NZZ Folio 05/09 - Thema: Do it yourself   Inhaltsverzeichnis

Blech und Busen

© Pascal Amos Rest, Dortmund, Ag...
Andi (links) und Basti sind Stammkunden bei D & W. Sie verbringen mehr Zeit unter als in ihren Wagen. Linktext
Seit Jahrzehnten ist die Tuningfirma D & W Europas Heimat der Autoschrauber. Ein Werkstattbericht aus einer tiefergelegten Welt.

Von Markus Wolff

Ein Samstagmorgen, und die Geschäfte laufen ruhig. Darüber würde man eigentlich kein Wort verlieren, aber hier geht es schliesslich um Europas bekannteste Firma für Hobbytuner. Und Tuning, das weiss seit MTVs «Pimp my ride» nun wirklich jeder Mensch mit Kabelfernsehen, ist das Gegenteil einer ruhigen Sache. Tuning heisst Vollgas, röhrende Auspuffe und Männer, die nur in Comicblasen sprechen. Aber heute ist hier nichts zu hören. Ruhe herrscht am Eingang des «D & W Megacenters» in Bochum, und wo man breitspurige Wagen mit Flammenlackierung erwartet hatte, parkiert lediglich der weinrote Kombi des ersten Verkäufers.

Der steht im Innenraum hinter dem Tresen und blickt kurz nach Ladenöffnung wie ein erwartungsfroher Bar­keeper in einer gewaltigen Themenbar: Von etwa 1400 Quadratmetern Verkaufsfläche ist Gün­gör Kilic umgeben, dominiert von zwei riesigen Frauenbeinen aus Pappe, ­einem blauen US-Truck und einem Pick-up mit ausfahrbaren Bildschirmen und Boxen, der so unvermittelt im hinteren Teil des Ladens steht, als hätte Puff ­Daddy im Vollrausch falsch parkiert. Dazwischen schlängeln sich schier endlose Re­galmeter mit Sportschalldämpfern, Spurverbreiterungen, Rammschutzbügeln, Frontschürzen, Dachspoilern, Endstufen, Lenkrädern, Folien, Lacken, Hi-Fi-Boxen. Einzig für die auf ihre Art getunten Bikinimädchen, die etwas unentschlossen erotisch von der Wand lächeln, sind keine Ersatzteile vorhanden. Alles andere, sagt Verkäufer Kilic, hat er auf Lager oder kann es bestellen. «Alles andere» heisst: etwa eine Viertelmillion Teile.

Güngör Kilic, 35, ist ein freundlicher Mann, dunkles Haar, seit zehn Jahren bei D & W. Eine lange Zeit, aber doch zu kurz, um die Anfänge des Unternehmens erlebt zu haben, das zum Synonym für eine tiefergelegte Welt geworden ist, über der statt einer Fahne ein Fuchsschwanz weht. «Also, Fuchsschwänze gibt’s ja schon lange nicht mehr», korrigiert Kilic. Allenfalls damals, in den Anfängen der Firma. Um davon zu erzählen, muss er mit diesem leicht federnden Dat-und-Wat-Akzent des Ruhrgebiets bis ins Jahr 1971 zurücksetzen, als zwei Männer mit den Vornamen Detlef und Werner in Dortmund-Eving eine Firma für Autozubehör gründen, der sie den nicht zu fern liegenden Namen D & W geben. «Das war ja zunächst nur ’ne kleine Klitsche», erzählt Kilic.

Aber diese wächst schnell, Dutzende Filialen entstehen, weil sich mit dem Erfolg von Golf GTI und Opel Kadett eine Szene bildet, für die ein Fahrzeug vom Fliessband schlimmer ist als jede Benzinpreiserhöhung. In Deutschland ­genauso wie in den Niederlanden oder in der Schweiz. Autofanatiker, die mehr Zeit unter als in ihren Wagen verbringen. Für sie wird das 1988 gebaute D & W Megacenter in Bochum zum Cheflieferanten eines neuen Lebensgefühls, das nicht nur Autos, sondern ganze Karrieren tunt: Til Schweiger startet nach dem Kinoerfolg «Manta, Manta» 1991 mit einer Einkaufsszene bei D & W erst richtig durch.

