NZZ Folio 10/91 - Thema: Über Bücher   Inhaltsverzeichnis

Vom Umgang mit bunten Büchern

Eine ästhetische Leidensgeschichte.

Von Ulrich Holbein

Damals achtete ich noch nicht auf das Aussehen von Büchern, nur auf Anschaffungspreis und Inhalt. Mit sechzehn kaufte ich das Heyne-Sachbuch Die Hippies von Adrian Coulter und ahnte nicht, dass es mir optisch eines Tages nicht mehr genügen würde. Mit siebzehn kaufte ich Taschenbücher von Alexander S. Neill: Antiautoritäre Erziehung; von Ravi Shankar: Meine Musik, mein Leben, Einleitung von Yehudi Menuhin; sodann von Bertrand Russell: Warum ich kein Christ bin - und merkte nicht, dass diese Anschaffungen farblich nicht zusammenpassten.

Mein erstes Sammelgebiet: Bücher zum Thema Kriegsdienstverweigerung. Meine erste Rororo-Bildmonographie: Gandhi (durchgehend rosa getönt). Von hier aus war es nicht weit zu Henry David Thoreau: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegenüber dem Staat (weiss kartoniert). Meine ersten gesammelten Werke: Hermann Hesse, Werkausgabe in zwölf Bänden (manganblau), herausgegeben von Volker Michels, Edition Suhrkamp 1970. Von hier aus gelangte ich zu Novalis (isabellenweisser Schutzumschlag, blauer Einband), zu E. T. A. Hoffmann (violetter Einband), zu Laotse (schwarzer Einband). Einen Bezug zwischen Buchautor und Buchfarbe konnte ich nirgendwo feststellen, ausser bei der Kassette des Diederichs-Verlages Die Philosophie Chinas: Das einheitliche Gelb dieser fünf kartonierten Bände leuchtete dermassen ein, dass es ab sofort unverständlich wurde, warum mein sechsbändiger Insel-Goethe genauso küchenmässig weiss auszusehen hatte wie die Ästhetische Theorie von Theodor W. Adorno, die ich am 25. Mai 1973 herabgesetzt in der Darmstädter Bücherstube erwarb (für DM 11.50 statt 19.80) - und noch unverständlicher, wieso das Weiss Goethes und Adornos kein anderes Weiss sein durfte als das Weiss Thoreaus oder gar das Weiss von Doz. Dr. H. Frahms Empfängnisverhütung aus der Reihe Rororo Sexologie.

Nachdem ich als Kriegsdienstverweigerer anerkannt war, verlegte ich den Schwerpunkt meiner Sammeltätigkeit auf Chinabücher und erlabte mich fortan an der sich steigernden Genugtuung, dass kaum eins eine andere Farbe als Gelb zeigte. Ich stellte alle meine Chinabücher zueinander und begann es als unangenehm zu empfinden, dass das Schwarz meiner Laotse-Wiedergabe von Walter Jerven das durchgehende Konzert der Gelbtöne unplausibel durchbrach.

Ein anderes Sammelgebiet: Bücher zum Thema Faust. Am 17. September 1975 erwarb ich in Amsterdam die DDR-Anthologie Faust, zwei Taschenbücher, zusammen 1000 Seiten für nur 6 Mark, leider weiss, der eine Band mit erdbeerjoghurtfarbenen Querstreifen verziert, der andere mit heidelbeerjoghurtfarbenen Querstreifen, das Ganze mit einer Art Klebefolie überzogen, die an den Ecken bald unschön abging, leider nie ganz. Je deutlicher mein Interesse an Faust-Bearbeitungen wuchs, desto öfter fiel mir auf, dass ich immer unwilliger zu weissen und roten Büchern griff. Diese Gefühlsverwirrung teilte sich ungewollt dem Inhalt meiner Lektüre weisser und roter Bücher mit.

