IN XIUSHUILU, nur wenige Schritte vom zentral gelegenen Freundschaftsladen entfernt und direkt vor den Büros der amerikanischen Botschaft in Peking, nähern sich Männer mit zerschlissenen Jacken, sonnengegerbter Haut und flinken Augen den Touristen. Flüsternd preisen sie CD-Roms mit Computerprogrammen an - nicht für Hunderte von Dollars, sondern für knapp hundert Yuan oder 23 Dollar. Video-CDs mit den neusten Hollywoodproduktionen kosten ganze 20 Yuan, keine 3 Dollar. Ein effizientes System von Wachposten warnt die fliegenden Händler rechtzeitig vor der Polizei.
Die Verkäufer von Piraten-CDs bieten für jene, die das Risiko scheuen, auch einen Hauslieferdienst an. Es genügt, ein Treffen zu vereinbaren, und schon wird eine breite Auswahl ins Haus geliefert. Wenn eine CD von einem Virus befallen oder bei einer Video-CD das Bild unscharf sein sollte, ist das kein Problem: der Vertreter kommt vorbei und tauscht sie aus.
Immer wieder werden in den Zeitungen und im Staatsfernsehen Beschlagnahmungen von Piratenvideos vorgeführt. Reporter bezeugen, Polizisten gesehen zu haben, die auf CDs herumgetrampelt seien und die «Piraten» mit Gürteln gezüchtigt hätten. Und chinesische Funktionäre beteuern, dies seien keine gestellten Szenen, weisen aber auch darauf hin, dass das «Recht auf geistiges Eigentum» eine äusserst heikle Angelegenheit sei, bei der es um viel mehr gehe als eine Handvoll kleiner Piraten. Bei den Diskussionen um den Schutz von geistigem Eigentum, wird offiziell verlautbart, seien auch «die komplexe Frage des technischen Fortschritts allgemein sowie die politischen Gegebenheiten, die Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherie in diesem riesigen Land», zu berücksichtigen. «In gewissen Gegenden Südchinas kostet die Produktion einer Video-CD 0,8 Yuan, das ist weniger als ein hundertstel Dollar», erklärt ein Sprecher des chinesischen Aussenministeriums. «Bei solchen Preisen sind die Gewinnmargen natürlich enorm, und das macht es uns schwer, gegen die Piraterie anzukommen.»
Während der Verhandlungen über die Durchsetzung der internationalen Regeln zum Schutz von geistigem Eigentum, die Jahre dauerten und immer wieder in einen Wirtschaftskrieg zu eskalieren drohten, erstellten die USA Listen von chinesischen Fabriken, die sich der CD-Piraterie schuldig gemacht hatten. Zudem boten sie chinesischen Richtern Fortbildungskurse in Fragen des Copyright an und versprachen ihrerseits, die Ausfuhr von Geräten zur CD-Produktion besser zu kontrollieren. Peking akzeptierte dies schliesslich und versprach, die betreffenden Fabriken zu schliessen.
In einem Land wie China ist das allerdings kein leichtes Unterfangen. Denn für die Provinzen ist die Herstellung von Piraten-CDs eine wichtige Arbeits- und Einkommensquelle, auf die sie nicht so schnell verzichten möchten; mit phantastischen Gewinnmargen von bis zu 5000 Prozent kann eine solche Firma die Finanzen eines ganzen chinesischen Städtchens sanieren. Die Provinzen berufen sich deshalb auf die ihnen in den letzten zwanzig Jahren zugestandenen Autonomierechte und ignorieren Anordnungen aus Peking, illegale CD-Fabriken zu schliessen. Wird einmal eine geschlossen, so entsteht andernorts unverzüglich eine neue.
DIE INDUSTRIE ist dank einem engmaschigen Netz bestens organisiert. In einem Laden im Universitätsquartier von Peking, dem Silicon Valley Chinas, erklärt man stolz, dass schon wenige Wochen nach der Lancierung jedes Computerprogramm in Peking erhältlich sei. Piraterie? «Nein, nur eine Art wie jede andere, den technologischen Rückstand zu überwinden, der China vom industrialisierten Westen trennt», sagt der 33jährige Li Zhongli, der nach seinem Abschluss in Ökonomie an der Akademie der Wissenschaften in Peking eine vielversprechende akademische Karriere an den Nagel hängte, um sich dem Computergeschäft zu widmen. Patriotismus und Geschäftssinn sind für ihn eng miteinander verknüpft. Das Wohlergehen Chinas, findet er, hänge vom Zugang zu ausländischen Informationen ab, weshalb immer mehr ausländische Filme zu immer günstigeren Preisen gezeigt werden müssten.
