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Cinderella trifft Ali Baba
© Aurore Belkin, Dubai, VAE
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| Hotel Madinat Jumeirah: Wasser und Grün sind am Golf nicht nur Dekoration, sie sind eine Sehnsucht. |
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Sand, Sonne und Luxus gibt es anderswo auch, billiger sogar. Warum also sollte man in Dubai Ferien machen? Von Anja Jardine
Kaum sind die Anschnallzeichen erloschen, stellt der Sitznachbar die Rückenlehne zurück, zieht eine Schlafmaske über die Augen, rührt sich sechs Stunden lang nicht. Nur einmal lüpft er die Maske, fragt unvermittelt: «Welche Art Business machen Sie in Dubai?» – «Keines», sage ich, «ich mache Ferien. Und Sie?» – Er runzelt die Stirn, sagt: «Ich bin Emirati» und zieht sich wieder die Maske über die Augen. Es ist die erste und einzige Begegnung mit einem Einheimischen von Dubai.
Am Flughafen herrscht um ein Uhr nachts Hochbetrieb. Eine Dame von Arabian Adventures empfängt den Feriengast noch vor der Zoll- und Passkontrolle und lotst ihn geschmeidig an langen Schlangen von Pakistanern und Indern vorbei durch alle Nadelöhre der Einreisebürokratie bis zum gekühlten Privatshuttle – eine Dienstleistung, die man vorab buchen kann. Schnurgerade führt die Sheikh Zayed Road vorbei an einer Parade bizarrer Hochhäuser, die den Fremden mit fuchtelnden Ärmchen begrüssen. Es sind Baukräne auf den Dächern, die auch nachts nicht ruhen. Als in der Ferne das Segel auftaucht, in dieser Nacht pinkfarben illuminiert, gibt es keinen Zweifel mehr, dies ist Dubai.
Jeder kennt das «Burj al-Arab». Erst seit sein Bild um die Welt ging, wissen die allermeisten Menschen, dass dieser handtuchgrosse Flecken am Golf namens Dubai existiert. Und dass es hier im Überfluss gibt, was Touristen lieben: Sonne und Sand. Und dass alles, was es hier nicht gibt, mit einer Kühnheit geschaffen wird, wie sie das «Burj al-Arab» symbolisiert: Das Hotel steht auf einem Landkeks im Meer, den die Natur dort nicht vorsah, es hat sich selbst sieben Sterne verliehen, eine Kategorie, die es in der Hotellerie nicht gibt. Und sein Bau hat Geld verschlungen, das es nie einspielen wird – selbst bei fünfzig Jahren Vollbelegung. Und dennoch steht es da. Über fünf Millionen Menschen kommen bereits jährlich, um sich das Phänomen aus der Nähe anzuschauen. Wenn auch nur von aussen.
Im Windschatten des «Burj al-Arab» sind mittlerweile Dutzende von Luxusherbergen entstanden, die immerhin einen Abglanz von ihm versprechen. Und der Vorteil, wenn man nicht drinhockt, ist der, dass man es im Blick hat. Vom «Madinat Jumeirah» aus zum Beispiel, einer Ferienwelt ganz nach dem Geschmack des Herrschers, dessen Clan die Jumeirah-Gruppe gehört. Es ist ein arabisches Venedig aus lehmfarbenen Palästen mit Windtürmen und Arkaden, üppigem Grün und verschlungenen Wasserläufen.
Allein das Bett ist gross genug für zwölf Beduinen, wundern würden die sich allerdings über den aus weissen Frottétüchern gewundenen Schwan, der auf der Federdecke thront. Schwere Teakholzmöbel, opulente Stoffe, Pantoffeln auf dem Bettvorleger. Cinderella trifft Ali Baba. Erst als ich die Balkontür öffne, wird klar, dass dies tatsächlich die Wüste ist. Schwüle Nachthitze.
