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NZZ Folio 10/09 - Thema: Die Zeitung Inhaltsverzeichnis
Editorial -- Im Tram
© G.M.B. Akash/Panos Pictures
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| Die Zeitung gilt weltweit noch immer als das glaubwürdigste Medium. |
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Im morgendlichen Zweikampf zwischen Gratisblatt und zu bezahlender Zeitung unterliegt letztere. Doch damit ist noch nichts entschieden.
Von Anja Jardine
Als Redaktorin eines Magazins, das einer grossen Tageszeitung angehört – einer, die Geld kostet, randvoll mit seriösem Journalismus –, verspürt man im Tram manchmal das subversive Bedürfnis, das eigene Blatt unter den Stapel der Gratiszeitungen zu mischen. Ein Akt der Selbstbehauptung gewissermassen. Mal schauen, was geschieht.
Ein junger Mann steigt ein, greift nach dem Gratisblatt – auf dem Titel Radio Energy, Federers Ferien, irgendein Stinkefinger und Frauen bei der Armee. Dann schiebt eine junge Mutter mit Kinderwagen vorbei und angelt sich das nächste zerfledderte Exemplar. Das eigene Blatt unberührt, verstohlen wirft die Redaktorin einen Blick drauf, es verspricht immerhin Erhellendes über die Deutsche Bundesbank, Russlands Raketen bei Kaliningrad und die Ambitionen der FDP nach der Bundestagswahl. Nun ja. Dafür braucht es vielleicht auch ein bisschen Musse. Als an der nächsten Station ein Herr im Anzug einsteigt, so um die 50, keimt Hoffnung auf. Vergeblich. Ohne zu zögern, greift er nach Radio Energy und Federer.
Das sind Momente, da möchte die Redaktorin umschulen. Schreinerin werden, irgendetwas Sinnvolles tun. Trotzig nimmt sie das eigene Blatt zur Hand, entfaltet es demonstrativ zu voller Flügelbreite – anscheinend muss der Leser zu seinem Glück gezwungen werden. Schliesslich geht es hier nicht um ein bisschen Unterhaltung. Sondern um die vierte Gewalt. Wir liefern das, was der Bürger braucht, um seinen Rechtsstaat hüten, seine Demokratie ausüben, seine Welt verstehen zu können. Das geht nicht in zehn Zeilen!
Tief drinnen wissen das die meisten. Wenn etwas wirklich Weltbewegendes passiert wie 9/11, die Präsidentschaftswahl in Amerika oder das Finale der Fussballweltmeisterschaft, laufen alle am nächsten Morgen zum Kiosk und kaufen eine Zeitung. Und siehe da: Als der junge Mann seine Tasche öffnet, steckt darin eine Zeitung, eine echte. Die wird er nachher in Ruhe lesen, so soll es sein. Versöhnt mir der Welt, fischt sich die Redaktorin auch so ein Gratisding, denn wo Federer Ferien macht, wüsste sie schon gern.
Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin.
Leserbriefe:
Zu Editorial -- Im Tram - NZZ-Folio Die Zeitung (10/09)
Sie haben mir mit Ihrem Editorial aus dem Herzen gesprochen. 15 Minuten Zugfahrt an meinen Arbeitsplatz und die Abteile voll mit den heutigen Gratiszeitungen. Natürlich lese ich den einen oder den anderen Artikel.
Aber in der Mittagspause, da nehme ich dann dieses Folio zur Hand. Freue mich über eine Lektüre die den Geist anregt. Freue mich dass es Menschen gibt die sich tiefere Gedanken machen und nicht nur Sensationsartikel schreiben. Freue mich dass sachliche Berichterstattung passiert, oder ich Texte lesen kann die mit feinem Humor durchzogen sind.
Ich bin eine Web-Nutzerin. Werfe hin und wieder im Geschäft einen Blick in die NZZ online um schnell die letzten Neuigkeiten zu erfassen. Doch im Briefkasten möchte ich Qualität vorfinden, nicht Quantität. Hatte ein Probeabo NZZ Sonntag und jetzt im Moment eine NZZ Wochenausgabe. Manchmal schaffe ich es vor lauter Arbeit nicht, die Zeitung zu lesen. Zuviele Arbeit und Dinge die zu erledigen sind. Doch Qualität weiss ich zu schätzen. Aus diesem Grunde gebe auch ich mir Mühe meinen Mitmenschen von Hand geschriebene Zeilen zu senden. Auch Positives denn dies stärkt den Menschen.
Machen Sie weiter so. Ich schätze Ihre Arbeit. Monika Keller, Mettmenstetten
Zu Editorial -- Im Tram - NZZ-Folio Die Zeitung (10/09)
Von der ersten bis zur letzten Seite habe ich es gelesen, dieses Folio, welches mich tief berührt hat. Weil ich selbst schreibe, als Fachjournalistin zu einem Hungerlohn, als Buchautorin? Sicher spielte das beim Lesen dieses Folios hinein. Ganz sicher aber mein Interesse am Weiterbestehen der Zeitung. Mein Interesse an den Menschen, die hinter den Zeitungsseiten stehen. Einmal das lesen, was normalerweise nicht in der Zeitung selbst geschrieben ist.
Zeitung, das ist für mich ein Stück Lebensqualität! Ich kann die Zeitung rasch durchblättern, die Leads überfliegen. Kann Artikel und Kommentare in beliebiger Reihenfolge lesen. Kann sie zerknüllen und aufgebracht in die Zimmerecke werfen, wenn mir danach ist. Kann meine Blicke schweifen lassen und mich von einer Überschrift anziehen lassen. Einen Essay geniessen oder einen Hintergrundbericht studieren. Versehentlich den gerade gelesenen Bund auf mein Konfitürebrötli fallen lassen. Finde eine Kolumne, die es wert ist ausgeschnitten und aufbewahrt zu werden.
Mein Kater kann es sich auf der ausgebreiteten Zeitung bequem machen und mit seinem buschigen Schwanz genau den Abschnitt verdecken, den zu lesen ich im Begriff bin. Die fordernde Hundenase stösst von unten überraschend die Seite aus der Hand und verlangt ein Gassi gehen.
Nein, eine Zeitung ist für mich durch nichts zu ersetzen. Auch wenn ich oft berufsmässig Nachrichten im Internet lese. Aber das ist eben zielgerichtet. Die Zeitung gibt mir die Möglichkeit, innerhalb ihrer Papiergrenzen zu schweifen und zu verweilen.
Das vorliegende NZZ Folio führt die Krise der Zeitung vor Augen – und gibt, dem Himmel sei Dank, Anlass zu Hoffnung für die Zukunft der Zeitung. Und wie so oft, suchte ich im Folio zuerst die Karikatur von Glück…
Iris Erdenbrink Fricke, Montmelon
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