Zum Ausgleich brachte ich durch Tausch gegen ein von mir gemaltes Plakatfarbenbild ein Erbstück des Oboisten Günter Klein in meinen Besitz, bis heute mein wertvollstes und schönstes Buch: Heinrich Heines Der Doktor Faust. Ein Tanzpoem, nebst kuriosen Berichten über Teufel, Hexen und Dichtkunst, 1847. Mit Zeichnungen von J. v. Divéky. «Gedruckt im Jahre 1912 in der Hof-Buch- und Steindruckerei von Dietsch & Brückner in Weimar in 400 Exemplaren / Die Bindearbeit besorgte die Leipz. Buchb. Akt.-Ges. vorm. Gustav Fritzsche Abt. für Handbindekunst in Berlin. Das Buch hat die Nummer 243.» Es lag in exklusiver Pappschatulle, genauso goldockerfarben wie der hadernhaltige unbeschriftete Buchumschlag, den ich vorsichtig zurückschlug, um den handgewebten Naturseideeinband zu bewundern, die Goldschrift, die Borten. Beim Aufklappen loderten Jugendstil-Höllenflammen, ich stiess auf höllenrote Überschriften, kolorierte Initialen, Vignetten, in denen Teufel aus stilisiertem Blattwerk guckten, unregelmässig gerandetes Bütten, Lesebändchen, marmoriertes Transparentpapier zum Schutz der Abbildungen, Randleisten, schöne Aufteilungen, verschiedene Schrifttypen, am Ende eines Abschnittes trichterförmig auslaufenden Schriftsatz und ganz am Schluss eine mit weiteren Höllenflammen versehene Lasche, in der ich ein Zusatzheftchen fand, ein gepflegtes Nachwort von Karl Georg Wendriner, ebenfalls auf Bütten, dennoch betont separat sich draussen haltend aus dem Kontinuum des Buches, ganz anders auftretend - nein: sich zurücknehmend - als all die anderen Nachworte dieser Welt, die sich unbescheiden und pietätarm so nah wie möglich an den Haupttext drängen, möglichst nicht kleiner gedruckt. Allerdings hatte dieses Tanzpoem bloss 84 Seiten. Folglich musste ich weitaus häufiger zu den 1000 Seiten meiner fuddeligen Faust-Anthologie greifen, in der derselbe Heine-Text bloss 15 Seiten einnahm.

Ab sofort geriet ich beim Bücherkaufen in Konflikte: Ausserhalb der Antiquariate war an ein halbwegs dezentes, textadäquates Design kaum noch heranzukommen. Spätestens Hermann Hesses postume Zwangsverheiratung mit Andy Warhol besiegelte die farbintensive Extravertierung der Firma Homer, Hamlet & Co. Allerdings stellten sich, sobald ich meinen Buchkonsum auf antiquarisch erworbene Objekte einschränkte, andere Nachteile ein. Von Buch zu Buch wurde ich weltfremder, was mir auf Dauer nicht genug sein konnte. Immer häufiger brauchte ich Neuerscheinungen, schon allein um mich von den «leichten Gebrauchsspuren» zu erholen, mit deren Nennung in Antiquariatskatalogen die Kundschaft vorgewarnt wird und hinter denen sich neben dem Zahn der Zeit vor allem die zufälligen Lesegewohnheiten des Vorbesitzers verbergen, der sich jederzeit nicht weniger auffällig zwischen den Autor und mich drängte als bei der Lektüre neuer Bücher die Umschlaggestalter Willy Fleckhaus oder Werner Rebhuhn. Das immer frontaler anmachende Loslassen zeitgemässer Signalpfiffe wuchs folgerichtig aus dem Psychogramm jener hervor, die in meinen antiquarischen Büchern schon vor siebzig Jahren nie Nuancen angestrichen hatten, immer nur Signalstellen.

