NZZ Folio 06/98 - Thema: Das Mittelmeer   Inhaltsverzeichnis

Arabische Leiden und Leidenschaften

Warum sich das Nord-Süd-Gefälle weiter verschärft.

Von Arnold Hottinger

WER DIE MEERENGE VON GIBRALTAR durchquert, von Sizilien nach Tunesien reist, von Malta nach Tripolis oder von Kreta nach Alexandria, verlässt Europa und taucht in eine andere Welt ein. Das Wohlstandsgefälle vom einen zum andern Ufer ist dramatisch, die unterschiedlichen Lebensbedingungen sind augenfällig. Diese Diskrepanz ist aber nicht die einzige. Mehr noch als in früheren Zeiten wechselt der heutige Reisende, der das Mittelmeer Richtung Süden verlässt, von einem Kulturkreis in einen anderen. Die nördlichen Mittelmeerstaaten haben sich der Europäischen Gemeinschaft angeschlossen und orientieren sich zunehmend nach Norden. Die Länder des Südens hingegen empfinden sich als Teil der arabischen Welt. Der Islam gehört zur Identität dieser Völker, weit mehr als auf der nördlichen Seite das Christentum in seinen verschiedenen Ausprägungen.

Ebenso wichtig wie die Religion sind die Bräuche und die Lebenshaltung, die nicht notwendigerweise islamisch sind, aber doch als dem Islam zugehörig empfunden werden. Manches davon dürfte viel älter sein als der Islam und einem allen Mittelmeervölkern gemeinsamen Kulturfundus angehören. Etwa die Rolle, welche die Grossfamilie spielt und, damit verbunden, die traditionelle Bauweise der Wohnhäuser um einen Hof herum; oder die Selbstbeschränkung, die der Gatte von seiner Gattin erwartet. Ähnliches gilt für die Tiere und den Umgang mit ihnen; für die Kulturpflanzen und die Speisen, die man am liebsten isst; für die Kleider, die man manchmal heute noch trägt; für den einst überaus wichtigen Brauch der Gastfreundschaft, der im Süden und Osten des Mittelmeers bis heute fortlebt und in Restbeständen sogar die grosse Tourismuswelle zu überleben verspricht.

Die ganze arabische Mittelmeerwelt steckt heute in einer tiefen Krise. Innere Unruhen erschüttern ihre Länder. Algerien, Libyen, Ägypten, alle Staaten rund um Israel, sogar die Türkei, die während Jahrzehnten versucht hat, den Anschluss an die europäische Zivilisation zu erkämpfen, stecken in Orientierungskrisen oft blutiger Art. Die Bevölkerung fragt sich, wohin der Weg führen soll, ob die Zukunft Besseres für sie bereithält als die Gegenwart, die ihnen zutiefst missfällt.

Auf diese Grundfragen gibt es ganz unterschiedliche Antworten: «Mehr Islam» oder «mehr Modernisierung», «mehr Sozialismus» oder «mehr Nationalismus». Der Ruf nach einem strenger angewandten und politisch ausgerichteten Islam ertönt heute weit über den islamischen Mittelmeerraum hinaus. Der Norden hingegen hat seinen eigenen Weg gewählt. Eine immer engere Zusammenarbeit innerhalb der Europäischen Union ist hier das Ziel, mit allen Folgen: den Annehmlichkeiten, aber auch den Härten der postindustriellen Konsumgesellschaft.

Vor diesem Hintergrund erscheint das Mittelmeer mehr und mehr als unüberwindbare Grenze. Während vieler Jahrhunderte hatte es eine ganz andere Funktion ausgeübt; es hatte die Völker weniger getrennt als zusammengebracht. Was nicht heisst, sie seien damals ohne Kriege ausgekommen. Kriege wurden ständig geführt. Trotz den einander bekämpfenden Religionen und Völkerschaften bestanden aber bedeutende Gemeinsamkeiten. Die Christen und die Muslime Spaniens mögen feindliche Brüder gewesen sein, sie waren aber doch Brüder, die zwischen den Waffengängen miteinander verkehrten und sich weitgehend als gleichwertige Menschen akzeptierten. Beide Seiten lernten voneinander. Besonders das damals unterlegene christliche Spanien konnte von den Muslimen profitieren. Es gehörte ausserdem zu den Pflichten der Herrscher, für den Schutz andersgläubiger Minderheiten zu sorgen.

