NZZ Folio 02/07 - Thema: Teheran   Inhaltsverzeichnis

«Apokalyptische Theatralik»

© Bert G. Fragner, Wien
Bert G. Fragner, Professor für Iranistik. Linktext
Wie religiös sind die Iraner? Sind sie Antisemiten? Welche Rechte haben Frauen? Wie gefährlich ist Ahmadinejad? Der Iranexperte Bert G.Fragner antwortet.

Von Daniel Weber

Herr Fragner, Sie kennen Teheran sehr lange. Was fällt Ihnen heute am meisten auf, wenn Sie die Stadt besuchen?

Als ich 1962 als Student zum ersten Mal da war, hatte Teheran weniger als 2 Millionen Einwohner. Heute sind es mit dem Grossraum mehr als 12 Millionen. Da fallen natürlich die vielen neuen Quartiere auf, die entstehen – nicht nur im Norden, wo die Stadt seit ihrer Gründung vor allem gewachsen ist. Und dass es keine Slums mehr gibt. In den 1960ern habe ich diese «Favelas» im Süden der Stadt noch erlebt. Oft hausten die Leute auch in Baugruben neben den Strassenbaustellen.

Ist die Armut heute verschwunden?

Es gibt viele arme Menschen, aber nicht mehr diese abgewrackte Form der Existenz im Slum. Das ist sicher eine der Leistungen der Islamischen Republik: Die öffentliche Fürsorge hat zugenommen. Die Aufmerksamkeit für kommunale Fragen ist viel höher geworden. Damit hat sich früher niemand beschäftigt, heute ist es ein Thema.

Ist auch das Amt des Bürgermeisters wichtiger geworden?

Ahmadinejad wäre ohne sein Bürgermeisteramt nicht Staatspräsident geworden. Schon sein Vorgänger als Bürgermeister Teherans, der zuvor Bürgermeister von Isfahan gewesen war, war eine legendäre Figur: sehr populär, sehr liberal, sehr zugänglich für die Leute und ihre Sorgen. Er stolperte jedoch über eine Korruptionsgeschichte, sass einige Zeit im Gefängnis und bekam dann Politikverbot.

Aber letztlich hat ja der Präsident wenig zu sagen. Über allem steht der Revolutionsführer Ayatollah Khamenei, das religiöse Oberhaupt der Islamischen Republik Iran.

Die Funktion des Revolutionsführers ist eigentlich nicht aus den religiösen Traditionen abzuleiten, sie ist eine Innovation Khomeinys. In der schiitischen Theologie ist die Legitimität von Herrschaft sehr wichtig. Eigentlich steht sie nur dem entrückten zwölften Imam zu, der sozusagen der Herr dieser Welt ist.

Was hat es mit diesem zwölften Imam genau auf sich?

Er wird von den Schiiten als historische Persönlichkeit verstanden, die als Kind im Jahr 873/74 aus der stofflichen Welt entrückt wurde. Die Imamswürde steht ihm bis heute zu, als einem Nachkommen einer bestimmten Linie von Imamen, die zurückgeführt wird auf Mohammeds Schwiegersohn Ali. Der zwölfte Imam wurde in die «Verborgenheit» entrückt, in der er bis heute existiert. Er ist also nicht gestorben und gilt als der eigentliche legitime Herrscher dieser Welt beziehungsweise als Führer der rechtgläubigen Muslime. Wenn das Jüngste Gericht naht, wird er als «Mahdi» (Messias) zurückkehren und ein Reich der maximalen Gerechtigkeit errichten.

Und was geschieht, bis es so weit ist?

Solange er nicht als Messias wiedergekehrt ist, ist jede andere Herrschaft nur bedingt legitim. Aber was der zwölfte Imam will, steht nirgends geschrieben. Darum muss man sich als Gläubiger an die Theologen halten, an die Rechtsgelehrten …

… die in der Revolution 1979 selber die Macht übernommen haben.

Wenn die weltliche Herrschaft keine gute ist, muss man sie kritisieren und zurückweisen. Das gehört zur theologischen Tradition. Daraus hat Khomeiny abgeleitet: Wir sollten nicht einfach dasitzen und tatenlos dem Tun des Schahs und der Regierung zuschauen. Wir sind eigentlich die am ehesten legitimen Herrscher.

Politik als Fortsetzung der Religion mit anderen Mitteln?

Das Ganze ist auf Flexibilität angelegt: Die theologischen Vorbilder sind die Grossayatollahs.

Zählt der Revolutionsführer auch dazu?

