe des Staunens aus, kein Schluchzen, keine Mantras sind zu hören. Im dichten Halbkreis um Ganesh schauen die Menschen konzentriert zu, gespannt, ob der Gott auch ihnen ein Zeichen seines Wohlgefallens geben wird.
Die Schlagzeilen am Tag danach sollten von Hysterie und Massenhypnose sprechen. Im Tempel dagegen glich die Stimmung eher jener bei einem Experiment, ernst, aber nicht ergriffen. War man einmal selber an der Reihe, verflog der Rest an Betroffenheit, zu sehr war man damit beschäftigt, wie im Labor die Randbedingungen zu kontrollieren: nichts verschütten, den Löffel waagrecht halten, einen verstohlenen Blick auf die Körperfalten werfen, ob da nicht ein kleines Saugröhrchen versteckt ist, Überprüfen der Oberfläche des glatten weissgrauen Steins, ob der Gott nicht plötzlich weiss zu schwitzen beginnt. Nichts von allem. Die weisse Flüssigkeit beginnt weniger zu werden, bis am Schluss nur noch ein Restchen in der Löffelmitte sitzt.
Und bevor man es realisiert hat, wird man bereits zur Seite gedrängt, senkt sich ein weiterer Löffel herab. Jemand sagt: «Nein, nicht vor den Stosszahn, vor den Rüssel!» - «Das macht nichts, er trinkt trotzdem», fährt eine andere Stimme dazwischen. Man schaut zu, wie auch der Zahn seinen Durst löscht, wie Leute auch Nandi den Löffel unter die Schnauze halten, und selbst Parvatis Kinn verschwindet in der Milch. Beide trinken, doch inzwischen ist schon alles zur Selbstverständlichkeit geworden. Auch dem Tempelpriester, der im Schneidersitz an der Wand kauert und dem Scharren der vielen Füsse auf dem nassen Boden ausdruckslos zuschaut. Draussen schwatzen die Kinder und Erwachsenen durcheinander, als kämen sie aus einer Zirkusvorstellung.
Das Experiment wird an diesem 21. September 1995 millionenfach wiederholt. Bei vielen begann es schon früh am Morgen. Als Rajiv Maira seinen Morgentee schlürfte und in den Zeitungen blätterte, murmelte sein Angestellter etwas von Ganesh, der «heute Milch trinkt». Eine Stunde später, als er sein Garagentor aufschloss, war die Reihe am Wächter: «Sahib, haben Sie's gehört, Ganesh trinkt Milch.» Auch der Chauffeur war bereits um sechs Uhr zum Tempel gelaufen. Maira selber, Chef der Vertretung einer multinationalen Gesellschaft, liess sich nicht beeindrucken. Im Büro fehlte die Sekretärin - und als sie eintraf, brauchte er nicht lange zu fragen: «Ich wette, Ganesh hat auch Ihnen Milch aus der Hand geschlürft?» Ja, natürlich, und bereits war sie am Telefon, um ihren Bekannten davon zu berichten.
Den ganzen Tag schellte das Telefon, die Nachricht vom Wunder machte die Runde. Um zehn Uhr läutete Mairas Ehefrau an: Sie kam soeben aus dem Tempel zurück. «Ja, es ist ein Wunder. Er trinkt. Ich hab's selber gesehen. Und du solltest Fernsehen schauen, es passiert in ganz Indien. Die Kinder sind auch schon zu Hause, die Schulen haben freigegeben.» An ein Arbeiten war nicht mehr zu denken. Maira entschloss sich, auf dem Heimweg beim Sai-Baba-Tempel zu halten. Autos waren wild durcheinander parkiert, Menschen standen bis auf die Strasse Schlange. «Es gelang mir, den Löffel Ganesh unter den Stosszahn zu halten - du glaubst es nicht, aber die Milch verschwand.» WENN DIE MILCHTRINKENDE STATUE kein Wunder war, die Verbreitung der Nachricht war bestimmt eines. Die Zeitungen anderntags waren sich einig, dass die Nachricht in Nordindien um drei Uhr früh ihren Anfang genommen hatte. In allen Tempeln Indiens werden die Götterstatuen noch vor dem Morgengrauen «geweckt». Die Tuchhülle wird ihnen abgenommen, sie werden mit Milch oder flüssiger Butter gewaschen, es wird ihnen vorgesungen, sie werden eingekleidet, sie erhalten den Farbtupfer auf die Stirn gedrückt, Knospen von nachtblühenden Gewächsen werden über sie gestreut, und der Pujari, der Priester, hält ihnen in einer symbolischen Geste Laddus, süsse Kugeln aus Zucker und Weizen, vor den Mund. Viele, die an keine Verschwörungstheorie glaubten, suchten den Beginn des Phänomens in dieser Zeremonie: Spielerisch habe ein Priester einer Ganesh- Statue Milch angeboten, die plötzlich verschwand.