ES IST KEIN ZUFALL, dass die meisten alten arabischen Kulturstädte im südlichen und östlichen Mittelmeerraum - Damaskus, Fustat-Kairo, Kairouan, Fes, Córdoba, Granada und sogar Tunis - im Hinterland, in sicherer Entfernung zur Küste, zu finden sind. Die arabische Eroberung der südlichen Mittelmeerküsten fand zu Lande statt, Wüsten waren für die arabischen Herrscher leichter zu durchqueren als Meere. Gleichwohl blühten die alten phönizischen, griechischen und römischen Handelshäfen - von Tyros bis Cadiz und von Gaza über Alexandria, Tripolis und Karthago - auch unter arabischer Herrschaft.

Alexandria und die andern grossen Häfen des Mittelmeers werden auf arabisch bis heute als «Grenzstädte» bezeichnet. Das waren sie tatsächlich: Orte, wo die Händler aus christlichen Ländern ihre Handelsniederlassungen errichten durften. So blieben die Häfen über die Jahrhunderte hinweg kosmopolitische Zentren. Mochten sie auch unter arabischer und später türkischer Oberherrschaft stehen, ihre dem Mittelmeer zugewandte Bevölkerung kam aus aller Herren Ländern, huldigte allen möglichen Religionen und bildete als Schutzbefohlene oder als Konvertiten des Islam ein Mosaik von Volksgruppen.

Das soll allerdings nicht heissen, dass die arabischen Staaten am Südrand des Mittelmeers und das Osmanische Reich im Verlauf ihrer über tausendjährigen Geschichte auf eine maritime Politik verzichtet hätten. Schon Mu'awiya, der erste der Omayyaden-Kalifen, liess sich in Syrien eine Kriegsflotte bauen, die Zypern eroberte und 668 erfolglos Konstantinopel belagerte. Die Byzantiner landeten ihrerseits 852 an der ägyptischen Küste und zwangen den Kalifen al-Mutawakkil, die Mittelmeerküsten gegen sie zu befestigen. Die Aghlabiden liessen von Tunis eine Flotte gegen Sizilien auslaufen und eroberten zwischen 826 und 902 schrittweise die grosse Mittelmeerinsel. Die Fatimiden, die später zwei Jahrhunderte lang Ägypten beherrschen sollten, besetzten von Tunesien aus Genua im Jahr 935 und plünderten Korsika und Sardinien. Daniya, das heutige Denia an der spanischen Levante, wurde vorübergehend zu einer bedeutenden Seemacht, die nicht nur die Balearischen Inseln beherrschte, sondern 1015 auch eine grosse Expedition nach Sardinien aussandte und die Insel besetzte.

VOM 11. JAHRHUNDERT AN errangen die italienischen See- und Handelsstädte eine Vorrangstellung im Mittelmeerraum. Dank den Kreuzzügen stiegen sie zu wichtigen Seemächten auf, und Venedig vermochte im Jahr 1203 seine Rivalin, Konstantinopel, zu erobern. Die arabischen Mittelmeerhäfen überliessen nun den Handel auf dem Mittelmeer weitgehend den Italienern, den Katalanen und den Franzosen. Aus Venedig, Pisa und Genua, aus Barcelona und aus Marseille kamen die Handelsschiffe, um die wertvollen orientalischen Waren nach Europa zu transportieren. Die lokalen Herrscher in Syrien und Ägypten begnügten sich damit, hohe Zölle zu fordern.

Den Meeren «jenseits von Suez» massen die Araber weitaus grössere Bedeutung bei. Das Rote Meer, der Persische Golf, die Arabische See und der Indische Ozean waren arabische Meere. Die Seefahrer konnten dort mit dem Monsun - ein leicht verballhorntes arabisches Wort, das «Jahreszeit» bedeutet - segeln. Die Europäer dagegen wussten nichts vom Indischen Ozean und von den Ländern des Fernen Ostens. Als der venezianische Geschäftsmann Marco Polo in den Fernen Osten gelangte und später durch den Indischen Ozean zurücksegelte, wurde sein Reisebericht skeptisch aufgenommen. Die Zeitgenossen nannten das Buch «Il Millione», weil es ihnen voll von unmöglichen Übertreibungen schien. Als der Venezianer seine grosse Reise unternahm, sie dauerte von 1271 bis 1295, waren die arabischen Händler und Seefahrer schon seit über 400 Jahren im Indischen Ozean unterwegs, wie eine berühmte arabische Reisebeschreibung aus dem Jahr 851 deutlich macht, die von Indien und China berichtet.

Über die Araber gelangten zahlreiche Erfindungen, die eine regelmässige Hochseeschiffahrt auf den Weltmeeren erst ermöglichten, von China nach Europa. Allen voran das «lateinische» Segel, das seinen Ursprung im Indischen Ozean hat und zuerst auf dem Nil auftauchte; mit ihm das Achtersteuer, welches noch zur Zeit der Kreuzzüge unbekannt war. Die damaligen Schiffe hatten, wie jene der Antike, ein oder zwei Steuerruder seitlich am Heck.