Schaut man sich eines dieser Piraten-Videos an, so erhält man schnell eine Vorstellung von der Effizienz dieses Handels. Neben den perfekten Kopien, die offensichtlich in Hongkong oder Taiwan hergestellt worden sind - die Untertitel sind mit Langzeichen wiedergegeben und die englischen Dialoge mit Ausdrücken übersetzt, die in Peking nicht gebräuchlich sind -, gibt es auch ziemlich abenteuerliche Kopien. Die Bilder dieser Filme sind oft verwackelt, und es sind Leute zu sehen, die vor der Leinwand vorbeigehen - so, als ob der Pirat das Video aus der letzten Reihe im Kino mit einer Super-8-Kamera aufgenommen hätte. Die Untertitel werden später in Hongkong oder Taiwan schludrig hinzugefügt. Die Master Copy dann nach Festlandchina zu schmuggeln ist ein Kinderspiel.
DAS DRÄNGEN DER USA auf eine Schliessung der illegalen Video-CD-Fabriken entspringt, wie Li meint, einer allzu einfachen Sicht der Dinge. «Und was ist», fragt er, «wenn nun irgendein Arbeiter in einer regulären Fabrik, die zum Beispiel den Auftrag hat, Videos über Deng Xiaopings Leben zu produzieren, abends nach der offiziellen Arbeitszeit ein paar tausend Kopien des letzten Films mit Tom Cruise herstellt und damit seine eigenen Brötchen bäckt? Wie kommt man dem bei?»
Und wie soll man solche Operationen stoppen in einem so weiten und bevölkerungsreichen Territorium, während sich Handel und Kommunikation globalisieren, die Wirtschaft brodelt und der staatliche Einfluss schwindet? Die Umsätze mit der illegalen Ware sind enorm. Die USA sprechen von Milliarden von Dollars, die ihrer Industrie wegen der dreisten Kopiererei entgehen würden. Wie hoch die Beträge sind, die den Piraten in die Taschen fliessen, ist allerdings schwer zu beziffern. Dies nicht zuletzt, weil die Piraterie auch eine weniger bekannte Seite hat: Denn nicht nur die USA oder andere fremde Länder werden von ihr geschädigt, sondern vor allem auch China selbst.
In China lassen sich geistige Erzeugnisse jeder Art ohne Schwierigkeiten absetzen und werden auf dem Schwarzmarkt feilgeboten, sogar die unbeliebten Erzeugnisse der Kommunistischen Partei. Der Poet Mang Ke verfasste im Jahr 1993 einen Roman über die pikanten Abenteuer der Rotgardisten währen der Kulturrevolution, der den unmissverständlichen Titel «Ye shi» trägt, was mit «Bettgeschichten» übersetzt werden kann. Nach wenigen Wochen waren 200 000 Exemplare verkauft; dann wurde das Werk als pornographisch verurteilt und deshalb verboten.
Tatsächlich ist das Buch aber auch heute noch erhältlich. Der Autor schätzt, dass inzwischen mehr als eine Million Exemplare verkauft worden sind. Tantiemen hat er jedoch nur für die ersten, regulär verkauften 200 000 Exemplare bekommen. «In China gibt es Tausende Druckereien, und es kostet nichts, ein Buch neu aufzulegen! Einige fotokopieren einfach das Original und drucken es neu ab. Andere, weniger gut Ausgerüstete, die noch nicht im Besitz eines Fotokopierers sind, tippen die Bücher ab, füllen sie mit Tippfehlern und legen sie neu auf», stellt Mang Ke nüchtern fest, ohne Groll.
Bücher, Video-CDs und Raubkopien von Softwareprogrammen zirkulieren in den üblichen Verkaufskanälen. «Klar, dass die Amerikaner nicht begreifen können, wie dies ohne Komplizenschaft der Polizei möglich ist», sagt der Computerfachmann Li. «Aber die Sache ist eben komplizierter, als man annehmen möchte. Stellen wir uns vor, die Polizei käme in meinem Laden vorbei und sähe, dass ich verbotene Bücher verkaufe. Sie würde die Bücher beschlagnahmen und mich verhaften. Danach würde sie mich fragen, wer mir die Bücher gegeben habe. Sage ich es ihr? Nie und nimmer, nicht einmal unter Folter. Denn wenn ich es ihr sage, was mache ich, wenn sie mich freilässt? Die Polizei bietet mir keine Stelle an. Verrate ich meinen Lieferanten, wird mir danach keiner mehr Raubkopien verkaufen. Das Schlimmste, was mir die Polizei antun kann, ist, dass sie mich eine Weile gefangenhält. Aber sie kann mich wegen dieses Vergehens weder hinrichten noch zu lebenslanger Haft verurteilen. Nach einer Weile kann ich also meine Arbeit als Verkäufer von Raubkopien wieder aufnehmen.»