Ein Wunder war geschehen, das Wunder der Telekommunikation sorgte für ein weiteres. Alle gaben an, sie hätten in der Morgenfrühe davon gehört, sei es durch einen Telefonanruf, sei es durch Bekannte, die ihrerseits von Bekannten geweckt worden waren. Um sechs Uhr, kaum waren die Milchwagen in den Quartieren aufgetaucht, begannen sich die Tempel zu füllen, und um zehn Uhr gab es bereits Berichte aus anderen Städten Indiens. In Bombay kam es zu Verkehrsstaus, und am Mittag musste die Polizei in Kalkutta mit «milden Stockschlägen» eingreifen, um dem Gedränge Herr zu werden. Aus Singapur und Hongkong kamen Berichte, und als in England der Morgen anbrach, tauchten vor den Hindu-Tempeln in London und den Midlands die ersten Gläubigen mit Milchflaschen auf. Eine Bekannte in Delhi hörte vom Wunder durch einen Anruf ihres Sohns, der in Arizona studiert. Indien hat die niedrigste Telefondichte der Welt, aber sie genügte, Ganeshs Wunder zu einem weltweit gleichzeitig erlebbaren Phänomen zu machen.
Zu den vielen Tausenden Einwohnern Delhis, die am 21. September früh am Morgen dem Wunder beigewohnt hatten, gehörte auch der Schuhmacher Dulichand. Sein Arbeitsplatz liegt im Schatten eines Baums vor dem Eingang des Nistad, des Nationalinstituts für Wissenschaft und Technik. Als er sich nach seinem Tempelbesuch zur Arbeit niederliess und wie üblich seine Arbeitsinstrumente segnete, kam ihm plötzlich der Gedanke, seinem Schuhmachereisen auch Milch zu trinken zu geben. Und siehe da: beim Eintauchen des Eisens begann die Milch zu verschwinden. Dulichands Experiment sollte die Physiker des Nistad vor einer Blamage retten.
Das Institut hat den Verfassungsauftrag, «den wissenschaftlichen Geist im indischen Volk zu verbreiten». In Broschüren und Unterrichtshilfen versucht es, die natürlichen Ursachen vieler Volkswunder nachzuweisen und die Leute vor Scharlatanen zu warnen. Doch als am Morgen des 21. September Anrufer erregt Erklärungen verlangten, waren die Wissenschafter perplex. Sie waren natürlich überzeugt, dass es sich um einen Schwindel handelte, aber die Erklärungen - versteckte Pumpen, poröser saugfähiger Stein - befriedigten nicht. Wie konnten Abertausende von Ganesh-Statuen mit gut versteckten Schläuchen versehen worden sein? Wie konnten sie innert Stunden hektoliterweise Flüssigkeit aufsaugen - allein in Delhi wurden an jenem Tag zusätzliche 120 000 Liter Milch verkauft. Und wie kam es, dass auch Bronzestatuen tranken?
Dulichand kam ihnen zu Hilfe. Als sich der Wissenschafter Gauhar Raza zur Mittagszeit in einer Essbude vor dem Institut verpflegte, rief Dulichand ihn herbei und demonstrierte ihm das Verschwinden der Milch unter seinem Schuheisen. Plötzlich hatte Dr. Raza seine Begründung: Es war eine Kombination des Effekts der Oberflächenspannung und der Siphonwirkung. Die Spannung auf der Oberfläche einer Flüssigkeit führt bei Berühren zu einer Entleerung. Vorausgesetzt, die Oberfläche, die mit der Flüssigkeit in Berührung kommt, ist ihrerseits nass, lässt dieser Druck die Flüssigkeit nach oben wandern. Hat sich einmal ein kleiner Kanal gebildet, der die Flüssigkeit hinauf- und dann hinabführt, ist ein Siphon installiert, der wie ein Saugrohr wirkt.
GENAU EIN JAHR NACH DEM WUNDER demonstrierte Dr. Raza das Prinzip im Haus eines gemeinsamen Bekannten, der eine grosse Sammlung von Ganesh-Statuen besitzt, noch einmal. Alle Ganesh-Statuen, ob aus Stein oder Glas oder Bronze, schlürften ihre Milch innert Sekunden aus. Es musste lediglich darauf geachtet werden, dass ein hervorstehender Punkt des Körpers - Rüssel, Stosszahn - in die Flüssigkeit getaucht wurde und dass die Wölbung zum Körper hin glatt war. Und sie musste nass sein, damit sich ein Saugkanal bilden konnte, der die Milch wie in einem Siphon hinaufzog und dann den Körper herunterrinnen liess. Aber dies war der springende Punkt: das Rinnsal, das sich über den dicken Bauch des Gottes seinen Weg bahnte, war unübersehbar. Konnte es sein, dass sich Millionen von Menschen hatten übertölpeln lassen? Allein in Delhi hatten sich laut einer Umfrage der «Times of India» 59 Prozent der Bevölkerung - sechs Millionen Menschen - an der Zeremonie beteiligt, in ganz Indien fünfzig Millionen. Dr. Raza weist zur Erklärung auf den milchig-weissen Marmor hin, der die Milch unsichtbar gemacht habe. Doch dies traf auf die vielen Statuen aus grauem Sandstein, schwarzem Marmor oder Bronze nicht zu.
