NZZ Folio 03/04 - Thema: Gesundheit   Inhaltsverzeichnis

Sportlexikon -- Die Geteerten

Von Richard Reich

Langlauf: älteste Wintersportart der Welt (erster nachgewiesener Holzski: Mittelsteinzeit). Technik: Diagonalstil (auch «klassisch» genannt) oder Skating («frei» genannt). Traditionelle Disziplinen: 5, 15, 30, 50 km, Staffeln, Volksläufe (z. B. Vasaloppet). Moderne Disziplinen: Sprint, Verfolgung. Traditionelle Wettkampfstätten: die Wälder von Holmenkollen, Lahti, Falun, Bachtel. Neue Austragungsorte: Düsseldorfer Rheinpromenade, Wiener Stephansplatz.

NACH DEM genuinen Gehen ist der Skilanglauf die natürlichste unter den zweibeinigen Fortbewegungsarten. Wie sonst auf blosser Erde tut der Mensch hier auf Schnee das Nämliche: Er setzt einen Fuss vor den andern, immer wieder den einen vor den andern. Dabei hinterlassen seine Langlaufski zwei wunderbar parallele Linien, ähnlich den steinalten Spurrinnen auf den Römerstrassen oder den strengen Schienensträngen der Transsibirischen Eisenbahn. – Wer im freien Feld oder im tiefen Wald auf eine Loipe stösst, kann aufatmen: Hier war ein Mensch, hier ist heuer schon mindestens einer gegangen!

Die besten Ski sind aus finnischer Birke gefertigt, die besten Stöcke aus Bambus von Bombay. Neuzeitliche Pro dukte aus Kunststoff sind bloss künstlich erzeugte Bedürfnisse. Ihre allein auf Bewegungswut abzielende Natur läuft der alten Kultur des gediegen diagonalen Langlaufens diametral zuwider. Dementsprechend kommt der besonders bei Bürogummis beliebte Skating-Ski vorwiegend an degenerierten Massenveranstaltungen wie dem Engadiner Skimarathon zum Einsatz.

Im selben Sinne lässt der traditionsbewusste Langläufer auch bei der Skipräparierung die Finger von den artifiziellen, vermutlich kanzerogenen Pülverchen, welche die rasenden Skater den Alpinen abgeschaut haben. Besser, er greift weiterhin zu Grundvalla (finnisch: Terva), also zu jener raffinierten Holzteerlösung, die der Lappe auch gern zur Behandlung von Holzhäusern, zum Haarewaschen («Suomalainen tervashampoo») oder als Dessert («Tervajäätelö») verwendet. So dann werden die Gleitzonen dergestalt mit Kleister eingerieben, dass der Ski selbst in steilsten Anstiegen verlässlich am Waldboden klebt.

Der klassische Langläufer gilt als konservativ, doch das Gegenteil ist der Fall. Wer einsam Schneemassen durchmisst, ist per se von Pioniergeist beseelt. Nicht zufällig heisst der weltberühmtes te Langläufer Fridtjof Nansen. Mit dem Trainingstagebuch «Auf Schneeschuhen durch Grönland» (dt. 1890) brach te der Norweger seinerzeit auch Alpenbewohner zur Einsicht, dass Schnee nicht bloss zum Wegschaufeln da ist.

Dank Nansen mauserte sich der Langlauf auch in der Schweiz schon um 1900 zum Jugendstil: Burschen und Mädchen banden sich heimisches Täfer an die Füsse und massen sich nach Kräften. Das erste hiesige Langlaufrennen wird von manchen Quellen auf das Gründungsjahr des Schokoladenfabrikantenverbands (1901) datiert, von anderen erst auf das Geburtsjahr der Bundesbahnen (1902). Fest steht, dass es in Glarner Wäldern stattfand, von Feldwebel Müller aus Andermatt gewonnen wurde, und zwar 34 Sekunden vor dem ersten Norweger.

Seither sind internationale Schweizer Langlaufsiege rar. Immerhin zeugt es von unserer sprichwörtlichen Zäheit, dass die grössten eidgenössischen Einzelerfolge im langen Laufen immer auf Langstrecken zu verzeichnen waren: Joseph Haas (1968) und Andreas Grünenfelder (1988) gewannen Bronze im olympischen Marathon, Konrad Hallen barter und Beatrice Grünenfelder siegten im «World Loppet», der Saisonwertung der längsten Volksskiläufe.

Vor diesem Hintergrund ist auch das alte Sprichwort «Langläufer leben länger» zu verstehen. Dieser Sport ist knüppelhart, aber gesund. Der Beweis: Selbst Berufslangläufer sind zwar mitunter etwas erkältet und manchmal auch ein wenig gedopt – jedoch niemals verletzt.


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