NZZ Folio 12/95 - Thema: Die Gabe   Inhaltsverzeichnis

Frohe Botschaften

Glückwunschkarten aus aller Welt.

Von Nikolaus Wyss

IN MEINEM SEKRETÄR aus Nussbaum und Buche, einem Erbstück von Tante Lina selig, entdeckte ich ein Geheimfach. Inhalt: 21 Glückwunschkarten zur Vermählung mit Otto im Jahre 1937, etwa 100 Schwarzweissfotos aus derselben Zeit, Grundzüge der christlichen Lehre, ein paar Quittungen und Mitteilungen der Kantonalbank Bern, 7 Todesanzeigen von Verwandten und eine einzige Weihnachtskarte von 1967, die gleichzeitig auch noch Vermählungsanzeige des Absenders mit entsprechender Adressänderung (Übersiedlung nach Brunswick, New Jersey, USA) ist. Eine multifunktionale Weihnachtskarte also, drei Sachen mit demselben Porto. Vielleicht bewahrte auch ein vierter Grund die Karte vor ihrer Entsorgung. Eine Originalillustration ohne Angaben über den Schöpfer schmückt sie, 5 × 8 Zentimeter gross, halbwegs abstrakte Kreide, blaugrauschwarz, mit viel gutem Willen als Engel zu erkennen. Die Aufbewahrung würde in diesem Falle vom Respekt des Kunstmalers Otto vor der Arbeit eines anonymen Zunftbruders zeugen, obwohl sich mein Onkel meines Wissens bei Geranienstillleben mehr zu Hause fühlte als bei moderner Malerei (deshalb die Aufbewahrung an dunklem, unzugänglichem Ort).

Bref. Diese wird ja nicht die einzige Weihnachtskarte gewesen sein, die das Ehepaar im Laufe seines Zusammenlebens je erreichte. Die anderen Festtagsgrüsse jedoch gingen wohl den üblichen Weg einer ein- bis zweimonatigen Wirkungssphase mit anschliessendem Ende beim Altpapier. Irgendwann Anfang November erscheinen sie (anders als saisonale Früchte wie Erdbeeren oder Pflaumen, die mittlerweile das ganze Jahr hindurch erhältlich sind) in den Papeterien und Warenhäusern, werden dort erstanden, mit einem persönlichen Gruss versehen oder zumindest mit dem Namen des Absenders, in einem Couvert an den Zielort verschickt, dort wieder ausgepackt, zur Kenntnis genommen, zur Begleitung der Festtage aufgestellt und eventuell verdankt (wenn sie sich nicht gerade, was häufiger der Fall sein dürfte, mit den eigenen Festtagsgrüssen kreuzen, was einen dann von einer Verdankung derselben enthebt). Irgendwann im Januar ist für diese Karten aber Saisonschluss.

Meine Mutter allerdings, doch dies dürfte von der Norm arg abweichen, pflegte nach ihren Sommerferien zu sagen, sie habe jetzt wenigstens die Weihnachtspost vom vergangenen Jahr erledigt. Die späte, individuelle Korrespondenz vermochte dann irgendwie auch zu rechtfertigen, dass die Briefeschreiberin Monate später, um die Weihnachtszeit herum, nicht schon wieder von sich hören liess. Sonst aber gilt die Regel, wenigstens zu den Festtagen Freunden, Verwandten und Bekannten ein Lebenszeichen von sich zu geben. Es gehört sich einfach so. Merkwürdigerweise hat sich dabei die Grusspostkarte, die eigentlich ihre hohe Zeit um die Jahrhundertwende erlebte, auch neben Fax, Telefon, Modem, Telegramm (auf dem absteigenden Ast!) und persönlichen Besuchen gut gehalten. Auch wenn dieses bunte Stück Papier den nachfolgenden Januar nicht überdauert, im Rahmen der Festtagsbräuche behält es seine Bedeutung und nicht zu unterschätzende Wirkkraft. Man überprüfe dies bitte mit dem Gefühl, das entsteht, wenn man auf die Festtage hin keinen einzigen postalischen Gruss erhält. Und noch eine Steigerung des Tests ist möglich: wenn man selber vielen Adressaten Grüsse verschickt hat und keinen einzigen zurückbekommt!