Konnte es sein, dass sich so viele Menschen hatten verführen lassen, dass Skeptiker und Agnostiker dem falschen Zauber auf den Leim gegangen waren? Von den Journalisten gar nicht zu reden, die sich offenbar von der Anweisung des Poeten Coleridge hatten verleiten lassen, der für die Wunder-Betrachtung eine «temporary suspension of disbelief» verordnet hatte. Die Zeitung «Asian Age» sprach am Tag nach dem Wunder von der grössten Massenhysterie moderner Zeiten und sah Indien bereits zurückgleiten in das alte Image von Heiligen und Schlangenbeschwörern. Der französische Soziologe Denis Vidal, der über das Ganesh-Wunder eine Arbeit vorbereitet, widerspricht: «Wenn schon eine Hysterie, dann war es eine experimentelle, denn jeder lief schnurstracks zum Tempel, um sich vom Gerücht zu überzeugen.» Konnte es sein, dass auf dem Weg dorthin die Wahrnehmungsmechanismen ausser Kraft gesetzt wurden? Der Psychologe Dev Mohan ist überzeugt davon: «Die Gläubigen verfielen einer hypnotischen Reaktion, die Skeptiker fielen dem sozialen Druck zum Opfer - das Singuläre wurde zum Normalen, und das hartnäckige Festhalten an einer natürlichen Erklärung wäre als abweichendes Verhalten gestempelt worden.»
Das Wunder fiel zudem in den Zeitraum von Pitr Baksh, wenn die Hindus den Seelen der Verstorbenen Milch opfern. Dies erzeugte eine erhöhte Empfänglichkeit. «Ganz klar», sagt Dev Mohan, «dass die VHP dieses Wunder liebte.» Die Vishwa Hindu Parishad (VHP) ist eine Organisation, welche die radikale Erneuerung der Hindu-Gesellschaft auf ihr Banner geschrieben hat. Während die politischen Parteien am Tag danach die Möglichkeit eines Wunders zurückwiesen, jubilierte der VHP-Sprecher Giriraj Kishore: «Es ist eine Prophezeiung! Das Wunder zeigt, dass die Hindu-Gesellschaft auf den Säulen von Glauben und Wahrheit fusst. Das nächste Jahrhundert wird ein Hindu-Jahrhundert werden!»
Für die Anhänger der Verschwörungstheorie war es auch ohne die Freudenrufe aus der VHP-Zentrale klar, dass eine radikale Hindu-Organisation hinter dem Wunder steckte. Vertreter von Sahmat, einer säkularistischen Vereinigung, behaupteten, eine kleine Gruppe habe in der Nacht auf den 21. September gezielt die Nachricht vom Ganesh-Wunder an alle Tempel Nordindiens durchgegeben mit der Aufforderung, das Ereignis zu verbreiten. Das Ziel sei gewesen, so meint das Sahmat-Mitglied Anil Chandra, den Gott Ram durch einen anderen zu ersetzen. «Die Agitation um Ram und dessen Tempel in Ayodhya war verpufft, und die religiösen Kräfte benötigten einen neuen Sammelpunkt für eine religiöse Welle.» Ganesh sei gewählt worden, weil seine Statuen in fast jedem Tempel stehen und damit eine maximale Verbreitung sicherstellen.
TATSÄCHLICH IST GANESH der beliebteste Gott im indischen Pantheon. Seine Verehrung geht quer durch alle Kasten und Sekten, und selbst Christen und Muslime haben eine Ganesh-Statue in ihren Häusern. Dies mag an seiner besonderen Gestalt liegen - mit seinem Elefantenkopf ist er nicht nur ein Wesen zwischen Mensch und Tier, er ist auch noch halb ein Kind, weder ausgeprägt weiblich noch sehr männlich. Er vereint die besten Attribute all dieser Lebensformen, und um seine Gutmütigkeit und Klugheit ranken sich unzählige Geschichten. Als Wächter seiner Mutter Parvati ist er der archetypische Beschützergott. Gleichzeitig ist er der Gott des guten Beginns jeden möglichen Unterfangens und taucht daher überall auf: beim Eingang zur Börse von Bombay ebenso wie an Haustüren, als Kalendergott gleichermassen wie als Maskottchen im Auto, beim Eingang eines Dorfs wie bei dem eines Labors.