Mit dem Erwerb unerlässlicher Klassikerausgaben holte ich mir psychosomatisch unaushaltbare Schockfarben für immer ins Haus, völlig unbegründete Querstreifen, Ärger mit aufgedruckten vierstelligen Buchnummern, Preisen, Kürzeln und Verlagssignets. Es blieb Ausnahme, dass Emblem und Emblemträger zufällig so gut zueinander passten wie die Ullstein-Eule zu Hegels Phänomenologie des Geistes. Weder ich noch Dostojewski konnten sich beim Ankauf von Schuld und Sühne dagegen wehren, dass ich durch den knallroten und mit einem weissen Querstreifen versehenen Schutzumschlag visuell positiv beeinflusst werden sollte. Dieses Knallrot mochte zum Stichwort Schuld assoziativ eine legitime Querverbindung aufbauen; dass hingegen die gleichfalls in der Reihe Winkler-Weltliteratur erschienenen Brüder Karamasow quittegelb sein mussten, obwohl es keinen inhaltlichen Chinabezug gab, blieb unentschuldbar und unterhöhlte fast meine Beziehung zu Dostojewski. Immerhin kam unter dem knallroten Kleid eine etwas zurückhaltendere, weinrote Haut hervor und unter dem quittegelben Kleid eine gemässigt senffarbene.

Umgekehrt fand ich hie und da ein Buch, dessen äussere Schönheit mich unwiderstehlich dünkte und das ich so schnell wie möglich käuflich erwarb, z. B. von Rabindranath Tagore: Der zunehmende Mond, Kurt-Wolff-Verlag, Leipzig 1815, sehr wohlfeil, oder von Maurice Maeterlinck: Vom Tode, verlegt bei Eugen Diederichs, Jena 1924; doch als ich mich jeweils der Lektüre widmete, blieben mir die inneren Werte weitgehend verschlossen. Ja, ich erwischte mich sogar beim Kaufen eines Buches, von dem feststand, dass ich es nie lesen würde ( Der Sinn des Daseins von Bô Yin Râ alias Joseph Anton Schneiderfranken), aber das seltsamerweise eingebunden war in schwarzen Cord und das vorndrauf ein schmiedeeisernes, feingeplättetes Doppelspiralenornament trug - derweilen ständige Wegbegleiter (Schillers ästhetische Schriften) mir ihre Lektüre durch ihr Aussehen (knallrote Buchklubausgabe) nachhaltig vergällten. Fazit: Mit gutaussehenden, vorzeigbaren Büchern langweilte ich mich, mit optisch benachteiligten hätte ich mich gut verstanden, wenn sie ein wenig anders ausgesehen hätten. Die tiefe Kluft zwischen Buchinhalt und Buchgestaltung wurde mir gegenüber immer tiefer, der Unterschied zwischen Geist und Materie immer grösser.

Dies allerdings nur bei älteren Autoren. Neue Autoren gingen immer öfter Hand in Hand mit ihren Umschlägen, nämlich sobald dem Titelbild eines Romans von Eckhard Henscheid ein Gemälde des Verfassers zugrunde lag oder sobald Horst Janssen dem neuen Peter Rühmkorf ein Cover machte. Und ein frischgedrucktes Sachbuch, das im Geist der Stromlinienförmigkeit Materialien, Infos, Fakten, Daten ausbreitet, wie Aktuell, das Lexikon der Gegenwart, hätte mit Goldschrift geradezu unaktuell ausgesehen. Hier kam die Grundfarbe Weiss in Verbindung mit dem abwaschbaren Dekor à la Zellophanistan bruchlos zu sich selber. Dass sich dieser Zeitgeist selbst Klassikern überstülpte, störte beim Lesen dermassen, dass ich gezwungen war, einzugreifen, und zwar unter dem Stichwort: «Eigenhändige Bücherverschönerung». «Alter und Aussehen egal» - in den Wortlaut solcher Annoncen konnte ich mich immer weniger hineinversetzen; es gelang mir nicht, mir beim Lesen ein Handtuch übers Gesicht zu legen. Obwohl ich bei Günther Anders (weiss kartoniert) gelesen hatte, dass ein holzgeschnitzter und mit Bauernmalerei geschmückter Radioapparat ein Widersinn sei, begann ich mehreren besonders überweiss kartonierten Büchern mit Klebefolie (Korkimitation) ein augenfreundlicheres Aussehen zu verschaffen. So gelangte ich zu individuell gestalteten Exemplaren, jenseits aller Serienproduktion - mit dem Ergebnis, dass ich ab sofort Blochs Geist der Utopie und Adornos Negative Dialektik, die nun korkfarben nebeneinander standen, permanent verwechselte.