Auf Ende Jahr hin kommt man eben auch auf emotionaler Ebene und in Sachen Status ins Bilanzieren und Rechnen. Beim Jahreswechsel unterzieht man das eigene Beziehungsgeflecht einer Prüfung - meist unbewusst zwar, aber nicht weniger effektvoll. Der bunte Kartenreigen kann dabei als Feedback auf die eigene Bedeutung wahrgenommen und als Schutzwall gegen allfällige Unsicherheit in der sozialen Position und gegen lauernde Einsamkeitsgefühle eingesetzt werden. Er steht auf dem Kaminsims, auf dem Gabentisch, liegt im geflochtenen Körbchen oder hängt an einer Schnur und zeigt wohltuend an, von wie vielen Leuten man mit guten Wünschen bedacht worden ist - abgesehen natürlich von all den anderen, die einen besucht oder angerufen haben (worauf alle diejenigen besonderen Wert legen, die mit der Anzahl zugeschickter Karten nicht ganz zufrieden sind).

«Fröhliche Weihnachten», «Ein glückliches, neues Jahr», «Viel Glück und Segen» - sie alle sind der Jahreszeit angemessene Formeln, meistens vorgedruckt, aber deshalb nicht weniger individuell, als wenn wir auf der Strasse einem Bekannten begegnen, ihm die Hand schütteln und einfach «Frohe Festtage» wünschen. Denn während wir bei einer persönlichen Begegnung nach dem Austausch der guten Wünsche weiterschreiten, ist bei der postalischen Übermittlung das Risiko einer folgenreicheren und peinlicheren Selbstentblössung durchaus gegeben. Allein schon durch die Auswahl des Bildsujets: man kann zwar unter Hunderten wählen, aber die Karten richten sich nach dem breiten Geschmack, denn sie wurden aus Kostengründen in hoher Auflage gedruckt und müssen jetzt ihre hunderttausend Käufer finden. Mit welchem Bild ist der Anstrich der persönlichen Wahl noch gegeben? Die Vorstellung, dasselbe Bildchen zu verschicken wie die Nachbarin oder beim Adressaten als ordinär zu gelten, erhebt sich gerade unter Gebildeteren zu einem Problem. Man weiss genau, dass die Wahl eine Aussage über den eigenen Geschmack zulässt, und überdies will man ja mit dem Gruss auch noch Freude bereiten, was wiederum vorgängige Vorstellungen darüber verlangt, was den anderen denn im Rahmen dieser beschränkten Auswahl überhaupt Freude bereitet. Kein Wunder, dass bei einer derart komplexen und delikaten Ausgangslage oft Ausweichstrategien in Unverfänglicheres gewählt werden. Man lässt, zum Beispiel, die eigenen Kinder malen, was jeder weiteren Geschmacksdiskussion schon einmal einen Riegel schiebt. Oder man verschickt Karten der Unicef (oder einer anderen Hilfsorganisation), womit die gute Tat der Glückwünsche noch um eine solche der Spende verdoppelt werden kann.

Wer aber in der Papeterieabteilung des Warenhauses bleibt, stellt mit Erstaunen fest, dass in unseren Breitengraden die religiös-christlich geprägten Motive eindeutig in der Minderzahl sind. Maria und Joseph im Stall, das Jesuskindlein in der Krippe, allenfalls mit den Heiligen Drei Königen unter der Stalltür - sie haben noch eine grössere Bedeutung in den lateinischen Ländern, wo das Dreikönigsfest am 6. Januar viel eher den Rahmen für die guten Wünsche zum neuen Jahr abgibt. Wenn sie aber hier auftauchen, so doch eher wegen ihres kulturellen Werts. Es handelt sich dann meist um ein in Gold getauchtes Renaissancebild eines frommen Künstlers, das vor Gläubigkeit nur so trieft, ohne gleich aber den Verdacht aufkommen zu lassen, dass der Absender womöglich in gleicher Naivität an diese frohe Botschaft glaubt.

Sonst aber: Christbaum, St. Nikolaus / Weihnachtsmann, Geschenkchen, Glöcklein, Engelein, Glitter, Hufeisen, Kaminfeger, Spielzeug - jedenfalls viele Brauchtumsmotive, die mit Geschenken und Gaben in Verbindung stehen oder die bei der Beschwörung von Glück eine Rolle spielen (keine schwarze Katze!).

