NZZ Folio 02/00 - Thema: Im Netz   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Zollingers Schulhäuschen

© Christian Känzig
Seit 25 Jahren arbeiten und wohnen Werner und Susi Zollinger im Schulhäuschen auf der Strahlegg im Tösstal ZH, wo sie im selben Schulzimmer alle sechs Primarklassen unterrichten. Linktext
Von Lilli Binzegger

«EIN PROBLEM KENNEN wir kaum: den Machtkampf unter Gleichaltrigen. Hier haben einfach die Grossen mehr zu sagen als die Kleinen, das leuchtet allen ein. In der wöchentlichen Klassenkonferenz dürfen zwar alle mitreden. Aber im Alltag hat die Stimme der Fünftklässlerin Rahel klar mehr Gewicht als die des Zweitklässlers Lucki. Wenn sie in der Pause Pingpong vorschlägt, dann hat er Pingpong zu machen, und wenn er das nicht will, geht er halt in die Baumhütte hinter dem Schulhaus. Streiten wird er nicht gross.

Im Moment haben wir nur sieben Schüler, zwei Buben, beides Zweitklässler, und fünf Mädchen, eine Drittklässlerin und vier Fünftklässlerinnen. Und noch eine Kindergärtlerin. Die ist einfach da, spielt oder bastelt und sieht den anderen Kindern zu. So viele unbesetzte Klassen hatten wir in den 25 Jahren, seit wir hier sind, noch nie. Das kann sich aber rasch ändern, es brauchen nur ein, zwei Familien mit Kindern herzuziehen. Einmal hatten wir 21 Schüler, ein andermal nur 5. Die Zahlen haben aber von jeher variiert, es gab auch vor unserer Zeit schon ganz kleine Bestände. Bis vor zehn Jahren hatten wir auch noch die Oberstufe, lediglich die Sekundarschüler mussten hinunter nach Fischenthal, etwa 7 Kilometer von hier.

Die Höfe und Häuser auf der Strahlegg sind verstreut. Die Kinder, die einen weiten Schulweg haben, bleiben über Mittag hier. Sie essen abwechslungsweise bei jemandem zu Mittag, einmal in der Woche auch bei uns. Theoretisch gelten auch hier für die Klassen unterschiedliche Unterrichtszeiten. Meist kommen dann aber die Eltern und sagen: Das ist jetzt aber dumm, Meret hat um neun Uhr Schule und Lucki um acht. Dann ändern wir eben den Stundenplan, oder sie kommen einfach zusammen her.

Die Kinder halten sich sowieso nie lange an den Stundenplan. Meistens sind sie zu früh hier. Die Kindergärtlerin etwa kommt um acht statt um zehn, weil die Mutter zur Arbeit muss. Von den Grossen sind die ersten meist schon kurz nach sieben da, obwohl die Schule erst um zwanzig vor acht anfängt. Da ist nichts mit Ausschlafen: unser Schlafzimmer liegt direkt über dem Schulzimmer, und die Wände sind dünn. Die Kinder gehen auch nicht immer bei Schulschluss, meistens machen sie noch etwas fertig oder chüngelen an etwas herum.

Wir kamen vor 25 Jahren auf die Strahlegg und dachten: So ein, zwei Jahre halten wir es hier schon aus. Ich bin in Schlieren aufgewachsen, meine Frau in Zürich. Mir fehlt die Stadt je länger, je weniger. Meiner Frau, die dienstags hier oben und noch zwei Tage in Wetzikon Schule gibt, schon eher, vor allem seit die Kinder aus dem Haus sind. Unsere drei Töchter gingen natürlich auch hier zur Schule. Weil ich nicht wollte, dass sie Herr Zollinger zu mir sagen und hier auf der Strahlegg ohnehin alle per du sind, haben wir an der Schule das Du eingeführt. Irgendwann habe ich mich dann sogar getraut, unsere Tochter zu loben. Für unsere Kinder war es manchmal ein Problem, dass sie im Schulhaus wohnten. Einmal haben sie sich zu Weihnachten einen Schulweg gewünscht. Weil sie keinen hatten, gingen sie oft den anderen Kindern entgegen. Der Schulplatz ersetzt hier auch den Dorfplatz, im Sommer sind abends alle Jugendlichen von der Strahlegg hier. Die Buben spielen Basketball, und die Mädchen schwatzen bis zum Eindunkeln miteinander.

Als wir hier anfingen, standen die Bänke noch in der Reihe, der Unterricht war auf die Wandtafel ausgerichtet, und auf die schrieb ich. Die Kinder sind sehr anders geworden in den 25 Jahren, nervöser, unruhiger. Positiv ausgedrückt hiesse das: sie sind lebhafter, haben Ideen, sind schneller im Reagieren, sind interessiert. Als Lehrer komme ich schlechter durch mit Befehlen. Sie akzeptieren Autorität nur noch, wenn sie den Zweck einsehen. In manchem sind sie aber auch gleich geblieben. Noch immer möchten sie anerkannt, als Menschen akzeptiert werden, und noch immer finde ich das Sprichwort -Aus Fehlern wird man klug? nicht bestätigt: die Kinder lernen vor allem aus ihren erfolgreichen Arbeiten.

Oft arbeiten Kinder derselben Klasse nicht am gleichen Fach. Sie müssen einfach Ende Woche das Ziel erreicht haben, das wir Anfang Woche definieren. Einen Computer mit Internetanschluss haben wir seit drei Jahren, wir waren da sehr früh. Die Schüler benutzen ihn mit Mass. Dass das Internet für die Kinder so faszinierend sein soll, erleben wir hier überhaupt nicht. Gut, am Anfang waren sie begeistert, aber jetzt interessiert sie Versteckspielen wieder viel mehr. Sie nehmen das viel gelassener als viele Erwachsene, brauchen das Internet ganz pragmatisch.

Klar haben wir hier auch ab und zu Konflikte, auch hier kommt es vor, dass sich die Kinder in der Pause verhauen. Bis vor wenigen Jahren war ich überzeugt, das machen nur Buben. In letzter Zeit scheint mir allerdings, die Mädchen hätten auch hier aufgeholt.

In all den Jahren hatten wir noch nie ein ausländisches Kind, und bisher musste nur ein einziges Mal ein Schüler repetieren. Dass man einem Kind auch mal ein bisschen mehr Zeit lassen kann, ist der ganz grosse Vorteil dieser Schule. Wir haben die Kinder sechs Jahre hier, vielleicht sind sie nach drei Jahren einfach noch nicht da, wo sie offiziell sein sollten. Aber irgendwann holen sie auf. Bei uns ist jeder Schüler auch Lehrer, dem ein Kind zugeteilt wird, auch die schlechteren. Die können häufig besonders gut etwas erklären, was sie zuerst auch nicht begriffen haben.

Schulglocke haben wir keine. Nach der Pause rufen wir einfach zum Fenster hinaus. Manchmal hocken ein paar im Wald und hören es nicht. Und plötzlich merkt man: Da fehlen ja noch die Buben!»


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