Weil man sich im Kampf gegen den Terrorismus keine Blösse geben darf, sitzt in der Eingangshalle zu Ken Butchers Büro ein stämmiger Uniformierter mit Pistole am Gürtel. Butcher rechnet nicht damit, dass al-Kaida die amerikanische Bundesbehörde für Masse und Gewichte angreifen will. Aber er macht sich sachdienliche Gedanken. «Nehmen wir an, europäische Geheimdienste übermitteln uns Daten flüchtiger Terroristen. Körpergrösse und Gewicht geben die ja in Metern und Kilogramm an. Darunter kann sich ein amerikanischer Polizist nichts vorstellen.»
Ken Butcher ist ein ebenso akribisch wie schüchtern wirkender Mann, der von Berufs wegen den «Übergang der USA zum metrischen System beschleunigen» soll. So steht es auf der Website des Metric Program, einer Abteilung des National Institute of Standards and Technology, das wiederum dem amerikanischen Handelsministerium untersteht. Ken Butcher, Wirtschaftsjurist mit ausgeprägter Faszination für Masseinheiten, versteht diesen Auftrag als Mission. Leider ist seine Regierung derzeit mit anderen Missionen beschäftigt, weswegen das Metric Program nur aus Ken Butcher besteht.
Wenn man ehrlich ist, dann haben auch die früheren Regierungen wenig Begeisterung für Meter, Kilogramm oder Liter gezeigt. Doch Butcher ist ein Mann mit optimistischem Stursinn. Die Invasion des Meters ins Land der Füsse, sagt er, vollziehe sich unbemerkt und unaufhaltsam. «Eigentlich benutzen wir das metrische System jeden Tag. Es will es bloss keiner zugeben.» Wie ein Kriminalbeamter, der nach einer Razzia konfiszierte Drogen vor der Presse ausbreitet, packt er die Beweismittel auf den Tisch seines fensterlosen Arbeitszimmers: eine Dose «Campbell»-Tomatensaft und eine leere Packung «Cheerios». Sein Zeigefinger zielt auf die Mengenangabe auf dem Etikett:11,5 Unzen Saft enthält die Dose. 340 Milliliter steht in Klammern dahinter.
In der «Cheerios»-Packung waren einmal 15 Unzen knusprige, geschmacklose Frühstücksflocken: 425 Gramm. Mundwasser, sagt Butcher, gebe es längst in Liter- und Halbliterflaschen, Katzenfutter und Teebeutel würden in Gramm abgewogen und verpackt, Frisbee-Scheiben nach Zentimeterdurchmessern produziert. Butcher muss Luft holen. «Meine Frau hasst es, mit mir einkaufen zu gehen», murmelt er. «Ich lese im Laden nur Verpackungen.» Der Mann hat ja recht: In amerikanischen Supermärkten kann man inzwischen lernen, dass die 26 Unzen in der Salzdose 737 Gramm entsprechen und 3,5 Gramm Suppenpulver aus einem Glas «Herb Ox Instant Bouillon» für einen Teller Hühnerbrühe reichen. Christliche Konsumenten, die bibelfeste Produkte bevorzugen, erfahren beim Kauf von Süsswaren, dass der «Bible Bar»-Energieriegel alle Zutaten aus dem 5.Buch Mose 8,8 sowie 17 Gramm Zucker enthält. Coca-Cola steht längst in Literflaschen im Regal.
Aber kaum hat man die Einkaufstüten im Auto verstaut, ist die Welt wieder die alte: das Benzin wird per Gallone berechnet, die Entfernung zur heimischen Garage in Meilen gemessen. Das Fieberthermometer zeigt bei erhöhter Temperatur über 100 Grad Fahrenheit an; ein Football-Feld misst in voller Länge 120 Yards, der Basketballstar Shaquille O’Neal sieben Fuss und einen Zoll. Zwölf Zoll sind ein Fuss, drei Fuss ergeben ein Yard. Wie viele Shaquilles passen hochkant zwischen die Tore eines Football-Felds? So könnte eine Frage im Mathematikunterricht an amerikanischen Grundschulen lauten. «Unsere Kinder würden so viel Zeit sparen», sagt Ken Butcher, Vater einer zehn Monate alten Tochter, «wenn wir endlich auf das metrische System umsteigen würden.» Sein Kind wird mit zweierlei Mass erzogen. Dafür wird er sorgen.
Die Debatte um Meter oder Fuss ist fast so alt wie die Vereinigten Staaten selbst. Der Meter ist eine Erfindung der französischen Akademie der Wissenschaften Ende des 18. Jahrhunderts. Zum selben Zeitpunkt hatte Thomas Jefferson, Amerikas Universalgenie und dritter Präsident, immerhin schon ein Dezimalsystem auf Grundlage der angelsächsischen Masseinheiten entwickelt. Aber erst siebzig Jahre später schafften die Reformer den ersten Durchbruch für den Meter: das Parlament erklärte 1866 den Gebrauch metrischer Masse und Gewichte in «allen Veträgen, Handelsabschlüssen und Gerichtsverfahren» für legal.
