NZZ Folio 02/93 - Thema: Techno-Food   Inhaltsverzeichnis

Wer und wer? -- Überfluss und Überdruss

Von Manfred Papst

Dieses Gespräch führen zwei Figuren aus zwei literarischen Werken. Wer sind sie?

Ein Schlosspark. A und B sitzen auf einem Mäuerchen. A, ein fülliger Mann in seinen Fünfzigern, trinkt, wenn er nicht gerade redet, unentwegt aus einer Magnumflasche Champagner, was auf sein ohnehin hitziges Temperament nicht ohne Wirkung bleibt. B, ein zierlicher junger Mann, hat eine Handvoll Sand vom Boden aufgehoben und lässt ihn gedankenverloren durch die Finger rieseln.

B:      Dass die Wolken schon seit drei Wochen von Westen nach Osten ziehen! Es macht mich ganz melancholisch.

A:      Blitz, ich bin so melancholisch wie ein Kater oder wie ein Zeiselbär. - He, sollen wir lustig sein? Sollen wir eine Komödie extemporieren?

B:      Wenn ich nur etwas unter der Sonne wüsste, was mich noch könnte laufen machen.

A:      Geh, hänge dich an deinem kronprinzlichen Hosenbande auf! Ich lobe mir das Leben! Kann ich's davonbringen, gut; wo nicht, so kommt mir die Ehre ungebeten, und damit aus.

B:      Was die Leute nicht alles aus Langeweile treiben! Sie studieren aus Langeweile, sie beten aus Langeweile, sie verlieben, verheiraten und vermehren sich aus Langeweile und sterben schliesslich aus Langeweile, und alles mit den wichtigsten Gesichtern, ohne zu merken, warum, und meinen Gott weiss was dazu.

A:      Du hast die abgeschmacktesten Gleichnisse von der Welt und bist wahrhaftig der vergleichsamste, spitzbübischste, niedlichste junge Prinz. Aber, ich bitte dich, suche mich nicht mehr mit Eitelkeiten heim.

B:      Mein Leben gähnt mich an, wie ein grosser weisser Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus.

A:      Beim Himmel, ich kannte dich so gut wie der, der dich gemacht hat. Aber wenn ich dich nicht mit einer hölzernen Pritsche aus deinem Königreich hinausschlage und alle deine Untertanen wie eine Herde wilder Gänse vor dir hertreibe, so will ich mein Leben lang kein Haar mehr im Gesichte tragen.

B:      In welcher Bouteille steckt denn der Wein, an dem ich mich heute betrinken soll? Bringe ich es nicht einmal mehr so weit?

A:      Kindereien! Wenn ich tausend Söhne hätte, der erste menschliche Grundsatz, den ich ihnen lehren wollte, sollte sein, dünnem Getränk abzuschwören und sich dem Sekt zu ergeben. Auch Gelehrtheit ist ein blosser Haufe Goldes, von einem Teufel verwahrt, bis Sekt sie promoviert und in Gang und Gebrauch setzt.

B:      Ich bin so jung, und die Welt ist so alt. Ich bekomme manchmal Angst um mich und könnte mich in eine Ecke setzen und heisse Tränen weinen aus Mitleid mit mir.

A:      Fort mit dir, du Hungerbild, du Aalhaut, du getrocknete Rindszunge, du Ochsenziemer, du Stockfisch - du Schneiderelle, du Degenscheide, du Bogenfutteral, du erbärmliches Rapier!

B:      (im Weggehen) Jeder Weg ist lang. Das Picken der Totenuhr in unserer Brust ist langsam, und jeder Tropfen Blut misst seine Zeit, und unser Leben ist ein schleichend Fieber. Für müde Füsse ist jeder Weg zu lang . . .

A:      (achselzuckend) Ein Männchen, nach dem Essen aus Käserinde verfertigt.

PS: Der Schöpfer von A hat seiner Frau sein zweitbestes Bett vermacht; derjenige von B liegt in Zürich begraben.

Wer und wer? Fritjof S. Halfans und C. Noele natürlich!

Auflösung: A ist Sir John Falstaff aus Shakespeares "König Heinrich IV." (1597); B ist Leonce aus Georg Büchners "Leonce und Lena" (1836).


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.