Die Insel Mallorca, zuerst unter arabischer Herrschaft, ab 1229 unter katalanischer, war einer der wichtigsten Orte, wo die Meereskartographie entwickelt wurde. Dies war den gelehrten Juden der Insel zu verdanken, die des Arabischen kundig waren und die arabische Astronomie beherrschten. Einer der berühmtesten, Jaffuda Cresques, trat im 15. Jahrhundert zum Christentum über, nannte sich fortan Jaime Ribes und diente als Astronom und Kartograph bei Heinrich dem Seefahrer (1394?1460), dem grossen Organisator der portugiesischen Umsegelung von Afrika. Die Techniken und Geräte, die auf hoher See die Orientierung nach dem Sonnenstand und nach bestimmten Sternen erlaubten, sind vom Indischen Ozean ins Mittelmeer gelangt, ebenso der Kompass.

Der Handel ging einher mit dem Austausch von Wissen und Fertigkeiten. Über Byzanz fand die Seidenherstellung den Weg von China nach Europa, den gleichen Weg nahmen die Papierfabrikation (welche die Araber schon 751, nach der Schlacht von Talas, in Zentralasien von chinesischen Kriegsgefangenen gelernt hatten) und das Schiesspulver. Von den Arabern übernahmen die Italiener Begriffe wie «Risiko». Das Rechnen mit Nullstellen wiederum lernten die Araber in Indien; sie verfeinerten das System und gaben es an die Europäer weiter, unter anderem an den grossen Mathematiker Fibonacci, der im frühen 13. Jahrhundert im Dienste Kaiser Friedrichs II. stand. Die Liste der Errungenschaften, die auf diesen Wegen ins mittelalterliche Europa gelangten, liesse sich fast beliebig verlängern.

DIE ENTDECKUNG des Seewegs nach Indien brachte den Transitverkehr durch das Mittelmeer keineswegs zum Erliegen. Die alten Handelswege über den Persischen Golf in den Nahen Osten und von dort übers Mittelmeer wurden weiterhin genutzt. Noch 1554 kauften die Venezianer 6000 Zentner Gewürze in Alexandria, und zwischen 1554 und 1560 erstanden sie jährlich 12 000 Zentner - gleichviel wie in der Zeit vor Vasco da Gamas Umschiffung von Afrika 1498. Um Gewürze im Osmanischen Reich einzukaufen, kamen europäische Händler nach Aleppo, Kairo, Istanbul und Bursa. Auch Damaskus diente als Umschlagplatz für die begehrten Waren Ostasiens. Die Pilgerkarawanen brachten sie aus Mekka nach Syrien zurück, und die europäischen Händler exportierten sie via Beirut. Die Zolleinnahmen waren für Damaskus ein lukratives Geschäft.

Im 17. Jahrhundert blieben von der türkischen Seemacht als letzte Überreste die Korsaren zurück. Sie unternahmen von Tripolis, Tunis, Algier und vielen kleineren Schlupfwinkeln aus Raubzüge auf feindliche Handelsschiffe, was sie als «Jihad», als gewinnbringenden Glaubenskrieg, auffassten. Die europäischen Handelsmächte sandten ihrerseits Korsaren aus. Die Johanniter, die sich später Malteser nannten, führten ihren Heiligen Krieg mit eifriger Beutenahme unter den feindlichen Handelsschiffen nach islamischem Vorbild. Doch je wichtiger der Handel für die nördlichen Mittelmeerländer wurde, desto eher mussten sie mit den nordafrikanischen Seestädten Frieden schliessen und ihnen Zahlungen entrichten. Solche «Tribute» wurden von den muslimischen Freibeutern als «Jizya» betrachtet, als die Sondersteuer, die Christen und Juden ihren muslimischen Oberherren abzuliefern hatten. Sieben europäische Staaten bezahlten diese Gebühren noch im frühen 19. Jahrhundert, zur Zeit der Napoleonischen Kriege. Acht weitere, unter ihnen Grossbritannien, begnügten sich damit, dem Dey, dem Herrscher von Algier, Geschenke in Form von Naturalien und Geld zu bringen.

