AUSSER IM HOHEN NORDEN kommt Lepus europaeus, der Feldhase, fast überall in Europa vor. Mit seinen langen Ohren und dem raffinierten Hakenschlagen ist uns «Meister Lampe» wohlvertraut. Wir kennen ihn aus der Wetterregel: «Hasen, die springen, Lerchen, die singen, werden sicher den Frühling bringen»; wir bemühen ihn im Sprichwort vom «Angsthasen» und glauben zu wissen, «wo der Hase im Pfeffer liegt». Seine Vermehrungsfreudigkeit hat ihn sogar zum Maskottchen der germanischen Frühlingsgöttin Ostara gemacht. Mit buntbemalten Fruchtbarkeitssymbolen im Körbchen hoppelt das heidnische Wesen heute munter durch die Osterfrömmigkeit.
Aber einen wirklichen Feldhasen bekommen wir kaum je zu Gesicht. Wie und wo der Hase in unserer Nähe lebt, weiss ausser Jägern und Zoologen fast niemand.
Dabei sind Lebensart und Biologie des Feldhasen höchst wundersam. Er ist der kleinste unserer Säuger, der selbst im harten Winter ohne Nest oder Wohnhöhle auskommt. Vielmehr scharrt er sich auf freier Flur oder im Unterholz eine Mulde und formt diese durch häufigen Gebrauch zur recht tiefen und langen «Sasse». Hier verbringt das dank graubraunem Fell gut getarnte Tier den Tag bewegungslos mit wachem Blick, weshalb man früher glaubte, der Hase schlafe mit offenen Augen. Besonders wohl fühlen sich die Feldhasen in Gegenden mit wenig Niederschlag, hoher mittlerer Jahrestemperatur und fruchtbaren, eher sandigen Böden, wo sich der ebenfalls ungeschützt lebende Nachwuchs gut entwickeln kann. Von Anfang an behaart und sehend, verteilen sich die Nestflüchter schon bald nach der Geburt in der näheren Umgebung und verringern so die Gefahr, von Feinden zusammen erwischt zu werden. Erst in der Nacht kuscheln sich die Häschen jeweils zusammen und werden von der Mutter in aller Eile während weniger Minuten gesäugt.
In der Abenddämmerung holt sich der Feldhase in den Wiesen Löwenzahn, Klee, Hahnenfuss und Gänseblümchen oder stibitzt im Acker Rüben und Kohl. Werden im Herbst die Felder kahlgeerntet, leidet der Hase nicht selten Hunger. Im Winter helfen dann Gräser und Wintersaaten, aber auch Knospen und Rinde von Jungwuchs über die Runden. Der Hase ist für die schwer verdauliche Pflanzenkost besonders gut gerüstet. Sein Blinddarm hat sich zur riesigen Gärkammer entwickelt, wo bis zum Zehnfachen einer Magenfüllung lagert und von Bakterien vorverdaut wird. Der grüne Brei, jetzt angereichert mit wertvollen Proteinen und Vitaminen der Mikroben, wandert schliesslich in den Enddarm, wird dort vom Hasen portionenweise direkt vom After weggeschluckt und kommt so zu einer zweiten Verdauung.
Hasen sind Einzelgänger; sie verteidigen trotz Ortstreue kein Revier. Im Januar aber beginnen sich die Tiere plötzlich für ihre Artgenossen zu interessieren. Sie sammeln sich nachts auf offenem Feld zu grösseren Gruppen und knüpfen in wochenlanger Gruppenbalz soziale Kontakte. Das erotische Treiben bringt die Hasengesellschaft schliesslich derart in Fahrt, dass sich die Tiere bald ohne jede Vorsicht am hellichten Tag tummeln. Die Gruppenbalz hat zur Folge, dass eine grössere Zahl Häsinnen zur gleichen Zeit in Hitze gerät und begattet wird. Und nach 42 Tagen bringen sie auch gleichzeitig ihre Jungen zur Welt - ein statistischer Überlebensvorteil, denn wo es viele potentielle Opfer gibt, entgeht das einzelne Jungtier eher den allgegenwärtigen Räubern.
Der Paarung von Männchen und Weibchen geht ein langes Werbezeremoniell voraus. Erst muss sich der Rammler gegen seine Nebenbuhler durchsetzen: Aufrecht auf den Hinterfüssen stehend, traktieren sich die Rivalen mit trommelnden Schlägen der gestreckten Vorderläufe. Wer zu Boden geht, hat verloren und wird verjagt. Nachher gilt es, um die Gunst der Häsin zu werben. Beharrlich folgt der Rammler der Auserwählten, sucht Körperkontakt - und bezieht immer wieder Prügel. Falls er der Häsin dann doch passt, gestattet sie erste Berührungen. Endlich kann der Rammler aufreiten. Allerdings nur für einige Sekunden, denn die Häsin beendet die Begattung mit ihrer Version eines «Begattungssprunges»: Sie streckt blitzschnell die Hinterbeine, worauf der Rammler förmlich aus dem Vergnügen fliegt. Zwischen Februar und September kann eine Häsin drei- bis viermal setzen und so pro Jahr bis zu neun Junge zur Welt bringen. Und da sie etliche Tage vor einer Geburt bereits für den nächsten Wurf befruchtet werden kann, nutzt sie die saisonale Fortpflanzungszeit optimal.