Alsbald griff ich zu Sepiatusche, Öl und Acrylfarben und beschriftete alle Bücher, die ich auseinanderhalten wollte. Hierbei bot es sich an, Verlagsnamen wegzulassen oder auch unwichtige Autorennamen. Vor allem wurden Querstreifen und plötzliche Vierecke und ähnliche gestalterische Einfälle konsequent übermalt, oft sogar ganze Titelseiten, vor allem dann, wenn die Aufschrift quer durchs Titelbild lief, wodurch sie 1. das Bild zerstörte und 2. von hinten her durch unruhige Bilddetails oft genug unlesbar gemacht wurde. Bei solchen Gelegenheiten beseitigte oder änderte ich sogar Titel, die mir gegen den Strich liefen. Der Rücken des himmelblauen Buches von Wilhelm Schamoni, Das wahre Gesicht der Heiligen, Kösel-Verlag 1976, trug lediglich die unerträgliche Aufschrift: «Schamoni Das wahre Gesicht». Ich überklebte das mit einem Schildchen: «Bildnisse von Heiligen», Schönbuchstaben von oben nach unten; seit Adornos Verdikt in den Bibliographischen Grillen, auf menschenwürdigen Büchern solle der Titel quer gedruckt sein, litt ich an längs gedruckten Titeln. Sodann klebte ich eine schöne Kunstpostkarte auf die Vorderseite des Buches, den Heiligen Veit im Ölkessel, geschnitzt von Veit Stoss 1520; seitdem blätterte ich sehr gern in den Bildnissen von Heiligen.

Viele der Bücher, die ich vom halbjährlichen Trödelmarkt der Stadtbücherei Kassel mitbrachte, wo Aussortiertes und Zerlesenes zu Schleuderpreisen (das Kilo zu DM 5.?) zu haben war, trugen auf dem Rücken knallrote Buchsignaturen, z. B. das Buch von Tibor Mende Gespräche mit Nehru die Signatur: «E 85.4 Neh». Um solche Bücher nicht mit solchen zu verwechseln, die ich derselben Stadtbücherei bloss entlieh, übermalte ich die ärgerlichen Signaturen der Aussortierten; Acryl hielt sogar auf der wasserdichtesten Folie. Mehrfach kam es vor, dass ich ein entliehenes Buch übermalte und behielt, zum Ausgleich ein gekauftes übersah, nicht übermalte und beinahe abgab. Unrettbar hässliche Bücher übermalte ich gänzlich. Weisse Chinabücher kolorierte ich gelb, um das Einsortieren zu erleichtern - was mich allerdings vor neue Probleme stellte.

Ich hatte nämlich begonnen, meine bisherigen Ordnungssysteme zu überdenken. Bücher alphabetisch nach Autoren zu ordnen kam nicht in Frage. Adorno stünde dann viel zu weit oben, dagegen wäre Handke viel zu griffbereit - was hatten ausserdem Ilse Aichinger und Abu-l-Àlá al-Ma àrri neben Adorno zu suchen? Adalbert Stifters Frau hatte Adalbert Stifters Bücher nach der Grösse sortiert. Hierüber mokieren sich routinierte Bücherwürmer, ohne sich zu vergegenwärtigen, dass auch das Einsortieren nach Eingangsdatum oder Sachgruppen quälende Aporien mit sich bringt, vor allem ein optisches Chaos aus tausend nicht miteinander harmonierenden Einzelobjekten. Deshalb blieb visuell sensiblen Buchbesitzern wie mir nur ein Sortieren nach Farben übrig, sieben Bretter übereinander, ganz unten schwarze Bücher, dann braune, dann grüne, blaue, rote, dann gelbe und ganz oben, sich auflichtend und harmonisch ins Rauhfaserweiss der Zimmerdecke mündend, weisse Bücher. Ab sofort renkte sich manches wieder ein, an erster Stelle mein gestörtes Verhältnis zu knallweissen und knallroten Büchern, die reizvoll im Abstufungsdschungel der Weisstöne und Rottöne aufgingen - ich näherte mich Henri Rousseau, dessen Palette 500 verschiedene Grüntöne zeigte.