Genausowenig, wie die Beschlagnahmung einer spektakulären Menge von Heroin die Stoffversorgung mehr als kurzzeitig zu beeinflussen vermag, kann die Schliessung einer Druckerei oder eines CD-Presswerks den Fluss illegaler Ware unterbinden. Die Gewinnaussichten sind so verlockend, dass sich das Verbot von Raubkopien kaum durchsetzen lässt, sicher nicht auf einen Schlag. Das Verbot der von seinem Arzt aufgezeichneten Biographie Maos bewirkte lediglich, dass der Preis des Buches auf dem Schwarzmarkt stieg, der Absatz wurde damit nicht gestoppt, im Gegenteil.
Ein im hohen Masse nationalistisches und antiamerikanisches Pamphlet mit dem Titel «China kann Nein sagen» aus dem Jahr 1996 wurde auf die schwarze Liste gesetzt, nachdem die Amerikaner ihre Irritation darüber kundgetan hatten. Das Buch verschwand aus den Regalen der offiziellen Bücherläden, nur um kurz danach auf den Tischen der Marktstände aufzuliegen. In der Provinz gibt es offizielle Buchhandlungen, die für die von Peking strikt verbotenen Bücher mit «China kann immer noch Nein sagen» oder «Nein und nochmals Nein, sagt China» werben.
Dass die Piraterie von geistigen Erzeugnissen die ideologische Vorherrschaft und damit die Macht der Kommunistischen Partei mehr und mehr aufweicht, ist offensichtlich. Die Leserschaft der «Volkszeitung», die alle Büros der Kommunistischen Partei sich halten müssen, ist im Schwinden begriffen. Mehr und mehr ziehen es die Chinesen vor, sich spannender zu unterhalten und aus dem breiten Angebot amerikanisch geprägter Videogames, Filme, Musik und Bücher etwas auszusuchen, was sie dann gern auch aus der eigenen Tasche bezahlen. Der höchsten Parteispitze ist es natürlich nicht entgangen, dass die Propaganda ein völlig neues Umfeld erhalten hat. Die Kommunistische Partei sieht ihre Ideologiearbeit und damit ihre politische Macht in Gefahr, und dies ist ein wichtiger Grund, weshalb sie sich gegen eine absolute Öffnung des Marktes stemmt, wie sie von den USA als wirksamer Schachzug gegen diese moderne Form der Piraterie gefordert wird.
Offiziell importiert China heute lediglich zehn ausländische (praktisch nur amerikanische) Filme pro Jahr. Erhöhte man die Zahl der importierten Filme auf hundert, so hätte dies überfüllte Kinosäle und sehr wahrscheinlich auch Einbussen bei der Video-CD-Piraterie zur Folge. Gleichzeitig würde die amerikanische Bilderflut die Hegemonie der Partei weiter untergraben und darüber hinaus der chinesischen Kulturindustrie nachhaltig schaden. Die Volksrepublik wird deshalb, wie schon Frankreich, eine Schutzmauer errichten müssen, um ihre eigene Kultur gegen die amerikanische zu verteidigen.
IM BEREICH DER SOFTWAREINDUSTRIE liegen die Dinge anders. Die Partei hat den längerfristigen wirtschaftlichen und auch militärischen Nutzen einer entwickelten Softwareindustrie erkannt. Aber auch hier ist es zu Auseinandersetzungen gekommen, namentlich mit dem amerikanischen Giganten Microsoft.
Der Zwist entzündete sich an Raubkopien, welche die chinesischen Softwarehäuser vor einigen Jahren von den Betriebssystemen MS-DOS und Windows erstellt hatten. Die chinesischen Programmierer wollten damit die amerikanischen DOS- und Windows-Programme an die chinesischen Verhältnisse anpassen. Das Ganze hatte unter anderem den Zweck, Computer einem grösseren Bevölkerungskreis zugänglich zu machen. Denn nur wenige Leute in China sind in der Lage, mit amerikanischer Software umzugehen, auch nicht die Jugendlichen, das Segment mit dem grössten Potential für die Computerbranche. Dies wussten im übrigen auch die ausländischen Hardware-Produzenten: Sie ignorierten lange Zeit das Raubkopien-Problem, wohl wissend, dass ohne Softwarepiraterie ihre Hardware in China kaum Käufer fände.
