NZZ Folio 01/08 - Thema: Jung und jüdisch   Inhaltsverzeichnis

«Juden sind Wucherer!»

© Suzanne Schwiertz
«Grundsätzlich gilt: Alles, worüber Juden Witze machen, trifft zu.» Lena Gorelik, 26, Schriftstellerin. Linktext
Die Schriftstellerin Lena Gorelik überprüft übliche antisemitische Vorurteile – an sich selbst.
Juden haben Hakennasen

Grundsätzlich gilt: Alles, worüber Juden Witze machen, trifft zu. Meine Nase ist eindeutig zu lang. Kürzer zwar als die der meisten meiner Familienmitglieder, aber dennoch zu lang. Macht aber nichts, ich habe auch abstehende Elefantenohren, die meine Nase wunderbar ergänzen.

Juden haben Glatzen

Was soll ich sagen? Mein Vater hat eine Glatze. Er hatte schon immer eine Glatze, an seine Haarfarbe erinnere ich mich nicht. Mein Freund hat eine Glatze. Über die Glatze ist er trauriger als ich. Früher zählte er seine verbliebenen Haare. Nun rasiert er sich den Kopf, damit man die Glatze nicht als solche erkennt. Ich find’s nicht schlimm. Er ist doch Jude.

Juden haben viel Geld

Rothschilds Existenz will ich nicht leugnen. Leider Gottes ist er nicht mit mir verwandt (obwohl alle Juden irgendwie miteinander verwandt zu sein scheinen).

Juden sind Wucherer

Der «Judenzins» ist bekannt. Ich selbst verleihe eher Bücher als Geld. Die kriege ich nur selten zurück (weshalb ich dann Geld für neue Bücher ausgebe; ein Teufelskreis). Ich sinniere schon länger darüber, einen Bücherjudenzins einzuführen: Wer ein Buch zu spät zurückgibt oder mit dem Inhalt unzufrieden ist, muss den Bücherjudenzins zahlen. So käme ich zu Geld und könnte eine richtige Jüdin werden, die Geld verleiht zu Wucherpreisen. Die Welt wäre ein Stück weit mehr so, wie man sie sich vorstellt. Und ich hätte Geld und Bücher.

Juden haben eine problematische Beziehung zu ihrer Mutter

Nein, natürlich nicht. Aber dann würde ich lügen. (Was Juden ja auch gern tun.) Also, jetzt mal jüdisch-ehrlich: Problematisch ist die Beziehung nicht. Aber sie, wie soll ich sagen, prägt den Alltag. «Wie hast du geschlafen? Hast du das gesunde Kopfkissen benutzt, das ich dir gestern geschickt habe? Was hast du gefrühstückt? Wie, du frühstückst nicht? Das ist die wichtigste Mahlzeit! Weisst du, wie kalt es werden soll? Nimm einen Schal. Jaja, ich leg ja schon auf!» Und das alles vor neun Uhr morgens. Aber problematisch? Nein, problematisch ist die Beziehung nicht.

Juden sind paranoid

Leider. Nicht alle natürlich. Aber genug. Gründe gibt es dafür gute: der Holocaust, eigene antisemitische Erfahrungen. Dennoch: Es gibt Psychiater, es gibt die Psychoanalyse (von einem Juden erfunden), dort gehören solche Probleme hin. Nicht in die Öffentlichkeit mit einem erhobenen Finger. Vor allem nicht, wenn es heisst: «Wenn man sich diesen Satz anschaut, dieses Wort nach vorne verschiebt und das Satzende umformuliert, dann ist es doch ganz klar ein antisemitischer Artikel!»

Juden sind schlauer als andere

Schach spielen konnte ich mit drei, lesen mit vier Jahren. An meiner Intelligenz liegt das nicht – etwas anderes hätte ich meinem Vater nicht antun können. So wie sportverrückte Väter in US-Filmen von ihren Söhnen erwarten, dass sie Football spielen, und nicht damit umgehen können, wenn sie lieber Ballett tanzen, so ist es für jüdische Eltern unvorstellbar, dass das Kind keine Leseratte ist, wie sie, ihre Eltern, Gross- und Urgrosseltern es gewesen sind.

Juden sind hinterlistig und gerissen

Gerissen schon. Hinterlistig nicht. Gerissen mussten die Juden sein, um zu überleben. Weil es oft um Leben und Tod ging – oder um den Alltag. «Ich hätte gerne das Fischbrötchen!» bestellt ein Jude. «Das ist aber Salami, nicht Fisch!» antwortet der Verkäufer. «Habe ich Sie gefragt, wie der Fisch heisst?» Gerissen schon. Hinterlistig nicht.

Juden klüngeln

«Das ist einer von uns», sagt mein Vater, wenn er jemanden etwas Kluges im Fernsehen sagen hört. Auch auf hebräisch ist «jemand von uns» ein gängiger Begriff. So eine Art grosse Familie, ein Zusammengehörigkeitsgefühl über Landesgrenzen hinweg. Weil Jüdischsein verbindet. Warum, wissen wir selbst nicht genau. Heutzutage bezeichnen manche das als «Judenlobby». So nennt das aber «keiner von uns».

Juden regieren die Welt

Im jüdischen Zentrum in München wird auf der in Stein gemeisselten Donatorenliste für den Synagogenbau auch ein gewisser Israel Singer geführt, der als ehemaliger Präsident des Jüdischen Weltkongresses Holocaust-Gelder hinterzogen hatte. Was aber Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden, nicht weiter stört. Wenn man etwas Grosses schaffen will (etwa den Aufbau einer jüdischen Weltregierung), muss man über Kleinigkeiten hinwegsehen. Leider dürfen bei der Weltverschwörung nur auserwählte Juden mitmachen. Mich laden sie nicht dazu ein.

Juden sind inzestgefährdeter als andere

Nun, wer so gute Filme macht wie Woody Allen, darf heiraten, wen er will.

Lena Gorelik ist Schriftstellerin; sie lebt in München.

Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.