All dies macht Ganesh zu einem ungeeigneten Emblem für politische Agitation. Allerdings weist der Soziologe Vidal auf eine merkwürdige Koinzidenz hin: Hundert Jahre zuvor, um die Zeit des 21. September 1896, hatte der indische Nationalist B. G. Tilak die alljährlichen Prozessionen des Ganesh-Festes, in welcher dessen Statue den Fluten eines Flusses oder des Meers übergeben wird, zum Anlass genommen, zum Widerstand gegen die englische Kolonialherrschaft aufzurufen - die Prozessionen wurden zu ersten Sammelpunkten der indischen Unabhängigkeitsbewegung. Der Soziologe Harish Sethi erwähnt weitere Parallelereignisse: Genau zwei Jahre vor dem Milch-Wunder zerstörte in der letzten Nacht des zehntägigen Ganesh-Fests ein Erdbeben in Maharashtra zahlreiche Dörfer und forderte mehrere tausend Opfer. Die Menschen sahen in der Katastrophe den Zorn des Gottes, endet doch das Ganesh-Fest oft in exzessivem Alkoholgenuss. Ein Jahr darauf brach in Indien die Pest aus, auch dies für viele Menschen ein Gotteszeichen. Könnte es sein, dass Ganesh nun, im dritten Jahr, versöhnt war und dass er dies - mit ein bisschen Hilfe von den Freunden der VHP - der Welt mitteilen wollte?
Aber auch viele Wunder-Skeptiker zweifeln an der Verschwörungstheorie. Sie machen geltend, dass die VHP nicht mit den Sympathien aller Tempelpriester rechnen kann, da viele deren krude Politisierung der Religion ablehnen. Und in manchen Tempeln blieb das Wunder aus. Im Birla-Tempel von Delhi etwa gab der Pujari sogar seinen Beruf auf, weil er im Misserfolg ein missbilligendes Gotteszeichen sah. Er begab sich auf Wanderschaft, den Neubeginn seiner Initiation zum Priesterstand. Wie war es zudem zu erklären, dass das Wunder nach 24 Stunden zu Ende war? Und warum hatten die religiösen Organisationen den riesigen Erfolg ihrer Aktion nicht genutzt? Der kurz darauf einsetzende Wahlkampf für das indische Parlament war auch bei der Hindu-Partei Bharatiya Janata Party (BJP) geprägt von Themen wie Korruption, Wirtschaftsreform und Föderalismus. Vom Ganesh-Wunder sprach niemand mehr.
DIE ENTSCHEIDENDE FRAGE bleibt jedoch, wie Millionen Menschen - weder in hypnotischer Trance noch in wilder Verzückung - einen Tag lang das Wunder «ausprobieren» konnten. In ihrer Mehrheit waren es zudem Leute aus dem städtischen Mittelstand - von den Dörfern hatte man nur wenig gehört an jenem Tag. Für den angesehenen Kulturkritiker Ashis Nandy liegt genau in diesem Punkt der Kern der Erklärung. Er spricht von einem «psychologischen Drang, zu glauben». Die «Desakralisierung der Welt», die auch in Indien rasch vorwärtsschreitet, hat in vielen Menschen eine «Sehnsucht zurückgelassen nach einem numinosen Raum». Die Nachricht vom Wunder bot die Chance einer symbolischen Wiederherstellung des Sakralen. Verstärkt wurde dieser Reflex durch die ebenso zwanghafte Ablehnung seitens der Säkularisten.
Am Tag danach war das Wunder zu Ende. Die Menschen gingen zurück in ihre Welt der Kühlschränke und Telefone, der Fernsehapparate und Blitzableiter. Es gab keine religiöse Welle - waren sie beschämt über ihren kurzen Rückfall in archaische Verhaltensmuster? Oder waren sie zufrieden mit der Bestätigung ihres Glaubens an eine doppelbödige Realität? Es war sanfte Ironie, dass ausgerechnet die moderne Technik, welche die Götter aus dem Himmel vertrieben hat, sich nun als Vermittlerin zwischen ihnen und den Menschen einschaltete und das Wunder in alle Welt trug. In den meisten Dörfern Indiens und in den Slums der Städte dagegen blieb das Wunder aus, nicht nur wegen der Abwesenheit von Telefon und Fernsehen. Als wir auf dem Weg zum Tempel einen Rikschafahrer baten, uns hinzubringen, weigerte er sich. «Warum sollte ich? Die Götter wirken jeden Tag Wunder. Dafür brauche ich nicht zum Tempel zu laufen.» Er hatte es nicht nötig, sich die andere Realität bestätigen zu lassen, er hatte einen anderen Draht zu seinem Gott. Genauso wie der Absender der Karte aus dem Kapuzinerkloster.
Bernard Imhasly, Delhi, ist NZZ-Indienkorrespondent.