In den letzten Jahren wurden die chinesischen Softwarehersteller ihrerseits von Piraten bedrängt. Die brillanten Erfinder der Software Chinastar, die auf der Basis von Windows eine komplette chinesische Plattform kreiert hatten, mussten mit ansehen, wie ihnen die Piraten mehr und mehr die einst satten Gewinne abschöpften. «Eine Tragödie», sagt Wang, ein junger Programmierer mit Universitätsabschluss, der seine sichere Staatsstelle der Liebe zum Elektronikgeschäft geopfert hat. «Die lokalen Produzenten wurden fast in den Bankrott getrieben. Obwohl sie hervorragende Lösungen gefunden und de facto das Wachstum der Computerindustrie in der Volksrepublik um vier, fünf Jahre beschleunigt hatten. Ohne sie hätte man hier noch Jahre auf die Computerrevolution warten müssen, nämlich so lange, bis die amerikanischen Firmen Lösungen für die chinesischen Schriftzeichen gefunden hätten - was erst letztes Jahr geschehen ist.»
Vor diesem Hintergrund verlieren die gegen Microsoft erhobenen Vorwürfe des Monopolismus und der Verweigerung von Technologietransfer an Gewicht. Und seit SC Windows 95 mit den Kurzzeichen auf dem Markt ist, herrscht in Chinas Welt der Softwareindustrie ohnehin eine völlig neue Situation, die über die Frage nach Schutz von geistigem Eigentum hinausgeht.
SC Windows 95 unterscheidet sich grundsätzlich vom englischen Windows 95 (ein chinesisches Zeichen braucht zwei Bytes Speicherkapazität, ein englisches hingegen nur ein Byte) und auch von Windows 95 mit traditionellen Langzeichen, dem System, das in Taiwan und Hongkong benutzt wird. Wang Li ist überzeugt, dass dies ein geschickter Schachzug von Microsoft gewesen sei, um die Softwareingenieure der Volksrepublik vom Rest der Welt und auch von den Chinesen in Taiwan, Hongkong und in Übersee zu isolieren. Für Bryan Nelson, Direktor von Microsoft in China, sind dies bloss ideologisch gefärbte Behauptungen: SC Windows 95 bilde eine solide Grundlage für die Entwicklung chinesischer Software auf einer echten industriellen Basis.
Der lange Streit zwischen der chinesischen Regierung und Microsoft erreichte im August 1996 einen Höhepunkt, als sich die chinesische Regierung offiziell über reaktionäre Inhalte von SC Windows 95 beklagte. Die taiwanischen Programmierer hatten sich in der Tat ein paar Scherze erlaubt: Im Wörterbuch des Systems waren für die Pekinger KP höchst beleidigende Begriffe wie «Taidu» (unabhängiges Taiwan) oder «gongfei» (kommunistische Banditen) zu finden. Microsoft zog nach dieser Anklage das Produkt aus dem Markt zurück und lieferte jenen, die es schon erstanden hatten, die korrigierte Software auf eigene Kosten. So ist das neue Produkt ohne grossen Lärm Anfang 1997 in China wieder eingeführt worden.
In der Zwischenzeit hat sich Microsoft mit dem grössten chinesischen Computerhersteller Legend verbündet. Dieser besitzt die Lizenz, seine Geräte mit Microsoft-Produkten zu verkaufen. Nach einem langen Kampf hat der Gigant Microsoft, indem es ihm gelungen ist, der Volksrepublik sein SC Windows 95 aufzuzwingen, auch in China beinahe eine Monopolstellung in der Software-Industrie erobert.
Dies hat dazu geführt, dass die Softwarepiraterie in China wenn nicht verschwunden, so doch unter Kontrolle gebracht worden ist. Die Situation ist in mancher Hinsicht nicht viel anders als in jedem anderen Land: Wer privat einen Computer besitzt, besorgt sich die Programme oft auf eigene Faust, indem er sie kopiert, ohne einen Rappen dafür zu bezahlen. Firmen, Büros und Softwarehersteller haben dagegen ein Interesse daran, ihre Programme zu kaufen und nicht zu kopieren, da sie leicht zu erwischen wären und damit von Microsoft unter Druck gesetzt werden könnten. Microsoft hat mit diesem koordiniertem Angriff den chinesischen Produzenten eine schwere Niederlage zugefügt.
