«Sie leben unter Palmen, Fichten, Zedern - und auch in jedem Strassendreck», heisst es trefflich im «Lob der Spatzen», einer sechsstrophigen Ode Carl Zuckmayers, die er dem Spatz widmete, dem quirligen Federball, der erdumspannend die häufigste Vogelart in unmittelbarer Nähe des Menschen ist; und den wir dennoch - oder gerade deshalb? - kaum kennen.
Dabei ist dieser kleine, nervös herumhüpfende, andauernd schwatzende, ständig streitende, sich plusternde, aber bloss unscheinbar aussehende Vogel ein einmaliges Expansions- und Assimilationsphänomen; denn er hat heimlich sozusagen die ganze Erde zu seiner ökologischen Nische erklärt.
Vor Jahrmillionen von Afrika nordwärts via Niltal nach Europa vorgedrungen, hat der Sperling während der Eiszeiten sein Refugium im Mittelmeerraum gefunden, bevor er sich über ganz Eurasien verbreitete. Die Fahrkarte nach andern Kontinenten bekam er von Menschen. Europäische Auswanderer schleppten Spatzen in aller Herren Länder mit, teils als lebende Erinnerung an die Heimat, teils als vermeintlich tüchtige Helfer für die Schädlingsbekämpfung in der Landwirtschaft.
Eigens dafür gegründete private Gesellschaften bemühten sich um das Aussetzen der kleinen Kobolde in fremden Landen. Ein erster Versuch in New York mit acht Pärchen im Jahre 1850 misslang. Dafür war das Freilassen von fünfzig Spatzen ein Jahr später um so erfolgreicher. Weitere Aussetzungen in Nordamerika folgten, 1865 erstmals auch in Kanada. Nach einem knappen Menschenleben wimmelte Amerika von Spatzen.
1872 erfolgte die erste Ansiedlung in Buenos Aires, dann in Brasilien, Chile und Uruguay. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schlug die Stunde des Spatzes auch in Australien und Neuseeland. Etwas weniger rasant war seine Ausbreitung in Südafrika, da hier die Konkurrenz verwandter Vogelarten stark war.
Sperlinge waren immer Kulturfolger des Getreidebaus. So breiteten sie sich über die Kontinente nachgewiesenermassen stets entlang der Getreidetransportwege aus. Von gemütlich tuckernden Schleppkähnen oder langsam fahrenden, offenen Güterwagen liessen sich die kleinen Vögel über weite Distanzen dahintragen.
Doch es wäre ungerecht, den Spatz bloss als Getreide- oder Obstdieb hinzustellen. Denn er vertilgt auch Kerbtiere, und im Futter für die Jungvögel dominiert Insektennahrung, die er sogar geschickt im Flug zu fangen weiss. So etwa, wenn er in geradlinigem Sturzflug, einem Stukabomber gleich, auf einen schwerfällig dahinsurrenden Maikäfer saust.
Geradezu phänomenal ist, wie Spatzen beispielsweise gelernt haben, in einer Bahnhofhalle zu überleben oder auf Parkplätzen die toten Insekten von den Kühlgittern der Autos zu picken, statt sie mühselig selber zu fangen.
Doch trotz seinen Überlebenskünsten unterliegt auch der Sperling den Gesetzen der Natur: Nur fünfzig Prozent der Jungspatzen überleben bis zum Ausfliegen, und von diesen sterben nochmals die Hälfte bereits in den ersten Lebenswochen; ein volles Jahr erreichen bloss zwanzig Prozent.
Aber auch auf sie wartet nicht die grosse Freiheit; denn ein Spatzenleben dauert im Schnitt kaum länger. Neben Krankheiten und Parasiten lauern mancherlei andere Gefahren: der Verkehr (Spatzen sind die Vogelart mit den meisten Verkehrstoten!), Giftweizen, aber auch Katzen, Sperber und Eulen.
Und notabene: Spatz ist nicht einfach Spatz! Während der Feldspatz (erkennbar am dunklen Wangentupf bei beiden Geschlechtern) mehr an der Peripherie von Ortschaften, in Gärten, Feldern und am Waldrand lebt, folgt der Hausspatz (Männchen mit aschgrauem Käppchen) dem Menschen in die Siedlungen und bis mitten in die Grossstädte hinein. Im Tessin kann man zudem noch dem Italienspatz (Männchen mit kastanienbrauner Kopfoberseite) begegnen.
Kurz: Der Spatz wurde zum Begleiter des Menschen. So wie dieser ihn überallhin mitnahm, so scheint auch er die Gesellschaft desselben zu suchen. Die Affinität beruht auf Gegenseitigkeit; eine Art Hassliebe, die sich auch im Sprachschatz widerspiegelt: Von Spätzchen wie Schätzchen bis Sauspatz und Dreckspatz.