Der Revolutionsführer ist laut Verfassung der politische Führer mit besonderen religiösen Attributen, er muss nicht Grossayatollah sein. Khamenei geniesst ein hohes Ansehen als einstiger Oppositioneller gegen den Schah, aber die heute führenden Ayatollahs halten sich theologisch für höherrangig. Die Grossayatollahs sind jedoch als Vorbilder nur so lange verbindlich, wie sie leben. Wenn sie tot sind, müssen neue Vorbilder her. Es werden also keine Dogmen errichtet, die mit der Zeit das reale Leben überwuchern. Dadurch ist die theologische Reflexion grundsätzlich offen für Modernität und Säkularität.

War es nicht der Schah, der für die säkulare Gesellschaft und den modernen Nationalstaat eintrat?

Es ist etwas komplizierter: 1906 wurde – übrigens nach dem Muster der belgischen Verfassung – im Parlament eine Verfassung beschlossen, die breite Unterstützung hatte. Aber sie wurde nie dauerhaft wirksam. Der Schah setzte sie nach 1925 ausser Kraft. Er regierte im autoritären Stil eines Caudillos, gegen die bürgerlichen Rechte setzte er die Macht des Militärs. Freilich gab es in seiner Diktatur eine ganze Reihe von Massnahmen, die das Land modernisieren sollten.

1936 wurde zum Beispiel der Schleier verboten.

Diese sogenannte Entschleierung war damals gar nicht durchsetzbar gewesen. In den 1960er Jahren war der Tschador auf dem Land gang und gäbe. In Südteheran, wo ich seinerzeit arbeitete, trugen weit mehr als 90 Prozent der Frauen den Schleier. Im Norden der Stadt war das natürlich anders. Dort zeigte sich sehr deutlich die Modernisierung, genauer: Amerikanisierung, die der Schah forcierte. Als ich aus Österreich nach Teheran kam, war da alles präsent, was ich bis dahin nur aus amerikanischen Filmen gekannt hatte. Ich kam mir im Norden der Stadt vor wie in Chicago.

Was ging dann schief in der Entwicklung des Landes?

Es gab kein Vertrauen in diesen Staat. Seit dem Staatsstreich von 1953 gegen Mossadegh, der die Ölindustrie verstaatlicht hatte, war der Schah in den Augen der meisten Iraner eine Marionette der CIA. Wer es sich leisten konnte, machte die Modernisierung mit, aber begeistert hat sich kaum jemand für das Regime. In den 1970ern geriet es in eine ökonomische Krise, war zusehends isoliert. Widerstand kam aus verschiedenen politischen und religiösen Lagern.

Nach der islamischen Revolution von 1979 war es mit der Modernisierung vorbei.

Khomeiny setzte Symbole dagegen. Und zwar im wesentlichen zwei: Erstens das Alkoholverbot. Alkohol wurde als Laster der Reichen – die sind modern und saufen Whisky – gegeisselt. Dass die Mittelständler seit zwei, drei Generationen überzeugte Wodka- und Biertrinker waren, wurde unterschlagen. Zweitens die Kleidervorschriften: Die öffentliche Sichtbarkeit des Erotischen und Sexuellen musste verschwinden, die Frauen wurden eingehüllt. Beides waren populistische Massnahmen. Der Zwang zur Verhüllung richtete sich gegen eine Minderheit der Frauen, von einer Mehrheit wurde er gutgeheissen.

Tiefer ging die Islamisierung nicht?

Eine chaotische Stadt wie Teheran kann man nicht islamisieren. Es können nur Zeichen gesetzt werden.

Aber es heisst doch immer, die Reformer in Iran würden von den Geistlichen zurückgebunden. Wie Khatami, der von 1997 bis 2005 Präsident war.

Khatami wurde von den Institutionen, etwa den Gerich ten, nur sehr bedingt unterstützt. Problematisch war aber vor allem, was jenseits der Legalität geschah: dass Schlägerbanden aus dem Umfeld der Revolutionswächter im Namen des Glaubens Leute bedroht, ja umgebracht haben.

Wie kann der Präsident – als institutionell schwache Figur – Einfluss nehmen?

Er muss sich seine Lobby schaffen – und das kann er nicht, ohne zu taktieren. Wenn er seine Minister ernennt, muss er schauen, dass auch der Wächterrat sie akzeptiert. Das ist das vom Revolutionsführer und vom Obersten Richter ernannte Gremium, das dafür sorgt, dass die Parlamentsbeschlüsse religionsrechtlich akzeptabel sind und dass gegen die Kandidaten für politische Ämter aus religiöser Sicht nichts vorliegt. Da kommt es natürlich ständig zu Machtrangeleien, bei denen nicht die Religion ausschlaggebend ist, sondern Nepotismus, Begünstigung – wie das halt bei allen autoritären Herrschaftsformen gang und gäbe ist.

