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Der Schatz und sein Meister
Wer träumt nicht davon, einmal einen Goldschatz zu finden? Noch mehr Spass macht es allerdings, selbst einen Schatz zu verstecken.
Von CUS
Einen Schatz vergraben, einen Schatz heben – das ist ein Traum, den jedes Kind hat. Auch wenn der Schatz nur aus Murmeln besteht. Aber tatsächlich einen Goldschatz zu vergraben, mitten in Europa, das wagt niemand. – Ich habe es getan. Ich habe einen Schatz vergraben, den jeder findige Kopf hätte heben können, der, wenn er alle Rätsel geknackt, alle Hinweise auf der Karte richtig gedeutet hätte und nicht in eine meiner Fallen getappt wäre. Zu schön die Vorstellung, wie am Ende doch einer die Stelle auf den Zentimeter genau aufspürt, den Spaten ansetzt und dann auf hohl klingendes Holz stösst, in dem mein Schatz liegt!
Florian Langenscheidt hiess mein Verbündeter: ein sympathischer Bonvivant. «Ich will mit Ihrem Geld machen, was noch keiner damit gemacht hat: Ich will es vergraben», sagte ich. «Die Schatzsuche ist die Königsform des Rätsels. Sie ist gnadenlos gerecht. Da wird nicht gelost, gewinnt nicht der Glücklichste – bei einer Schatzsuche gewinnt der Beste», sagte ich. «Damit geben Sie dem drögen Image Ihres Wörterbuchverlags einen Kick, wie ihn keine Werbekampagne je zustande brächte.» Überzeugt. Seine Bedingung: Das Gold sollte in Langenscheid vergraben werden.
Ich machte mich auf in das unbekannte Dorf. Malerisch liegt es auf den Hügeln über der Lahn. Hinter den letzten Häusern ein Friedhof, ein guter Einstieg. Von dort aus in die Buchenwälder. Es war Januar, die Schatzsuche sollte im April beginnen. Durch den Wald, der ohne Blätter stand, konnte ich einen Kirchturm anpeilen. Diese gedachte Linie gab die Richtung vor, in der wir das Gold vergruben. Im Mai würde der grüne Vorhang zugehen, die Sichtachse verschwinden – eine ideale Bremse. Denn man kann nie wissen, wie schnell die Schatzjäger sind.
Im April vergrub Florian Langenscheidt den Goldschatz. Dazu liess er sich mit dem Helikopter einfliegen, ein Fehler, wie sich zeigen sollte. Dann kam das «Goldwörterbuch» mit den Rätseln heraus, die zum Schatz führten, in 70 000 Exemplaren. Eine Frage lautete: «I0 I0 I0». Zusatz: «Füge einen geraden Strich hinzu, damit sich eine sinnvolle Anweisung ergibt.» Das hielt die Rätsler nur wenige Stunden auf: «10 to 10» wurde daraus – nimm den Zug um zehn vor zehn. Wie heisst der östlichste US-Bundesstaat? Klein und einfach, das Rätsel. Rasch einen Atlas, Maine ragt am weitesten in den Atlantik, gelöst, nächste Frage. Wer hier zu schnell war, bestieg den falschen Zug. Wer der simplen Lösung misstraute, wurde belohnt: Alaskas Inseln ziehen sich weit nach Westen, ein Eiland namens Attu springt sogar über die Datumsgrenze, dort, wo aus Westen Osten wird.
Schon zogen die ersten Schatzsucher los, ohne Plan, nur mit einer fixen Idee. Sie beharkten Münchens Englischen Garten, eine Wiese am Ufer des Berliner Wannsees. Im thüringischen Mödlareuth, der geographischen Mitte Deutschlands, sähen die Felder aus wie «Schweizer Käse», schrieb eine Zeitung. Der Juni brachte eine neue Methode: hintenherum. Jemand fand den Helikopterpiloten, der Langenscheidt geflogen hatte. Nach ein paar Dutzend Anrufen war er weichgekocht. Der Landeplatz lag zwar zwei Kilometer vom Schatzort entfernt, doch der Vorsprung der schnellsten Teams, die sich via Fahrplan bis Langenscheid vorgearbeitet hatten, schien dahin. Aufregung unter den «Ehrlichen», dann die Entwarnung: Die Schummler, die sich schon am Ziel gewähnt hatten, standen ratlos am Landeplatz und wussten nicht weiter. Sie kannten die Mechanik des Gesamträtsels nicht, wussten nicht, wie die Rädchen des Uhrwerks ineinandergriffen. Sie kamen nicht auf die übergeordnete Ebene. Ohne Metaebene kein Gold.
Was sind das für Menschen, die sich monatelang in Rätsel verbeissen? Sie wollten es dem Rätselmacher zeigen, wollten ihm auf die Schliche kommen. Verflixt noch mal, es musste doch für Tausende findige Köpfe möglich sein, den Knoten aufzulösen! Und das Gold? Der Verlag richtete eine Hotline ein. Für die Verzweifelten, die in den Sackgassen ihrer Hirnwindungen feststeckten, oder für die in Mödlareuth Gestrandeten. Die Lösung kannte die Telefonistin nicht, doch sie konnte Trost spenden. Bald lernte sie zu unterscheiden: diejenigen, die nur das Gold vor Augen hatten und das Rätsel als notwendiges Übel in Kauf nahmen; die würden es nicht schaffen. Von denjenigen, die die Mechanik knacken wollten; sie würden den Schatz heben. Ein Unternehmensberater errechnete, dass für mein vertracktes Rätsel 240 000 Arbeitstage draufgingen – pro Monat.
Im August sah man an Wochenenden ganze Trupps mit geschulterten Spaten im Langenscheider Buchenwald. Im September war der Anfangspunkt der imaginären Linie in Richtung Kirchturm eingekreist. Schritt für Schritt entblätterte sich das Uhrwerk. Im Oktober, noch ehe der Laubvorhang sich gelüftet hatte, war die Sichtachse zum Kirchturm vermessen. Astrid, 27, und Michael, 37, ein Paar aus Hessen, waren die Schnellsten. Sie haben den Kindertraum wahrgemacht, sie haben den Goldschatz gehoben.
Florian Langenscheidt freute sich über seinen Marketingerfolg – und den Coup, von dem nur er wusste. Er meinte, alle ausgetrickst zu haben: den Rätselmacher, die Journalisten, die Rätsler. Eine Obstwaage brachte es ans Licht: Das vergrabene Goldbuch wog nur einen Siebtel dessen, was es hätte wiegen müssen. Dem ideellen Wert, den der Verleger dem Buch beimass, konnten die Finder nichts abgewinnen. Er musste die 25 000 Euro in Gold doch noch rausrücken.
CUS ist Rätselmacher, auch für NZZ Folio; er lebt in München.
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