Soviel Geld «la course» in guten Jahren auch einbrachte, war sie doch ein Armutszeichen. Die Korsarenstädte am südlichen Mittelmeer lebten mehr von ihrer «Kriegsbeute» als von ihrer eigenen Produktion. Die Beute wurde natürlich weitgehend für das Wohlergehen der Oberhäupter verwendet, die sich weisse Paläste in Palmengärten bauten. ERST DIE VÖLLIG UNGLEICHEN MACHTVERHÄLTNISSE, die die industrielle Revolution in den europäischen Ländern mit sich brachte, schufen den heute bestehenden tiefen Graben zwischen den südlichen muslimischen und den nördlichen Staaten christlicher Tradition im Mittelmeerraum. Sie waren die Voraussetzung der Kolonialpolitik, die ihrerseits erst die Versachlichung oder Entmenschlichung der Kolonisierten in den Augen der Kolonialisten bewirkte. Heute sind zwar die Kolonialarmeen abgezogen; mancherorts, wie in Algerien, erst nach blutigen und verlustreichen Kämpfen. Doch das Machtgefälle ist geblieben und bestimmt bis heute das wirtschaftliche und kulturelle Leben der südlichen und östlichen Mittelmeeranrainer.

Wie gross die Kluft geworden ist, lässt sich mühelos mit volkswirtschaftlichen und demographischen Zahlen belegen: 1996 erzielten die 226 Millionen Menschen der elf Staaten des südlichen Mittelmeerufers ein - sehr ungleich verteiltes - durchschnittliches Einkommen von 2336 Dollar pro Kopf, die 175 Millionen der fünf Staaten des Nordens dagegen im Durchschnitt 20 777 Dollar, rund neunmal soviel. Gleichzeitig wuchs die Bevölkerung des Südens zwischen 1990 und 1996 um jährlich 2,5 Prozent, während die des Nordens mit 0,3 Prozent praktisch stagnierte. Überall hat die Verstädterung rasch zugenommen: zwischen 1960 und 1992 stieg der urbane Anteil der Gesamtbevölkerung im Norden um 14 Prozent; im Süden jedoch um bedeutend mehr, nämlich um 34 Prozent in der Türkei, um 23 Prozent in Algerien, um 21 Prozent in Marokko und in Libyen gar um 64 Prozent.

In den meisten arabischen Mittelmeerländern besteht die Hälfte der Bevölkerung heute aus Kindern und Halbwüchsigen, die jünger als 16 Jahre sind - eine schwere Bürde sowohl für die einzelnen Familien wie für die jeweiligen Staaten. Die Schulbildung dieser Kinder dauert im Durchschnitt kaum länger als drei Jahre, und dementsprechend schlecht sind für viele die Arbeitsmöglichkeiten. Der hohe Bevölkerungszuwachs wiederum hängt nachweisbar eng mit dem geringen Bildungsgrad, besonders der Frauen, zusammen.

Unterentwicklung ist stets ein hermeneutischer Zirkel, in dem jeder einzelne Faktor alle anderen mitbedingt. Und ein Ausbrechen aus einem derartigen Teufelskreis ist wohl nur möglich, wenn die Probleme von allen Seiten her gleichzeitig angepackt werden. Nicht zuletzt aus Furcht vor dem zunehmenden Immigrationsdruck haben die Staaten des Nordens auf der Mittelmeerkonferenz von Barcelona im November 1995 ihre Unterstützung signalisiert. Doch das Konzept einer euro-mediterranen Partnerschaft ist auf politische Klippen gelaufen. Weder der damals erhoffte Frieden zwischen der arabischen Welt und Israel hat sich wirklich eingestellt, noch ist eine volle Beruhigung der Lage in Ägypten oder ein Ende im algerischen Bürgerkrieg abzusehen. Die Völker des südlichen Mittelmeers selbst fanden zu keiner partnerschaftlichen Zusammenarbeit, und die Beziehungen zwischen dem Norden und dem Süden blieben im wesentlichen auf bilaterale Beziehungen zwischen einzelnen Staaten beschränkt.

Die muslimischen Staaten am Mittelmeer sind heute mehr denn je hin und her gerissen zwischen zwei gegensätzlichen Zukunftsperspektiven: einer Moderne, wie sie seit der Aufklärung in Europa entstanden ist, und einem der eigenen Tradition und Kultur verpflichteten Gesellschaftsmodell, in dessen Zentrum nach wie vor der Islam steht, wie immer er interpretiert werden mag. In diesem Gegensatz kristallisieren sich heute die politischen Konflikte an der Südküste des Mittelmeers, und solange keine fruchtbare Verbindung dieser beiden Gesellschaftsformen möglich ist, solange jede Partei versucht, der andern ihr Programm mit Gewalt aufzudrängen, dürfte es kaum gelingen, ein Klima zu schaffen, in dem materieller und sozialer Fortschritt wirklich gedeihen kann.

Arnold Hottinger war bis 1991 Korrespondent der NZZ für die arabische Welt. Er lebt heute in Madrid.


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