Wurde der gegenwärtige Präsident, Ahmadinejad, nicht gewählt, weil er besonders religiös ist?

Ahmadinejad hat nicht in erster Linie religiös argumentiert, sondern sozialpolitisch und nationalistisch. Seine Themen waren Arbeit, Wohnen, Wirtschaft und soziale Gerechtigkeit. Er ist ein Populist, der die zentralen Probleme benannt hat.

Für Aufregung sorgt er vor allem mit seiner Aussenpolitik. Welchen Stellenwert haben seine Äusserungen zum iranischen Atomprogramm?

Der Mann ist ein Taktiker, er setzt alles daran, seine eigene Position zu stärken. Seine sozialpolitischen Versprechen sind nur schwer zu erfüllen – mit anderen Themen profitiert er viel eher von der nationalistischen Grundstimmung, die es schon lange vor ihm im Land gab. Wenn einer an den Nationalstolz appelliert, geht den Leuten das Herz auf. In Iran wird seit mehr als zehn Jahren ständig darüber berichtet, was Landsleute – Wissenschafter, Ärzte, Künstler – irgendwo auf der Welt für tolle Leistungen vollbringen. Vor diesem Hintergrund muss man das iranische Atomprogramm sehen: Daran entzünden sich die nationalistischen Herzen. Dass die ganze Nation sich verteidigen und fürchterlich zurückschlagen werde, falls jemand sie wegen ihres Atomprogramms angreifen sollte – diesen Satz hat nicht etwa Ahmadinejad gesagt, sondern der Reformer Khatami.

Was geschah eigentlich mit den anderen oppositionellen Strömungen aus der Zeit vor der Revolution?

Jetzt kommen wir zurück zu der eigenartigen Offenheit der Theologie: Seit Anfang der 1960er Jahre drangen zum Beispiel auch linke, marxistische Ideen in die religiöse Sphäre. Davon wurden einige Theologen beeinflusst. Die notabene verbotene kommunistische Tudeh-Partei war in den 1940er und 1950er Jahren sehr präsent in Iran – eine ideologisch eher langweilige, moskautreue KP, die aber während zweier Generationen die kulturelle Vormacht über die Intellektuellen innehatte. Später spaltete sich die Partei, aber der harte Tudeh-Kern hielt eisern zu Khomeiny und unterstützte blind sein Vorgehen gegen die anderen Oppositionellen – bis 1983, als die Tudeh selber verboten wurde. Aber ihre Leute sind nicht einfach alle verschwunden. Und von ihren Ideen sind einige in die Islamische Republik eingesickert. Es ist kein Zufall, dass einem etwa bei der Propaganda des Regimes der alte Ostblock in den Sinn kommt.

Sind die Iraner sehr religiös?

Nicht ausgesprochen. Jedenfalls fällt die Religiosität in Teheran viel weniger auf als in anderen islamischen Ländern. Die iranische Religiosität hat oft einen Zug ins Mystische. Auch Khomeiny, der einer der anerkanntesten Theologen war, lehrte Mystik in Qom. Die drei führenden Geistlichen jener Zeit – einer aus Mashad, einer aus Täbris, einer aus Bagdad – haben 1965 dem Schah gegenüber erklärt, dass sie Khomeiny als Grossayatollah anerkennen. Darum konnte der Schah Khomeiny, der damals im Gefängnis sass, nicht hinrichten lassen. Dass Khomeiny, als er später an der Macht war, die Unverletzlichkeit der Privatsphäre dekretierte – was in den eigenen vier Wänden passiert, wird nicht kontrolliert –, hat übrigens auch einen vielleicht nur vagen Bezug zur Mystik, mit ihrer Unterscheidung von Aussen und Innen, von Exoterischem und Esoterischem. Das gilt bis heute.

Wie geht das Regime mit religiösen Minderheiten um? Etwa mit den 10 000 Juden, die in Teheran leben?

Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde haben durchaus ihre Rechte, so wie die Vertreter anderer religiöser Minderheiten auch. Sie haben zum Beispiel Anspruch auf einen Abgeordneten im Parlament. Es gibt allerdings Religionsgemeinschaften, die es schwer haben, die Bahai etwa, deren Lehre den schiitischen Grundsätzen widerspricht und nicht geduldet wird. Auch die Sunniten haben ihre Probleme. Soviel ich weiss, gibt es in ganz Teheran keine sunnitische Moschee. Da schlummern Konflikte.