Nun ist gerade die Computerwelt ständig in Bewegung, und nichts ist hier endgültig. Schon bald sollen Computersoftware, Videogames und Film und Ton multimedial ineinanderfliessen. Wie wird China diese neue Ära meistern? «Piraterie wird kaum mehr möglich sein, weil diejenigen, die den Sektor beherrschen, sich anschicken, ihre Systeme zu verschlüsseln, bevor sie auf den Markt kommen», meint ein amerikanischer Geschäftsmann, der in China sondiert, wie sich dieser Markt für die globale und totale Kommunikation erschliessen lässt. «Die Hacker werden diese Barrieren zwar immer umgehen», sagt der Geschäftsmann, die texanischen Stiefel auf den Tisch gestreckt. «Die Anforderungen an Hardware und Know-how dazu sind aber beträchtlich, und so werden es die Normalverbraucher vorziehen, den bequemeren legalen Weg zu gehen.»
AUCH CHINA IST DABEI, sich für die nächste Technologierevolution zu wappnen. War bis anhin die Film- und Buchpiraterie die lukrativste Art, importierte amerikanische geistige Erzeugnisse einem breiten Publikum anzubieten und die lokale Produktion von TV- und Videogeräten anzukurbeln, so ist heute ein gewisser Sättigungsgrad erreicht. Die Wachstumszahlen der Unterhaltungselektronikbranche werden sich abschwächen. Wer weiter Geld verdienen will, muss bodenständige Inhalte produzieren. An erster Stelle sollen populäre Produktionen für Kino und Fernsehen geschaffen werden, die - wollen sie erfolgreich mit Hollywood konkurrenzieren - nicht mehr dem Diktat der politischen Zensur unterworfen sein dürfen.
Eine weitere Strategie zielt auf einen vereinfachten Zugang zum Internet. Er wird in Zukunft weniger als die Hälfte kosten, und die Übertragungsgeschwindigkeit der Daten im Netz soll erhöht werden. Ausserdem will man den Fernsehmarkt für Hollywoodfilme öffnen. Dabei sind Beschränkungen denkbar, wie man sie beispielsweise auch im liberalen Grossbritannien kennt, wo vorgeschrieben ist, dass das Fernsehen zu 80 Prozent eigene Produktionen ausstrahlt.
Solche Beschränkungen haben allerdings nur einen Sinn, wenn auf Zensur verzichtet wird und wenn die Konsumenten ausserhalb des staatlichen Fernsehens Zugang zu ausländischen Filmen haben, etwa via Pay-TV oder Satellitenempfang. Ein präventiver Zusammenschluss einer chinesischen Firma mit einem internationalen Marktführer (Murdochs News Corp zum Beispiel) könnte kräfteraubende Reibereien, wie sie mit Microsoft entstanden, verhindern. Da im Informationssektor bereits Technologiemonopole bestehen, muss die Entwicklung Chinas in diesem Bereich fast zwangsläufig über einen Pakt mit den grossen Firmen vorangetrieben werden.
Ein Übereinkommen für die Entwicklung eines Pay-TV-Senders mit Satellitenprogrammen und Decoder würde allerdings nicht nur die Piraterie drastisch einschränken, sondern auch die Volksrepublik an den Einnahmen teilhaben lassen - Geld, das die Regierung in die Förderung der eigenen Kulturindustrie stecken könnte.
Denn - ungeachtet der in der «Volkszeitung» gedruckten orthodoxen Weisheiten - ohne eigenständige Kulturindustrie wird China der amerikanischen Übermacht nichts entgegenstellen können. Hier geht es nicht mehr nur um rechtliche Fragen oder um die Beziehungen zwischen China und den USA, sondern einzig um Innenpolitik: darum, wie China die Weichen für das nächste Jahrtausend stellt.
KOMMUNIKATION, Freizeit- und Unterhaltungsangebote, Dienstleistungen und kulturelles Schaffen können künftig über einen Telefondraht oder eine Antenne vermittelt werden. Um dieses Geschäft gewinnbringend zu betreiben, sind technologische Schutzvorrichtungen nötig, die auf einen strengeren Vollzug der Gesetze abgestimmt sind. Dennoch könnte eine neue Technologiepiraterie entstehen - in der Tradition jener Räuber, die einst die Schiffe auf See mit Schleudern und Kanonen angriffen und unterdessen von Räubern abgelöst worden sind, die Filmbilder mit 40 untereinander verknüpften Videogeräten kopieren.
Noch heute gibt es Seeräuber, wenn sie auch längst nicht mehr die Bedeutung wie zu Zeiten von Königin Elisabeth I. haben. Auch die Video-, CD- und Software-Kopierer wird es morgen noch geben, aber wenn China sich weiterentwickelt wie bisher, werden sie zu einer quantité négligeable werden - so wie die Seeräuber aus Malaysia, die im südlichen Chinesischen Meer seit Urzeiten Jagd auf vorbeiziehende Schiffe machen.
Francesco Sisci, freier Journalist, lebt in Peking.