NZZ Folio 03/03 - Thema: Manchester United   Inhaltsverzeichnis

Gott segne sie alle

© Brian David Stevens, London
«Wenn jemand beten will, so nehme ich ihn einfach in eine Loge mit. Eine ist immer frei.»: Reverend John Boyers. Linktext
Reverend John Boyers versucht den Junioren beizubringen, was die Stars schon wissen: dass es zum Glücklichsein noch anderes braucht als Geld und Ruhm. Daneben ist er auch Seelsorger der Hunderte von Mitarbeitern des Unternehmens ManU.

Von Hanspeter Künzler

Beschwingt kommt er daher, der Reverend John Boyers, Club-Kaplan von Manchester United. Seine schwarze Lederjacke wäre auch James Dean gestanden, die Krawatte schlägt einen lässigen Bogen ins Reich der hohen Finanzen. Er grinst wie ein Maikäfer, und gleich zur Begrüssung knackt er das Aktenköfferchen und händigt ein Exemplar seiner vor zwei Jahren erschienenen Memoiren aus: «Beyond the Final Whistle – a Life in Football and Faith». Es ist bereits signiert: «To Hans Peter, with good wishes, God bless you!»

Der Reverend ist erst gestern Abend wieder eingejettet. Einige Tage lang hatte er sich ums Seelenleben der Rallyfahrer von Monte Carlo gekümmert. Mit fliegenden Rockzipfeln geht’s jetzt weiter, tief ins Innere von Old Trafford, an fröhlichen Grossmüttern vorbei, die Getränke fürs nächste Spiel stapeln (allen hält der Reverend sein Maikäfergrinsen bereit), Putzmännern, die irgendwo doch noch ein Stäubchen entdeckt haben («Morning!», ruft der Reverend). Endlich geht’s gen Himmel. Weit oben unter dem Dach liegen die Logen, in denen die Gäste von Sponsoren samstags Kaviar verschlingen, statt Roy Keane zu bewundern. «Wenn jemand beten will», sagt der Reverend, «so nehme ich ihn einfach in eine Loge mit.» Eine sei immer frei für den Seelsorger. Die Aussicht auf den Rasen ist perfekt. Auch die Aussicht auf ein von den Fans permanent in den Rängen befestigtes Banner: «MU – the Religion».

Boyers war Geographie- und Cricketlehrer im nordenglischen Fischzentrum Grimsby, als ihn der Ruf Gottes ereilte. Das war 1976. Alsbald zog er in die Londoner Satellitenstadt Watford, um sich zum Pfarrer ausbilden zu lassen. Bis dahin hatten sich für ihn die Wege von Fussball und Gott nur gekreuzt, wenn er hie und da frivolerweise für einen Sieg des FC Grimsby Town betete. In Watford änderte sich das. Hier waren der zukünftige Nationaltrainer Graham Taylor und der spendable Fussballspinner Elton John gerade dabei, den Viertligaclub Watford FC auf den Kopf zu stellen. Sie wollten einen «Familienclub» kreieren, wo niemand fliegende Darts und fliegende Fäuste fürchten musste.

Als Boyers sich auf Anregung eines befreundeten Geistlichen bei Taylor meldete, liess der ihn gleich zum Fitnesstraining antreten. Als Clubpfarrer sollte er kein Fremdkörper bleiben, sondern richtig schwitzen und überhaupt mit allen Aspekten des Clublebens vertraut sein. Das Rezept funktionierte. Boyers’ Fitness erreichte ungeahnte Höhen. Die Spieler liessen das Witzeln bald bleiben und behandelten ihn als Vertrauensperson, mit der man «alles» diskutieren konnte. Und der FC Watford kickte bald in der obersten Profiliga. Das sprach sich herum, immer mehr Clubs suchten sich einen Kaplan. So gründete Boyers 1991 die interkonfessionelle Organisation Score, die geeignete Pastoren an geeignete Clubs vermittelt. Unterdessen haben drei Viertel aller englischen Proficlubs einen Club-Kaplan. Die Aktivitäten von Score sind längst nicht mehr auf Fussball beschränkt, sondern umfassen auch Rugby, Boxen, Leichtathletik und den Pferdesport.

Seit 1992 ist Reverend John Boyers bei Manchester United. Ablösesumme war keine nötig: «Die Verlockung war gross genug.» Zwei Tage in der Woche steht er dem Club zur Verfügung. Rund 400 Leute arbeiten für den Club, dazu Hunderte von Helfern. «Zu viele!», stöhnt der Reverend. Für alle Schäfchen reicht die Zeit nicht aus. «Mein Draht zu den Stars ist nicht so gut, wie er sein sollte.» Aber die Junioren be dürfen seiner Dienste ohnehin eher, dünkt es ihn: «Rund um die Versprechen von Pomp, schnellen Autos, flotten Girls – wenn der Durchbruch einmal geschafft ist. Aber viele schaffen ihn nie. Nach drei Jahren Juniorenteam sind sie entlassen. Was dann?» Der Pfarrer versucht ihnen zu zeigen, dass es im Leben noch anderes als Fussball gibt. Deswegen schneidet er in der Juniorenschule von ManU regelmässig Themen an wie Freundschaft, Umgang mit Erfolg und Misserfolg, Verantwortung und Sexualethik. Dabei hat er die Entdeckung gemacht, dass sich die jungen Spieler vor Geschlechtskrankheiten weniger fürchten als vor dem Gesetz, wonach sie 20 Prozent ihres Einkommens den Müttern abliefern müssen, wenn sie Väter werden.

Sein grösster Auftritt war die Predigt beim Gedenkgottesdienst für das Flugzeugunglück von München 1958. Meistens besteht seine Funktion aber darin, Vertrauensperson zu sein. Oft informiert ihn das Personalbüro über einen Todesfall oder eine Erkrankung. An ihm liegt es dann, herauszufinden, ob jemand das Bedürfnis zum Reden oder Beten hat. «Die Probleme reichen von der Angst eines Spielers, nie mehr spielen zu können, über die Furcht vor einem Transfer bis hin zu den Sorgen einer Putzfrau, deren Mutter krank ist.»

Und mit welchen Wehwehchen bemühen ihn die Stars? «Darüber kann ich selbstverständlich nicht reden», sagt Boyers mit Maikäfergrinsen. «Aber ich habe das Gefühl, dass sie spirituellen Fragen gegenüber offener sind. Sie haben alles, was sie sich einmal erträumt haben. Jetzt wissen sie auch, dass Geld, Ruhm und Status nicht das bringen, was sie wirklich brauchen, nämlich Glück, Zuversicht und inneren Frieden.»


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