Wir im Westen nehmen jedoch vor allem Ahmadinejads Ausfälle gegen Israel und seine abstrusen Aussagen zum Holocaust zur Kenntnis.

Was immer er sich bei seinen öffentlich geäusserten Zweifeln an der Realität des Holocaust gedacht hat: Man sollte stets bedenken, dass er damit keineswegs die einhellige Auffassung der iranischen Regierung wiedergab. Ich vermute, dass es Ahmadinejad vor allem darum ging, sich als solidarischer und fromm-muslimischer Partner der Palästinenser zu profilieren.

Erklärt das allein den Hass auf Israel?

Aus Ahmadinejads Sicht ist Israel eine amerikanische Marionette im Kampf gegen das Recht der Palästinenser auf ihre Heimat. Israel steht für ihn als Beispiel für imperialistische, feindliche Landnahme, er sieht es als Aussenposten früher englischer, heute amerikanischer Politik. Das passt zu den Avancen, die er dem ebenfalls antiamerikanischen Venezolaner Hugo Chávez macht. Rassistisch argumentiert er jedenfalls nicht, er präsentiert sich nicht als Antisemit, sondern als Antizionist.

Wir gehen allerdings davon aus, dass das Existenzrecht Israels unbestreitbar ist.

Das sehen Sie und ich und wohl die meisten im Westen so. Für einen Dritte-Welt-Ideologen von echtem Schrot und Korn – und als solchen sieht sich Ahmadinejad wohl gern – ist unsere Sichtweise nicht besonders relevant. Er fragt vor seinen Anhängern schlicht: Wenn schon die Deutschen und die Österreicher wirklich den Holocaust angezettelt haben, warum wurden dann die Juden nach 1945 zulasten der Palästinenser im Vorderen Orient und nicht in den «Verursacherländern» angesiedelt? Man muss aber bedenken, dass Ahmadinejad vor allem darauf aus ist, bei den Menschen in den arabischen Ländern Wirkung zu erzielen – dort, wo die iranische Propaganda, sowohl aus religiösen (die Araber sind ja mehrheitlich Sunniten) als auch aus sprachlichen und ethnischen Gründen, nicht überall besonders gut ankommt.

In manchen Belangen ist Iran eine moderne Gesellschaft. Wohin entwickelt sie sich, zum Beispiel für die Frauen?

Letztes Jahr antwortete die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi hier in Wien nach einem Vortrag vor jungen Juristinnen auf die Frage: Welches sind die Probleme der Frauen in Iran? «Wir haben eigentlich kein Frauenproblem, sondern ein Männerproblem.» Weil die Frauen in der Öffentlichkeit rechtlichen Beschränkungen unterliegen, suchen sie Möglichkeiten der Kompensierung. Die wichtigste ist Bildung. Iranische Frauen sind beruflich sehr erfolgreich, sie machen Karriere – was ihnen unerwartete Freiheiten gibt. Wenn sie Ehevereinbarungen eingehen, können sie Forderungen stellen. Und sie können es sich auch leisten, Single zu bleiben.

Was bedeutet das für das Patriarchat?

Was die gesellschaftlichen Errungenschaften angeht, ist Iran einzigartig in der ganzen Region. Darum kommt das Patriarchat nun auch in die Krise. Manche Männer sind mit 20 schon eingeschüchtert vom Schulerfolg der Frauen, dann müssen sie zur Armee, verlieren zwei Jahre. Wenn sie zurückkommen, sehen sie: Die Frauen sind an ihnen vorbeigezogen. Aber die patriarchalische Gesellschaft erwartet von einem Mann, dass er nun eine Familie gründet und ernährt. Wie soll er das schaffen? Die Arbeitslosigkeit in Iran ist ganz besonders ein Männerproblem. An der Universität liegt der Frauenanteil in einigen Fächern inzwischen über 60 Prozent. Jetzt will man zum Schutz der Männer eine 50-Prozent-Quote einführen. Vom Frauenanteil bei den Lehrenden an iranischen Hochschulen kann man in Europa doch nur träumen! Überhaupt sind Frauen in der Teheraner Öffentlichkeit sehr präsent. Ich bin versucht zu sagen: Teheran ist eine Stadt der Frauen.

Wie repräsentativ ist Teheran überhaupt für Iran?