1875 unterzeichneten die USA zusammen mit sechzehn anderen Staaten den Treaty of the Meter, die metrische Magna Charta, auf deren Grundlage das metrische System zum international anerkannten Messverfahren erklärt wurde. Akkuratere Masseinheiten und exakte Messgeräte wurden entwickelt und das Internationale Büro für Gewichte und Masse bei Paris gegründet. 1894 erklärte die amerikanische Regierung die metrischen Einheiten zu den «fundamentalen Standards» für Längen- und Gewichtsmasse. De jure waren die USA damit ein metrisches Land, nicht aber de facto, denn die Regierung unternahm keine Schritte, die Masse und Gewichte zu konvertieren. Warum auch: Der wichtigste Handelspartner war England, wo man ebenfalls in Unzen, Yards oder Scheffeln mass und wog.
Doch nach dem Zweiten Weltkrieg standen die USA mit ihrer Praxis zunehmend allein da. Kanada, Australien und sogar Grossbritannien beschlossen, zu Meter und Kilogramm zu konvertieren. Mitte der 1970er Jahre schienen auch die USA zu folgen. Der Kongress verabschiedete wieder einmal ein Gesetz, das die «freiwillige Umstellung auf das metrische System» vorsah, ein eigens eingerichtetes United States Metric Board sollte sie überwachen. Die Bundeskontrollbehörde für Alkohol, Tabak und Waffen verfügte, dass Bierdosen und Weinflaschen ab sofort auch mit metrischen Massangaben zu etikettieren seien; in Schulen wurden Umrechnungstabellen gebüffelt, und die Bundesstrassenbehörde erwog, Entfernungen in Kilometern statt Meilen anzugeben. Das war zu viel.
Das Volk rebellierte: Meteorologen protestierten gegen Celsius, Verbraucher gegen Hühnerfleisch pro Kilo. Die damals noch mächtigen Gewerkschaften wollten ihren Mitgliedern die gewaltige Umstellung nicht zumuten; viele Wirtschaftsunternehmen wehrten sich gegen die Kosten. Die National Cowboy Hall of Fame in Oklahoma City zog gegen die Einführung des Kilometers vor Gericht, weil «der Westen Zoll für Zoll und Meile für Meile» erobert worden sei. In Kneipen, Kirchen und Wohnzimmern argwöhnten die Bürger, Strassenschilder mit Kilometerangaben könnten sowjetischen Invasoren den Vormarsch nach Washington erleichtern.
1982 schaffte Ronald Reagan das United States Metric Board wieder ab. Übrig geblieben sind das Metric Program mit dem einsamen Kämpfer Ken Butcher sowie ein chaotisches System, in dem Aspirin, Zahnseide, Filmrollen oder Briefmarken metrisch, Schrauben, Türrahmen, Schreibpapier oder Bildschirme nach alten Massen produziert werden. Auf dem Flughafen lassen Amerikaner ihr Gepäck in Kilogramm abwiegen; im Fitnessraum stemmen sie 454 Gramm schwere Pfunde. Sie laden ihre Pistolen mit 9-Millimeter-Patronen und messen den Lauf ihrer Jagdgewehre in Zoll.
Manchmal kann Ken Butcher rechtzeitig einschreiten. Zum Beispiel, wenn der ratlose Direktor eines Vergnügungsparks anruft, auf dessen Gelände gerade die Bauteile einer neuen Achterbahn aus europäischer Produktion ausgepackt worden sind. Alles beste Qualität, nur sind die technischen Angaben ausschliesslich «auf metrisch» verfasst, weswegen die zuständige Gemeindebehörde mit einem unwirschen «Seit wann gibt’s denn so was» die Betriebserlaubnis verweigert. «So was gibt’s seit über hundert Jahren», sagt Butcher dann und verweist auf den Parlamentsbeschluss von 1866 sowie den Regierungserlass von 1894. Die Achterbahn wird demnächst in Betrieb gehen.
Das sind die kleinen Triumphe im Alltag des Ken Butcher. Den Rest, sagt er, besorge die Globalisierung. Eine Supermacht, die auf dem metrischen Weltmarkt konkurrenzfähig bleiben wolle, könne nicht mehr lang an Unzen und Füssen festhalten. «Aber es wäre strategisch unklug, das jetzt mit neuen Gesetzen oder Verordnungen zu forcieren.» Denn viele Amerikaner, allen voran die Wähler des alten und neuen Präsidenten, reagieren derzeit ungehalten auf europäische Einflüsse und Ideen. Vor allem, wenn sie wie das metrische System aus Frankreich stammen.
Andrea Böhm ist freie Journalistin; sie lebt in New York.