Der Feldhase ist ein perfektes Fluchttier. Die grossen, seitlichen Augen ermöglichen einen Rundblick von 360 Grad; die Löffel und das feine Innenohr garantieren gutes Gehör. Nähert sich dem ruhenden Hasen eine potentielle Gefahr, bleibt er möglichst lange liegen. Erst im letzten Augenblick spurtet das Tier aus der Deckung und macht mit dem berühmten Hakenschlagen dem Verfolger, etwa einem jagenden Laufhund, die Arbeit schwer. Die überlangen Hinterläufe greifen auf der Flucht weit vor die Vorderfüsse; dank besonders leichtem Skelett und relativ grossem Herzen erreicht der Hase Geschwindigkeiten von bis zu 70 Kilometern pro Stunde. Dabei rennt er keineswegs kopflos durch die Gegend, sondern wechselt auf ihm wohlbekannten Pfaden zu anderen Sassen im angestammten Wohngebiet von etwa einem halben Kilometer Radius. Bleibt der Verfolger dem Hasen auf der Spur, kann die Hatz über alle Berge führen. Ist die Flucht geglückt, kehrt das Tier zur vertrauten Sasse zurück. Eine leider oftmals tödliche Heimattreue, denn Jägersleute kennen ihr Wild und gehen unweit vom Ort, wo der Hase die Sasse verliess, in Lauerstellung.
Nach dem Mittelalter kam dem Hasen die fortschreitende Zivilisation sehr zugute. Gerodete Wälder, neue Äcker und neues Weideland schufen für das Tier einen Lebensraum, der seiner ursprünglichen Steppenheimat ähnlich war. So wurde der Feldhase zum weitverbreiteten Wild. Sein schmackhaftes Fleisch und sein weiches Fell machten ihn bald zur begehrten Jagdbeute. Aber auch zur kommerziell interessanten Ware, wie etwa die 282 000 Hasen belegen, die im Jahre 1906 in der Berliner Zentralmarkthalle verkauft wurden, mit einem Gesamtfleischgewicht von 1,7 Millionen Pfund. Im grossen Stil gejagt wurde der Hase jedoch erst, als ihn der (eher am Hochwild interessierte) Adel für das Landvolk zum Abschuss freigab. Sobald der erste Schnee fiel, rannte nun männiglich aufs Feld und suchte Hasenspuren. Und im Frühling gingen Frauen und Kinder zum «Häschenlesen» - sie ernteten die verstreut in den Feldern liegenden Junghasen.
Die zügellose Jagd liess schliesslich die Feldhasenbestände in Europa drastisch schwinden. Lebten früher in günstigen Gebieten pro Quadratkilometer 40 bis 70 Hasen, ging die Hasendichte vielerorts auf wenige Tiere pro Quadratkilometer zurück. So auch in der Schweiz, wo es in einzelnen Kantonen Anfang des 20. Jahrhunderts fast überhaupt keine Hasen mehr gab. Jagdbeschränkungen liessen dann auf eine Sanierung hoffen. Ab den fünfziger Jahren deuteten jedoch stetig kleiner werdende Jagdstrecken auf weiteren Hasenschwund. Wurden 1950 in der Schweiz 60 000 Tiere erlegt, waren es 1970 um die 20 000 und 1990 noch 5000. Die Statistik für 1996 weist für die gesamte Schweiz nur noch 2569 Abschüsse aus. Mit 1553 Abschüssen stand Graubünden weit an der Spitze, während Kantone wie Bern, Uri, Glarus oder der Jura die Hasenjagd gar nicht mehr erlauben.
Der neuzeitliche Rückgang der Feldhasen ist allerdings weniger der Jagd als der grossflächigen Intensivierung der Landwirtschaft anzulasten. Weil es immer weniger Hecken und Brachen gibt, fehlen dem Hasen Deckung und Äsungsflächen, und seit das Pflanzenspektrum kleiner wurde, hat er auch weniger Futter. Der Trend zur Graswirtschaft hat sich ebenfalls nachteilig ausgewirkt, denn die Mähmaschinen, häufig in Gebrauch, zerhacken im Wiesland um die 95 Prozent aller Junghasen.
Das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft hat die Schweizerische Vogelwarte Sempach beauftragt, in einem Langzeitprojekt von 1991 bis 1999 die Feldhasenbestände landesweit zu überwachen und den Erfolg bestandesfördernder Massnahmen zu prüfen. Mit nächtlichen Zählungen per Scheinwerfer sind mittlerweile für etliche Gebiete erstmals verlässliche Verteilungsmuster der Feldhasen gewonnen worden. Die extensive Landwirtschaft mit mehr Magerwiesen, Buntbrachen und Niederhecken, die jetzt in der Schweiz in grösserem Stil praktiziert wird, könnte auch für den Feldhasen die grosse Chance sein.