Irgendetwas stimmt nicht mit dem hochgewachsenen, schlanken jungen Mann auf dem Flug UA 973 von Zürich nach Washington. Den grauen Nadelstreifenanzug trägt er nicht mit dem gequälten Trotz eines Konfirmanden, eher mit der Selbstverständlichkeit eines Gentleman. Er liest «The Economist». Sein schmales, jungenhaftes Gesicht hat etwas Naives und strahlt doch diese souveräne Müdigkeit aus, wie sie graumelierten Geschäftsmännern zu eigen ist.
Als wir ins Gespräch kommen, doziert er leichthin über Wagner, japanisches Theater, die Ölkrise. Nach zehn Minuten weiss ich, sein Lieblingsfilm ist «Der Pate», Skiurlaub macht er in St. Moritz und am liebsten trinkt er Limonade. Die Familie hat Häuser in Paris und Kopenhagen (seine Lieblingsstadt!), der Vater will gerade ein Schloss in der Normandie kaufen. Er erzählt das alles mit einer weltmännischen Gelassenheit, die im Widerspruch steht zu dem fast kindlichen Stolz in der Stimme. Er ist 18. Economy fliegt er, weil sein Vater ihn Bescheidenheit lehren will.
Jean ist der älteste Sohn eines schwedischen Unternehmers. Der Familienbetrieb macht aber nur einen Teil des väterlichen Vermögens aus, der Rest sind Beteiligungen, Immobilien. Wie viel genau, darf er nicht sagen. Die Familie ist reich, sehr reich.
Neben Französisch spricht Jean fliessend Japanisch, Schwedisch, Englisch, und sogar das für Ausländer sperrige deutsche Idiom beherrscht er nahezu perfekt. Er hat sein bisheriges Leben im Schnellvorlauf hinter sich gebracht: Geboren in Washington (der umsichtige Vater wollte seinem Sohn die Mühsal der Green-Card-Prozedur ersparen), mit drei Jahren Umzug nach Paris, mit zehn für ein Jahr mit der Familie nach Japan. Mit elf zurück in Paris, wo die Eltern ihn in die für eiserne Disziplin berüchtigte Ecole St-Martin de France steckten. Die beiden Jahre im Internat, wo seine Mitschüler alle zwei Jahre älter waren als er, beschreibt er wie einen Boxkampf: «Es war sehr hart, aber wichtig für mich.» Mit 16 machte er die Matura, und jetzt steht Jean vor seinem letzten Jahr an der EBS (European Business School), der renommierten Pariser Wirtschaftsschule. Er glänzt mit Bestnoten, hat bereits Praktika in Pharmazieunternehmen in Osaka und Los Angeles hinter sich gebracht und war bei Pernod Ricard im Verkauf tätig. Auf Geheiss des Vaters schaute er auch einem Juwelier in Kiel über die Schulter und war ein paar Wochen in einer Tischlerei, um «auch mal mit einfachen Menschen und richtigem Handwerk in Berührung zu kommen».
Ein halbes Jahr nach der ersten Begegnung stehen wir vor einer schäbigen Autowerkstatt in Paris und warten auf seine Vespa, die Batterie muss ausgetauscht werden. Jean stellt sich seine Zukunft vor. Wäre nicht er es, der da redet, man müsste diesen 18-Jährigen für grössenwahnsinnig halten: Jean möchte ins Bauwesen einsteigen, weil er etwas hinterlassen will, das Bestand hat. Beginnen wird er, einem Tip des Vaters folgend, mit einer Immobilie in Paris. Klein anfangen, dann das Geschäft ausdehnen, «Brasilien ist interessant, ich glaube an den Mittleren Osten, vielleicht auch noch Osteuropa, wenn wir schnell sind». Er erzählt gern und viel und behält doch das meiste für sich. Vielleicht ist er sich selbst noch nicht im Klaren, vielleicht weiss er aber auch sehr genau, dass er nicht alles erzählen kann. «Jeder Mann muss ein Geheimnis haben», sagt er; zumal der reiche Mann.
Jeans Vater ist keiner, der sein Gesicht auf dem «Forbes»-Cover sehen will, keiner, der seinen Reichtum zur Schau stellt. Er gehört zu denen, die den Pelz nach innen tragen. Wer ihn googelt, erhält drei mickrige Einträge. Dem Portrait seines Sohns hat er unter der Bedingung zugestimmt, dass er selbst nicht mit Namen erwähnt wird. Und ohne die Einwilligung des Vaters porträtiert man in dieser Liga keinen 18-Jährigen. Vielleicht sei er aber schon ein bisschen stolz, sagt Jean, so genau wisse er das bei seinem Vater nie.
