NZZ Folio 03/92 - Thema: Karrieren   Inhaltsverzeichnis

Häuser, Häuser -- Karge Spiritualität

Von Roman Hollenstein

Im endlosen Teppich der japanischen Riesenstädte mit ihren ineinander verschachtelten kleinen Wohnhäusern und sich schrill in Szene setzenden Grossbauten trifft man manchmal ganz unvermittelt auf zeichenhafte Architekturen, die wie gebaute «Philosophien» erscheinen: Tadao Andos von hohen Mauern umgebene Häuser mit ihren schmucklosen, auf das Wesentliche reduzierten spirituellen Räumen sind - obwohl sie sich oft mitten aus dem brodelnden Chaos erheben - gleichsam Oasen der Ruhe und der Meditation. Aus nacktem Beton, hartem Stahl und kaltem Glas errichtet, eignet ihnen auf den ersten Blick jene «brutale» Kargheit, die den Ansprüchen eines alten, abgeklärten Samurais eher zu genügen scheint als den Wünschen unserer Zeit.

Tadao Ando, der 1941 im ebenso puritanischen wie lebensfrohen Osaka geborene Asket, findet den tieferen Sinn der Architektur in der Abkehr von vordergründigem Funktionalismus. Wie ein behutsamer Zenmeister will er seine Klienten mitten in der Grossstadt wieder zur Natur hinführen: Etwa wenn er seine Bauten bewusst schlecht isoliert, damit man in ihnen den Gang der Jahreszeiten miterlebt. Seine Baukunst, in der sich reine Geometrie mit authentischen Materialien verbindet, erzeugt im Zusammenklang mit der Natur jene Poesie, wie wir sie noch heute in den herausragendsten Zeugnissen japanischer Kunst bis hin zu den Kleidern eines Issey Miyake spüren. Der Naturbezug von Andos Bauten wurzelt aber auch in der japanischen Tradition des leicht gebauten Sukiya-Landhauses. In diesem ist der Lauf des Jahres ebenso spürbar, wie er in den engen Innenhöfen des für Ando nicht minder wichtigen klassischen Stadthauses sichtbar wird: in Form von Regen und Schnee, Blüten und fallenden Blättern.

Früh schon tat sich Ando, der zu seinen Lehrmeistern neben der Tradition und der Natur auch Le Corbusier, Mies van der Rohe, vor allem aber Louis Kahn zählt, die Gelegenheit auf, für kulturbewusste Auftraggeber jene minimalistisch anmutenden Wohn- und Geschäftshäuser zu bauen, die ihn international bekannt machen sollten: Gebäude aus atmendem, das Holz der Landhäuser neu interpretierendem Beton. Aber erst jüngst fielen ihm grössere öffentliche Aufträge zu - etwa das Kindermuseum in Himeji, die Natsukawa Memorial Hall in Hikone und Japans Expo-Pavillon für Sevilla. Bei seinen Bauten strebt Ando - im Gegensatz zu vielen seiner in das architektonische und städtebauliche Fragment verliebten japanischen Kollegen - immer nach Ganzheitlichkeit. Ausgehend von einem simplen Formenschatz von Kuben und Zylindern, variiert er immer neue Stadthäuser, nach innen orientiert, oft etwas in den Boden eingesenkt und von Betonmauern umgeben: Häuser, die sich als Teil der Stadt verstehen und doch völlig von ihrer Hektik abwenden. Sie leben vom Licht - für Ando der Inbegriff von Natur schlechthin.

Das vielleicht rätselhafteste dieser Häuser erhebt sich in einer eleganten Wohngegend zwischen Osaka und Kobe am Ashiya-Fluss nahe dem Meer. Ein älteres Ehepaar liess es für sich, den Sohn und dessen Gattin sowie für ihre Gäste bauen. Von der Allee kunstvoll gestutzter Kiefern am Fluss gesehen, erscheint das «I-Haus» wie ein Glaspavillon über einer Granitmauer, während es sich zur kleinen Quartierstrasse hin mit kubistisch gestaffelten Betonwänden burgartig verschlossen gibt. So muss man sich denn das Haus aus der Vogelperspektive vergegenwärtigen oder einen Grundriss zu Rate ziehen, um es in seiner Komplexität zu erfassen.

Entlang dem Nord- und dem Ostrand eines für japanische Verhältnisse grossen Grundstücks von 987 Quadratmetern erhebt es sich als ein L-förmiges, von einem schwungradartigen Zylinder durchstossenes Gebäude. Es ist dies ein für Ando typisches formales Konzept, das er - vielleicht als eine Metapher der Wohnmaschine - gegenwärtig auch im Vitra-Gästehaus in Weil am Rhein erprobt. In den Boden eingelassen und in sich gekehrt, wächst das «I-Haus» in Zwiesprache mit dem steil ansteigenden Hofgarten empor und zeigt erst auf der obersten Ebene «japanische» Offenheit: Hier wird der kosmische Bezug, der zunächst der Erde und der Natur galt, hin zum All geweitet.

Eine Schiebetür in der strassenseitigen Mauer öffnet sich zu dem ganz urbanistisch mit Plätzen, Wegen, Treppen und intimen Räumen inszenierten Inneren des Hauses. Vom engen Vorraum, eingefasst von Mauern aus poliertem Beton, dem das Licht der Sonne ungeahntes Leben einhaucht, erreicht man treppab die unterirdische Garage, nach links die karge Eingangshalle. Hier umfängt den Besucher jene sakrale Würde, die für Andos Häuser so charakteristisch ist. Eine sich verengende Treppe führt ins Untergeschoss zur Wohnung der Eltern mit einem kreisförmigen, vom Dämmerlicht zur Helle des Gartenhofs sich öffnenden Wohnbereich. Hinter der geschwungenen Mauer verbergen sich Küche und Essplatz, während man entlang der Nordwand durch einen Labyrinthgang in den Privatbereich mit Bad und Tatami-Raum gelangt sowie ins Schlafgemach mit seinem bildhaft inszenierten Gartenausblick.

Eine enge Treppenkurve führt von dem in seinem fensternahen Teil über drei Geschosse sich öffnenden Wohnraum hinauf zur Gästeetage und zurück zur Eingangshalle; von ihr aus erreicht man das Appartement des jungen Paares im Obergeschoss. Herrscht unten Zwielicht vor, so ist hier alles hell und transparent: Der Wohnbereich geht über in den offenen Zylinderraum mit den drei jeweils um 45 Grad zurückverschobenen Wohnbühnen, wo Ando - ähnlich wie im Akka-Galeriegebäude in Osaka - sich auf das dreidimensionale Labyrinth von Piranesis «Carceri» beruft.

Fast ungehindert schweift der Blick über diese Wohnterrassen, weilt auf dem tieferliegenden Gästebalkon, durchmisst die architektonisch geprägte Natur des Gartenhofes und dringt vor bis in die Privatsphäre des Schlafgemachs. In diesem von einer flachen Tonne überwölbten Glaskasten öffnet sich das introvertierte Haus nicht nur optisch: Ein Balkon gibt den Zugang frei zur Stadtlandschaft.


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