NZZ Folio 01/05 - Thema: Bomben   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Das Geheimnis der Duftkerzen

© Fabienne Boldt
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Von Luca Turin

Mein Held Michael Faraday (1791–1867) führte ein merkwürdig untadeliges Leben, was vielleicht erklärt, wieso es – trotz seiner Bedeutung als Wissenschafter – keine Bestseller über ihn gibt. Von Haus aus arm und ohne Schulbildung, entwickelte er sich zum grössten Experimentator aller Zeiten und notierte in seinem Tagebuch, was jeder wissen sollte: «Nichts ist zu wunderlich, um wahr zu sein.»

Eine der Wunderlichkeiten des sanften Genies war seine Liebe zu Kerzen. Ihnen widmete er sein einziges Buch, eine Sammlung von Vorträgen für Kinder. Kerzen, so erklärte er, seien «die offene Tür, durch die man am leichtesten ins Reich der Naturphilosophie eintritt». Ich frage mich oft, was er von Duftkerzen gehalten hätte, denn in ihrem Duft und Leuchten offenbaren sich bis heute auf besonders leise Weise jene Wissenschaften, deren Fundamente Faraday einst legte (wir nennen sie Physik und Chemie).

Die Wirkung einer Duftkerze beruht auf jenem Augenblick der Freiheit, der zwischen der Gefangenschaft des Aromas im festen Wachs und der Vernichtung seines Gases in der Flamme liegt. Nur im geschmolzenen Wachs können die Duftmoleküle an die Oberfläche steigen, von wo sie durch die Hitze entfliehen. Abgesehen vom Crescendo, das beim Entzünden der Kerze entsteht, erfolgt die Freisetzung des Parfums wie das Abbrennen der Kerze – anmutig und beständig. Der Duftteich wird laufend aufgefüllt, so dass der Duft selbst unverändert bleibt, es gibt keine Entwicklung von der Kopfnote zur Basis. Kerzendüfte sind nicht Melodien, sondern Orgelakkorde, sostenuto.

Natürlich sind Kerzen passé: «Air care» (schon der Ausdruck stinkt zum Himmel) ist das Motto der Stunde. «Geschmackvolle» Plasticgeräte schicken Tag für Tag Tonnen von grellen Gerüchen in die Troposphäre. Sie duften «gut» nur im Vergleich zu dem bestialischen Gestank, den sie überdecken sollen. Dann sind da noch die ungezählten Nachkommen der Hippie-Räucherstäbchen, die wie die Giftshops in amerikanischen Einkaufszentren riechen: nasenbetäubend.

Allein, einige wenige Parfumeurinnen nehmen Kerzen ebenso ernst wie einst Faraday. Ormonde Jayne ist eine, hundert Meter von der grossartigen Royal Institution entfernt, wo Faraday lebte und arbeitete, und womöglich im Einflussbereich seines Geists, dessen Schritte (wie mir sein Nachfolger versichert) noch heute ab und zu durch die Korridore der Wissenschaft hallen. Probieren Sie ihr unvergesslich lüsternes Ormonde (bestellen Sie auch gleich das Parfum) oder das lachende Sampaquita. Die andere Parfumeurin heisst Patricia de Nicolai: Ihr Maharadjah durchwirkt das Haus mit einem unsichtbaren Glitzern, und ihr Vetiver de Java ist «Grund genug, eine Religionsgemeinschaft zu gründen», wie ein Freund meinte. Beide Firmen haben Websites.




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