NZZ Folio 01/03 - Thema: Angst   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- Angst und Furcht

Von Lilli Binzegger

Als in den Stiefeln noch die Füsse des Vorbesitzers steckten, gruselte uns sehr. Dann tropfte es aus einer Kiste. Kein Hinweis, was tropfte und warum. Da war nur dieses hallende Tropfgeräusch, und uns standen vor Entsetzen die Haare zu Berge. Nach dem Seeräuberfilm mussten wir dann in die Nacht hinaus auf den Heimweg vom Onkel, der damals als Einziger im Dorf einen Fernseher besass. Der Heimweg war schrecklich. So schrecklich wie es war, als man mich einmal nachts allein in dem grossen abgelegenen Haus liess, in dem wir wohnten, und die ganze Nacht, die ganze Nacht! nichts geschah. Angst ist die Vorstellung einer Möglichkeit. Was sein könnte, macht viel mehr Angst als das, was ist.

Im Internet gibt es eine Site mit handgemachten Liedertexten und Gedichten. 860 handeln von der Angst, davon der grösste Teil von der «Angst, dich zu verlieren» und dergleichen. 5700 Gedichte handeln von der Liebe, davon handelt etwa jedes dritte von der Angst, dass sie enden könnte. Von denen, die von der Hoffnung handeln, handelt die Hälfte von der Angst, dass sie sich nicht erfülle. Angst ist das existentiellste aller Lebensgefühle, Angst dockt sich an jedes andere Gefühl an. Nur nicht ans Glück, an den Übermut und die Furcht, nicht an jene jähen Gefühle, die an Augenblicke gebunden sind. Wenn im Überschwang das Blut hochwallt und noch die entlegensten Kapillaren durchströmt oder sich im Entsetzen aus ihnen zurückzieht, ist für anderes kein Platz. Im Augenblick, in dem sich ein inniger Herzenswunsch erfüllt oder man vor dem Hund oder dem Abgrund steht, vor dem man sich panisch fürchtet, ist man immun gegen die Angst vor dem Weltuntergang. Wahrscheinlich gehen wir uns deshalb so gern ins Kino und auf die Geisterbahn fürchten.

Furcht und Angst sind nicht nur zweierlei, sie schliessen einander geradezu aus. Dennoch unterscheiden wir in unserem Heft nicht zwischen den Begriffen, weil unsere Alltagssprache das auch nicht tut. Angst und Furcht, wenn sie nicht rational und damit lebenserhaltend sind, gedeihen beide ausserhalb der Vernunftsgrenzen, und dort bleiben sie durchaus auch im Sprachgebrauch. Es gibt nichts, von dem man uns so oft sagt, wir sollten/dürften/müssten es nicht haben, wie Furcht und Angst, die sich beide wie kaum etwas anderes dem freien Willen entziehen, wo es um ihre Beseitigung geht.

Es gibt zwischen der Angst vor dem Nichts und der Angst vor Allem Hunderte von medizinisch benannten Ängsten, und gemäss WHO leiden weltweit über 400 Millionen Menschen an einer krankhaften Angst. Angst vor Entdeckung einer Missetat zählt nicht dazu. Und dennoch hat sie den braven Buchhalter Max B., der sich vom rechten Weg abbringen liess und den wir im Heft kennenlernen, fast krank gemacht.



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