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NZZ Folio 09/08 - Thema: Traumreisen Inhaltsverzeichnis
Beim Coiffeur -- «Männer sind zu kompliziert»
© Annette Müller, Zürich
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| Tan Ratha, Phnom Penh, Kambodscha |
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Von Annette Müller
Tan Ratha, Phnom Penh, Kambodscha, ist 27 Jahre alt und kommt vom Lande. Er ist mit sechs Brüdern und sechs Schwestern aufgewachsen. Sein Vater ist früh gestorben, die Mutter führte einen Lebensmittelladen. Mit fünf Verwandten wohnt Tan heute in einer 4-Zimmer-Wohnung in Phnom Penh. Er verdient monatlich rund 160 Franken.
Welcher Haarschnitt ist im Moment angesagt?
Der Stufenschnitt. Oben kurz, unten länger. So tragen auch die Stars im Fernsehen ihre Haare.
Warum sind Sie Coiffeur geworden?
Meine Schwester riet mir dazu. Sie ist zwei Jahre älter als ich. Haareschneiden sei eine angenehme Arbeit, hat sie gesagt. Und es sei ausserdem gut, dass den Coiffeuren nie die Arbeit ausgehen werde, weil die Frauen immer schöne Frisuren werden haben wollen. Deshalb wurde ich Damencoiffeur. Ich bin zufrieden damit, ich will mich nicht beklagen. Männer bediene ich sowieso nicht gern. Die sind zu kompliziert und zu anspruchsvoll. Das führt nur zu Streit.
Haben Sie eine spezielle Methode?
Nein, eigentlich nicht. Ich schneide die Haare, wie man es mir beigebracht hat.
Wie haben Sie das Handwerk erlernt?
Ich bin nicht sehr lange zur Schule gegangen, nur bis zur 4. Klasse. Ich war gezwungen aufzuhören, weil ich meiner Mutter im Lebensmittelladen aushelfen musste. Meine Ausbildung als Coiffeur begann ich erst vor sieben Jahren, als ich 20 war. Und zwar hier im Salon, der gehört meiner Schwester. Sie arbeitet auch hier. Die Ausbildung dauerte ungefähr ein Jahr, manchmal kam ein Lehrer zu mir nach Hause und zeigte mir, wie man es macht.
Was sind Ihre wichtigsten Werkzeuge?
Die Schere. Und manchmal benutze ich dieses Ding: Es ist eine Kombination aus Kamm und Rasierklinge.
Haben Sie viele Stammkundinnen?
Ja, viele kommen regelmässig in den Salon, manche jede Woche.
Was für Leute sind das?
So genau weiss ich das eigentlich gar nicht. Ich würde mich nicht trauen, die Kundinnen nach ihrer Arbeit zu fragen. Es ist durchmischt. Ich denke, viele sind Staatsbeamte – die sind in Kambodscha hoch angesehen. Manche sind auch normale Geschäftsfrauen, die hier auf den Markt gehen. Die meisten stammen aus Phnom Penh, manche auch von ausserhalb. Was meine Kundinnen wünschen, hängt vom Alter ab: Die Jüngeren um die 20 wollen moderne, gestufte Frisuren. Die Älteren legen Wert auf traditionelle, gerade Haarschnitte.
Welche Kunden sind die grösste Herausforderung für Sie?
Eben die Männer, weil sie so kompliziert sind. Ich bin froh, dass ich denen die Haare nicht schneiden muss.
Haben Sie prominente Kundinnen?
Ja, manchmal kommen sogar Parlamentarierinnen hierher.
Wem würden Sie gerne mal die Haare schneiden?
Mich kümmert es nicht, wer auf dem Stuhl sitzt. Ich schneide allen gerne die Haare. Denn vom Schneiden verstehe ich am ehesten etwas. Frisieren, föhnen und all das kann ich nicht so gut, das habe ich nicht gelernt.
Wer schneidet Ihre Haare?
Meine Verlobte. Das ist die Frau dort drüben in den weissen Jeans. Sie arbeitet ebenfalls hier als Coiffeuse. So habe ich sie kennengelernt. Im nächsten März wollen wir heiraten.
Sie arbeiten tagtäglich mit Ihrer Schwester und Ihrer Verlobten zusammen?
Ja. Momentan führe ich den Laden. Meine Schwester ist schwanger und arbeitet für eine Weile nicht. Für sie und den Laden erhoffen wir eine gute Zukunft. Das ist unter anderem der Grund, warum wir in diesem kleinen Altar dort auf dem Boden die Lichter anzünden. Die kleine Statue stellt einen chinesischen Buddha dar – er soll uns Glück bringen.
Was sind denn Ihre Zukunftspläne?
Wenn meine Verlobte und ich verheiratet sind, hätte ich gern einen eigenen Salon. Das wäre mein Traum. Ich komme zwar aus der Provinz, aber meinen Laden möchte ich hier in Phnom Penh eröffnen. Ich mag die Stadt sehr gern.
Was machen Sie in der Freizeit?
Ich arbeite jeden Tag von 7 bis 17 Uhr. Danach gehe ich nach Hause. Meistens schaue ich dann fern. Manchmal gehe ich auch mit meiner Verlobten am Ufer des Tonle Sap spazieren. Am Fluss ist abends oft was los.
Wo waren Sie das letzte Mal in den Ferien?
Das letzte Mal reiste ich nach Siem Reap. Dort liegen die Tempel von Angkor. Natürlich habe ich die Anlage auch besichtigt. Das war toll, ich war das erste Mal dort. Diese alte Tempelanlage ist der Stolz unseres Landes.
Annette Müller ist freie Journalistin und lebt in Zürich.
Dany Coiffeur Der Salon befindet sich im Zentralmarkt in Phnom Penh, gleich neben den Haushaltswaren, gegenüber von zwei weiteren Coiffeursalons. Man kann sich die Haare schneiden lassen, auch Frisuren und Massagen werden angeboten. Für einen typischen Haarschnitt bezahlt man 1 Franken 10.
Kambodscha Einwohner: 14,4 Millionen BIP pro Kopf: CHF 540 Milch: 1 l CHF 1.30 Brot: 1 kg CHF 2.70 Kinobillett: CHF 1.10 Zigaretten: CHF 0.30 Taxi: 10 km CHF 7.60
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