Seither hat sich viel verändert. Optisch ist aus der Zeit, als Tuning noch Frisieren hiess und alle Witze mit «Kommt ein Manta-Fahrer …» begannen, nicht viel übriggeblieben. Die Auspuffrohre seien beispielsweise dicker und die Stossstangen noch tiefer geworden. «Die Ameisenkiller haben’s geschafft», sagt Kilic. Aber auch das Geschäft hat sich verändert, seit die Hauptzielgruppe der 18- bis 28-Jährigen Geld und Zeit nicht mehr vor allem ins Auto, sondern auch in Handy und Computer steckt. Im Januar musste D & W gar Insolvenz anmelden. Nun sind aus den guten Zeiten aber nicht nur die Fünfklang-Melodiefanfaren geblieben, die «La Cucaracha» hupen, sondern auch noch so viele Vollblutschrauber, dass das Geschäft – mit einem Sanierungsplan – für die Kunden vorläufig so weiterlaufen wird wie bisher. Für Männer wie Andi, 29, und Basti, 26, die im Eingangsbereich vor den Felgen stehen und sich bis zu viermal pro Woche in Essen ins Auto setzen, rauf auf die A 40, runter bei D & W. Nicht immer, weil sie etwas für das eigene Auto brauchen. Oft kommen sie, weil wieder jemand gefragt hat: «Jungs, was könnte man denn mal an meiner Karre machen?»

Machen kann man viel. Im Opel Corsa einer Bekannten haben sie erst kürzlich den kompletten Innenhimmel rausgenommen und in zehn Stunden aus 140 LED-Birnen das Opel-Zeichen nachgebaut. «Frauen haben ja gerne ein bisschen Blinki-Blinki», sagt Basti. Nur die eigene Freundin fährt keine «Kirmeskarre», sondern einen solide aufgerüsteten Golf IV, der noch auf Alufelgen und mit einer Anlage mit Klebebandtuning durch die Gegend rollte, als sie Basti kennenlernte. An den Feierabenden, wenn Schluss ist im Laden für Car-Hi-Fi, in dem er arbeitet, hat er inzwischen eine andere Frontschürze angebracht, einen ausfahrbaren Bildschirm und ein vernünftiges Hi-Fi-System eingebaut. «Zwölf Lautsprecher plus Subwoofer.» Am eigenen Wagen kann er leider nicht herumschrauben, weil er keinen besitzt. Geldnot.

Dafür verbringt er viel Zeit in der Garage von Andi, dem Mechatroniker, der sich grad den sechsten Wagen in vier Jahren gekauft hat. Eben einen 15 Jahre alten schwarzen Mercedes SL, der nach regelmässiger Handwäsche noch besser aussieht als zuvor. Er befindet sich noch in der Umbauphase, an deren Ende er bieten soll, worauf es Andi bei jedem seiner Autos ankommt: «Sportliches Fahren, schöne Optik und auch einen schönen Auspuff.»

Bis dahin kann noch Zeit vergehen. Schwer zu sagen, wie viel. Über das investierte Geld hat Andi einen besseren Überblick als über die investierten Stunden: neues Dach 5000 Euro, Auspuff 400 Euro, Spiegel 800 Euro, Scheiben­tönung 150 Euro, Lackierung 1500 Euro, Innenausstattung 500 Euro. Und 4000 Euro für die Hi-Fi-Anlage mit der Basskiste, die sie hinten auf die Notsitzbank gelegt haben. 1500 Watt reine Musikleistung. «Da kommt der Bums her!» sagt Basti.

