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E-Mail aus dem Cyberspace -- Nichts als Wording
Von Franz Zauner
«STÖR IHN JETZT NICHT, er ist 404.» - «Er ist was?» - «404, du weisst schon, wie 404, page not found. Er ist - abwesend.» Das ist brandneues Wording, made in USA. Dort sind die Sprachpfleger nicht so streng. Jenseits des Grossen Teiches sind «Unwords» bloss solche, die ins Wörterbuch gehören, es aber noch nicht dorthin geschafft haben.
Bei uns überlegt es sich einer zweimal, bevor er sich an eine Neuschöpfung wagt. Niemand möchte der Unhold sein, der das «Unwort des Jahres» kreiert, aber man passt sich unauffällig an: «Warum ist er 404?» - «Ein Prozess hängt, jetzt geht er rüber zum Server und killt ihn.» Obwohl wir im Norden leben, haben wir dank der EDV ein heisses Sprachklima - mit Wörtern dramatisch wie tropische Gewitterwolken. Wer sie nicht versteht, steht schnell im Regen. Dauernd prasseln neue Vokabeln auf uns nieder. Die babylonische Sprachverwirrung ist der Mythos, den wir leben. «Weisst du was? Du könntest ihm doch simsen.» «Wie das?» - «Na, ein SMS schicken, vielleicht holt ihn das aus seiner Compfusion.»
Angefangen hat das alles harmlos. «Information Superhighway», das Wort des Jahres 1993, war noch eine Metapher zum Anfassen. Mit «Y2k» und «E-» wurden zur Jahrtausendwende nicht nur zwei Wörter ausgezeichnet, die keine sind, sondern auch der Drang der EDV zum Geheimnisvollen. Wissensvorsprung manifestiert sich in Kürzeln, deshalb gleichen sogar die Marktschreie der Industrie öffentlichen Übungen in Kryptographie: «Durch die immer höheren Anforderungen gewinnen BRP und EAI immer mehr an Bedeutung!» «Web-, Wap- und Voiceportale leicht gemacht!» «Neue Mini DV Professional Edit Master mit 80 Minuten!»
Die Schnittstellen zum common sense brauchen ein Upgrade, und es wird nicht in 80 Minuten erledigt sein, so viel steht fest. Sag es treffend, fordert eine neue Theoretikergeneration: «Im modernen Enterprise Wording wird die Lücke zwischen Strategie, Marketing und Vertrieb mit klarer, strategischer Kommunikation geschlossen.»
Sprache, sagt der Informationstheoretiker Heinz von Foerster, hat ein Wort für Wort: Es heisst Wort. Das ist natürlich ein bisschen wenig. Wenn ein Produkt dem anderen gleicht, eine Dienstleistung so gut wie die nächste ist, hilft nur noch eines: Wording, Wording, nichts als Wording. Deshalb sucht der wackere Marketingmann beflissen Input für sein Naming, die Pressedame stellt sich tapfer dem Feedback auf ihr Texting. Das rechte Wording zur rechten Zeit wird fieberhaft gesucht. Leider ist es meistens 404.
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