NZZ Folio 01/00 - Thema: Jobs!   Inhaltsverzeichnis

Heim und Hobby -- Das Auto und das Rad der Zeit

Von Joni Müller

VOR NICHT ALLZU LANGER ZEIT sah ein Mercedes wie ein Mercedes aus, ein Renault wie ein Renault und ein Amerikaner wie ein Amerikaner; etliche Modelle waren sogar rein akustisch an ihrem charakteristischen Motorengeräusch leicht zu identifizieren. Und allesamt waren sie selbst für Laien einfach und eindeutig als Auto erkennbar. Bereits Kindergartenkinder konnten die diversen Marken auseinanderhalten, und ein Auto zu zeichnen war nicht schwer, denn es hatte einen Kühler, eine Kabine und einen Kofferraum. Diese klassische Form des dreifaltigen Automobils kommt heute fast nur noch als Archetypus im Stammhirn sowie als Piktogramm auf Hinweistafeln vor, von der Strasse ist es verschwunden.

Daneben gab es zwar immer schon einige Sonderformen, die nicht ganz diesem Schema entsprachen, wie etwa den VW Käfer, den 2 CV oder den Fiat Cinquecento, der damals politisch noch etwas weniger korrekt hiess. Doch im allgemeinen war ein Wagen ein Wagen und kam auch als solcher daher.

Was die Designer gegen Ende des letzten Jahrzehnts des letzten Jahrhunderts des letzten Jahrtausends plötzlich dazu bewogen hat, alle Autos gleich und alle gleich läppisch aussehen zu lassen, bleibt ihr Geheimnis und die Aerodynamik blosser Vorwand. Denn es gibt wirklich keinen vernünftigen Grund dafür, Kraftfahrzeugen das Aussehen eines Embryos mit Glubschaugen zu verpassen. Manche Modelle erinnern trotz und wegen ihrer Rundungen auch an aggressive Comicfiguren, andere eher an ein Gefährt für Schneewittchen ohne die sieben Zwerge und einige mehr an die Autoscooter auf der Chilbi.

Dass sich Zwanzigjährige ein solches Ding als fahrbare Telefonkabine für ihr Natel zulegen, ist ja noch halbwegs verständlich, schliesslich wissen sie gar nicht mehr, wie ein richtiges Auto überhaupt aussieht und was Würde wäre. Doch dass bestandene Familienväter, erfolgreiche Karrierefrauen und rüstige Rentner in derart infantilen Scherzartikeln herumfahren und sich so selbst zum Narren machen, ist eher befremdlich. Noch befremdlicher ist eigentlich nur, dass sich die jungen Jahrgänge darin besonders reif vorkommen und die reifen besonders jung.


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