Das Wiederfinden eines Buches bereitete keine Schwierigkeiten, zumal ich innerhalb einer Farbe chronologisch vorging. Mein erstes Buch im Gelbbereich war das Gilgamesch-Epos als Reclam-Heftchen, das stand problemlos neben meinen strohfarbenen, nämlich in echten Bast eingebundenen Dichtungen der Naturvölker; diese wiederum standen neben dem blass zitronenfarbenen Kleinen Wörterbuch asiatischer Weltanschauung. Nun folgten gelbe Bücher zum Thema Indien, denen sich vertikal weisse und rote Indienbücher anschlossen, so dass meine Sachgruppen sich in jede Richtung ausdehnten und in jeder Hinsicht beieinander blieben. Das Übereinander von Indienbüchern ging mengenmässig glatt auf, nur die anschliessende Chinagruppe strapazierte das System durch den Umstand, dass es kaum blaue, grüne, schwarze Chinabücher gab und der Eineinhalb-Meter-Vorsprung der gelben Bücher vom alten Persien und von der anschliessenden Antike nicht mehr aufzuholen war, wodurch sich in Richtung Mittelalter alles immer unausgleichbarer verschob und weiter hinten sogar ein und derselbe Autor qualvoll auf drei, vier Ebenen auseinandergerissen werden musste: Eine antiquarische Byron-Ausgabe (3 Bände) landete bei Braun, ein Byron-Band der Winkler-Dünndruckausgabe bei Weiss, Poems of Byron, Oxford, bei Blau.

Eine weitere Misslichkeit: Es gab Bücher, die nirgendwo hineinpassten. Sowohl Ray Bradburys Der illustrierte Mann als auch Liebe 2002, ein Sammelband mit erotischen Science-fiction-Stories, aber auch Gotthold Ephraim Lessings Epigramme und Fabeln hätten eine silberne Abteilung eröffnen können und landeten in der Verlegenheitsrubrik Missfarbene Bücher, wo ein Rudel beige-, emaillefarbener, khakifarbener und mausgrauer Objekte beieinander standen. Es gab viele Zweifelsfälle. Die karamelfarbenen Piper-Taschenbücher liessen sich guten Gewissens bei Gelb nicht recht unterbringen, für missfarbene Bücher waren sie anderseits nicht missfarben genug. Extreme Schwierigkeiten bereiteten zweifarbene Bücher. Die obere Hälfte meiner vierbändigen Wilhelm-Busch-Ausgabe prangte unheilbar giftgrün, die untere Hälfte knallorange; die obere Hälfte meines Rechtschreibe-Dudens ampelrot, die untere leuchtete im Gelb von Uhu-Tuben. Hier wäre mit malender Angleichung wenig zu retten gewesen. Einzelfragen türmten sich zeitraubend und aufreibend auf Grundsatzprobleme. Allmählich begann ich visuell weniger anfechtbare Buchkunden zu beneiden. Der Umstand, dass innerhalb meiner Sammlung grüne Bücher seltener blieben als nach wie vor schneeweisse, brachte die zusätzliche Unannehmlichkeit mit sich, dass ich im Buchhandel fast nur noch grüne Bücher wahrnahm, ein strapaziöser Zustand.

Dennoch muss ich meinen siebenfältig aufgefächerten Bücherwänden sehr dankbar sein. Sie lehrten mich Abschied nehmen von meinem unseligen Konservativismus Büchern gegenüber. Ich tauchte ein in lebendigen Pluralismus, freute mich am demokratischen und gleichberechtigten Nebeneinander von ehrwürdigen Schinken, Wurfbroschüren, ausgewählten Werken in einem Band, Regierungserklärungen, Programmheften. Auf das gelbgemalte Bücherbrett der gelben Bücher stellte ich als Eckpfeiler eine Bienenwachskerze, auf das grüne Brett der grünen Bücher ein grünes Fläschchen ätherischer Öle (jeder Tropfen lindert): Gegen ein solches Arrangement gehalten, mit all den feinen Holzbläsermischungen der wonnig ineinanderspieglenden Valeurs und Substitute, sah eine herkömmliche Bücherwand im schönsten Antiquariat mit ihrem Gold auf Braun völlig antiquiert aus, bloss schön, unerträglich altbacken und einseitig, wie eine im Stadtmuseum zu besichtigende Uniform.