Unter dem Balkon der «Hafen des Friedens», sofern man dem Namen dieses Hoteltrakts glauben darf: «Mina as-Salam». Und tatsächlich: Auf der in Beton gefassten Lagune – nur durch Palmen vom Persischen Golf getrennt – gleitet eine Abra heran, ein hölzernes Wassertaxi mit leise schnurrendem Motor, das vier Europäer von einem Restaurant zurückbringt zu ihren Zimmern, kurz darauf legt ein zweites Boot an, und ein arabisches Pärchen steigt aus. Der Mann trägt das traditionelle Gewand, die Dishdasha, seine Frau eine Abaya. Die mit Steinen verzierte Borte des schwarzen Umhangs zeichnet ihre Silhouette nach. Gedämpfte Stimmen, eine leichte Brise, und für einen kurzen Moment arrangieren sich diese sechs Personen zufällig zu einem jener Bilder, mit denen Dubai die Welt von sich zu überzeugen versucht: Menschen verschiedener Religionen und Nationalitäten in friedlicher Koexistenz.
Damit das nicht schon am Allergröbsten scheitert, findet sich neben dem Obstteller eine «Dos and donts»-Liste für allgemeines Benehmen. Alkohol ist erlaubt, aber nicht überall. Drogen sind es nicht, Achtung: null Toleranz, bei Verstoss droht Gefängnis. Bikinis: ja, aber nicht im Foyer. Küssen hingegen: besser nicht, es könnte Anstoss erregen.
Der Frühstückskellner kommt aus Sri Lanka, er hat an diesem Morgen nicht viel zu tun, bei knapp 40 Grad sitzt kaum noch jemand auf der Terrasse. Als auf der tellergrossen Plattform an der Spitze des «Burj al-Arab» ein Helikopter landet, sagt er, ohne hochzuschauen: «Die Leute können oben einchecken, die müssen nicht extra runter ins Foyer.» Und er fügt hinzu: «Mir gefällts nicht.» Auf die Frage, was ihm denn in Dubai gefalle, lacht er verlegen, überlegt lange. «Datteln», sagt er endlich.
Ulrike Baumann aus Deutschland hingegen, zuständig für die PR der Jumeirah-Gruppe, zögert keine Sekunde: «Hier ist alles so ‹hands on!›», sagt sie, «so ‹lets do it!› – das gefällt mir. Vor kurzem war das hier noch öffentlicher Strand. Und in null Komma nix ist diese Ministadt entstanden. Das war toll, als das Wasser in die Lagune eingelassen wurde und wir schnell die Leitern hochklettern mussten.»
Die Ministadt des «Madinat» besteht aus zwei palastartigen Hotels, zahlreichen Villen mit eigenem Pool und Butlerservice, über 40 Restaurants, einer Shopping-Mall mit 150 Boutiquen, Tennisplätzen, Health- und Spa-Center und Amphitheater. Wer sich einen Strandurlaub wünscht – luxuriös und kulturell neutral –, der ist hier am richtigen Ort. Die Menschen sind freundlich, Kriminalität gleich null. Himmelbettartige Liegen bieten Schatten, freundliche, hitzebeständige Filipinos wechseln unermüdlich Handtücher oder servieren Eissorbet. Und Jumeirah Beach ist die Inkarnation des idealen Ferienkatalogstrandes: Weiss, feinsandig, blitzsauber säumt er ein seicht abfallendes, türkisfarbenes, badewannenwarmes Meer. Überrascht stellt man fest, dass es salzig schmeckt, es könnte echt sein.
Hier soll Scheich Mohammed eines Morgens gestanden haben, als eine Palme ihren Schatten aufs Meer warf. Damit war eine grosse Idee geboren, mittlerweile ist die dritte künstliche Insel in Palmenform in Arbeit. Wer sich am anderen Ende des kilometerlangen Privatstrandes im «One & Only Mirage» einquartiert, einer sensationell luxuriösen, fast tropisch grünen Oase mit Wasserfontänen aussen und jeder Menge Blattgold innen, ebenfalls im Besitz der Al Maktums, hat einen Logenplatz für den Schöpfungsakt der Jumeirah-Palme. Allein die Akustik ist ganz grosse Oper, schliesslich entsteht hier die Infrastruktur für ein ganzes Wohnquartier. Um Derartiges sehen zu dürfen, muss der gemeine Tourist auf Stadtrundfahrt gehen.