Hat der Erbfolger nie daran gedacht, aus dem akribisch vorgegebenen Lebenslauf auszubrechen? «Ich habe schon rebelliert», sagt Jean. Vor zwei Jahren wurde ihm das Leben im goldenen Käfig, wo die besorgten Eltern jeden seiner Schritte kontrollierten, zu viel. Als sein Vater ihm eine kleine 3-Zimmer-Wohnung im 7e Arrondissement zeigte, in die er «später mal» einziehen könne, sah Jean die Käfigtür für einen Moment lang offenstehen. Er beschaffte sich den Wohnungsschlüssel, bestieg mit Koffern bepackt die Métro, die er bis zu seinem 14. Lebensjahr nicht allein hatte benützen dürfen – eine Vorsichtsmassnahme der Eltern –, und besetzte die Wohnung. Im Luxus mit Haushälterin, Kindermädchen und Köchin gross geworden, lebte Jean nun allein. Er kochte und wusch und lebte von Pasta und war trotz Bitten und Schimpfen der Eltern nicht zur Heimkehr zu bewegen.
Endlich lenkte der Vater ein, womöglich sogar stolz auf den Sohn, und handelte mit ihm einen Deal aus, der noch immer gilt: Jean erhält vom Vater 2600 Euro pro Monat plus das Schulgeld. Im Gegenzug zahlt Jean ihm 1600 Euro Miete für die Wohnung. Womit ihm gerade noch 1000 Euro zum Leben bleiben. Das ist in seinen Kreisen nicht viel Geld, er muss es sich einteilen, um über die Runden zu kommen. Einerseits. Andererseits begrüsst man Jean mit Namen, als wir den exklusiven Herrenschneider Charvet an der Place Vendôme betreten. Eine Frau begleitet uns in den zweiten Stock, hier wird der Sitz des ersten von sieben massgeschneiderten Hemden überprüft. 700 Euro das Stück. Den Schneider bezahlt der Vater.
«Das sind die besten Hemden Frankreichs», sagt Jean strahlend. Er ist nicht eitel. Er ist, wenn überhaupt, stolz. Die teuren Hemden gefallen Jean natürlich, gleichzeitig sind ihm die Geschenke unangenehm. Statt Geld wünscht er sich Anerkennung, und die hofft Jean zu erhalten, indem er eigenes Geld verdient. Mit einer kleinen Vermittlungsagentur für Studentenjobs bessert er sein Taschengeld auf. Und zurzeit überlegt er sich ernsthaft, ob er nicht sein für 6000 Euro erstandenes Fiat-Cabriolet für 8000 verscherbeln solle. Diese Beträge wirken lächerlich, wenn man weiss, dass der Vater das Sparkonto des Sohnes regelmässig mit siebenstelligen Beträgen füttert. Aber nur für einen Moment. Jenes Geld, sagt Jean mit fester Stimme, wolle er nie anrühren.
Aber warum eigentlich nicht? Warum die Studentenjobs? Warum diese selbstauferlegte Beschränkung im Luxus, wenn er doch einfach zur Bank gehen könnte und…? Jeans sonst so fester Blick schweift ab; überhaupt wirkt er manchmal abwesend, ist zugleich aber womöglich hochkonzentriert: was darf er, was kann er, was will er sagen? Was hätte ihm der Vater geraten? Endlich sagt er: «Bisher war die einzige Geschichte, die ich zu erzählen hatte, die meines Vaters. Ich will eine eigene Geschichte haben. Allein deshalb muss ich erfolgreich sein.» Auf dem Fernseher in seinem Zimmer liegt wie achtlos hingelegt das 2000-jährige Samuraischwert, das ihm der Vater zum 18. Geburtstag geschenkt hat. Jean zieht das Schwert aus der Scheide, das alte Silber der Klinge weist Sprünge auf.