Und der hat eben genauso seinen Preis wie das weisse Leder, das im Innenraum die Armaturen aus Holz ersetzt und nur von Ferrari zu haben ist, oder die Domstrebe aus Alu zur Versteifung der Carrosserie. Das kostet. Vor allem, weil sie sich streng an ein Prinzip halten: «Keine Billigscheisse von Ebay!» Den Ärger, dass Teile nicht passen, nicht geprüft oder nicht zugelassen sind, überlassen sie dem anderen Lager, den Billigtunern, die nur aufs Äussere achten. Denen, die sich einen Golf für 6000 Euro kaufen, dann aber 20 000 Euro für Spoiler und Undercar reinstecken, was vorne und hinten nicht im Fahrzeugbrief eingetragen ist; dann passen die Spaltmasse nicht, und wenn der Wagen einmal auf dem Bordstein aufsetzt, fliegt der ganze Kram auseinander. Schon beim blossen Gedanken daran schüttelt Andi den Kopf. «Also, echt!»

Die Billigtuner sind auch meist diejenigen, die zügig in ihre Autos steigen, wenn mal wieder die Polizei bei D & W vorfährt. Wenn plötzlich der halbe Parkplatz leer ist und nur die Abgeklärten, die Erfahrenen ruhig bleiben. Die mit gültigem TÜV. Das sind vor allem die Älteren, wie Andi sagt, was nach Senioren klingt, in der Tuningszene aber schon Menschen Mitte zwanzig bezeichnen kann. Die Szene, in der vor allem die Arbeit bewertet wird, die in einem Wagen steckt. Die es schätzt, wenn Tausende Euros verbaut wurden, aber davon auf den ersten Blick nichts zu sehen ist.

Aber wenn es wieder Frühling wird und sich freitags der D-&-W-Parkplatz in eine VW-Ecke, eine Opel-Ecke und eine Japaner-Ecke teilt, verstehen sich die verschiedenen Lager dennoch. Wenn man die Klappstühle und den Grill aus dem Kofferraum holt und die Tuner mit den Händen in den Hosentaschen gegenseitig ihre Wagen mustern, auf denen Aufkleber mit «Gucken 5 Euro, lecken 10 Euro» kleben. Weil ja letztlich alle am Schrauben dasselbe fasziniert: «Erst weiss man nicht, wie’s geht», sagt Andi, «und dann sieht’s Bombe aus.»

Es ist Mittag, Stosszeit im Megacenter. Junge Pärchen, Söhne mit Vätern, Teenager mit tiefergelegten Hosen, die zwar keinen Fahrausweis, dafür eine Playstation besitzen und sich deshalb für die Schalensitze für 149 Euro interessieren. Vor allem wegen der Auswahl an Felgen reisen sogar Kunden extra aus der Schweiz an, sagt der Verkäufer Kilic. Nach dem Kauf stehen sie dann stundenlang auf dem Parkplatz. «Das ist für die Schweizer wie Ferien.»

Mangelware im D-&-W-Megacenter sind hingegen Frauen, die sich nicht mit angestrengter Beifahrermiene durch den Laden mühen. Ausnahmen sind die Altenpflegerin Anastasia Dougeri mit ihrer Tochter Christine, die durch die Gänge schlendern wie durch eine Boutique und sich überlegen, was sie sich oder vielmehr ihren beiden Opel Corsas leisten sollen. Die Tochter mag Angel-Eyes, «diese breiten Scheinwerfer, und solchen Schnickschnack», sagt die Mutter. Und schicke Felgen natürlich. Aber klar sei auch, wann man es mit dem Tuning übertreibe. «Ihr Exfreund hatte so grosse Basskisten auf dem Rücksitz, dass da kein Mensch mehr sitzen konnte.» Da kichert die Tochter verlegen. Der heutige Einkauf fällt allerdings mager aus: ein blaues Boxenkabel, das der Vater später anbringen wird.

«Klar, Männer tunen, Frauen lassen tunen», sagt der Verkäufer Kilic. Das sei der grösste Unterschied. Männer seien auch pragmatischer. «Bei Felgen sagt die Frau zum Beispiel: Mensch, die ist schön! Der Mann fragt sich aber gleich: Wie pflege ich die? Hier, da setzt sich Dreck rein, da muss ich mit ’ner Zahnbürste ran!» Nein, das sei kein Vorurteil, sagt Kilic und schlägt mit der flachen Hand auf den Tresen. «Das sind Erfahrungswerte!»