Schnell wird klar, dass die Sehenswürdigkeiten in Dubai vor allem Hotels sind. «… das ‹Burj al-Arab› – in nur 18 Monaten erbaut – ausschliesslich Suiten, die kleinste 170 Quadratmeter, die grösste 780 Quadratmeter gross, nebenan ‹The Wave›, 25 Stockwerke, und dort Wild Wadi Water Park – mit 23 Fahrgeschäften der grösste seiner Art – so lange, bis Dubailand eröffnet, bestehend aus 25 Megaprojekten: Unterwasserwelt, Jurassic Park, Disneyworld – dreimal so gross wie das Original – … zur Rechten der Burj Dubai, mit 800 oder 900 Metern das höchste Gebäude der Welt … und dort Dubai Waterfront, eine gigantische City für 750 000 Menschen, Fertigstellung 2010 …», so spricht der englischsprachige Guide viele Stunden lang. Anfangs verrenken sich alle, um auch das höchste, das ungewöhnlichste, das schrägste Projekt digital zu erfassen, doch schon bald stellt sich eine gewisse Sättigung ein, eine Art mentaler Übelkeit gar, als habe man zu viele Superlative geschluckt, zu viel Sahnetorte. Als wir auf Dubai Marina blicken, das weltgrösste Wolkenkratzerferienresort mit über 80 Hochhäusern im Bau, schüttelt so mancher nur noch den Kopf.
Es geht einem wie dem kleinen Prinzen von Saint-Exupéry, als er den Weichensteller trifft und fragt: «Was machst du?» Und der antwortet: «Ich sortiere die Reisenden nach Tausenderpaketen.» Selbst der metropolengestählte Weltenbürger fragt sich: Wo werden die Menschen herkommen? Was wollen sie hier? Gefällt es ihnen denn dort nicht, wo sie sind? Und warum müssen die Häuser so hoch sein? So zahlreich? Und wieso muss alles so schnell gehen? Diese Mischung aus Staunen und Befremdetsein: Das ist der emotionale Kitzel in Dubai – wie anderswo Glücksspiel oder Löwensafari. Dubai ist kein Ort, es ist ein Ereignis wie eine Mondlandung. Eine sich aus dem Erdboden stülpende Stadt, wie eine monströse Knospe, der man beim Aufblühen zuschauen kann, halb fasziniert, halb voller Furcht, dass sie Menschenfleisch frisst.
Fast dankbar registrieren wir, dass der Bus vor einem Häuschen aus Korallenkalk hält, so klein, dass man es in der Präsidentensuite des «Burj al-Arab» lässig unters Bett schieben könnte. Es ist das Sommerhaus von Scheich Raschid, dem Vater des jetzigen Herrschers und Mitbegründer der Vereinigten Arabischen Emirate. In den 1950er Jahren, einer für Dubai «delikaten Zeit», wie auf einer Tafel zu lesen ist, als das Öl noch nicht entdeckt war und das Perlengeschäft vorbei, versammelte Scheich Raschid hier wichtige Köpfe des Landes, um über die Zukunft zu beraten. Ein Raum kaum grösser als ein Klassenzimmer, bestickte Kissen auf dem Boden, ein Radio, eine Pendeluhr. Nach fünf Minuten sind alle wieder im Bus.
Dabei ist das, was hier in diesem und anderen Versammlungsräumen stattfand und noch immer stattfindet, landestypischer als jeder Prachtbau. Und auch für Demokraten beeindruckend. Ein Weggefährte Scheich Raschids erzählt von den Zusammenkünften in einem Buch: «Seine Türen standen jedem offen, man brauchte keinen Termin. Er war immer von 20 oder 25 Leuten umgeben, in den Versammlungshäusern sassen 70 oder 80. Er hatte die Angewohnheit, ein Thema in die Runde zu werfen und die Männer diskutieren zu lassen. Er selbst nahm nicht teil, sondern hörte nur zu. Die Leute brachten Ideen, Meinungen, Vorschläge ein, und er zog seine Schlussfolgerungen. Aber die behielt er für sich, bis sie ausgereift waren.»