Nach wenigen Wochen hatte Jean damals die Rebellion hinter sich und kehrte mit etwas geraderem Rücken in das hochgezüchtete Pariser Societyleben zurück, entschlossen, die Hoffnungen zu erfüllen, die der Vater in ihn setzt. Die in der gehobenen Gesellschaft gängigen «Rallies» – ausgelassene Parties, veranstaltet von den Müttern der feinen Familien für ihre gelangweilten Kinder, in der Hoffnung, dass sie dort den richtigen Partner finden – besucht er selten. «Trinken ist wie Fernsehen, es lohnt sich nicht.» So redet Jean. Und man glaubt ihm, dass er im noblen Club Polo Paris den Starautor Frédéric Beigbeder mit demselben freundlichen Gleichmut behandelt wie die unbeholfene Kellnerin in seinem Stammcafé, die heute ihren ersten Arbeitstag hat. Zwar kennt er das «Milieu», die Bars und Clubs der Immerschönen und Ewigreichen, weiss, wie man dort Eindruck schindet. Das Geschwätz und die Feiern langweilten ihn aber, sagt er. «Kinder reicher Eltern werden dich immer anlügen, weil keiner wagt, ehrlich zu sein, wenn es um Reichtum geht.»
«Demut.» Das Wort kommt nach einer sehr langen Pause. Es ist Jeans Antwort auf die Frage, welches der wichtigste Charakterzug im Leben sei.
Plötzlich springt Jean auf, er muss sich ein Handy borgen, sein eigenes hat er im Ferienhaus liegengelassen. Anruf bei Lea, er wollte sie doch heute Abend zum Essen ausführen. Lea. Wenn er über sie spricht, wechselt Jeans Stimmlage, die Freundin, schöne Tochter einer der reichsten Familien Frankreichs, klingt in seiner Beschreibung wie Gegengift zu jeglichem Zwang und jeglicher Langeweile: eine freche, sinnliche Frau, der er mal in Unterwäsche durch die Pariser Nacht hinterherlief, weil sie ihn im Streit verliess. Er leidet mit einer ansteckenden Lust an dieser Beziehung, vielleicht weil er daran glaubt, dass es nur eine Liebe im Leben gibt, dass die früheren lediglich Lehrstücke waren und die späteren Wiederholungsversuche sein werden. Und gerade, wie man denkt, doch einen gewöhnlichen 18-Jährigen vor sich zu haben, sagt er: «Sex mag für viele die wichtigste Verbindung zwischen zwei Menschen sein.» Er selbst könne leicht auf Sex verzichten, wenn er stattdessen Vertrauen, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit erhielte. «Wenn du reich bist, kannst du niemandem trauen.» Auch nicht der Tochter einer der reichsten Familien Frankreichs? Sich selbst bezeichnet Jean gern als Chamäleon, als einen, der allen gerecht werden muss. Der der Freundin die grosse Liebe, dem Arbeitgeber der bescheidene Praktikant, dem Vater der würdige Stammhalter ist. Und dabei manchmal sich selbst fremd wird. Am liebsten, so sagt er, ist er allein. Wer wäre er gern, wenn nicht er? «Als Kind wollte ich Mönch werden.»
Jeans zielstrebiges Studium an der EBS ist kein Gefallen an die Eltern, es erklärt sich hauptsächlich aus dem Wunsch, endlich das wirkliche Leben mit wirklichem, also eigenem Geld zu beginnen. Der Vater hatte ihm den ja alles andere als unsympathischen Rat gegeben: «Business kann man nicht erlernen, studiere lieber Medizin oder Physik.» Jean aber wollte an die EBS. Um sich auf dem Terrain des Vaters zu beweisen.
Als nächstes wartet das Abschlusspraktikum, das mit Jeanscher Sorgfalt ausgewählt sein will. Es gilt als Sprungbrett ins Arbeitsleben. Sein Vater hat ihm den Kosmetikriesen Johnson & Johnson empfohlen. Der Vater hat ihm bisher alle Praktikumsplätze besorgt, Jean legt aber Wert darauf, dass er auch ohne Vaters Hilfe jeweils einen Praktikumsplatz fand. Auch wenn er diesen dann jedesmal absagte, weil die vom Vater vermittelten Kontakte attraktiver waren. Obwohl Jean den Vater nur ein- bis zweimal pro Monat trifft – er lebt im Ausland –, ist dieser ständig präsent. Das öffnet Tore. Andererseits scheinen sich die Firmen mehr für den Vater als für Jean zu interessieren.