Als weitere Motivgruppe ist der Bezug zur Jahreszeit gut vertreten, zum Beispiel Eingeschneites: Schneelandschaften, Pferdeschlitten, Lebkuchenhäuschen mit Zuckerdach, Frau Holle, wobei es dann keine Rolle spielt, wo Weihnachten gefeiert wird. Schnee als Festtagssujet beschränkt sich nicht auf Skandinavien, Kanada und St. Moritz. Auch in Südafrika, Lateinamerika und Australien sind weisse Weihnachten populär, wobei die witzigeren Karten aus diesen Gegenden auf den Kontrast zwischen Realität (sommerliche Bruthitze) und Brauchtum eingehen. Da kommt dann ein Santa Claus beim Geschenkverteilen schon mal ins Schwitzen, oder eine attraktive Frau im Bikini tritt als Glücksfee auf. Die gnadenbringende Weihnachtszeit schluckt auch das und stimmt einen gnädig. Die Glückwünsche sind ja gut gemeint, und ein Augenzwinkern unterstreicht vielleicht noch ehrlicher als Ernsthaftes, dass das mit dem Glück so eine Sache ist. Man kann es jemandem wünschen und entlastet sich dadurch selber am meisten. An einem selbst kann es dann nicht liegen, wenn den anderen ein Unglück ereilt. Umgekehrt: widerfährt dem anderen ein Unglück, und man hat die Glückwünsche unterlassen, so macht man sich auf geheimnisvolle Weise mitschuldig, obschon uns allen ja seit der Erfindung des Glücks klar ist, dass es sich weder durch gute Wünsche noch sonstiges beeinflussen lässt - sonst liesse es sich ja nicht mehr als Glück bezeichnen. So erweisen sich die Festtage als besonders guter Nährboden magischen Denkens, dem wir uns selbst mit witzigen Karten nur halbwegs zu entziehen vermögen. In diesem Sinne hat sich seit der Einführung der Postkarte im Jahre 1869 nichts geändert, als die österreichische Postverwaltung diese Art von Sendschreiben erstmals zuliess und damit ihren Beamten zutraute, mit dem Postgeheimnis verantwortungsvoll umzugehen und auch ja keine schönen Karten zu entwenden - trotz Aufklärung und Säkularisierung des Alltags.

Was sich heute aber weiterentwickelt und verändert hat, ist die Interkontinentalisierung und Interkulturalisierung des Phänomens. Längst sind die Festtagsgrüsse aus dem abendländisch-christlichen Kulturkreis hinausgetreten und haben mit dem jüdischen, konfuzianischen, islamischen und hinduistischen Jahreskalender fusioniert. Aus Japan, aus China, aus Thailand erreichen uns rechtzeitig Wünsche für ein schönes Fest und für viel Glück und Erfolg im neuen Jahr, und es sind nicht alles Christen, die uns schreiben. Anderthalb Monate später, wenn dann die asiatischen Neujahrsfeiern anstehen, wird wohl die Post dort nochmals Hochbetrieb haben, und wir wären berufen, die Grüsse auf chinesisch zu erwidern. Doch als Impulsgeber im Trend steht weltweit eindeutig der christliche Kalender, trotz Kampagnen der chinesischen Regierung zum Beispiel, zugunsten des chinesischen neuen Jahres doch bitte auf diesen westlichen Festtagsunfug zu verzichten. In New York übt man noch folgende Spielart: wer sich statt mit den unverbindlicher wirkenden «Season Greetings» gerne etwas kosmopolitischer geben will, fügt «Merry Christmas» mit «Happy Chanukka», dem jüdischen Fest zur ungefähr selben Zeit, zur festen Formel.

Dies alles mag auf den ersten Blick aufgesetzt wirken, zeugt aber auch vom Bemühen, nicht nur möglichst vielen mit vertretbarem Aufwand gute Wünsche zu übermitteln, sondern eben auch mit der ganzen Welt, mit Vertretern aller Kulturen, in Verbindung zu stehen. Das ist nicht nur gut fürs Geschäft, indem man sich so unverfänglich in Erinnerung rufen kann, das ist auch gut fürs eigene Seelenheil, denn mit der friedfertigen weltumspannenden Verbundenheit erfüllt man gleich auch noch eine urchristliche Forderung.

So bleibt mir nur noch, diesen Zeilen meine besten Wünsche für frohe Festtage und für ein gesundes, glückliches neues Jahr anzufügen. Ich bin mir sicher, dass ich mich im Gegenzug der Glückwünsche aus der Leserschaft kaum werde erwehren können. Was für ein reiches Gefühl. Vielen Dank schon im voraus.

Nikolaus Wyss ist Volkskundler, Theaterproduzent und Autor, er lebt in Zürich.


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