EIN WEIN IST EIN WEIN, eine schöne Offensichtlichkeit. Ein Wein gefällt einem, oder er gefällt einem nicht, und es kann sein, dass einem ein und derselbe Wein einmal gefällt und einmal nicht. Kommt's doch wie bei allem, was der Mensch mit seinen Sinnen erfährt, auf Anklang und Gestimmtheit an. «Wenn einer verliebt ist, findet er jeden Wein besser», sagt Wolfram Meister (48) und meint also: Ein Wein ist auch die Summe aller Geschichten, die sich über ihn erzählen lassen.
Meister ist Journalist und das, was man neudeutsch Blattmacher nennt: «Züri-Leu», ungefähr alle Ecken und Etagen des Hauses Ringier, vom Gerichtsreporter bis zum «Blick»-Chefredaktor, und allerhand dazwischen. Jetzt ist er Chef der Pendlerzeitung «Metropol», in welch eiligem Blatt sich die Geschichten schwer erzählen lassen, auf die es ihm beim Wein ankommt. Zusammen mit René Gabriel ist Meister schliesslich auch Herausgeber des «WeinWissers», des in 4000 Exemplaren monatlich erscheinenden Informationsbulletins, das mit ziemlich verlässlichen Benotungen und Angaben über Trinkreife und Verfall «den Leuten sagt, was sie kaufen können». Auch Skeptiker, die beargwöhnen, Gabriel benutze die schlicht mit einem Bostitch gehefteten Blätter zur Fortsetzung seines «Mövenpick»-Marketings (wo er als Vizedirektor beträchtliche Volumen importiert) - auch WeinBesserwisser also müssen zugeben, dass, wer die Empfehlungen der schmucklosen Postille über die Jahre befolgte, heute, vom versammelten Genuss abgesehen, ein Kapital im Keller liegen hat.
Wolfram Meister selber ist nach eigenem Bekenntnis «ein Trinker, kein Sammler und schon gar kein Investor». Er zelebriert keine Wein-Hochämter und legt überhaupt wenig Wert auf Äusserlichkeiten. Weine jung zu trinken, findet er einfach schade. Sie schmecken zu ähnlich. Aber eine trinkreife Flasche reisst er raus aus dem Keller seines kleinen Bauernhauses oberhalb von Stäfa, giesst den Wein ins Glas und riecht, schmeckt, fühlt, wie er sich darin entwickelt.
Der Wein heisst Pape-Clément 1990. Er stammt vom Graves-Gut, das dank der Mühewaltung des auch nach einem Besitzerwechsel noch verantwortlichen Direktors Bernard Pujol Mitte der achtziger Jahre aus einer Krise auferstanden ist und in einem Jahr wie diesem seinem Nachbarn Haut-Brion wenig nachsteht: ein tiefer und fülliger, rauchiger, schwarzfruchtiger, ganz grosser Wein.
Pape-Clément wurde 1299 Bertrand de Got von seinem Bruder zur Wahl als Erzbischof von Bordeaux geschenkt. Als der Bischof 1305 in einem Konklave von gerade 18 Kardinälen mit der lausigen Mehrheit von einer Stimme Papst wurde und sich Clemens V. nannte, war das nach dem Vatikanologen Johannes Haller «eine verhängnisvolle Wahl»; der Papst aus dem Bordelais «eine durch und durch schwache Natur, bestimmbar und unzuverlässig bis zur Haltlosigkeit». Ein Schurke auf dem Heiligen Stuhl, der den Klerus plünderte. Nur die Domaine bei Bordeaux vermachte er der Kirche und mochte damit die Beförderung aus der Hölle (wo Dante ihn ansiedelte) ins Fegefeuer betrieben haben.
Geschichte, Geschichten, Weine: Wolfram Meister, der ungern Wind entfacht, hängt das Kultobjekt der Abonnenten seines «WeinWissers» gern tiefer und denkt, «dass man von Weinen nicht notwendig viel verstehen muss. Es gibt einfach langweilige und interessante Weine.»
Und Geschichten darüber, die längst für eine TV-Serie reichten. Mit mehr Folgen, als das Bordeaux-Klassement von 1855 Güter auflistet.