Scheich Raschid lieh sich Geld vom Nachbarn Kuwait und baute einen grossen Hafen, was damals niemand verstand. Er selbst war ein bescheidener Mann; als die Einnahmen aus dem Öl zu fliessen begannen, baute er Schulen und Krankenhäuser, keine Paläste.
Loyalität und Vertrauen der Emiratis gegenüber ihren Herrschern sind bis heute ungebrochen. Das Rückgrat ihrer Gesellschaft ist das Clanwesen, eine Kultur allerdings, die sich touristisch-folkloristisch schwer vermitteln lässt, zumal das Wesen ebendieser Kultur die Exklusivität ist. Und das, obwohl die Emiratis seit je mehr Fremde ins Land lassen als andere Nationen. Doch langsam keimt die Angst vor dem Verlust des Eigenen; die Menschen auf der Strasse sprechen englisch, nicht arabisch. Und so wurde 2008 zum Jahr der nationalen Identität ernannt.
Der Bus fährt vorbei an der Jumeirah-Moschee, ein kurzer Besuch in der renovierten Altstadt Bastakia, ein längerer im Gold- und Gewürzsouk, doch das Schönste ist die Fahrt mit einem Holzkahn über den Creek, die Lebensader Dubais. An der Kaimauer liegen die dickbäuchigen Dauen in Fünferreihen und löschen ihre Ware. Und hier, wo Dubai am lebendigsten ist, wo Menschen aus hundert verschiedenen Nationen herumlaufen, Fahrrad fahren, handeln und spazierengehen, steht eines der schönsten Hotels der Stadt, das seinen wahren Trumpf kaum ausspielt: Das «Sheraton Creek» ist dreissig Jahre alt und hat mit angesehen, wie sich die Handelsstadt am Persischen Golf, in der indische und iranische Kaufleute siedelten, zu dem entwickelte, was Dubai heute ist, wie immer man das nennt.
Dieses Leben vor dem Öl anschaulich zu machen, versucht das Dubai-Museum, ein ehemaliges Fort, das einst zur Verteidigung der Stadt auf der Landseite diente. Heute werden dort die Lebenswelten der Fischer, Perlentaucher, Schiffsbauer und Beduinen nachgestellt, was jedoch idyllischer anmutet, als dieses Leben jemals war. Was das wohlklimatisierte Museum verschweigt, ist die Hitze. In dieser Region geben die Elemente freiwillig kein Leben her, man muss es ihnen mit aller Kraft abringen.
In dem Buch «Telling Tales» erinnert sich ein Perlentaucher an jene Zeit, «als wir unter Wasser waren». Vier Monate lang ununterbrochen auf See, von morgens bis abends im Meer. Ausgestattet mit Nasenklammern, Gewichten an den Füssen und einem Eimer um den Hals, tauchten sie zehn Meter tief oder tiefer. Einige Schiffsführer schlugen die Taucher, wenn sie nach zwei, drei Minuten an der Oberfläche nicht wieder abtauchten. Nur für die Gebete durften sie an Bord kommen. Mittags gab es ein paar Datteln, zu trinken für jeden eine Kelle Wasser, nicht mehr, geschlafen wurde auf den Muscheln, weil nirgends Platz war. «Wir waren immer durstig», erinnert sich der Mann. «Und wir hatten Angst, wir sahen Haie auf uns zukommen, aber was konnten wir tun? Wir mussten leben.»
Noch entbehrungsreicher und härter war das Leben in der Wüste, auf der ewigen Suche nach Weideplatz und Wasser. Das künstliche Grün im heutigen Dubai ist nicht nur Dekoration, sondern auch eine tiefe Sehnsucht. Der Brite Wilfred Thesinger, der von 1947 bis 1950 mit Beduinen das «Leere Viertel», die Wüste Rub Al Khali, durchquerte, hat das extrem karge Leben dokumentiert. Dennoch schrieb er: «Ich kam gerade noch rechtzeitig nach Südarabien. Andere werden dorthingehen, um Geologie und Archäologie zu studieren … sie werden in Automobilen reisen und durch Funkgeräte mit der Aussenwelt verbunden sein, aber den Geist des Landes und die Grösse der Araber werden sie nicht begreifen.»
