Dr. Walter Porstmann war ein unauffälliger Herr. Ein altes Foto zeigt ihn mit kahlem Kopf, straffer Krawatte und mausfarbener Haut; seine Augen blicken in die Linse, als würde Dr. Porstmann gerade ihre Krümmung berechnen. Aber all die hippen Warendesigner und Werbelollis von heute könnten sich das Portrait wie ein Götzenbild an die Bürowand hängen. Denn dieser Berliner Ingenieur hat etwas geschafft, was sie nie erreichen werden: ein Produkt zu entwickeln, das fast die ganze Welt erobert.
Auch der Markenname, DIN A4, hat bis heute überlebt, obwohl er so tot klingt wie das Stück Papier, das er bezeichnet. Aber Dr. Porstmann ging es ja nicht um Marketing, sondern um Ordnung, und die war dringend nötig. Im Kaiserdeutschland schrieb man seine Briefe mal auf Papier im Reichsformat, mal auf Gross-Patria, dann auf Median-Register oder Super-Royal. Dieser Brief passte nicht in jenen Umschlag und das nächste Blatt nicht in jenen Hefter. Ständig schnippelten und knickten die Leute an überstehenden Rändern herum. Ein Zehntel des Papiers ging so verloren. Auch das ärgerte Dr. Porstmann, denn er sorgte sich um den deutschen Wald.
Ab 1919 suchte der Normalienausschuss für den deutschen Maschinenbau, der Vorgänger des Deutschen Instituts für Normung (DIN), nach gleichen Papiergrössen für alle. Heute sprächen Agenturen von einem pitch, den Dr. Porstmanns Vorschlag schliesslich gewann. Sein Modell, zugeschnitten auf das damals noch ungewohnte metrische System, fusst auf einer Grundfläche von einem Quadratmeter: DIN A0.
Das Verhältnis der Seiten beträgt aber nicht 1:1 wie in einem Quadrat oder 5:8 wie beim klassischen Goldenen Schnitt, sondern 1:v2, also etwa 1:1,41. Im Fall von A0 sind das genau 840 auf 1189 Millimeter. Der Kniff liegt darin, dass man den Quadratmeter halbieren kann, sooft man will: ob einmal auf DIN A1, zweimal auf DIN A2 oder eben viermal auf die weltumspannenden 210 mal 297 Millimeter von DIN A4 – das Verhältnis von 1:1,41 bleibt immer gleich. Dadurch lassen sich alle Formate leicht vergrössern oder verkleinern, ohne dass sie dabei verzerrt werden. Zu derselben Normenfamilie gehören auch die B- und C-Reihen. Dabei liegt etwa B4 zwischen A4 und A3, und C4 wiederum (zum Beispiel für Umschläge) ist die Zwischengrösse von A4 und B4.
Das Bezirksamt Wunsiedel im Fichtelgebirge übernahm die neue Papiernorm DIN 476 im Spätsommer 1922 als erster Kunde. In kurzer Zeit fluteten die Formate auch in die anderen Amtsstuben, Geschäftsbüros und Arbeitszimmer. Besonders DIN A4 verleibte sich alles ein: Schreiben, Formulare, Hefte, Zeitschriften, Kataloge, Aktien, Fahrpläne, Patentzeichnungen, bergmännische Risse, Amtsblätter. Und das Papier stand nur am Anfang der Kette. Weil jetzt alle auf A4 schrieben, schafften sich auch alle die Couverts, Hefter, Mappen und Ordner an, die zu A4 passten. Im nächsten Schritt sah man überall die gleichen Karteikästen, Hängeregistraturen und Schubladen, schliesslich die gleichen Zeichenschränke und Aktenregale. Auch die Schreibmaschine hat ihren Siegeszug DIN A4 zu verdanken, und später richtete sich die Evolution von Druckern, Faxgeräten oder Kopierern nach dem Stammvater.
Binnen kurzer Zeit fegte DIN A4 auch über die ausländischen Schreibtische. Einige europäische Nachbarn schlossen sich der Papiernorm schon in den 1920er Jahren an, dann folgten immer mehr Länder, 1975 brachte es DIN A4 mitsamt seinen grossen und kleinen A-, B- und C-Verwandten zur weltweit gültigen ISO 216. Heute schreiben die Japaner, Australier und inzwischen auch viele Chinesen auf den gleichen Blättern ihre Briefe wie wir.
Aber die Amerikaner und Kanadier nicht, und das ist ein Problem. Zunächst einmal für die Amerikaner und Kanadier, denn sie leben in einem ähnlichen Papierchaos wie wir vor hundert Jahren. Sie schreiben auf Invoice, Letter, Executive, Legal, Ledger oder Broadsheet; in den 1980er Jahren zählte das US-Postministerium täglich 700 verschiedene Umschlaggrössen in den Briefkästen.
Aber auch das Normungsinstitut DIN fürchtet den Wirrwarr, denn die Nordamerikaner wollen ISO 216 um ihre gängigsten eigenen Formate erweitern. Das DIN hofft, dass sich die europäischen Länder dagegenstellen, sollte es zur Abstimmung kommen – oder dass sie die fremden Formate dann einfach stillschweigend ignorieren. Das bewährte Normensystem dürfe nicht aufgeweicht werden, argumentiert das DIN.
Die Initiative «1dok.org» wäre froh, wenn es so ein Normensystem überhaupt gäbe – und zwar im Internet. Aber dort gebe es noch überhaupt keine Ordnung, klagen die Initiatoren: Die Nutzer schicken ihre Dokumente als doc, xls, sdw, wps, 123 und in noch vielen anderen Dateiformaten herum, die unter anderem virendurchlässig und schlecht archivierbar sind – und vor allen Dingen untereinander nicht kompatibel. Hat der Empfänger nicht dieselbe Software wie der Absender, ist das Dokument für ihn unbrauchbar. Die Initiative, der auch deutsche Länderministerien angehören, fordert daher «das DIN A4 fürs Internet». Wie dieses Einheitsformat aussehen soll, ist allerdings noch unklar. Wenn doch bloss der alte Dr. Porstmann noch helfen könnte.
Marc Schürmann ist freier Journalist in München.