ENDE OKTOBER hat die 74jährige Klawdija Sapegina, die von allen im Dorf nur Tante Klawa genannt wird, eine Woche lang geweint. Denn Ende Oktober kam der Schwiegersohn Valeri aus Moskau zu ihr nach Chruschtschowka und schlachtete mit Hilfe der Nachbarn ihr Stierkalb und ihr Schwein. «Die Tiere waren von März bis Oktober meine wichtigsten Gesprächspartner», sagt Klawa. «Es ist jedes Jahr dasselbe, doch jedesmal fällt mir der Abschied so schwer.»
Der Weiler Chruschtschowka liegt 400 Kilometer südlich von Moskau und 50 Kilometer westlich der Stadt Twer. Nicht mehr als fünf Häuschen gibt es hier, und in denen wohnen nur alte Leute. Das Dorf ist winzig, aber jeden Herbst reisen viele hungrige Münder aus der Grossstadt an, um sich abzuholen, was hier produziert wird.
Zu Klawdija Sapegina kommen mit dem Schwiegersohn, der das Schlachten besorgt, die Tochter, dazu die Enkelin mit ihrem Mann und der kleinen Urenkelin. Sechs Personen profitieren von den Erträgen des nicht einmal ganz eine Drittelhektare grossen Grundstücks, auf dem Klawas Datscha steht.
Jedes Jahr kocht und salzt Klawas Tochter Äpfel und Johannisbeeren, Peperoni, Kohl, Gurken, Kürbisse und Zucchini und füllt damit 150 Einmachgläser. Die Krönung dieser hausgemachten Konserven ist eine geheimnisvolle Gemüsemischung, Klawdija Sapegina nennt sie «Assorti». «Wenn man so ein Glas öffnet, hat man praktisch schon den Tisch gedeckt. Man braucht sich nur ein paar Kartoffeln dazu zu braten», sagt die Selbstversorgerin. Und woher kommen die Kartoffeln? Natürlich baut Tante Klawa auch die selbst an. Den ganzen Sommer über kauft sie fast nichts ein, bloss Salz, Streichhölzer, ab und zu ein paar Bonbons und Milch.
Privatgärten wie der von Klawa machen nur fünf Prozent des bewirtschafteten Bodens in der Russischen Föderation aus, aber von ihnen stammen über neunzig Prozent der gesamten Kartoffel- und Gemüseernte Russlands. Über die Hälfte aller Grossstadtfamilien verfügt über eine «Datscha», die allerdings oft nicht grösser ist als ein Schrebergartenhäuschen. Das Geld, das man nicht für Lebensmittel auszugeben braucht, kann man dann in so heiss begehrte Dinge wie Videogeräte, moderne Einbauküchen und Kleider investieren. Und somit fördern Leute wie Tante Klawa mit ihrer Landarbeit draussen in der Provinz indirekt auch die Konsumgüterindustrie und den Handel.
Klawdija Sapegina selbst stammt zwar vom Lande, aus einem Dorf nicht weit von Chruschtschowka, aber heute ist sie eine Teil-Grossstädterin. Mit ihrem zweiten Mann zog sie nach Moskau, und dort lebte sie bis zu seinem Tode. Fünfzehn Jahre lang arbeitete sie in der Hauptstadt als Hauswartin. Und wenn sie da so in ihrem Hinterhof harkte, wünschte sie sich oft sehnlichst, einen richtigen Acker pflügen zu können. «Ohne Landarbeit ist das Leben für mich kein Leben», sagt sie. Als ihr Mann verstarb, liess sie sich seine Rente auszahlen. Damit, und natürlich auch mit Hilfe ihrer Sippe, konnte sie schliesslich den Traum von der gepachteten Scholle verwirklichen.
Die schlimmsten Wintermonate verbringt sie noch heute in Moskau bei der Tochter. Während dieser Aufenthalte denkt sie dann über das Badewannen-Paradoxon nach: «In der Stadt habe ich eine Badewanne und auch Musse, um in ihr zu liegen. Aber in der Stadt lohnt sich das ja gar nicht, denn in der Stadt werde ich gar nicht schmutzig. Warum nur sind die Badewannen immer dort zu finden, wo es richtigen Dreck, wie man ihn hier auf dem Dorf findet, gar nicht gibt? Warum nur haben die, die etwas nötig haben, es nicht, und warum ist es so eingerichtet, dass die, die es haben, es gar nicht so notwendig brauchen? Warum ist das so auf dieser Welt?»
Mitte Februar zieht es sie dann wieder nach Chruschtschowka. Gegen die Kälte kämpft die Pensionärin mit ihrer bewährten Gratis-Heizmethode, für die sie allerdings einen Schutzengel benötigt. Kawa verband ein Starkstromkabel mit der Überlandleitung. Und dieses Kabel führt durch eine eigens dafür gesägte Öffnung in der Wand zu einer massiven Metallplatte in der Mitte des Schlafraumes, die von dem gewaltigen Elektrizitätszufluss rot zu glühen beginnt. Dabei ist das Häuschen nicht nur aus Holz, sondern zum Teil auch aus Papier. Die zahlreichen Lecks in den Wänden hat Tante Klawa nämlich von innen mit mehreren Schichten übereinandergeklebter Zeitungen abgedichtet. Das Haus hat damit die zunderige Faktur eines Wespennestes.
Die Landarbeit ist für Klawa nicht nur Zeitvertreib, sie gibt ihrem Leben einen Sinn. «Ob meine Kinder wohl für mich sorgen werden, wenn ich einmal nicht mehr arbeiten kann?» fragt sie ein wenig besorgt. Aber dann beruhigt sie sich gleich selbst: «Mein Schwiegersohn hat ein gutes Herz!»
Bevor Klawa im Winter nach Moskau fährt, geht sie bei ihren Nachbarn vorbei und versichert sich, dass sie auch diesmal wieder die Hühner füttern werden, wenn sie weg ist. Dann kontrolliert sie noch einmal ihre Einmachgläser mit den Innereien und der Haut der geschlachteten Tiere. Daraus wird sie im Frühling dem neuen Ferkel einen fetten Brei kochen. Der Kreislauf des Lebens muss weitergehen. Und noch immer kann Klawa arbeiten, ernährt sie eine grosse Familie und ein wenig auch eine grosse Nation.