Die Einheitskluft der üblichen Klassiker frevelte an der Vielstimmigkeit ihrer Werke, nicht anders als heutige Taschenbuchreihen an der eventuell vorhandenen Individualität ihrer Autoren. Der Wunschtraum Gustave Dorés, alles zu illustrieren und alles in betont einheitlichem Format vor sich stehen zu haben, verwandelt ästhetisches Anliegen in das militärische Bedürfnis, antretende Reihen zu überblicken, die Parade der Werkgruppen. Ich stand vor meinen Bücherwänden wie vor der siebenfach ausrollenden Brandung orchestraler Synthesis, bereit, aus dem Anblick des prismatischen Ozeans mehr zu lernen als aus der Untersuchung auswechselbarer Tröpfchen. Kaum aber griff ich hinein in das Fluten unverquirlter Breitwandtotalität, hielt ich nur wieder ein knallrotes, schlecht gelumbecktes, schlecht geleimtes, Glanzfolienobjekt in der Hand, ein Bruchstück der Gattung, versehen mit Querstreifen, die sich sinnlos und unausrottbar meiner Übermalung entzogen, fernab aller Weltliteratur, die es in sich zu bergen teilweise behauptete und die beim Aufschlagen formal sogar nachweislich das Buch füllte. Pro Buch aktualisierte sich mir der Urzwist zwischen Sein und Design, um den es inhaltlich oft sowieso ging, beispielsweise bei Rudolf Steiner, der sowohl innerhalb der sehr feinen Buchausgabe des Dornacher Rudolf-Steiner-Verlages (vergeistigtes Bläulich) wie in der Auswahlausgabe des Fischer-Taschenbuch-Verlags (08/15-Lila) behauptet, dass der Geist unabhängig sei von der physischen Welt, wobei Rudolf Steiners Geist diese Behauptung ungewollt widerlegt, indem er sehr wohl, um überhaupt Gestalt zu finden, der physischen Welt in Buchgestalt bedurfte.

Mir geht es in diesem Punkt ähnlich. Sobald ich in den Kohlwitzen des Eichborn-Verlags blättere, des Verlags mit der Fliege, oder in meinem vegetarischen Kochbuch lese oder in meinem Meyer-Nachschlagewerk Wie funktioniert das? Der moderne Staat, spüre ich wenig vom klassischen Gegensatz Geist und Materie. Sobald ich aber bei Rudolf Steiner bleibe oder zu meiner dreibändigen, kotfarbenen Platon-Ausgabe greife, fühle ich deutlich, dass mein Körper das Gefängnis der Seele sei. Wenn schon nicht mein Aussehen, so konnte ich mir wenigstens meine Umschlaggestaltung selber aussuchen (schwarze Cordhose usw.), im Gegensatz zum Buch, das selbst in Kleiderfragen restlos auf die Ratschlüsse verlagsinterner Konferenzen angewiesen bleibt. Ziehe ich mein knallgelbes Freizeithemd aus, kommt darunter eine wesentlich unaufdringlichere Farbe zum Vorschein, ein hautfarbener Einband, der sich nicht weiter abpellen lässt, ohne dass mein Text Schaden leidet.