Repräsentativer denn je. Der Gegensatz Stadt – Land wird kleiner, die Leute auf dem Land wissen, was in den Städten läuft. Die Alphabetisierungsquote liegt bei über 80 Prozent.

Und doch ist diese Entwicklung vom politischen System abgekoppelt. Wohin führt das?

Das Risiko besteht, dass es kracht. Weil das Regime aus Angst davor, als schwach zu gelten, immer wieder auf Stur schaltet.

Was die Leute dazu zwingt, mit einer Doppelmoral zu leben. Führt das, gerade bei den Jungen, nicht zur Staats- und Politikverdrossenheit?

Viele junge Leute leben so hedonistisch, wie’s nur irgend geht. Politik ist ein Ärgernis. Und sehr viele haben selbst von der jüngeren Geschichte keine Ahnung. Da wird auch in den Familien nichts vermittelt. Bei einem meiner letzten Besuche in Teheran fragte mich ein 21-Jähriger, wie es denn eigentlich in der Schah-Zeit gewesen sei. Seine Eltern würden ihm nur erzählen, dass sie damals traumhafte Parties gefeiert hätten.

Wie wird man als Ausländer aufgenommen?

Ein junger Touristenführer in Isfahan hat mir gesagt, er habe keine Probleme mit den Europäern, aber am liebsten seien ihm die Besucher aus Malaysia. Die hätten die Vorzüge der Westler, seien modern, sauber, pünktlich – und dazu auch noch Muslime!

Welches Gesellschaftssystem würden die Teheraner wählen, wenn sie könnten?

In sehr vielen Belangen ist ihre zivilisatorische Gestaltung des Lebens westlich, oder eher: amerikanisch. Amerika passt viel besser als Europa mit seiner langen christlich-abendländischen Tradition. Das ist letztlich auch auf der politischen Ebene so: Die Kontakte mit den Europäern machen manchmal nachgerade den Eindruck von Ersatzhandlungen. Die Iraner warten doch nur darauf, dass die Amerikaner endlich einmal auf Zuwendung setzen statt auf Ablehnung. Oder wenigstens auf eine Begegnung «auf gleicher Augenhöhe».

Danach sieht es zurzeit nicht aus.

Nein, das ist ja das Tragische. Entgegen besseren Ratschlägen verweigern die Amerikaner ebendieses. Der politische Diskurs in Teheran ist sehr rhetorisch und theatralisch – und weil man das bei uns nicht richtig einschätzen kann, geht die Substanz des Gesagten oft weitgehend verloren. So entstehen drastische Fehleinschätzungen. Und gleichzeitig sind ja auch die Amerikaner Meister der theatralischen Inszenierung. Denken Sie nur an George W. Bush in seinen verschiedenen Rollen.
Der grosse Satan gegen die Achse des Bösen – wie lässt sich der unversöhnliche Gegensatz durchbrechen?

Ich halte diesen Gegensatz für viel weniger unversöhnlich, als es den Anschein hat. Die Analyse, hüben und drüben stehe sich unerbittlicher Fundamentalismus gegenüber, greift zu kurz. Ich sehe da keine apokalyptische Programmatik, allenfalls eine apokalyptische Theatralik. Aber das kann natürlich umschlagen. Schliesslich kann man ja auch im Theater jemanden wirklich erschiessen … Ich hoffe, dass es nicht so weit kommt. Es gibt seit Jahrtausenden grossartige Traditionen der politischen Kultur in diesem Land, und auch die jetzigen Machthaber beherrschen diese Traditionen exzellent. Ein Krieg mit Iran wäre entsetzlich.

Daniel Weber ist Redaktionsleiter von NZZ Folio.

Bert G. Fragner, Professor für Iranistik, ist seit 2003 Direktor des Instituts für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien. Fragner wurde 1941 in Wien geboren, Stationen seiner wissenschaftlichen Karriere waren Freiburg i. Br., Beirut, Wien, Berlin und Bamberg. 1965–69 lebte er erst als Universitäts-Stipendiat, dann als Deutschlehrer in Teheran; er hat die Stadt seither regelmässig besucht. 1984 begleitete er als Dolmetscher den deutschen Aussenminister Hans-Dietrich Genscher bei seinem ersten Staatsbesuch in Iran nach der Revolution. Fragner wurde für seine wissenschaftliche Arbeit mehrfach ausgezeichnet. 2004 wurde er Mitglied der «Middle East Security Task Force» des EU-Instituts für Sicherheitsstudien in Paris.

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