Mit welcher Hartnäckigkeit der Vater trotz seiner Abwesenheit dem Sohn den Weg weisen will, macht das Projekt «Erstbesteigung» deutlich: Zwischen den Falklandinseln und der Antarktis liegt die unbewohnte Insel South Georgia, auf der ein unbestiegener Berg rund 2500 Meter in die Höhe ragt. Der Berg trägt zufälligerweise den gleichen Namen wie Jeans Familie. Der Vater, selber ein hartgesottener Abenteurer, findet, die Erstbesteigung eines Bergs dieses Namens würde dem Sohn guttun. Am 15. Dezember wird eine eigens zu diesem Zweck organisierte Expedition, angeführt von dem erfahrenen französischen Polarforscher Bernard Buigues, zu den Falklandinseln aufbrechen. Bis dahin bringt sich Jean mit Bergsteigen in Form: den Montblanc und den Kilimanjaro hat er bereits bezwungen.
Wie ein ganz normaler Teenager schlängelt er sich auf seiner Vespa durch den abendlichen Pariser Berufsverkehr, ständig auf der Suche nach den wenigen freien Zentimetern, die er zum Überholen braucht. Mit seiner auf Taille geschnittenen, nur in Japan erhältlichen Burberryjacke «Black Label» und den Designerjeans sieht er aus wie ein typischer Bourgeoisiebalg. Für die Strecke von Les Invali des bis République brauchen wir zehn Minuten. Die rasante Fahrt endet mit dem schrillen Pfiff eines Gendarmen. Man kann seinen Augen ablesen, wofür er uns hält: verwöhnte Vatersöhnchen, die meinen, die Strassenverkehrsordnung gelte nur für die Mittelschicht. Jean parliert galant, behauptet, er habe weder Ausweis noch Bargeld, hört sich geduldig die Vorwürfe an und kommt mit einer Verwarnung davon.
Wir haben die Vespa parkiert, sitzen auf dem Randstein, essen Panini. «Du verstehst das nicht, weil du kein Geld hast. Aber Reichtum ist ein Käfig, ein Gefängnis.» Er hat eine schwarze Sonnenbrille auf, man sieht die Augen nicht. «In wenigen Jahren wird mein Vater zurücktreten. Vielleicht muss ich die Firmen dann übernehmen. Das ist ein Tabuthema, wir sprechen nicht darüber.» Paris erleidet seinen letzten Hitzschlag des Jahres, der Verkehr steht still. «Es gibt Momente, da frag ich mich: Was bin ich schon? Ausser seinem Sohn? Werde ich das alles schaffen?» Aus den Gründen seines Handelns macht er kein Hehl: «Mein Vater hat mir alles gegeben, was ich habe, und er hat mich das Wichtigste gelehrt: Verantwortung zu übernehmen. Ich habe ihn nie enttäuscht, und ich werde es auch in Zukunft nicht tun.» Fast scheint es, er spräche zu sich selbst.
Jean wirkt nicht unglücklich. Vielleicht weil sein Leben ja auch nicht schwerer ist als andere, bloss unvorstellbar anders: Zusätzlich zu den üblichen Fragen, die sich ein 1 8-Jähriger so stellt (Wer bin ich? Was soll ich mit meinem Leben anfangen? Liebt sie mich? Und wenn ja: Liebe ich sie dann noch?), muss sich Jean noch fragen: Wie investiere ich 300 Millionen? Liebt mich meine Freundin wegen meines Geldes? Wem kann ich eigentlich vertrauen? Die Probleme der anderen erscheinen ihm so exotisch wie begehrenswert. «Manchmal würde ich gern alles eintauschen. Ich glaube, nichts zu haben, bedeutet Sorglosigkeit.» Ein Leben ohne Reichtum stellt er sich einfacher vor. Ungefähr so einfach, wie Arme sich das Leben der Reichen vorstellen.
Unser letztes Treffen im Café de la Paix an der Oper endet abrupt. Er müsse sofort nach Genf fliegen, der Vater habe ihm etwas zu sagen. Ein Wagen sei bereits unterwegs. Wir essen schweigend unseren Salat, vor uns rauscht der Verkehr. Dann schliesst sich die schwarze Autotür hinter diesem ungewöhnlichen jungen Mann. Er winkt noch kurz durchs Fenster, dann braust der Wagen davon. Man möchte ihm, der alles hat, dazu noch Glück wünschen.
Mikael Krogerus ist NZZ-Folio-Redaktor.