Frau Grzella kann da nicht zustimmen. «Frauen wollen mit dem Auto nur von A nach B. Männer wollen aber auch optisch von A nach B.» Das Fahr-ABC kennt Frau Grzella nicht erst, seit sie bei D & W zur Einzelhandelskauffrau ausgebildet wurde. Ihr halber Freundeskreis hat schon vorher getunt. «Da hiess es immer: tiefer, härter, breiter», sagt Frau Grzella und betrachtet kurz ihre künstlichen Fingernägel. «Und manchmal auch lauter.»

Auch der Exfreund, klar, war Tuner. So einer, der seinen Wagen «kaputtgetunt» hat, sagt Frau Grzella. «Zu tief gelegt, und dann waren die Dämpfer Schrott.» Da war es vorbei mit den Treffen, zu denen sie vorher oft gefahren sind. Zum Parkplatz vom Ruhrpark, zum Beispiel, gleich um die Ecke. Aber dann wurden kleine Schwellen auf der Strasse angebracht. Daran blieben die tiefergelegten Wagen hängen, und da hörte es dann mit den Treffen dort ohnehin auf.

Karin Grzella ist eine hübsche, zierliche Person mit langen, blonden Haaren. Ein bisschen der Typ Frau, der sich seit Jahrzehnten für den D-&-W-Katalog auf den Kühlerhauben räkelt und von jeher der Firma ein Gesicht verliehen hat. Oder eher – einen Körper. Na ja, sie habe sogar mal überlegt, ob sie sich nicht für den Katalog fotografieren lassen sollte, meint Frau Grzella. Aber dass jeder Kunde beim ­Bezahlen weiss, wie sie unterm D-&-W-T-Shirt aussieht – «nee!» sagt sie, und auf der Zunge schaukelt ihr Piercing wie eine Mini-Boje.

Blech und Busen, das war der Zweiklang, auf den D & W gesetzt hat, lange bevor es auf Messen und in den Katalogen anderer Motorrad- und Autofirmen zum Standard wurde. Sogar bei RTL wurden die D-&-W-Frauen verpflichtet – als die ersten «Tutti Frutti»-Girls. Frauen waren Chefsache. So ernst nahm es der eine Teilhaber, dass er bis zu seinem Ausstieg aus der Firma vor wenigen Jahren in die USA flog und persönlich die Models für den in der Szene legendär gewordenen Kalender aussuchte.

Der Kalender verkauft sich noch immer, wenn auch nicht mehr so wie einst. Eine neue Generation ist herangewachsen, eine, die offenbar nicht nur auf Kalender, sondern auch auf die aufwendig produzierten Kataloge verzichten kann, von denen im besten Jahr 700 000 verkauft wurden. Heute sind es weniger als die Hälfte.

Vorbei sind die goldenen, zumindest vergoldeten Zeiten, an die noch ein Foto im Büro erinnert. Es zeigt einen Mercedes SL mit vergoldetem Kühler und vergoldeten Wischern auf den Scheinwerfern. Er gehört einem der Araber, die bei D & W mal ein und aus gingen. Die nichts von Geld und Preisen hören wollten, «sonst wurden die echt sauer», sagt Güngör Kilic. Der hat nun Feierabend und steigt in den am Eingang geparkten Kombi. «Nee, tiefergelegt ist mit Frau und Kindern kein Spass», sagt er wie zur Entschuldigung. Immerhin hat er Kopfstützen mit Monitoren eingebaut. So war die Anreise in die letzten Italienferien zum ersten Mal entspannt. Nur ab und zu haben die Kinder gefragt: «Ist es noch weit?» – «Nur noch 2000 Kilometer!» hat er geantwortet. Da haben sie dann genickt und ruhig weitergeguckt.

Markus Wolff ist Redaktor bei der Zeitschrift «Geo»; er lebt in Hamburg.

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