An diesem Tag sind es 36 Jeeps mit Vierradantrieb, die in Kolonne «Dünen prügeln», so nennt sich der Spass. Unser Fahrer sagt, dazu brauche man vor allem ein kräftiges Herz. Mit Vollgas prescht er hinauf bis an den messerscharfen Grat, um dort einen kurzen theatralischen Moment in der Fastsenkrechten innezuhalten, bevor das Fahrzeug entweder sturzartig kippt und kopfüber hinabrutscht wie ein dicker Käfer oder, nach einer halben Pirouette, schräg den Abhang hinunterschlingert. So nähern wir uns mühsam einer Kamelfarm, zu der die Kamele gerade zur Abendfütterung von ihrem Wüstenstreifzug heimgekehrt sind. Auch der Farmer persönlich kreuzt auf, steigt in blütenweisser Dishdasha aus dem Jeep, den Falken fotogen auf dem Handgelenk. Fraglich bleibt, wer bei dieser Zusammenkunft wen besichtigt: die Touristen die Kamele oder die Hirten aus Bangladesh die halbnackten Weissen. Sie nennen sie «die Leute ohne Kleider».
Beim Barbecue mit arabischen Spezialitäten, zu denen auch Spaghetti Napoli zählen, gibt eine Bauchtänzerin aus Tunesien ihr Äusserstes und versetzt so manchen Mitteleuropäer in einen Zustand der Enthemmung. Richtig romantisch aber wird es erst, als das elektrische Licht ausgeschaltet und über Lautsprecher fünf Minuten gemeinsames Sternegucken anberaumt wird, wobei die Sterne nicht die geringste Chance haben, gegen die Displays der Kameras anzuleuchten. Es ist ein gemütliches Camp, sagt der Fahrer später, nur 200 Leute, in Zukunft werden es 5000 sein.
Aber dann entfaltet die Wüste doch noch ihren Zauber, zwei Tage später, im Bab Al Shams, einem der Wüstenresorts. Natur und Luxusindustrie fügen sich hier auf eine Art zusammen, dass man versucht ist, sich beidem hinzugeben, ohne Fragen zu stellen. In den kühlen Räumen riecht es nach Kardamom und Sandelholz, das Türkis des Pools verschwimmt mit dem Weiss des Wüstensandes, in Rufnähe spaziert ein Kamel. Den Rest erledigt ein Campari Orange auf dem Dach der Wüste. Als die Sonne untergeht und der Welt für einen kurzen magischen Moment ihre Farben zurückgibt, ist man versöhnt mit allen Ungerechtigkeiten.
Der Taxifahrer kommt aus Pakistan, ist seit fünfzehn Jahren hier, alle zwei Jahre besucht er für einen Monat seine Familie. Er teilt sich das Hinterzimmer einer Autogarage mit fünf Männern, zwei seiner Kinder studieren in der Heimat, er kennt sie kaum. «Its difficult also», sagt er. Auf einer Verkehrsinsel hockt ein Trupp Arbeiter in orangefarbenen Overalls, sie suchen einen Fetzen Schatten unter einer mickrigen Palme. «Everybody ist coming also», fährt der Mann fort. «More and more. Lots of work also.»
Über den Männern hängt eine einsame Kurve in der Luft, es ist nur eine Betonschale auf einem Betonträger, der noch jeglicher Anschluss an eine Strasse fehlt. Seltsamerweise ist am Fuss des Stützpfeilers bereits eine Grünfläche angelegt – irgendwo in dieser Stadt muss es eine Schaltzentrale mit einem Generalstab geben, der Mensch und Material exakt kalkuliert und verplant hat. Doch warum stellt diese Stein gewordene Kopulation der Muslime mit der westlichen Welt für Terroristen keine Provokation dar? «Usama bin Ladin is coming also», sagt der Fahrer, «for hospital, every two months.» Woher er das wisse, frage ich. «Everybody knows also.» Und plötzlich wird mir klar: Was wie eine sprachliche Macke anmutet, ist vielmehr eine Lebenseinstellung. Eine Überlebenseinstellung. It’s bad also. It’s good also.
Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin.
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