Zwischen jedem meiner Bücher und mir gibt es also die frappantesten Gemeinsamkeiten, hier wie da ein Panzer mit Schale, der ein Innenleben beieinanderhält, hier wie da Grundstoffe (Zellulose usw.), auf denen alles weitere aufbaut; hier wie da Codierung des gehüteten Volumens, hier genetischer Code, da Schrift. Falls ich kein vergesslicher Typ bin, werde ich im Lauf des Lebens zu einem immer dickeren Buch, immer antiquarischer sowieso, auf Grund der zunehmenden leichten Gebrauchsspuren. Sobald ich meine Geheimnisse auspacke, wird in mir gelesen. Sobald die in meinen Körper eingesperrte Seele mit einer in einem Buch eingesperrten Seele Kontaktaufnahme anstrebt, habe ich begonnen, ein Buch zu lesen. Und kaum zwinge ich meine Seele zum Umzug von einem Gefängnis in ein kleineres, schreibe ich ein Buch. Einen miserablen Text auf hochwertigen Karton zu drucken, das fände ich nur halb so schlimm, zumal sich der Geist der Schrift selbst in den Streusendungen der Haftpflichtversicherungen manifestiert und der Geist der Farbenlehre selbst im Vierfarbendruck der Delta- oder Massa-Reklame. Aber dass meine unendlichen Gefühle und Gedanken zeitlebens in diesem engen Schlauch drinstecken müssen, das finde ich doch arg einschränkend, degradierend und belastend, und zwar desto mehr, je platonbelesener oder spiritueller oder auch nur je romantisch zerrissener oder psychisch instabiler ich bin.

Adornos nostalgisches Lamento, die Bücher sähen heute nicht mehr aus wie Bücher, möchte ich erweitern: Die Menschen sehen immer noch so aus wie Menschen, und das ist genausowenig eine Lösung. Dass Bücher heute bunter und wasserdichter aussehen, infantiler, farbensüchtiger, überreizter denn je, vergrössert hier und da die Kluft zwischen innen und aussen bzw. Geist und Materie bzw. Seele und Körper bzw. Sein und Design bzw. Mysterium und Fassade bzw. Genotypus und Phänotypus bzw. Buchinhalt und Buchumschlag. Zugleich vergrössert wiederum diese Kluft mein privates Unwohlsein, was ich irgendwann nicht mehr aushalten würde, wenn nicht zum Ausgleich die Dynamik meines Weltbildes durch diese Disproportion zwischen Geist und Umschlag fruchtbare Antriebe erhielte.

Lieber zwei Unvereinbarkeiten kurios ineinandergeschachtelt durchhalten, als bloss eiapopeiaartig, also langweilig, mit sich selber übereinzustimmen! Lang und hoch leben Raffinesse und Mimikry und nicht so lang und nicht so hoch Homogenität und Eindeutigkeit und plumpes Sosein! Bücher, denen nichts Besseres einfällt, als so auszusehen wie Bücher, öden mich an. In diesem Sinne muss ich dem Reclam-Heftchenwesen dankbar sein, dass es den Himmel und die Erde der Klassiker herunterholt auf die Erde, ohne gross darüber nachzugrübeln, was bei dieser Transaktion von Himmel und Erde übrigbleibt. Ich bin lernfähig und begrüsse neuerdings sogar die ausgestanzten Öffnungen in Klappentexten, mit denen man Bücher als einkaufstaschenförmige Blöcke herumtragen kann. Und in den Schockfarben heutiger Bücher verehre ich die Balzfreudigkeit und Liebeslust der ewigen Natur, wie sie sich in der Nase des Mandrills, im Hintern des Pavians und im Geklunker des Truthahns austobt. Und im überwiegenden Weiss der soeben zur Buchmesse frisch erschienenen Bücher sehe ich nicht länger die hochindustrialisierte Vorliebe für Frau Saubermanns Blendax-Zähne und jederzeit blankgewienerte Küche, sondern die deutschsprachige Liebe zu Schneelandschaft, Jasmin, Kirschblüte sowie zum weissen Papier, das zwar aus herstellungstechnischen Gründen schlechteres Gewissen auslöst als das aschenputtelfarbene Umweltpapier, das aber als Archetypus der Tabula rasa unabdingbar bleibt, eine Mahnung an alles Gedruckte, ob es wirklich druckreif sei. Und schlecht gelumbeckte Paperbacks gemahnen mich diskret an die Vergänglichkeit aller Dinge, einschliesslich meines Tuns, und an den Weg alles Irdischen, den ich beim Lesen in meinen übermalten und nicht übermalten Büchern allzuleicht aus den Augen verliere.

Ulrich Holbein ist Schriftsteller und lebt in Allmuthshausen BRD.


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